25.11.1991

„Wir kriegen das ins Kreuz“

Ungeahnt innig haben, wie jetzt aufgetauchte Dokumente zeigen, bayerische Christsoziale und DDR-Kommunisten harmoniert. Der Strauß-Spezi und CSU-Finanzier März war sogar am Firmenimperium des Stasi-Obersten Schalck-Golodkowski beteiligt - an einem Unternehmen, das auch der Spionage gegen Bonn diente.
Aufgeschlossen verbreitete vorige Woche die Rosenheimer Aktiengesellschaft der Gebrüder März per Fax ihre jüngsten Erfolgszahlen: Der Fleischwaren- und Bierkonzern steigerte seinen Umsatz auf rund zwei Milliarden Mark, erhöhte den Getränkeausstoß um 27 Prozent und zählt mittlerweile über 6500 Beschäftigte.
Völlig zugeknöpft geben sich die Brüder aus Oberbayern hingegen nach wie vor in einer anderen Angelegenheit: Sie schweigen, wenn sie auf die Grundlagen ihres Erfolgs in den siebziger und achtziger Jahren angesprochen werden.
Zwar häufen sich seit langem Hinweise darauf, daß die Firma den fabelhaften Aufstieg vom Familienbetrieb zum internationalen Nahrungsmittelkonzern nur ihren verschlungenen Geschäften mit der DDR verdankt - und vor allem den dubiosen Beziehungen, die der inzwischen verstorbene Clan-Chef Josef März zum DDR-Devisenbeschaffer und Stasi-Oberst Alexander Schalck-Golodkowski unterhielt, der wiederum dem SED-ZK-Mitglied Günter Mittag unterstand und zugleich Erich Mielkes Ministerium für Staatssicherheit (MfS) zuarbeitete (SPIEGEL 45/1991).
Doch darüber erteilt das Unternehmen "keinerlei Auskünfte", so März-Sprecher Günter Oberst: "Wir kriegen das doch auf Umwegen ins Kreuz."
Die Schweigsamkeit ist erklärlich: Firmengründer Josef März, einst als einer der Schatzmeister Graue Eminenz der CSU und intimer Spezi des Vorsitzenden Franz Josef Strauß, spielte nicht nur den Handelspartner der Roten in Ost-Berlin. Er war insgeheim sogar beteiligt an einem Stasi-Unternehmen aus Schalcks Devisen-Imperium "Kommerzielle Koordinierung" (KoKo), zu dessen Aufgaben die Ausspionierung der Bundesrepublik gehörte - an der Firma Camet, die früher an der Schönhauser Allee 26 a in Ost-Berlin residierte.
Die Camet, die offiziell als "Industrievertretung und Beratungen" firmierte, hing in Wahrheit an der Nabelschnur der Stasi-"Hauptverwaltung Aufklärung" (HVA) des Markus Wolf; bei KoKo zuständig _(* Mit dem Staatspräsidenten von Zaire, ) _(Mobutu, 1977 im März-Gästehaus Spöck. ) für die "Anleitung und Kontrolle" der Camet-Mitarbeiter war die von Schalcks Vertreter Manfred Seidel geführte, streng konspirative Hauptabteilung I.
Wie viele KoKo-Gliederungen, um die sich der MfS-Oberst Seidel zu kümmern hatte, führte Camet Gelder auch direkt an Wolfs HVA ab. Nach der Wende plauderten Stasi-Überläufer aus, wozu die Devisen unter anderem genutzt worden waren - um operative Aktionen gegen Westdeutschland zu finanzieren.
Camet-Chef Werner Weber nannte in einem Protokoll als eigentliches Motiv der Verbindung zu März: "Politische Zielstellung" einer Kooperation von März und Camet müsse die "Abschöpfung von Informationen über politische und handelspolitische Aktivitäten des Klassengegners in dem jeweiligen Territorialbereich" sein. Außerdem lieferte Camet dem MfS auch handfeste Ware: Über die Firma besorgte sich die Stasi illegal Hochtechnologie, Waffen und Sprengstoff aus dem Westen.
Doch nicht nur die Vergangenheit von Camet, die einst der Schalck-Konfident Simon Goldenberg geleitet hatte, bedeutet für die März-Company eine schwere Erblast. Der Verdacht liegt nahe, daß Anteilseigner März mit Geldern aus dieser Beteiligung auch seinen Freund Strauß und die CSU unterstützte.
Schalck selbst wies in seinen penibel geführten Aufzeichnungen den Weg: Das Unternehmen März, meldete er im Oktober 1988 MfS-Boß Mielke, bleibe eine "gedeckte Finanzquelle" der CSU.
