25.11.1991

„Wir müssen zulangen“

Die Republik steht vor schweren Tarifkonflikten. Die Arbeitgeber haben sich auf eine harte Linie eingeschworen, sie wollen notfalls Streiks in Kauf nehmen. Die Gewerkschaften dagegen fordern kräftige Lohnerhöhungen. Ihre Basis ist unzufrieden: Die Preise steigen, und die Folgen der deutschen Einheit belasten die Kaufkraft.
Die Herren trafen sich wie üblich im feinen Industrie-Club in Düsseldorf. Alle Chefs der Stahlindustrie waren da, die Vorstandsvorsitzenden von Krupp, Hoesch, Thyssen, Klöckner und Salzgitter.
Vorsichtig lenkte Peter Ulrich Schmithals, der neue Chef der deutschen Stahlarbeitgeber, das Gespräch auf ein heikles Thema. Der Verbandsmanager hatte in den eigenen Reihen einige "unsichere Kantonisten" ausgemacht.
Am Ende hatte Schmithals seine Truppen auf eine harte Gangart eingeschworen. Keiner, so versprachen sich die Stahlunternehmer gegenseitig, werde im Fall eines Streiks aus der gemeinsamen Front ausscheren. Im Notfall seien sie auch zur Aussperrung, dem schlimmsten Mittel im Arbeitskampf, bereit.
Der Tarifkonflikt beim Stahl ist nicht nur ein Thema für die Branche. Zum ersten Mal seit 1979 macht die Stahlindustrie bei den Lohnrunden den Auftakt. Ihr Abschluß könnte zur Meßlatte für die anderen Tarifverhandlungen werden.
Wie selten zuvor sind die Arbeitgeber der gesamten Industrie, aber auch von Handel, Banken und Versicherungen entschlossen, den Forderungen der Gewerkschaften nicht nachzugeben. Die Republik steht vor einem schlimmen Tarifjahr.
Im Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) und bei den benachbarten Arbeitgeberverbänden werden die Mitglieder schon seit Wochen auf die kommende Auseinandersetzung eingestimmt. Am Montag dieser Woche werden die Konzernchefs von BDI-Chef Heinrich Weiss und Arbeitgeber-Präsident Klaus Murmann bearbeitet.
Es geht, behaupten die Verbandsvertreter einhellig, um die Zukunft der deutschen Industrie. Allzulange hätten die Arbeitgeber den Forderungen der Gewerkschaften widerstandslos nachgegeben. Nun sei die Schmerzgrenze erreicht.
Alle Forderungen aufgerechnet, will die IG Metall knapp zwölf Prozent mehr für die Kollegen in der Stahlindustrie haben. Auch die anderen Gewerkschaften wollen bei der kommenden Tarifrunde kräftig zulangen.
Schon hat die Gewerkschaft HBV für die Bankbeschäftigten in den alten Bundesländern 10,5 Prozent mehr Geld und die 35-Stunden-Woche bis 1995 gefordert. Bei den Kollegen von der ÖTV, die ihre Forderung Mitte Dezember beschließen, wird eine ähnlich hohe Marge diskutiert.
Anfang des nächsten Jahres zieht dann der Tarifbereich Metall für seine fast fünf Millionen Beschäftigten im Maschinenbau, bei der Elektroindustrie und im Automobilbau nach. Auch hier ist mit zweistelligen Forderungen zu rechnen.
Am vorigen Donnerstag legten die Stahlunternehmer ihr erstes Angebot vor. Für IG-Metall-Chef Franz Steinkühler handelt es sich um eine Provokation. Den laufenden Tarifvertrag wollen die Stahlmanager um ein halbes Jahr verlängern und 100 Mark monatlich draufgeben.
Die Konzerne rechtfertigten ihr mageres Angebot mit der schlechten Lage. "Wir sind", sagt Schmithals, "zum Durchmarsch bereit, weil wir nichts mehr zu verlieren haben."
In der Tat hat sich die Situation abrupt verändert. Mitte des Jahres kippte die Konjunktur. Nach vier Gewinnjahren machen jetzt fast alle Stahlkonzerne Verluste.
Die Konjunktur läßt nach, die Stahlindustrie spürt das sofort. Die Preise brechen ein, Billigstahl aus dem Ausland sorgt für unliebsame Konkurrenz. "Die Lage", fürchtet Krupp-Chef Gerhard Cromme, "wird sich noch kräftig zuspitzen."
Die Gewerkschaften wiederum spüren den Druck ihrer Basis. Die Stahlarbeiter fühlen sich benachteiligt. "Wir holen nur heraus", sagt Harald Schartau von der Dortmunder IG-Metall-Bezirksleitung, "was andere bereits bekommen haben."
Tatsächlich haben die Stahlbeschäftigten in den vergangenen drei Jahren nur insgesamt zwölf Prozent mehr Lohn kassiert - gleichzeitig explodierten die Unternehmensgewinne. Branchenführer Thyssen beispielsweise machte allein 1990 im Stahlgeschäft knapp eine Milliarde Mark Gewinn.
"Die Raffgier der Arbeitgeber", schimpft IG-Metall-Vorstand Klaus Zwickel, "kennt keine Grenzen."
Doch auch in den anderen Branchen gibt es keine Anzeichen für eine Zurückhaltung der Gewerkschaften. Die Basis fordert höhere Löhne.
