25.11.1991

„Das Beste daraus machen“

Mit dem Brustton satter Selbstzufriedenheit präsentiert der Stuttgarter Innenminister Dietmar Schlee der Presse seine Erfolgsmeldung: Baden-Württemberg wird die erste Sammelunterkunft für Asylbewerber eröffnen. Beifallheischend blickt der schwere Mann im Schloß von Saarbrücken in die Fernsehkameras, als neben ihm, von schräg unten, plötzlich eine leise, scharfe Stimme dazwischenfährt.
Mit einem einzigen Wort zerfetzt sie die ölige Suada des Schwaben. "Wo?" - "Im Wahlkreis des Bundesinnenministers", antwortet Schlee nach einer Schrecksekunde fast devot.
Wolfgang Schäuble nickt und grinst dann breit. Brav, heißt dieses triumphierende Lächeln; er braucht das Wort nicht erst auszusprechen. Jeder konnte sehen, wie der Chef aus Bonn das Stöckchen hochgehalten hat und wie der Parteifreund aus dem heimischen Ländle drübergehupft ist. Jetzt kuscht der, bewundernd den kleinen herrischen Mann anstarrend, neben ihm in der Reihe.
Es dauert Minuten, bis das Erfolgsstrahlen im kantigen Gesicht Wolfgang Schäubles erloschen ist. Für ihn, der schon wenige Wochen nach den lähmenden Schüssen eines geistesverwirrten Attentäters am 12. Oktober vergangenen Jahres beschlossen hat, seine politische Karriere fortzusetzen, und der in dieser Woche im Rollstuhl aus dem Amt des Bundesinnenministers an die Spitze der Unionsfraktion im Deutschen Bundestag fährt, sind solche Gesten überlebenswichtig.
Es geht ihm ja nicht nur darum, sich bei der Verwirklichung der unpolulären Asylbeschlüsse von niemandem übertreffen zu lassen. Schäuble will zeigen, daß er - obwohl unterhalb der Schultern, vom dritten Brustwirbel abwärts, gelähmt - noch ganz der alte ist: kämpferisch, quick, erfolgsorientiert, hart.
Rollstuhlfahrer? Querschnittsgelähmt? "So ist es eben", befindet der Pragmatiker Schäuble. Das ist nun seine "Normalität". Zu der gehört, daß er so kühl über sich und seine Situation zu reden versteht, als analysiere er einen politischen Sachverhalt. Gewiß, anstrengender ist sein neues Leben, schmerzhaft bisweilen, unbequem. Phasen der Resignation und Bitterkeit bestreitet er nicht.
Aber auch darüber referiert er eher, als daß er sich ausdrückt. Nur kein Mitleid, bloß keine Schonung. Kann er nicht wieder bis zu 17 Stunden am Tag arbeiten? Daß seine schnelle Intelligenz und sein Ehrgeiz ungebrochen sind, sein Wille eher gewachsen ist - wem hätte das verborgen bleiben können in den vergangenen Monaten.
Normalität also. Am Abend zuvor hat Schäuble bei einem Empfang bis weit nach Mitternacht mit Oskar Lafontaine, dem anderen Attentatsopfer des vergangenen Jahres, über diesen Begriff philosophiert. Daß der sinnenfrohe Saarländer nach dem Messerstich, an dem er fast verblutet wäre, darüber zu grübeln begann, ob er sein ganzes Leben ändern solle, kann sich Wolfgang Schäuble nur damit erklären, daß Lafontaine die Todesnähe ganz bewußt erlebt und erfahren habe. Er hingegen hat einen brennenden Schmerz im Nacken gespürt und ist fünf Tage später im Krankenbett wieder aufgewacht. Gelähmt.
Keine Todesangst? Keine. Der 49jährige CDU-Mann hat sich nie wirklich vor der Alternative gesehen, ein Leben ohne Politik zu führen. Sein Leben ist Politik. Schäubles Zweifel kreisen um die Frage, wie sich die alten Ziele unter den neuen Umständen verwirklichen lassen.
Dafür scheinen die Chancen im allerersten Augenblick minimal. Er weiß ja nicht einmal, ob er je aufrecht im Rollstuhl wird sitzen können. Dennoch: Einen Anflug von Verzweiflung, ob es sich unter diesen Umständen überhaupt weiterzumachen lohne, verwirft er, wie er oft erzählt, dank der energischen Einrede seiner Tochter Christine, 20: "Maul hier nicht rum. Weißt du, wie viele Millionen Menschen für dich beten?"
