25.11.1991

PresseGurke des Tages

Bei der Berliner taz mehren sich Endzeitsignale. Jüngste Scheinlösung: die Gründung einer Genossenschaft.
Die Redakteurin Elke Schmitter von der linksalternativen Tageszeitung (taz) in Berlin wirkte, wie eine Kollegin beobachtete, "grau wie ihr Kleid". Die Vorstandsfrau vom taz-Verein, dem die überregional verbreitete Zeitung gehört, schockierte ihre Kollegen am vorletzten Wochenende mit der Mitteilung, alle Mitarbeiter der notleidenden Linkszeitung würden zum kommenden Jahresende gefeuert.
Der Vorstand, so die Redakteurin, wolle mit einer ausgewählten, neu wiedereingestellten Kernmannschaft weitermachen, um das ins Schlingern geratene Blatt zu stabilisieren. Zwei hinzukommende Vorstandsmitglieder wiesen die Kollegin zurecht: Sie hätte die Neuigkeit nicht rauslassen dürfen.
Die Betroffenen schlossen daraus, der Vorstand habe ihnen den Entlassungsbeschluß zunächst verheimlichen wollen. Elke Schmitter widersprach, sie sei der offiziellen Bekanntgabe nur um eine halbe Stunde zuvorgekommen. Doch das reichte, um Zorn und Mißtrauen unter den Kollegen zu säen. _(* Am 2. Oktober; l.: Ströbele. )
So wirft Ex-Vorständlerin Petra Groll den Nachfolgern vor, daß sie "nicht mal die banalsten Anstandsregeln mehr einhalten". Wie ein halbes Dutzend weiterer Journalisten will die Redakteurin von sich aus das Blatt verlassen, während andere schon mit dem Gang zum Arbeitsgericht gedroht haben.
Im diffusen Binnenklima von Hoffnung, Gereiztheit und Resignation könnte der geplante Neuanfang bei der taz auch zu einer Art finalem Fehlstart werden. Wichtig wäre sicherlich ein Erfolg der bisher ergebnislosen Gespräche mit dem Zeit-Autor und früheren taz-Redakteur Michael Sontheimer, 36, der neuer Chefredakteur werden soll. Die neueste Idee, mit der die bisherigen Eigner vom Verein "Freunde der alternativen Tageszeitung" das defizitäre Blatt (Auflage: 60 000 Exemplare) retten wollen, ist die Gründung einer Genossenschaft für Mitarbeiter und Leser.
Mit Anteilen von 1000 bis 50 000 Mark soll kurzfristig mindestens eine Million, längerfristig ein Mehrfaches in die Kassen gespült werden; der taz-Verlag wird vom Verein auf die Geldgeber übereignet. Zugleich soll die Reduzierung der Belegschaft, vor allem der 93köpfigen Berliner Redaktion, eine bessere Bezahlung der verbleibenden Mitarbeiter (bisheriger Einheitslohn: 1550 Mark) ermöglichen.
Anfang Oktober hatte das zerstrittene Vereinsplenum noch eine Blattsanierung unter Kontrolle des Vereinsvorstands beschlossen (SPIEGEL 41/1991). "Die Blockierungen in der taz existieren aber weiter", verkündete der Vorstand Ende des Monats.
Eile ist geboten. Chefredakteur Andreas Rostek, 36, der ebenfalls gehen wird, schätzt den Kapitalbedarf der taz auf bis zu 30 Millionen Mark binnen drei Jahren. Die Redaktion war Anfang Oktober mit ihrem Plan gescheitert, der taz über eine GmbH genügend Kapital von Investoren, etwa anderen Verlagen, zuzuführen.
Die Vereinsmehrheit hofft offenbar immer noch, mit ihrem Genossenschaftsbeschluß den Charakter eines alternativ-basisnahen Sponti-Projekts zu retten, den die taz schon längst nicht mehr hat. "Die peinliche juristische Modelldiskussion", meint taz-Mitgründer Max Thomas Mehr, der mittlerweile bei der Berliner Ex-DDR-Zeitung Wochenpost arbeitet, "liefert nur Chiffren für den eigentlichen Konflikt." Tatsächlich wiederholt sich bei der taz immer aufs neue der Richtungsstreit um altlinke Konzepte oder den "Verzicht auf jedes Stereotyp von Linkssein" (Mehr).
Zugleich schwelt ein Machtkampf zwischen der Redaktion und dem farblosen Geschäftsführer Karl-Heinz ("Kalle") Ruch, 37, der sich hinter seinen egalitären Bündnispartnern vom Verein versteckt. Wortführer ist der Berliner Linksanwalt Hans-Christian Ströbele, 52.
Diese großenteils redaktionsfeindliche Mehrheit wird auch in der künftigen Genossenschaft Regie führen. Denn deren Vorstand wird allein von den taz-Mitarbeitern unter den Genossenschaftlern gewählt - die Machtverhältnisse im Hintergrund bleiben die alten.
Als "reines Abzockmodell auf unehrlicher Basis" schätzt Journalistin Georgia Tornow den angeblichen Neubeginn ein. Die langjährige taz-Chefredakteurin hat ihren Job gleich nach der Redaktionsniederlage im Oktober gekündigt und wurde daraufhin im Blatt, unter der Überschrift "Gurke des Tages", als "taz-Altlast" geschmäht, die für ihre künftige Tätigkeit als Feuilletonchefin der Berliner Zeitung "nicht nur reichlich, sondern völlig unterbelichtet" sei.
Ihr Exkompagnon Rostek entschuldigte sich bei ihr für diese Fehlleistung, von der er vorher nichts gewußt hatte. Er wagte den Gurkenautor Mathias Bröckers aber nicht mal abzumahnen.
Ihre entscheidungsschwachen Exkollegen verspottet die frühere Chefin inzwischen als "Verein der Wegtaucher". o
* Am 2. Oktober; l.: Ströbele.

DER SPIEGEL 48/1991
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