23.09.1991

„Erschöpfung im Kopf“

Berlin möchte die neue deutsche Theater-Hauptstadt werden. Der Osten kämpft mit Finanzproblemen, im Westen dreht sich wieder einmal das Intendanten-Karussell mit den alten Namen: Im verstaubten deutschen Subventionstheater regieren weiter die alten Seilschaften. Die aktuelle Wirklichkeit bleibt ausgesperrt.
Der alte Zampano träumt wieder. Peter Zadek, mit 65 immer noch der jüngste Magier auf deutschen Bühnen, kämpft fürs Hauptstadt-Theater. Wie in alten Vorkriegszeiten soll es wieder "eine Ehre sein, in Berlin Theater zu spielen".
Vorerst noch ein frommer Wunsch. Denn der Feind des Theaters, wer wüßte es besser als Zadek, sind die Theatermacher selbst. Und so wittert der Regisseur auch schon die Apokalypse für seinen Berliner Theatertraum: "Lauter geld- und lobbegierige kleine Macher werden die Hebel in der Hand haben. Sie werden den Politikern und ihren Kritikerbediensteten in den Arsch kriechen, um ihre Subventionen zu erhöhen." Das Ergebnis: "Das Theater wird noch toter sein als jetzt schon."
Zadek sitzt beim Totentanz auf jeden Fall in der ersten Reihe. Berlins Kultursenator Ulrich Roloff-Momin hat den Ex-Intendanten, der noch im Frühjahr letzten Jahres ganz sicher "nie wieder Intendant sein" wollte, fürs marode Berliner Ensemble am Schiffbauerdamm begeistert. Dort soll Zadek ein Alt-Herren-Direktorium schmücken, das der Senator zur Erneuerung des längst zum Brecht-Mausoleum verkommenen Instituts zusammengestellt hat.
Mit von der Nostalgie-Partie: der im Westen zu Regie-Ehren gekommene dröge Brecht-Schüler Peter Palitzsch, 73 (Branchen-Spott: "Pater Pelitzsch"), die verdienten Ex-DDR-Regisseure Fritz Marquardt, 63, und Matthias Langhoff, 50, und - unvermeidlich - der Düster-Dramatiker Heiner Müller, 62.
Die Reaktion auf das Gerontical ist eindeutig: Langhoff-Bruder Thomas, 53, just im traditionsreichen Deutschen Theater auf den Intendanten-Stuhl geklettert, prophezeit schon ungerührt das schnelle Scheitern des theatralischen Quintetts (siehe Interview Seite 249).
Für die Süddeutsche Zeitung addieren sich die fünf Theatermacher zur "Null-Lösung", und Hamburgs Thalia-Intendant Jürgen Flimm, 50, kann in dem Senatoren-Coup nur "eine Briefmarkensammlung" erkennen. Roloff-Momin sei "mit der Botanisiertrommel durch die Gegend gelaufen", habe "Schmetterlinge eingefangen und sie irgendwohin gesetzt".
Eine im Westen gängige Praxis. Denn wie eh und je sind auch andere beamtete Schmetterlingsjäger ausgezogen, um wenigstens die zweite Garnitur der unsteten Flattermänner dingfest zu machen:
So warben die Bremer für 1992 in Essen Hansgünther Heyme ab, bekannt für zweifelsfreie Gesinnung und zweifelhaft langweilige Inszenierungen. Für ihn zieht der glücklose Jürgen Bosse von Stuttgart, wo natürlich einst auch schon Heyme wirkte, an die Ruhr. Das Bosse-Vakuum scheint den Schwaben so groß, daß sie es mit einem Dreier-Direktorium füllen.
Die Regisseure Michael Gruner und Cesare Lievi verbünden sich mit dem Theaterkritiker der Frankfurter Rundschau, Peter Iden, der sich nun endlich ans andere Ufer freischwimmen kann. Ob er dabei auch glücklich wird, ist nach aller Erfahrung mit seinesgleichen zweifelhaft. Sein FAZ-Kollege Günther Rühle jedenfalls scheiterte am maroden Frankfurter Schauspiel kläglich.
Fähiger Intendanten-Nachwuchs ist ohnehin nicht in Sicht. Den Kopfjägern in den Rathäusern fehlt zudem der Mut, aus der jungen Szene der freien Gruppen die besten Leute zu holen. So verfallen deutsche Kulturpolitiker weiterhin auf die immer gleichen Namen: einmal Intendant, immer Intendant.
Nur für die Ost-Provinz mit ihren meist heruntergekommenen Theatern und mageren Gagen mochte sich von den alteingesessenen Subventions-Günstlingen aus dem Westen niemand begeistern. Parchim, Rostock und Frankfurt an der Oder überließen sie den No-Names des Gewerbes. Die deutsche Einheit hat auf westdeutschen Theatern ohnehin kaum stattgefunden.
Im bewährten Stil ästhetisierender Klassiker-Exegese der späten achtziger Jahre übten sich die saturierten Anstalts-Vorsteher im theatralischen Business as usual und verschliefen glatt das Jahrhundert-Ereignis. Statt dessen schwenkten sie während des Golfkriegs willig weiße Fahnen.
Die alten Kämpen, in den späten Sechzigern aufgebrochen, die Gesellschaft durch das Theater zu erneuern, sind so müde geworden, daß sie den radikalen Wandel auf der Landkarte kaum noch wahrnehmen konnten. Einzig der Autor Klaus Pohl lieferte mit seinem "Karate-Billi kehrt zurück" die furiose Ausnahme von der Verweigerungsregel.