Da spricht die Stimme des Vaters aus der Tochter, die auch in die Politik will. Immer schon hatte Schäuble die simple und lebenspraktische Einsicht gepredigt, daß man "mehr leisten und verkraften" könne, "wenn man das, was so ist, als unvermeidlich akzeptiert und im übrigen versucht, das Beste daraus zu machen". Jetzt hält er sich daran, mit zäher, selbstschinderischer Energie.
Das Beste daraus machen - das heißt für den körperlich zerschlagenen Wolfgang Schäuble: nur nicht zurückstecken. Ist er nicht der von Helmut Kohl gekürte "Kronprinz" der Union, dessen Weg über die Fraktionsspitze ins Kanzleramt als programmiert gilt? So soll es bleiben. Daran glaubt er - "ohne Wenn und Aber", wie er zu sagen pflegt.
Heute weiß Wolfgang Schäuble - und mit dem instinktiven Klammern an sein altes Lebenskonzept hat er es sich und seiner Umwelt eingestanden -, daß er mit der Politik einen unverbrüchlichen Lebenspakt abgeschlossen hat wie Faust mit dem Teufel.
"Politik ist eine Sucht", bekennt er. Und die Droge heißt Macht.
In der Lebenskrise nach dem Attentat wirkt sie als rettende Medizin, die Ärzte nutzen Schäubles Ehrgeiz als Therapie. Schon 18 Tage nach den Schüssen, die ihn ins Mark trafen, beginnt er, sein Buch über die Verhandlungen zur deutschen Einheit vorzubereiten.
Denn die Erinnerung an die Vertragsverhandlungen, die seinen Ruhm für das Geschichtsbuch sichern, unabhängig vom gefeierten Staatskünstler Kohl, belebt den Schwerkranken. Röchelnd, die nässende Kieferwunde abtupfend und noch unfähig, sich auch nur aufzurichten, spricht er auf Band. Selbst seine Frau Ingeborg, die zunächst protestiert und Überforderung befürchtet hatte, muß erkennen, daß ihm die Arbeit hilft. Die Stunden danach seien immer die schönsten gewesen - nie habe sie ihren Mann wacher und aufgeschlossener erlebt.
Auch an seiner körperlichen Genesung arbeitet er bis zur Erschöpfung, um bald in Bonn wieder mitmischen zu können. Zwischendurch wühlt er sich durch Akten, telefoniert mit seinem Ministerium, bereitet die Koalitionsverhandlungen vor. Nach fünf Wochen, nun schon im Rollstuhl, bekennt er: "Wenn ich bisher schnell vorangekommen bin, hat es sicher auch damit zu tun, daß ich eben so rasch wie möglich meine Tätigkeit wieder aufnehmen will."
Ein bis zwei Jahre Rehabilitation brauchen Querschnittsgelähmte, die weniger privilegiert sind und nicht so getrieben wie Schäuble, bevor sie in den Alltag zurückkehren können. Er sitzt sechs Wochen nach dem Schicksalsschlag wieder in Bonn am Kabinettstisch. Eine Schublade ist herausgesägt worden, damit sein Rollstuhl darunter paßt.
Der knapp 1,70 Meter große Mann ist bleich und schmal geworden; er wiegt nur noch 65 Kilo. Klein kommt er sich vor im violetten Rollgestell mit dem aufmunternden Markennamen "Easy", sehr klein. Die Züge seines Jungengesichts haben sich verhärtet. Oft wirkt er müde. Doch unbeirrt hält er an seiner früheren Zielsetzung fest - erste Etappe: als Innenminister funktionieren; zweite Etappe: Fraktionsvorsitzender.
Wenn der Minister jetzt, am Vorabend seiner Wahl, zu überlegen vorgibt, ob das wohl eine sinnvolle und notwendige Aufgabe sei für einen in seiner Situation, stellt er sich mit lauer Überzeugungskraft als eine Art Opfer halbautomatischer _(* In der Reha-Klinik Langensteinbach. ) Abläufe dar. Er sei halt in einen gewissen "Zugzwang" geraten, weil die Fraktion seinen Vorgänger Alfred Dregger im vergangenen Dezember nur auf ein Jahr wiedergewählt habe. Nun könne er nicht nein sagen. Dann würden alle glauben, er sei dem Amt nicht gewachsen.
