25.11.1991

HandelKrakenhafter Zugriff

Der Kaufhof steigt bei Horten ein - so trickreich, daß die Kartellbehörde machtlos scheint.
Im italienischen Spezialitätenrestaurant La Capannina in der Düsseldorfer Frankenstraße jonglierten der Bankier Friedel Neuber und der Kaufmann Erwin Conradi immer wieder mit Prozenten und Promillen.
Beim Abendessen vereinbarten der Vorstandsvorsitzende der Westdeutschen Landesbank (WestLB) und der Chefmanager des Handelsimperiums Metro eine der größten Transaktionen im deutschen Handel. Im Mittelpunkt des Deals steht der viertgrößte deutsche Warenhaus-Konzern Horten.
Durch ein raffiniertes Beteiligungsgeflecht sollen die Metro-Tochtergesellschaft Kaufhof und die Handelskette Kaufring mit Horten verkoppelt werden. Der Dreierbund mit insgesamt rund 600 Warenhäusern, Fachgeschäften und Boutiquen in besten Citylagen erreicht einen Umsatz von rund 20 Milliarden Mark. Der neue Gigant läßt den deutschen Branchenprimus Karstadt weit hinter sich und ist mit Abstand Europas größter Warenhaus-Konzern.
Kaum ein Coup ist derart sorgfältig vorbereitet worden. Wochenlang haben Hausjuristen von WestLB und Metro mit ihren Kartellanwälten an dem Beteiligungsmodell getüftelt.
Heraus kam ein kompliziertes Gebilde. Nach dem Plan von Neuber und Conradi bringt die WestLB von ihrem 50,1-Prozent-Anteil an Horten 49 Prozent in eine Beteiligungsholding ein.
Die Düsseldorfer Staatsbank behält an der Holding mit 60,1 Prozent die Mehrheit. Der Kaufring, eine Dachorganisation von mittelständischen Warenhäusern, soll mit 24,9 Prozent und der Kaufhof mit 15 Prozent beteiligt werden. Dem Kölner Warenhaus-Konzern will die WestLB darüber hinaus eine Option über weitere 9,9 Prozent einräumen.
Mit diesem Geflecht wollen die Konstrukteure das Kartellamt in Berlin austricksen. Die Fusionswächter können Beteiligungen von 25 Prozent und mehr verbieten, wenn Wettbewerbsverzerrungen zu befürchten sind.
In Ausnahmefällen ermöglicht das Kartellgesetz ein Fusionsverbot auch bei kleineren Beteiligungen. Die Wettbewerbswächter müssen dann allerdings nachweisen, daß durch Nebenabsprachen und gemeinsame Aktionen von Käufern und Gekauften der Konkurrenzkampf behindert wird, beispielsweise durch den gemeinsamen Einkauf.
Beim Horten-Coup dürften es die Berliner schwer haben, ein Veto durchzudrücken. Die Beteiligten wähnen sich ihrer Sache so sicher, daß sie das Kartellamt über ihre Pläne bisher nicht einmal unterrichteten.
Conradi, im Nebenberuf Aufsichtsratsvorsitzender beim Kaufhof, weiß, wie er die Berliner ausschalten kann. Die Metro wollte 1980 am Kaufhof eine Beteiligung von über 25 Prozent erwerben, das Kartellamt lehnte ab. Fast sechs Jahre lang kämpfte die Metro vor Gericht und bekam dann doch noch den Zuschlag.
Das Duo Metro/Kaufhof hat sich durch Zukäufe zu einer der mächtigsten Zusammenballungen im Handel entwickelt. Was nun entsteht, ist ein Superkartell, das alles unter einem Dach hat: Kaufhäuser und Großmärkte, Discounter und Versandhäuser, Bau- und Möbelmärkte, Selbstbedienungsläden und Fachmarktketten für Computer, Bücher, Schuhe und Unterhaltungselektronik.
Die Größten im Handel sind im neuen Verbund durch ein wirres Geflecht miteinander verschlungen - über direkte Beteiligungen, Einkaufskooperationen oder gemeinsame Logistiksysteme.
Zum Einflußbereich der Metro zählen etwa die Handelsriesen Asko und Massa. Horten ist eng liiert mit den ostdeutschen Konsumgenossenschaften und den Warenhäusern Konsument. An seinem neuen Aktionär Kaufring ist Horten mit 25 Prozent beteiligt.
Der krakenhafte Zugriff der Metro-Gruppe nun auf Horten und damit indirekt auf den Kaufring wird Konkurrenten und Kartellwächtern wenig gefallen. Für die Düsseldorfer Warenhaus-Kette aber bedeutet die Einbettung in das Conradi-Reich wohl die Rettung.
Der ertragsschwache Horten-Konzern war lange Zeit von der Zerschlagung bedroht. Der Eigentümer, die Londoner BAT-Gruppe, hatte mit einer Reihe von Interessenten verhandelt, aber alle fanden nur an einzelnen Häusern Geschmack. Um die Ausschlachtung zu verhindern, sprang Ende 1990 die WestLB ein. Neuber wollte so lange mit dem Weiterverkauf warten, bis sich für die Warenhaus-Gruppe ein sinnvolles Konzept ergab.
Mit Horten soll der Firmenschacher zwischen Neuber und Conradi noch nicht zu Ende sein. Bei ihrem Abendessen kamen sie auf ein Geschäft zu sprechen, an dem der Metro-Mann ebenfalls interessiert ist.
Die WestLB sucht für ihre 34prozentige Beteiligung an der Düsseldorfer Fluggesellschaft LTU einen Käufer. Auch da wäre Metro die richtige Adresse. Sie ist im Sektor Touristik überaus aktiv.
Conradi selbst spielt seine Beutezüge herunter. Alles diene nur dazu, sagt er, "das Vorhandene besser zu machen und auszubauen". o

DER SPIEGEL 48/1991
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