23.09.1991

„Mein Freund, der Verräter“

Langhoff, 53, Schauspieler und Regisseur poetisch-leiser Aufführungen, hatte sich schon vor der Wende auch auf Westbühnen einen Namen gemacht. Seit 1. August ist er Intendant des Deutschen Theaters.
SPIEGEL: In einer Grußadresse an die "Freunde des Deutschen Theaters" geben Sie die einigermaßen verrätselte programmatische Parole aus: "Wir können nicht bleiben, wie wir waren, und können nicht anders werden, als wir sind." Was ändert sich, was bleibt am ersten Theaterhaus der ehemaligen DDR?
LANGHOFF: Der Satz soll die Nöte beschreiben, in die wir Theaterleute und unser Publikum geraten sind. Dieser Wechsel ist radikal. Und er ist ja nicht nur schön, sondern auch ein schmerzhafter Prozeß.
SPIEGEL: Wie sehen die Nöte aus?
LANGHOFF: Wir haben doch Lebenszeit in der DDR gelassen. Und, zumindest in der Jugend, die Ideale des Sozialismus mit heißem Herzen verfochten und diese Flamme gehegt. Und wenn der alte Mann mit dem Bart Recht hat, daß eben das Sein das Bewußtsein bestimmt, sind wir entscheidend geprägt.
SPIEGEL: Brannte diese Flamme im Theater länger als in anderen gesellschaftlichen Bereichen?
LANGHOFF: Seien Sie nicht so voreilig - vielleicht brennt sie ja noch. Aber sicher haben Sie recht. Die Theaterleute hatten es früher ein wenig leichter, und jetzt sicher auch. Mit Gorki im Herzen in die neue Zeit.
SPIEGEL: Kein Katzenjammer?
LANGHOFF: Ach, i wo. Es ist nicht so, daß wir nun dauernd traurig sind, weil die einzige Alternative zum Kapitalismus kaputt gegangen ist. Das ging ja nicht mehr. Und wir haben uns ja diese neuen Freiräume auch gewünscht. Der Schmerz besteht ja nur darin, daß man sich fragt: Was war das eigentlich, mein Leben? Habe ich, nur wegen des dummen Zufalls, auf der anderen Seite aufgewachsen zu sein, mein Leben verpfuscht?
SPIEGEL: Wie reagieren Sie als Theaterleiter auf den Umbruch? Müssen nicht schnell neue Stücke her, die diese Situation begleiten? Geben Sie Aufträge an Autoren aus?
LANGHOFF: Wir greifen nach jedem Stück, das sich als brauchbar erweist. Aber ich bin kein Freund von Aufträgen. Wenn es einen Auftrag gibt, ist es mit der Kunst meist zu Ende.
SPIEGEL: Aber sicher haben Sie doch schon ein Dramaturgenteam damit beauftragt, die Spielplan-Politik des Deutschen Theaters zu formulieren.
LANGHOFF: Solche Selbsterklärungen erwarten natürlich die Kritiker von einem neuen Intendanten. Ich vermeide das aber lieber. Ein paar Kollegen in der Nachbarschaft sind damit ziemlich auf die Nase gefallen. Aber natürlich hat das Deutsche Theater eine Tradition, die geprägt ist von Reinhardt, dem diese vorbildliche Mischung aus Klassikern und Modernen gelungen ist, der hat Shakespeare inszeniert und gleichzeitig Wedekind durchgesetzt.
SPIEGEL: Dazu kommt eine andere Tradition, die des Zürcher Exiltheaters, der Antifa-Generation, die Ihr Vater Wolfgang verkörperte, der hier 17 Jahre lang Intendant war.
LANGHOFF: Deshalb fühle ich mich ja auch hier zu Hause. Dort, an diesem Besuchertisch, habe ich früher immer meine Hausaufgaben gemacht.
SPIEGEL: Gehört der Bezug auf Reinhardt und die große Tradition auch zu jenem Teil der Selbstpropaganda, der nötig geworden ist, um sich in der neuen Gesamt-Berliner Konkurrenz zu behaupten?
LANGHOFF: Propaganda haben wir gar nicht so sehr nötig. Die Platzausnutzung bei uns macht uns keine Sorgen mehr.
SPIEGEL: Nach einem Knick nach der Wende. Gibt es nun ein neues Publikum?
