25.11.1991

Colonia DignidadAus einem Geisterhaus

Obwohl sich an den Praktiken der Deutschen-Siedlung „Colonia Dignidad“ in Chile nichts geändert hat, verhält sich Bonn auffallend passiv.
Er wisse die Angelegenheit bei der chilenischen Regierung in guten Händen, beruhigte Helmut Kohl lästige Frager. Zuversicht sei geboten: Die Berliner Mauer sei gefallen, dann müsse es auch gelingen, den Stacheldraht um die chilenische Deutschen-Siedlung "Colonia Dignidad" einzureißen: "Wer nichts zu verbergen hat, der macht alle Tore auf."
Starke Worte, ausgesprochen während des Kanzlerbesuchs in Santiago de Chile. Keine Taten - dabei hätte die Visite gute Gelegenheit geboten. Alles wie gehabt: Je lauter die Worte klingen, desto weniger tut sich hinter dem Sperrzaun der von Deutschen gegründeten und geleiteten Kommune im Süden Chiles. Die Sorge um die Beziehungen zu dem wirtschaftlich interessanten Andenstaat lähmte bislang alle Ansätze deutscher Diplomatie und Justiz, härter gegen diejenigen vorzugehen, die für viele Verbrechen an Deutschen und Chilenen verantwortlich sind.
Oberste Maxime: Keine Einmischung in innere Angelegenheiten eines anderen Staates, auch nicht um den Preis, schwerste Menschenrechtsverletzungen stoppen zu können. So hielt es Bonn mit dem Chile des Diktators Augusto Pinochet, so verfährt Kohl mit der seit Frühjahr 1990 amtierenden Regierung des Christdemokraten Patricio Aylwin.
Seit Jahren sind deutsche Diplomatie und Justiz über die unwürdigen Lebensverhältnisse von rund 300 Deutschen informiert, die in der von Paul Schäfer geleiteten Sektensiedlung leben, richtiger: vegetieren.
Die Colonia Dignidad (CD) wurde 1961 von ausgewanderten Mitgliedern der "Privaten Socialen Mission e.V." mit Sitz in Siegburg gegründet. Ziel: "bedürftigen Kindern durch berufliche Ausbildung zu einem würdigen Leben zu verhelfen". Tatsächlich gehört in der "Kolonie Würde" all das zum Alltag, was in der Regel zum Repertoire von Horrorfilmern gehört: religiöser Wahn, Psychoterror, Folterung chilenischer Oppositioneller, Unzucht mit Abhängigen, Freiheitsberaubung.
Kenntnis gibt ein Dokument, das lange Zeit vom Auswärtigen Amt (AA) geheimgehalten wurde. Die Frau des damaligen deutschen Botschafters in Chile, Ingeborg Kullak-Ublick, schrieb im November 1987 auf, was ihr bei einem Besuch in der Siedlung begegnet war: _____" Die in der CD lebenden Menschen sind unausgesetzt " _____" Verletzungen der Menschenrechte und Verstößen gegen unser " _____" Grundgesetz ausgesetzt. Die Menschen, die hinter " _____" Stacheldraht leben, dürfen die CD ,ohne Erlaubnis' nicht " _____" verlassen. Sie besitzen kein Geld und keine persönlichen " _____" Dinge. Es gibt kein Familienleben. Die Kinder leben " _____" getrennt von den Eltern. Es gibt keinen geistigen Inhalt, " _____" der die Menschen vereinen könnte. Das Postgeheimnis wird " _____" mißachtet. Eine Schule mit anerkanntem Schulabschluß gibt " _____" es nicht. Es gibt nur einen Willen eines Menschen, dem " _____" sich alles unterzuordnen hat. "
Wie weit unter Paul Schäfer die geistige Freiheitsberaubung gediehen ist, schreibt die Autorin: "Es geht so weit, daß wohl sogar die Mehrzahl der in der CD Herangewachsenen selbst glaubt, daß sie dort gut aufgehoben sind", unfähig, zu erkennen, daß sie "Werkzeuge eines Menschen sind, der sie jeglicher individuellen Freiheit beraubt".
Der Botschafter - dem seinerzeit viel an guten Beziehungen zum Pinochet-Regime gelegen war - ergänzte den Befund seiner Frau um "einen Bericht aus einem Geisterhaus". Er sei in der Kolonie einer "Gesellschaft von roboterhaften Funktionssklaven" begegnet. Kennzeichen: "Arbeit als Lebensinhalt, Geschlechtslosigkeit als System, 300 betrogene deutsche Staatsangehörige als Arbeitsinstrumente in einem Arbeitslager gehalten."
Der Botschafter riet seiner Bonner Behörde damals zu einer geheimen Sofortaktion: Getarnt als AA-Delegation ("die wahre Zusammensetzung darf niemand erfahren") sollten ein Diplomat, ein Arzt, am besten ein Psychiater, und ein Bevollmächtigter der Staatsanwaltschaft die Kolonie besuchen und einen Bericht für die chilenische Regierung, notfalls auch die Vereinten Nationen schreiben.