Wolfgang Schäuble murmelt diese Sätze halblaut vor sich hin, als spiele er eine Platte ab. Wenn solcher Argwohn sich erst einmal einniste in den Köpfen, sagt er, würden gewiß auch bald Zweifel auftauchen, ob er denn wirklich noch ein so guter Innenminister sei wie früher. Dann, das sagt er freilich nicht, lieber läßt er eine vieldeutige Pause reden, ist es vorbei mit dem Lebensplan - als Chef ins Kanzleramt, wohin er nach wie vor will, käme er nie.
Diesen "Zugzwang" gibt es wohl vor allem im Kopf Wolfgang Schäubles. Seine Logik hat Züge von Besessenheit. Der Kanzler jedenfalls hat ihm zu verstehen gegeben, daß er Regierungschef auch ohne den Umweg über die Fraktion werden könne.
Wolfgang Schäuble aber will sich beweisen, wie stets in seinem Leben. Am 18. Oktober führt er seiner Fraktion vor, daß der schneidende Polemiker von einst, der verläßliche Law-and-Order-Anwalt der schweigenden Mehrheit im Lande, im Rollstuhl seinen Biß nicht verloren hat.
Tatsächlich sind die Unionschristen im Bundestag hellauf entzückt, wie ihr künftiger Chef die Debatte über ausländerfeindliche Hetze und rechtsextreme Gewalttaten umfunktioniert zu einem populistischen Appell für eine Verfassungsänderung, die den Zuzug von Asylbewerbern einschränken soll.
Verantwortungslos? Schäuble hat nicht das geringste Verständnis für solche Vorwürfe. Zuspitzungen und Härte in der Auseinandersetzung gehören zum politischen Geschäft. Und hat er die rechten Extremisten nicht laut und deutlich verurteilt? Er hat doch gesagt: "All dies ist eine Schande für unser Land." Er ist stolz darauf, daß er damit nur wiederholt, was er schon lange vor dem Bundespräsidenten und dem Kanzler öffentlich so formulierte.
Allerdings - mehr als 4 Absätze seiner Rede verschwendet er im Plenum nicht auf diesen Aspekt. Die anderen 30 umspielen die Frage: _____" Wieso eigentlich wollen wir von unseren Mitbürgern " _____" verlangen, daß sie ertragen und verstehen sollen, daß " _____" Hunderttausende von Asylbewerbern mit erheblichen " _____" finanziellen Belastungen für die Steuerzahler für Jahre " _____" untergebracht und versorgt werden sollen, obwohl von " _____" vornherein klar ist, daß die allermeisten nicht als " _____" politisch verfolgt anerkannt werden können und daß sie " _____" nach jahrelangen Verfahren am Ende unser Land dennoch " _____" nicht verlassen? "
Ein langer Satz, ein sorgsam ausgetüfteltes böses Kunstwerk demagogischer Aufheizung. Zweimal wird er - laut Bundestagsprotokoll - von "Unruhe bei der SPD", Zwischenrufen und "Beifall bei der CDU/CSU" unterbrochen. Im Grunde ergänzt er die Aussage von der "Schande" um den Zusatz: Aber verstehen kann man die Leute schon.
Mit milder Stimme und suggestiver Polemik bringt Schäuble die Opposition gegen sich in Rage. Nie, sagt hinterher ein Beobachter dieses Auftritts, habe er jemanden leiser lärmen hören.
Kann Wolfgang Schäuble mit seiner Show zufrieden sein? Ja und nein. Einerseits beweist der Beifall seiner Parteifreunde dem Mann im Rollstuhl, daß es ihm geglückt ist, den "Fetzer" Schäuble, der am Polemisieren seine Freude hat, wieder vorzuführen.
Immer schon hat der äußerlich kühle Mann, der seine latente Aggressivität früher in Waldläufen und auf Sportplätzen abzureagieren pflegte, Politik als eine Art Kampfsport betrieben. Daß es ihm jetzt gelungen ist, die Opposition aus ihrer den Behinderten schonenden Reserve herauszulocken, betrachtet er als ein Stück wiedergewonnener Normalität: Er ist noch ein Gegner.