LANGHOFF: Ja. Jetzt kommen 80 Prozent der Besucher aus West-Berlin. Das gehobene Bildungsbürgertum, die Zahnärzte und Rechtsanwälte. Die Klassiker-Inszenierungen sind immer ausverkauft. Das liegt natürlich auch daran, daß ein Teil unseres alten Publikums sich die Preise nicht mehr leisten kann.
SPIEGEL: War das frühere Publikum entdeckungsfreudiger?
LANGHOFF: Na klar. Man hat doch jedes neue Stück nach Geheimbotschaften abgetastet.
SPIEGEL: Aber das Deutsche Theater hat sich unter den neuen Bedingungen konsolidiert.
LANGHOFF: Die Bilanzen stimmen. Nur müssen wir jetzt wieder anfangen, die Jungen ins Theater zu kriegen.
SPIEGEL: Die meisten Stücke in Ihrem Spielplan stammen ja noch aus Vorwende-Zeiten.
LANGHOFF: Ja, die sind so ein Teil DDR-Geschichte, an dem jetzt das Interesse neu erwacht ist. Heiner Müller wollte seinen "Lohndrücker" schon aus dem Programm nehmen, aber die Leute gehen immer noch hinein. Weil es sich verändert hat.
SPIEGEL: Ihre "Maria Stuart" ist bereits seit elf Jahren im Repertoire.
LANGHOFF: Und die hat jetzt einen neuen Schub bekommen durch die klassikergeilen West-Berliner.
SPIEGEL: Peter Zadek regte kürzlich regelmäßige Treffen der Intendanten in Berlin an, um die Subventionskonkurrenz und den Neid untereinander zu verringern, um Spielpläne abzustimmen und ähnliches.
LANGHOFF: Also, ein Gesamt-Berliner Theateraufsichts-Rat wäre fürchterlich, würde alles nivellieren. Natürlich kennt man sich untereinander. So werde ich bei Alex Lang am Schillertheater das neue Volker-Braun-Stück uraufführen; und parallel dazu wird er hier an unserem Haus das Wende-Stück von Pohl "Karate-Billi kehrt zurück" inszenieren.
SPIEGEL: Brauns Stück "Böhmen am Meer" stammt aus der Vorwende-Zeit. Eine Flaschenpost aus der Vergangenheit?
LANGHOFF: Absolut. Enttäuschte Kommunisten, die sich in Böhmen am Meer, also in Italien, wiedersehen und über das Mißlingen ihrer Ideale reden.
SPIEGEL: Auch ein Stück über Ihre eigenen Enttäuschungen?
LANGHOFF: Nee, ich bin ja kein Kommunist.
SPIEGEL: Das Profil eines Theaters wird bestimmt durch die Regisseure, die an ihm arbeiten. Würden Sie Peter Zadek gern an Ihrem Haus haben?
LANGHOFF: Aber selbstverständlich. Dafür würde ich alles in Kauf nehmen, was damit normalerweise verbunden ist. Und ich bedaure sehr, daß er da nun am Berliner Ensemble einen Konkurrenzbetrieb aufzieht.
SPIEGEL: Ein Theaterdirektorium, in dem Zadek, Peter Palitzsch, Fritz Marquardt und Ihr Bruder Matthias Langhoff sitzen . . .
LANGHOFF: . . . und Heiner Müller, mit dem ich doch hier ganz gut zusammengearbeitet habe. Mein Freund, der Verräter . . .
SPIEGEL: Glauben Sie, daß diese Konstellation die erste Pressekonferenz überstehen wird?
LANGHOFF: Nein, und darauf warte ich mit einem gewissen Vergnügen. Aber die Idee, die dahinter steht, ist ja nicht schlecht: alles, was gut ist, nach Berlin zu holen.
SPIEGEL: Bekommen Ost-Theater die gleichen Mittel wie West-Theater?
LANGHOFF: Ich habe meinen Vertrag nur unterschrieben, weil es eine Absichtserklärung des Senats gibt, die Mittel auf West-Niveau anzuheben.
SPIEGEL: Und damit auch das Gagengefüge für die Schauspieler . . .
LANGHOFF: . . . na sicher. Bisher überlegt sich halt mancher West-Schauspieler, ob er es sich leisten kann, bei uns zu spielen. Und darüber hinaus gibt es Berührungsängste. Für manche sind wir eben immer noch die Mongolei. o

DER SPIEGEL 39/1991
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