Mittlerweile sind 14 Jahre vergangen, seit die Gefangenenhilfsorganisation Amnesty International der CD zum erstenmal vorwarf, der berüchtigte chilenische Geheimdienst Dina habe auf dem Gelände der Kolonie ein Folterzentrum unterhalten. Seit 1985 ermittelt die Bonner Staatsanwaltschaft gegen die CD wegen schwerer strafrechtlicher Vorwürfe von entkommenen ehemaligen Angehörigen. 1988 offenbarten Geflohene in einer Anhörung vor dem Unterausschuß für Menschenrechte des Auswärtigen Ausschusses in Bonn erschütternde Details über die KZ-ähnlichen Zustände in der offiziell landwirtschaftlich genutzten Siedlung.
Politische Ergebnisse: keine.
Obwohl die Bonner Staatsanwaltschaft Botschafter Kullak-Ublick gehört hat, lehnte sie wiederholt ab, einen Haftbefehl gegen Schäfer auszustellen. Angeblich fehlt der dringende Tatverdacht. Ein Haftbefehl wäre nach Auffassung des AA Voraussetzung für eine Auslieferung Schäfers durch die chilenische Justiz.
Tolpatschigkeit verhinderte zuletzt eine von den Chilenen geplante schnelle Abschiebung. Im vorigen Herbst gerieten vertrauliche Akten des AA an die Bonner Staatsanwaltschaft und von dort in die Hand von CD-Anwälten. Die machten publik, die Regierung Aylwin wolle Schäfer nicht aufgrund von Beweisen, sondern auf Druck der Bonner Regierung abschieben. Aylwin mochte nicht als Handlanger seines Freundes Helmut dastehen und vergaß seinen Vorsatz.
"Wie lange sollen diese Menschen, die seit drei Jahrzehnten von deutschen Handlangern einer brutalen Diktatur gefoltert und gefangengehalten werden, auf ihre Befreiung warten?" fragt die Bad Godesberger Heilpraktikerin Inge von Heininger. Die Frau entkam vor Jahren dem Einfluß des jahrelang zur Führungsclique der CD zählenden, inzwischen aus Chile geflohenen Baptistenpredigers Hugo Baar.
"Die Bonner verkennen, daß dort alltäglich 300 Leute fertiggemacht werden", mahnt Walter Rövekamp, Generalsekretär der deutschen Sektion von Amnesty International.
"Vier Jahre in der Siedlung reichen, um reif fürs Irrenhaus zu sein", weiß der Hamburger Ernst Wolfgang Knese. Er ist 1966 aus der Kolonie geflohen, leitet seit vier Jahren eine "Not- und Interessengemeinschaft" und wurde vor Kohls Abreise nach Chile im Vorzimmer eines Kanzlerbeamten abgewimmelt, als er eine Petition vortragen wollte. Der Kanzler hatte sich vorgenommen, das peinliche Thema bei seinem ersten Besuch in Chile möglichst auszuklammern, es allenfalls leise anzusprechen.
An die Stelle massiver Intervention ist in Bonn das bequemere Prinzip Hoffnung getreten. Nach wie vor ist Pinochets Einfluß erheblich. Er befehligt nicht nur die Streitkräfte. Treue Gefolgsleute sitzen im Obersten Gericht. Konkret heißt das, darauf zu warten, "bis die alten Knacker in der chilenischen Justiz ihr Wendemanöver beendet haben", so der bittere Kommentar von Amnesty-Mann Rövekamp.
Beim obersten chilenischen Gerichtshof ist derzeit ein Verfahren gegen die CD anhängig. Die Regierung Aylwin hatte im Januar dieses Jahres der Colonia die Rechtspersönlichkeit aberkannt. Auf diese Weise hoffen die Chilenen die Drahtzieher um Schäfer unter anderem wegen Steuerhinterziehung in Höhe von 1,2 Millionen Mark belangen zu können.
Welch geringen Eindruck die Aktivitäten der Aylwin-Regierung bei Schäfer und seinen Helfern bislang hinterlassen haben, ist im Bonner AA aktenkundig. Lapidar heißt es in einem Vermerk vom Oktober: "Verhältnisse in der CD haben sich erkennbar nicht geändert. Zugang haben nur gesetzlich autorisierte Inspektoren der Verwaltungsbehörden."
Letztes Opfer der Selbstjustiz wurde Roland Kliesow, Gesandter an der deutschen Botschaft in Santiago. Er wollte am 14. August in die Kolonie, um einige Insassen zu betreuen, wurde aber nicht auf das Gelände vorgelassen. Viereinhalb Stunden mußte sich der Diplomat mit zwei Schäfer-Beauftragten in einem kleinen Nebengebäude des Schulhauses herumärgern. Die ihm präsentierten Konsularkunden waren, so Kliesows Telegramm Nr. 543 nach Bonn, "von zwei Ausnahmen abgesehen, zwischen 65 und scheintot. Bei ihnen war schon altersbedingt ein persönliches Gespräch unmöglich".
Als der Gesandte auf die schlimmen Lebensumstände der Deutschen zu sprechen kam, antwortete laut Botschaftstelegramm der von Amnesty als "Schläger" identifizierte Kurt Schnellenkamp: Alle hätten sich freiwillig diesem Regime unterworfen. Wenn jemand beschließe, Fakir zu werden und auf einem Nagelbrett zu schlafen, so sei dies seine Sache. o

DER SPIEGEL 48/1991
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