Andererseits dürfte ihn der Tumult, den er mit seiner Rede auslöst, auch ein wenig geniert haben. Gerade der in sportlichen Kategorien denkende Schäuble weiß natürlich, daß man auf einen Mann im Rollstuhl nicht einprügelt. Er hat schon früh Verständnis für die Hemmungen seiner Gegner geäußert. "Persönliche Auseinandersetzungen" könne er sich nun nicht mehr leisten, sagt er bedauernd. Eigentlich will er es *GESCHICHTE-3 *
sich verkneifen, so "losgelöst wie früher zu polemisieren".
Denn wahr ist ja auch, daß er sich geändert hat - erheblich und tiefgreifend, wie Freunde glauben; notgedrungen, wie er abwiegelt. Alle, die ihn von früher kennen, entdecken heute nicht nur den alten Schäuble wieder, sondern erleben auch einen neuen - einen, der geduldiger, leiser, nachdenklicher und menschlich zugänglicher geworden ist. Er selbst will das zunächst einmal nur als eine Art technischer Verhaltenskorrektur verstanden wissen, aufgenötigt von den veränderten Umständen.
Er redet leiser? Ja, wie soll er denn brüllen, wenn er nicht mehr aus dem Bauch atmen kann. Das Reden im Sitzen strengt ihn an. "Aber es gibt ja Mikrofone", tröstet er sich.
Seine Gesten sind sparsamer geworden, seine Bewegungen gemessen? Ja, wie kann er denn mit den Armen herumfuhrwerken, wenn er sich auf die Armlehnen seines Rollstuhls stützen muß, um nicht die Balance zu verlieren oder im Sitz abzurutschen. Es ist ja schon schrecklich genug, daß ihm seine Leibwächter hin und wieder die Hose hochziehen müssen. Sollen die ihn etwa vor aller Augen aus der Versenkung ziehen?
Er ist ernster als früher? Wie denn auch nicht nach "dem Mist" der letzten Monate. Freilich könnte es auch sein, daß ihn die Gesichtsveränderungen nach den Operationen am Kopf strenger und kantiger erscheinen lassen, als er sein möchte. Er hat ja immer gern "das Strahlemännchen" gemimt, beschreibt sich als einen, der "eher zum Lachen aufgelegt ist als zum Weinen".
Mit seiner Neigung zum Spott, die ihm geblieben ist, versucht er - oft mit gegenteiligem Effekt - die "Kondolenzgesichter" jener aufzuhellen, die sich ihm zum ersten Mal nähern. Das hundertfach wahrgenommene Erschrecken signalisiert ihm stets aufs neue, daß es mit seiner gewünschten "Normalität" nicht weit her ist. Tapfer scherzt er dagegen an: "Setzen Sie sich doch, ich sitze ja auch."
Nachdenklicher ist er heute, ansprechbarer? Auch die Nachdenklichkeit, gibt Wolfgang Schäuble zu verstehen, ist unter anderem die Folge auferlegter Pausen. Was soll er denn machen außer Denken, wenn eine Krankengymnastin mehrmals täglich seine Muskeln bewegt? Er selbst sei viel zu faul dazu, klagt er nicht ohne Koketterie. Andere Rollstuhlfahrer seien weiter als er.
Und natürlich dauert heute alles länger, geht langsamer, was er früher zack, zack! erledigt hat. Immer braucht er dazu die Hilfe anderer - erzwungenes Warten ist für den früher so agilen Polit-Manager inzwischen Teil der Alltagsroutine geworden. Verloren sitzt er dann herum, verletzlich und unendlich einsam. Er nutzt solche Zeiten als Geduldstraining.
Natürlich ist dem Juristen, der sich selbst und seine Situation beobachtet wie ein Wissenschaftler ein Experiment, nicht entgangen, daß sich diese Veränderungen verdichten zu einem neuen Image seiner Person. Um den Mann, der so große Anstrengungen unternimmt, alles Gefühlige wegzudrängen, ist eine emotionale Aura entstanden, die eine bewegende Wirkung auf jeden hat, der ihm begegnet.
