25.11.1991

ProstitutionWarum nicht Domenica?

Um die Prostitution daheim unter Kontrolle zu bekommen, besuchten Rostocker Politiker Freudenhäuser in Nordrhein-Westfalen.
Am Donnerstag nachmittag um halb drei war nicht viel los in Bielefelds Eckendorfer Straße. Gelangweilt toupierten die Prostituierten in den Schaufenstern des Eros-Centers ihre Haare oder zupften mit spitzen Fingern Dessous und Trikotagen in die rechte Paßform, als überraschende Kundschaft erschien.
Vor ihnen bauten sich vier Damen und Herren aus der Hansestadt Rostock auf, Emissäre von Senat und Bürgerschaft. Höflich erzählten die Ostdeutschen, sie seien auf Erkundungstour durch westdeutsche Freudenhäuser und wollten wissen, wie denn so ein Betrieb zu führen sei.
"Damit die ein Vorbild haben", erläuterte Winfried Finger, Betreiber des Bielefelder "Dirnenwohnheims", den Rostockern seine "Politik": Jedes seiner 45 Zimmer, so der 54jährige stolz, habe einen Spülstein und für je zwei Zimmer stünden eine Dusche und eine Toilette zur Verfügung. Zuhälter dürften sein Haus gar nicht erst betreten.
Konkurrenz, riet Finger den Hanseaten, sollten sie erst gar nicht genehmigen, "sons gibbet Kriech". Den wollen die Rostocker gerade vermeiden.
Seit dem Anschluß durchwuchert die zu SED-Zeiten geächtete Prostitution alle Viertel der Hafenstadt. Besorgt registrierten die Stadtoberen nicht nur die Zunahme des leichten Gewerbes in den Bars und Diskotheken der früheren Interhotels "Neptun" und "Warnow". Dort taten in der Honecker-Ära nur ein paar Mitarbeiterinnen der Stasi Dienst. Mehr noch macht den Behörden die wachsende Zahl von Prostituierten auf den Straßen der Innenstadt zu schaffen, darunter viele Frauen, die aus Hamburg an die Ostseeküste gekommen sind.
Auf dem Parkplatz am Mühlendamm stehen bereits neun schäbige, mit Lichterketten und Leuchtherzchen geschmückte Wohnwagen. Ab 18 Uhr warten dort die Freier in Schlangen. Die hygienischen Zustände sind katastrophal, als erste Hilfe hat die Stadt einen Duschcontainer aufgestellt.
"Das Leben mit seinen Problemen droht uns zu überrollen", fürchtet Gewerbeamtsleiter Johannes Kunze. Der Beamte kümmert sich um die Prostituierten, "weil sich sonst keiner zuständig fühlt". Kunze hat weit Schlimmeres ausgemacht als die Straßenmädchen: Vor Rostocker Kinos und in Diskotheken werden Kinder und Jugendliche "mit ganz ordentlichen Geldbeträgen" verlockt, sich für "besondere Aufträge und Porno-Videos" zu verkaufen.
Die Polizei hält sich bislang heraus. Sie hat von Sexualstraftaten noch nichts gemerkt, und Prostitution ist nicht verboten. Solange die Huren nicht etwa vor Schulen ihrem Gewerbe nachgehen, kann die Polizei ihnen nichts anhaben.
Für Karla Staszak, 50, die Rostocker Gleichstellungsbeauftragte, sind die "Zustände" auch ohne strafrechtliche Relevanz "katastrophal". Frau Staszak, an realsozialistische Sauberkeit gewöhnt, vergleicht Rostock schon mit der Antike: "Es ist wie Rom vor dem Untergang." Die Frauen seien zudem weder kranken- noch rentenversichert.
Um das Gewerbe von der Straße zu bringen, will die Stadt jetzt - Frucht der NRW-Reise - ein Dirnenwohnheim nach dem Vorbild von Bielefeld und Düsseldorf bauen lassen. Finanzkräftige Bewerber gibt es bereits.
Die Betreiber müssen sich verpflichten, Hygiene und Gesundheit ihrer Mieterinnen zu überwachen. Vorgeschrieben werden soll ein ärztliches Attest alle 14 Tage und alle drei Monate eine Untersuchung auf Syphilis und Aids.
Solch westdeutscher Standard ist im Rotlichtmilieu zwischen Lübeck und Stettin bislang unbekannt. Der Rostocker Amtsarzt Fred Schumacher sorgt sich: "Die Prostitution im Bundesland Mecklenburg-Vorpommern unterliegt bislang noch keiner Gesetzlichkeit."
Schumacher fordert die schnelle Einrichtung von Sperrbezirken: "Anders können wir die Damen nicht zur Gesundheitsüberprüfung zwingen. Freiwillig kommen die nicht zu uns."
Die Rostocker hoffen zudem auf professionelle Unterstützung aus dem Westen. Sie haben die bundesweit bekannte frühere Prostituierte Domenica Niehoff als Beraterin gewonnen, die zur Zeit auf dem Hamburger Kiez als Sozialarbeiterin tätig ist.
Ein Rostocker Stadtverordneter begründet die Wahl: "Bayern München hat Beckenbauer als Berater. Warum soll Rostock sich nicht Domenica ranholen?"

DER SPIEGEL 48/1991
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