Camet-Gelder gingen auch, ebenso wie die Erlöse der sogenannten Privatfirma F. C. Gerlach oder des KoKo-Unternehmens Asimex, das die Intershop-Läden bediente, in verschiedene Fonds, die in Schalcks Imperium verwaltet wurden. Mal alimentierte Schalck damit die DKP, mal bestückte er damit Erich Honeckers Generalsekretärskonto 628 bei der Deutschen Handelsbank in Ost-Berlin, das stets mit 100 Millionen flüssig gehalten werden mußte.
Über die Holding "Cavendia" im liechtensteinischen Vaduz liefen auch halbwegs normale Geschäfte - beispielsweise der Import von BMW-Limousinen in die DDR. "Diese Fahrzeuge", so erinnerte sich Schalcks Westfirmen-Spezialistin Waltraud ("Traudl") Lisowski bei einer Vernehmung durch die Berliner Staatsanwaltschaft, "sind inlandsseitig weiterveräußert worden, teilweise auch an Botschaftsangehörige."
Wie März sich mit der KoKo verbündete, hat der Schalck-Untergebene und Camet-Chef Weber im Juni 1982 in einer Aktennotiz für seinen Chef festgehalten: Danach hat Weber im April 1978 anläßlich einer "gemeinsamen Reise mit Josef März" in Spanien die Filiale "Camet S.A. Madrid" gegründet, deren Aktien "auf die März-Gruppe" und deren "Beauftragten in Spanien" lauteten.
Der angebliche Zweck der spanischen Gründung waren "Industrievertretungen und Beratungen für Chemie, Agrar und Metallurgie". In Wahrheit ging es um die Abwicklung von Provisionszahlungen auf KoKo-Konten - und womöglich auch von Rückflüssen an März, der seinerseits zu den Großspendern der CSU zählte. Um diese Tätigkeit ohne Aufsehen abwickeln zu können, wurde die Ost-Berliner Camet laut Weber in die Camet S.A. Madrid "integriert".
Weil März, wie Weber 1982 vermerkte, damals gerade Schwierigkeiten durch Finanzprüfer bekommen hatte, schlug Weber auf "Wunsch" von März eine Verfeinerung der Firmenschachtel vor. Nun sollte sich Camet-Berlin "aktienmäßig direkt" an Camet-Madrid beteiligen, freilich nur pro forma: Diese Aktienanteile würden, so der Schalck-Vertraute, von März übernommen, aber "auf meinen Namen eingetragen".
Offenkundig wurde "entspr. verfahren", wie Schalck handschriftlich auf der Vorlage notierte.
Die spanische Liaison war auch Gesprächsthema einer Tischrunde, bei der sich Jahre später, 1989, Alexander Schalck, Bayerns Ministerpräsident Max Streibl und der neue CSU-Chef Theo Waigel im Bogenhauser Hof zu München kennenlernten. Schalck berichtete darüber seinem Stasi-Minister Erich Mielke: Streibl und Waigel seien der Meinung gewesen, daß die Spanien-Interessen des Josef März von dessen Förderer Strauß "gedeckt" worden seien.
Schalcks eigene Interessen innerhalb der März-Connection waren eindeutig: Er sah darin Chancen für die marode DDR, die Kreditlinien der März-Gruppe nutzen zu können. "Kreditbeziehungen" seien, so eine KoKo-Anweisung, "über die März-Gruppe zentral über die Camet dem Bereich (KoKo) zur Entscheidung vorzulegen".
Der Name März, in dessen Rosenheimer Runde sich neben Schalck oft auch Strauß einfand, stand aber auch ganz oben auf einer Schalck-Liste kapitalistischer Firmenchefs und Manager, die als "Kontaktpersonen" mit geheimdienstlichen Funktionen auserkoren waren. Diese "KP" (Stasi-Kürzel) sollten "in besonderen Spannungssituationen die Weiterführung der Tätigkeit des Bereichs (KoKo) sichern".
Schalck und März hatten gemeinsam noch viel vor. Im Frühjahr 1982 tauschten sie sich laut Protokoll von Camet-Weber über die Möglichkeiten einer "Camet International" aus, die wegen "steuerlicher Maßnahmen" auf den Bahamas gegründet werden sollte.
"Hierunter", soll März vorgetragen haben, "kann mein Afrikageschäft, Naher und Ferner Osten mit meinen politischen und handelspolitischen Beziehungen einfließen, analog die des Dr. Schalck . . . unter Ihrer Vermittlungsleitung." Es gelte für beide Seiten, "neue Einnahmequellen zu schaffen".