Seine Zuhörer unterfüttern die Sätze Schäubles mit der eigenen persönlichen Betroffenheit über sein Schicksal. Das bindet. Kein Wunder, daß es immer knistert, wenn Schäuble redet - aggressiv wie im Bundestag oder aufrüttelnd wie unlängst auf einem Kreisparteitag der CDU in Gladbeck.
Dort wirkt Schäubles Rede "wie eine nachdenkliche Fastenpredigt". Erwin Marschewski, CDU-Bundestagsabgeordneter aus Recklinghausen, muß lange überlegen, bevor er für die Art und Weise, wie Schäuble vorträgt - "er hat aufgeklärt, ins Gewissen geredet und tief überzeugt" -, die richtigen Worte findet.
Wie bei Schäubles Berlin-Rede im Bundestag, die allen Zuhörern als emotional und pathetisch in Erinnerung geblieben ist, würde auch die schriftliche Wiedergabe seiner Rede von Gladbeck nur höchst unzureichend Auskunft geben über die emotionale Wucht seines Auftritts. Im Grunde, wundert sich Marschewski, "waren es ja ganz normale Sätze. Aber wie die wirkten . . ."
Wolfgang Schäuble spricht in Gladbeck ohne Manuskript. Er plaudert. Seine zögernde, leise Stimme, die Pausen, die er sich leistet, den Kopf sinnend auf eine Hand gestützt oder beide Hände wie zur Meditation vor das Gesicht gehoben, die Neigung, sich korrigierend, oft selbstironisch ins Wort zu fallen: Diese Rhetorik verdichtet sich zu einem höchst persönlichen, fast intimen Stil von eindringlicher Wirkung.
Nichts, was er den Parteifreunden mitzuteilen hat, ist sonderlich originell. Welcher CDU-Politiker sagte nicht, daß es "schneller und besser vorangeht, als die meisten geglaubt hätten". Wen risse es schon vom Stuhl, wenn Helmut Kohl forderte: "Man muß manche Dinge anpacken, auch wenn man den Ausgang nicht kennt." Wer hielte es nicht für eine billige Floskel, wenn Norbert Blüm sagte: "Ich bin kein Träumer und habe die meisten Illusionen inzwischen auch noch verloren."
Wenn aber Wolfgang Schäuble solche Sätze sagt, wird es totenstill in der Stadthalle. Manches Auge näßt, wenn der schmächtige Mann - von den letzten Zuschauerreihen auf der riesigen Bühne kaum noch zu erkennen und nur mit Anstrengung zu verstehen - ins Mikrofon haucht: "Wir sind erwachsen geworden. Wir haben ganz große und neue Möglichkeiten, aber auch eine ganz neue Vergangenheit."
Wir? Das ist, so kommt die Botschaft an, zunächst einmal und vor allem dieser kleine Mann im Rollstuhl, dessen Auffahrt zum Podium sie mit betretener Ehrfurcht beobachten und dem sie später aus ergriffener Distanz zujubeln. "Wir" - das ist aber auch die CDU und damit jeder im Saal.
Schließlich sind "wir" die Deutschen: unzufriedene, ängstliche, ärgerliche Bürger eines Landes, das noch immer gespalten ist, malade, entzündungsanfällig und keineswegs besonders gehtüchtig. Alle drei Ebenen bindet Schäuble zusammen zu einer Botschaft, die jeder getrost nach Hause tragen darf: "Wir haben riesige Probleme und Aufgaben. Aber wir haben keinen Grund zum Pessimismus, wenn man sieht, was wir schon alles geschafft haben."
Es gibt Parteistrategen in Bonn, innerhalb und außerhalb der Union, die nennen diese Wirkung den Mitleidseffekt. Sie sind überzeugt, daß er sich abnutzt. Das könnte wohl sein, wäre dieser Effekt allein das Ergebnis kühler Inszenierung. Seit Uwe Barschel, der die Benutzung eines Krückstocks im Wahlkampf unmittelbar nach seinem Flugzeugunglück allein nach den Kategorien des "Unterhaltungswertes" bestimmte, sind uns derartige Zynismen ja auch in der Bundesrepublik vertraut.
Keine Frage, daß auch der "alte" Schäuble die politischen Chancen erkennt, die im Sympathie-Bonus für den "neuen" liegen. Natürlich instrumentalisiert er seine Behinderung, übt den Redestil, kostet seine Wirkung aus.
