23.09.1991

ZeichentrickAufgeklärtes Bewußtsein

Die glupschäugigen „Simpsons“ sind in den USA ein Riesenerfolg. Jetzt erobern sie auch in Deutschland die Bildschirme und den Markt.
Der Ort heißt Springfield und er könnte überall dort liegen, wo Amerika breit, flach und ein wenig langweilig ist: Der Rasen in den Vorgärten ist kurz geschnitten, in den Garagen stehen zwei Autos, die Frauen treffen sich zum Tratsch in einem riesigen Einkaufszentrum, und wenn der Abend kommt, versammeln sich die Familien vor dem Fernsehapparat.
Schon auf den zweiten Blick zeigt die heile Welt Risse. Das Wahrzeichen der kleinen Stadt ist ein großes baufälliges Atomkraftwerk, die Müllhalden voller Gift stinken vor sich hin, und wenn einer an den Tümpeln um Springfield die Angel auswirft, muß er damit rechnen, daß ein grauer, glitschiger Klumpen mit mindestens drei Augen am Haken hängt.
Es leben eine Menge Familien in Springfield, aber nur eine hat es geschafft, wirklich berühmt zu werden. Sie heißen "The Simpsons", sind Comicfiguren und ihre Porträts gibt es in 50 Ländern, darunter Island, Brasilien und Simbabwe, auf Suppentellern, Bettwäschegarnituren, Speiseeis, Autoscheiben und Brettspielen zu kaufen.
Den Hintergrund zu dieser erfolgreichen Verwertungs-Strategie bilden die Zeichentrickfilme, die von den Fernsehanstalten ausgestrahlt werden. In Deutschland sorgte vor einigen Monaten der Pay-TV-Sender "Premiere" für die erste Bekanntschaft mit der Familie mit den pommes-frites-gelben Gesichtern, den Glupschaugen und den unkorrigierbaren Überbissen.
Seit vorletzter Woche setzen die Gnome auch via ZDF zur Eroberung der deutschen Haushalte an. "Das wird der neue Alf", jubelt der Sender in Mainz. Die Münchner Merchandising KG, die sich die deutschen Vermarktungsrechte an den fünf Figuren sicherte, rechnet fest damit, daß die "Simpsonmania" auch hierzulande ausbrechen wird.
Amerika ist längst von der Simpson-Hysterie befallen. Im Jahr 1990 wurden mit der Comic-Familie 1,3 Milliarden Dollar Umsatz gemacht, allein 70 Millionen T-Shirts mit dem Konterfei des Helden Bart Simpson verkauft, und im Handumdrehen wurde die Nation gespalten.
Auf der einen Seite kämpfen die Feinde der Simpsons, angeführt von der Präsidentengattin Barbara Bush, die behauptete, noch nie solchen Unsinn im Fernsehen gesehen zu haben. Ihr folgen Lehrer, die kurzerhand Bart-Simpson-T-Shirts aus den Schulen verbannten.
Auf der anderen Seite fechten die Freunde der Simpsons, allen voran der Kinoregisseur Steven Spielberg, der gestand, in einem Simpsons-T-Shirt zu schlafen. Die Fan-Gemeinde ist auf dem besten Weg, die Simpsons zum größten kommerziellen Erfolg seit Batman, zur erfolgreichsten TV-Zeichentrickserie seit den Feuersteins und Bart Simpson zur populärsten Figur seit Mickymaus zu machen. Die Simpsons haben Amerikas Alltag durchdrungen. Sie sind echte Popstars geworden.
Dabei leben die kleinen gelben Männchen nicht so, wie es sich im Normalfall für amerikanische Serienhelden gehört. Vater Homer, den noch drei Haare vor der vollendeten Kahlköpfigkeit bewahren, verbringt seinen Tag vor den Überwachungsgeräten des kaputten Atomkraftwerks und schläft dabei meist ein. In der Kneipe trauert er gerne seinem verschwendeten Leben nach.
Mutter Marge, die in ihrer lilablauen Turmfrisur Wertsachen versteckt, verfügt auch nicht gerade über besondere Intelligenz, aber über ein einigermaßen aufgeklärtes Bewußtsein - sie ist gegen Gewaltcartoons im Fernsehen und findet, daß Frauen auch Menschen sind. Ihre drei Kinder erzieht sie mit viel Liebe und ebensoviel Lebensweisheiten: "Ihr müßt lächeln", predigt sie, "und ihr werdet zu Partys eingeladen und später glücklich werden."