Die Preise steigen stärker als je zuvor in den vergangenen zehn Jahren. Die Wiedervereinigung fordert Opfer, sie macht sich in der Haushaltskasse bemerkbar: Solidaritätsbeitrag, höhere Benzinpreise, hohe Zinsen.
"Gemolken wie eine Kuh" fühlt sich Bernd Ulrich, Betriebsratsvorsitzender des Flensburger Thermostat-Herstellers Danfoss. "Wir müssen zulangen, um den Lebensstandard zu halten", beschreibt Klaus Franz, Betriebsrat beim Autohersteller Opel, die Erwartung seiner Kollegen. Die brisante Stimmung in den Betrieben setzt die Gewerkschaften unter Druck. Aus dem gegenwärtigen Klima, meint Tarifexperte Zwickel, werde womöglich eine Situation entstehen, "in der die Gewerkschaften nicht anders können, als auf die große Axt zu setzen".
Die Situation ist aufgeheizt, beide Seiten werden von ihren harten Positionen nicht wieder herunterkommen. Da scheint ein knallharter Konflikt unausweichlich zu sein.
Schon wird aufgerüstet. Der Arbeitgeberverband Gesamtmetall hat eben mit dem Mittelständler Hans-Joachim Gottschol einen Hardliner an die Spitze gewählt. Die kleinen und mittleren Betriebe kritisieren schon lange die angeblich zu lasche Gangart des Verbands, der von den großen Konzernen dominiert wird.
In der Öffentlichkeit finden die Arbeitgeber Unterstützung wie selten zuvor. Mehr als vier Prozent, mahnten die Wirtschaftsforschungsinstitute, sei dieses Mal nicht drin. Alle Konjunkturexperten warnen vor einer Lohn-Preis-Spirale: Hohe Abschlüsse treiben die Inflation hoch, die wiederum liefert die Basis für neue Lohnforderungen - und so fort.
Es gibt nur zwei Möglichkeiten, die Spirale zu kappen: friedlich, durch Konsens der Tarifpartner, oder durch Gewalt. Und die geht von der Bundesbank aus.
Die Währungshüter sind fest entschlossen, weitere Preissteigerungen nicht zu dulden. Sie müssen deshalb verhindern, daß hohe Lohnabschlüsse auf die Preise überwälzt werden. Eine solche restriktive Geldpolitik aber würgt die Konjunktur ab, sie schafft viele neue Arbeitslose.
Die Bundesregierung sorgt sich um den Aufschwung. Mahnend wandte sich deshalb Bundeswirtschaftsminister Jürgen Möllemann an die Tarifpartner. Abschlüsse, sagte der wendige Freidemokrat ebenso offen wie naiv, dürften allenfalls "eine Vier vor dem Komma" haben.
Vorlaute Einmischung aus Bonn ist jedoch bei beiden Tarifpartnern nicht erwünscht, selbst wenn sie eine Seite begünstigt. Sie wirkt sich, so die Erfahrung, meist belastend auf die Verhandlungen aus. "Wir lassen uns", ärgerte sich Arbeitgeber-Präsident Murmann, "die tarifpolitische Verantwortung nicht nehmen."
Murmann will sich deshalb auch vom Abschluß des Öffentlichen Dienstes abkoppeln. Im vergangenen Jahr hatte der Öffentliche Dienst als erster großer Tarifbereich abgeschlossen - und damit die Marge für die Industrie vorgegeben.
Diesmal soll alles anders werden. Auf gar keinen Fall werde man sich nach dem Öffentlichen Dienst richten, sagt Murmann, "wie immer er abschließt".
Den Arbeitgebern paßt die ganze Richtung nicht mehr. Die hohen Abschlüsse dieses Jahres machen sich nun, da die Konjunktur abflaut, schmerzhaft bemerkbar. Und für die Abschlüsse in Ostdeutschland mußten sie Kritik von vielen Seiten einstecken.
Viele Manager in den Ost-Unternehmen klagen über die ständig wachsende Last der Lohnangleichung. "Wir haben uns", kritisiert Treuhand-Vizechef Hero Brahms, "viel zu hohe Tariflohnsteigerungen und eine viel zu schnelle Angleichung im Osten erlaubt."
Ein Ärgernis für Unternehmer und ein Vorbild für die Gewerkschafter ist der letzte ostdeutsche Metallabschluß. Er sieht eine Anpassung der Ost-Löhne an das West-Niveau bereits im Jahr 1994 vor. Der frühere BDI-Chef Tyll Necker, ein Hersteller von Reinigungsmaschinen, spricht von "Massenarbeitsplatzvernichtungsverträgen". Viele Ost-Firmen würden dadurch in den Konkurs getrieben.
Die Gewerkschaften lassen sich auf solche Argumente nicht ein, diese sind für sie nur Teil einer gigantischen Kampagne.
"Mit der beabsichtigten Wende in der Tarifpolitik", meint IG-Metaller Zwickel, "soll den Gewerkschaften die Verantwortung für die Arbeitslosen-Millionen im Osten und für mögliche Probleme im Westen in die Schuhe geschoben werden." o

DER SPIEGEL 48/1991
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