Gleichwohl ist nicht verstimmt, wer die Absicht merkt. "Die meisten Menschen wollen nicht mehr unanständig sein, als unvermeidlich ist", sagt der Minister in Gladbeck, "aber manches ist ja unvermeidlich, seien wir doch ehrlich."
Ein solcher Satz, so zynisch er klingt, hört sich bei Schäuble eher traurig an. Bei allem kalkulierten Geschick, eine Not in eine Tugend umzustilisieren, bleibt der Eindruck beherrschend, daß diesem Manne Neues noch immer mehr widerfährt, als daß er es gestaltete.
In den Tagen vor seiner Wahl zum Fraktionsvorsitzenden wirkt er denn auch mehr irritiert als glücklich über sein neues Image. Hat Wolfgang Schäuble Angst, daß zu einer anderen menschlichen Qualität wird, was eigentlich nur als technische Anpassung an sein Rollstuhlleben gedacht war? Fürchtet er sich davor, zum Softie gestempelt zu werden? Schlagen die neuen Erfahrungen gar auf seine politischen Vorstellungen durch?
"Nein, den Zusammenhang will ich eigentlich so nicht sehen", hat er unlängst auf die Frage geantwortet, ob ihn sein eigenes Schicksal empfindsamer dafür mache, wie viele Lebenskarrieren und Lebensläufe in den neuen Ländern mit der Vereinigung zerstört worden seien.
Er will nicht. Eigentlich. Die Ambivalenz, die in diesen Worten mitschwingt, die Unentschiedenheit im Widerstreit zwischen den rational gesteuerten Willensakten des alten und dem emotionalen Druck des neuen Schäuble drängt sich im Gespräch mit ihm geradezu als Hauptmerkmal seiner gegenwärtigen Verfassung auf.
Den Ton gibt nach wie vor der alte Tat- und Machtmensch an, der sich von seinesgleichen in Bonn allein dadurch unterschied, daß er den "Sachzwängen" schneller, effektiver und fleißiger gehorchte. Das brachte ihn an die Spitze, bis das Schicksal zuschlug.
Bis heute hat Wolfgang Schäuble die gefühlsmäßige Verarbeitung dieser Lebenskatastrophe abgewehrt, mußte es wohl, um zu überleben. Ein Unglück ist ihm zugestoßen, ein Unfall, wie er jedem täglich im Verkehr widerfahren kann, basta. Zähne zusammenbeißen, nicht jammern. Weitermachen unter extrem erschwerten Bedingungen. Er hat keine seiner alten Positionen geräumt. Weder hat er seine Erfolgskriterien überprüft noch seine juristischen Denkmodelle erweitert. Schon gar nicht hat er an dem bieder-nüchternen Weltbild des protestantischen Kleinstädters aus Baden gerüttelt, der - ordentlich, fleißig, hierarchisch und konservativ - die Welt, wie sie ist, für heil hält. Zur Not muß man sie ein bißchen reparieren und ausschmücken.
"Begreifst du aber, wieviel andächtig schwärmen leichter als gut handeln ist?" fragt er gern mit Lessings "Nathan". Sein Mißtrauen gegen den "Irrationalismus" der Grünen und den "ideologischen Anspruch" der Sozialdemokraten ist ungebrochen.
Aber es ist ein Unterton dazugekommen, der sich aus den Erfahrungen des Behinderten speist. Und dieser Ton ist gefühlsgeladen, entzieht sich oft auf beunruhigende Weise rationaler Kontrolle. Zögernd kommen ihm sogar Worte wie "zärtlich" und "Demut" über die Lippen.
Wolfgang Schäuble sperrt sich zwar dagegen, sich von Emotionen übermannen zu lassen, aber verdrängen könnte er sie nicht, selbst wenn er es wollte. Wie denn auch?
Er erlebt Glücksgefühle bei Anlässen, die er früher als Nichtigkeiten abgetan hätte - daß ihm etwa ein Pfleger die verklebten Haare wäscht. Er feiert als Siege, was er gut vier Jahrzehnte lang getan hat, ohne nachzudenken - sich allein ankleiden, aus dem Bett kommen, sich ohne Hilfe duschen.