Kein Wunder also, daß sich die drei Kinder ihre eigene Welt zusammenbasteln. Tochter Lisa spielt im Schulorchester, wünscht sich ein Pony und bewahrt ihre Familie dank ihres praktischen Verstandes vor dem totalen Niedergang.
Den betreibt ihr Bruder Bart um so eifriger. Diese moderne, zynische Version des Streuners Huckleberry Finn macht mit seinem Skatebord die Stadt unsicher, vervielfältigt seinen Hintern auf dem Schulkopierer und liest keine Bücher, ausgenommen die Tagebücher seiner Schwester. Und mitten im Familienchaos versucht sich Baby Maggie zu behaupten.
Der Schöpfer der erfolgreichen Versagersippe, Matt Groening, 37, hatte schon vor den Simpsons mit einem Kaninchen namens "Binky" für Aufsehen gesorgt. Dessen zynisch-lakonischen Kämpfe im urbanen Alltag verkaufte Groening unter dem Titel "Life in Hell" als Fortsetzungscomic an über 200, meist links-alternative Zeitschriften und Zeitungen. Danach durfte Groening zusammen mit dem Produzenten James L. Brooks und dem Drehbuchautor Sam Simon 1987 die Simpsons planen. Zuerst als Pausenfüller einer Comedy Show, drei Jahre später als eigene Serie.
Der Erfolg der Fernsehfamilie, die noch vor ein paar Jahren als Symbol des "poor, white trash" verdammt worden wäre, überraschte selbst das Nachrichtenmagazin Newsweek, das bei den Zuschauern Sehgewohnheiten feststellte, "die an das Religiöse grenzen".
Die tieferen Gründe für derartigen Fanatismus sind im Amerika der neunziger Jahre schwer zu übersehen. Das Realeinkommen sinkt, die anhaltende Rezession läßt um die Arbeitsplätze fürchten. In einem Land, in dem, so der Autor David Marc, "50 Prozent aller Ehen mit Scheidung enden und Crack an jeder Straßenecke verkauft wird", zerbricht das Bild von der heilen Welt ebenso, wie die alte amerikanische Ideologie vom selbstgemachten Glück.
Die Simpsons räumen mit solchen Lebenslügen gründlich auf. Traditionen, die ihren Sinn verloren haben, werden dem Spott preisgegeben, Regeln, die nicht funktionieren, mit Häme zersetzt. Die Picknickeinladung beim Chef, beispielsweise, endet nicht mit der Beförderung, sondern mit einem Beförderungsverbot auf Lebenszeit. Der Versuch, den Fernseher ins Leihhaus zu bringen und nette Abende am Spieltisch zu verleben, führt fast zur Selbstausrottung.
Die Reinfälle der Simpsons stehen in einer langen amerikanischen Comic-Tradition. Auch Donald Duck und Charlie Chaplin haben als Anti-Helden viel Geld eingespielt. Groenings Simpsons aber drehen die Schraube weiter.
Ihre alltäglichen Querelen werden nicht mehr von dem Glauben begleitet, daß irgendwann einmal alles gut wird. Jeder kämpft, egal ob auf smarte oder dumme Weise, gegen jeden, und am Ende besiegt das System alle. Ein Happy End gibt es nicht mehr. Das ist manchmal traurig, aber immer komisch.
Wirklich komisch aber ist Matt Groening, ein überzeugter Amerikaner, der es vom Gelegenheitsarbeiter zum Multimillionär gebracht hat. Er zeichnet wie ein Popkünstler und denkt wie ein Marxist, der alle schmuseweichen Lebensregeln außer Kraft setzt und nur noch ein Gesetz gelten läßt: "Es gibt kein richtiges Leben im falschen."

DER SPIEGEL 39/1991
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DER SPIEGEL 39/1991
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