Zu jener Zeit hatte März den Camet-Partnern bereits seine zahlreichen Niederlassungen im westafrikanischen Togo gezeigt. Gemeinsame Togo-Geschäfte besprach März im selben Jahr auch mit seinem ersten hohen Staatsgast aus der DDR auf dem März-Gut Spöck bei Rosenheim: dem damaligen Ost-Berliner Minister für Land-, Forst- und Nahrungsgüterwirtschaft, Heinz Kuhrig.
Daß März sich ausgerechnet an der Stasi-Firma Camet beteiligte, hatte seinen Grund: Vorläuferin der Camet-Berlin war die "G. Simon Industrievertretungen", verdreht benannt nach ihrem Inhaber Simon Goldenberg, einer der zwielichtigsten Figuren aus dem Schattenreich Schalck-Golodkowskis.
Der DDR-Bürger "G. Simon" vermittelte in den frühen siebziger Jahren als Repräsentant der damaligen März KG die lukrativen Viehimporte der Rosenheimer. Zeitweilig besaß Goldenberg Gesellschafteranteile an der März-Niederlassung Primovo in West-Berlin.
Als Goldenberg 1976 nach Rosenheim übersiedelte und sogleich Aufnahme und Aufgaben bei den Märzens fand, geriet er in Verdacht, ein auf CSU-Chef Strauß angesetzter Stasi-Agent zu sein. Er blieb jedoch unbehelligt.
Seine "Industrievertretungen" hatte Goldenberg vor seinem Wechsel nach Westdeutschland dem KoKo-Mann und Stasi-Offizier Weber übertragen, der sie dann als "Camet" weiterführte. Und als die Camet, aus welchen Gründen auch immer, 1983 auf "Intermar" umgetauft wurde, wechselte auch Camet S.A. Madrid den Namen.
Probleme bereiteten der März-KoKo-Achse in Spanien nur hin und wieder mal die Kontrolleure von der Oberfinanzdirektion München und von der Bayerischen Landeszentralbank. Doch der Ärger hielt sich in Grenzen.
Zwar beanstandeten die Finanzprüfer bei Camet-Madrid wie bei Intermar-Madrid wiederholt, daß die jährlich in Millionenhöhe ins Ausland abgeführten Provisionen nicht genehmigungsfähig seien, soweit sie als Vergütungen für Vermittlungen im innerdeutschen Handel zu gelten hätten. Doch die Rügen blieben folgenlos.
Mal machte die Oberfinanzdirektion die beruhigende Mitteilung, daß die Vorgänge verjährt seien, mal geschah schlicht gar nichts - oder März bekam gutgemeinte Ratschläge.
Den besten Tip gab Landeszentralbank-Präsident Lothar Müller, einst oberster Steuerfahnder im bayerischen Finanzministerium, ein Strauß-Vertrauter. Müller riet März brieflich am 10. Mai 1984, das Verbot der Provisionszahlungen ins Ausland zu umgehen: _____" Eine andere Betrachtungsweise ergäbe sich allerdings, " _____" wenn die Firma Intermar eine rechtlich selbständige " _____" Tochtergesellschaft oder eine Niederlassung in der " _____" Bundesrepublik Deutschland einschließlich Berlin (West) " _____" gründete, die die Liefergeschäfte des innerdeutschen " _____" Handels eigenständig und eigenverantwortlich vermitteln " _____" sowie die Provisionszahlungen entgegennehmen würde. "
Der Fabrikant beherzigte den Rat: Er gründete die Intermar Deutschland GmbH, die am 6. März 1986 ins Handelsregister München eingetragen wurde und fünf Monate später ihren Sitz nach Rosenheim verlegte. Sie wurde erst im vergangenen Februar von einem März-Mitarbeiter abgewickelt und aufgelöst.
Auch die Rosenheimer Intermar entfaltete, entgegen dem Müller-Votum, allerdings, wie der ehemalige Geschäftsführer Kurt Neckel einräumte, keinerlei eigenständige Vertretertätigkeit.
Wohin die an Intermar überwiesenen Provisionen - es soll sich um insgesamt über sieben Millionen Mark handeln - letztlich geflossen sind, ist offen. Ein Teil sei, versicherte die Firma März, inzwischen "bei einem inländischen Geldinstitut als Festgeld angelegt", ein anderer "ertragswirksam zurückgebucht und voll versteuert" worden.
* Mit dem Staatspräsidenten von Zaire, Mobutu, 1977 im März-Gästehaus Spöck.

DER SPIEGEL 48/1991
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