Die kleinen Rücksichtslosigkeiten des Alltags erfährt der Rollstuhlfahrer manchmal als nackte Brutalität - so den Kollegen, der ihn im Vorübereilen fragt, wie es ihm denn gehe, und schon auf und davon ist, ehe er "bescheiden" murmeln kann; so den Wohlmeinenden, der ihm herzhaft von hinten "alles Gute" auf die Schulter haut, was weh tut und zornig macht: Er hat ihn nicht einmal gesehen.
Manchmal, wenn Wolfgang Schäuble im Hubschrauber über die Wälder seiner Heimat zur Familie nach Gengenbach fliegt, drohen ihn die Entbehrungen und Verluste zu übermannen. Das Wandern und Spazierengehen fehlt ihm mehr als Tennis oder Skifahren. Mit Vernunftappellen ist diesem Schmerz schwer beizukommen.
Noch aber beschränkt sich Wolfgang Schäuble darauf, seine beiden Erlebniswelten nebeneinander auf sich einwirken zu lassen. Er verknüpft sie nicht bewußt, integriert nicht Altes und Neues zu einem veränderten Ganzen.
So kommt es oft zu abrupt wechselnden Eindrücken, mit denen der Mann im Rollstuhl seine Umwelt irritiert. Der triumphierende Minister, der in Saarbrücken den Parteifreund Schlee in die Schranken weist, weicht Minuten später einem grübelnden, müden Mann, dessen Gesicht den Ausdruck eines verletzten, todtraurigen Kindes annimmt.
Sekunden darauf greift er schon wieder witzelnd ins Geschehen ein. Bei längeren Gesprächen oder interessanter Arbeit am Schreibtisch vergißt er sogar, daß er im Rollstuhl sitzt. Wenn er träumt, sieht er sich immer auf zwei Beinen.
Hält er durch? Auszurechnen ist an diesem Mann derzeit nur seine stählerne Entschlossenheit, sich auf der nächsten Karrierestufe zu halten. Ob er aber dem Amt des Fraktionschefs auf Dauer gewachsen ist und wie er es letztlich gestaltet - das sind offene Fragen, für ihn und alle anderen in Bonn. Derzeit sei seine Gesundheit stabil, gelegentliche Fieberschübe empfindet er nicht als Bedrohung. Das muß genügen.
Er kennt die Risiken: Werden es die Abgeordneten seiner Fraktion ertragen, daß sie sich ihm, wenn er im Rollstuhl sitzt, stets in gebückter Haltung zu nähern _(* Mit Bundespräsident von Weizsäcker ) _(nach der Vereidigung im Januar. ) gezwungen sind? Wird ihm, weil sich viele aus Befangenheit nicht zu ihm trauen, eine eisige Aura der Distanz nachgesagt werden? Wird er in Einsamkeit verhärten, sich verschließen vor der Welt jenseits seiner Zugzwänge? Oder wird er seine Autorität gefährden, weil er sich zu freundlich bemüht um jedermann?
Nicht das Verhältnis zur Opposition und nicht das zum Kanzler läßt sich verläßlich voraussagen, wenn er - wie angekündigt - versuchen wird, die Fraktion zum eigenen Gestaltungsinstrument der Regierungspolitik zu formen. Ein überaus heikler Balanceakt wartet auf den Mann, der sein Gleichgewicht im Rollstuhl derzeit beim Tischtennisspiel mit seiner Tochter zu stabilisieren sucht. Wolfgang Schäuble arbeitet weiter an sich, immer.
Denn soviel wenigstens ist sicher - die Chancen, die ihm winken, sollte er diese Etappe bewältigen, kennt er auch. Dazu bedarf es der Erleuchtung nicht, die ihm in Gladbeck in Form einer Grubenlampe überreicht wird. Grübelnd, wie aus weiter Ferne, starrt er in das zitternde Licht.
Kriegt er überhaupt mit, was der Kreisvorsitzende Lothar Hegemann da - nach hörbar hinuntergeschluckter Überwindung - in den Saal donnert? "Aus solchem Holz sind Kanzler geschnitzt."
O ja, Wolfgang Schäuble hört es wohl. Vielleicht hört er es immer, wenn er wie verloren dasitzt. o
* In der Reha-Klinik Langensteinbach. * Mit Bundespräsident von Weizsäcker nach der Vereidigung im Januar.
Von Jürgen Leinemann

DER SPIEGEL 48/1991
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