Flimm diagnostiziert im Kollegenkreis eine allgemeine "Erschöpfung im Kopf". Zu anstrengend sei der 16-Stunden-Tag als Theaterleiter. Man müsse aufpassen, "daß der Mantel der Geschichte, der uns so um die Ohren gehauen wurde", nicht auch gleich Aug und Ohr verstopft.
Auch die Theatermacher in den neuen Bundesländern scheinen schon von dieser speziellen Form von Obstipation befallen. In ihren Spielplänen jedenfalls dominiert neben den Klassikern das Seichte.
In Bautzen konkurriert "Die lustige Witwe" derzeit mit "Nathan der Weise", das Landestheater Dessau bietet neckisch Lebenshilfe mit den Stücken "Lach mal wieder" und "Lauf bloß nicht splitternackt herum!", und in Leipzig welkt die antiquierte "Blume von Hawaii". Knallbonbons treudeutscher Unterhaltungsherrlichkeit und sichere Kassenschlager.
Nur einmal wurde bisher im alten Osten der Weg der Selbsterforschung beschritten. Das Deutsche Theater in Berlin macht jetzt den spannenden, wenn letztlich auch mißglückten Versuch der Vergangenheitsbewältigung.
Heiner Müller inszenierte - quasi ein Bayreuth für die Boheme vom Prenzlauer Berg - eine eigene Werk-Trilogie von "Ring"-Ausmaßen: "Mauser", "Quartett", "Der Findling".
Ein gewagtes Unternehmen. Denn wie lassen sich ernsthaft die Nöte eines Kaderbolschewisten schildern, wenn schon jetzt jede Fernsehblondine von den Verbrechen des Sozialismus schnattert? Wie läßt sich Subversion herstellen, wenn der Gegner fehlt?
Müllers Situation: Der Partisan, der hinter den gegnerischen Fronten kämpfte, wird vom Frieden überrascht. An diesem Abend eiert über weite Strecken nur der gute alte Bühnenapparat. Aber es ist immerhin der erste wirkliche Versuch eines renommierten Ost-Theaters, die Trümmer eines bankrotten Erlösungsmythos zu sichten.
An aktuellen Stücken, mit denen dies erfolgreich zu bewerkstelligen wäre, fehlt es bislang - in West und Ost. Und wohl auch am Interesse beim Publikum.
Die Erneuerung des deutschen Theaters ist erst einmal vom Spielplan abgesetzt. Jetzt wird der Kampf um Berlin gegeben. Die Schlacht der großen teuren Namen ist in vollem Gange. Es wird so lange geklotzt, wie das Geld reicht. Neueste Front-Meldung: Der umtriebige Dirigent Daniel Barenboim hat nun doch seinen Vertrag für die Deutsche Staatsoper Unter den Linden unterschrieben - Laufzeit der Vereinbarung: zehn Jahre. Die Berliner Kulturbeamten sind stolz darauf, ihn auf eine jährliche Anwesenheitspflicht von mindestens vier Monaten verdonnert zu haben.
Derweil machen sich besonnene Gemüter Gedanken über die Konsequenzen der konzeptionslosen Gigantomanie. Über kurz oder lang, so die nüchterne Erkenntnis nicht nur von Jürgen Flimm, werde wohl das eine oder andere Haus geschlossen werden müssen.
Dem altehrwürdigen Metropol-Theater an der Friedrichstraße steht das Aus jedenfalls schon unmittelbar bevor. Dort, wo einst Fritzi Massary Hauptstadt-Glanz verbreitete und später im real existierenden Sozialismus weiter kleine Fluchten mit dem "Weißen Rössl" ins "Land des Lächelns" geboten wurden, geht bald nichts mehr.
Kultursenator Roloff-Momin will das ungeliebte Theater loswerden, das ihm auf der Tasche liegt. Einen privaten Betreiber sucht er bis jetzt jedoch vergebens. Den protestierenden Bühnenarbeitern riet er kaltschnäuzig, sich die fehlenden 30 Millionen Mark doch einfach selbst zu besorgen. Bei einem geschätzten Gesamtbedarf für alle Berliner Bühnen von 500 Millionen Mark geradezu ein Klacks.
Da kommt Peter Zadek mit seinen Erkenntnissen natürlich reichlich spät. "Es geht um die Mäuse", hat er aus reicher Berufserfahrung festgestellt und apodiktisch sein wohlfeiles Credo hinterhergeschleudert: "Wer über Geld statt Kunst redet (oder auch über Politik statt Kunst), deklariert die eigene Inkompetenz."
Was zur Zeit passiere, so der alte Bühnenmagier weiter, "kann nur ein Resultat haben: Berlin wird zu einem Spiegelbild der Bundesrepublik".
Es steht zu befürchten, daß er dabei nur die alten Länder meint.

DER SPIEGEL 39/1991
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 39/1991
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

„Erschöpfung im Kopf“

  • Mary Cain über Nike-Programm: "Ich wurde körperlich und emotional missbraucht"
  • Liverpool-Sieg über Manchester City: "Man sollte Jürgen und mich auf eine Flasche Wein einladen"
  • "Remembrance Day" in Großbritannien: Blüten aus dem Bomber
  • Hongkong: Polizist feuert auf Demonstranten