25.11.1991

InterhotelsJeden Tag eine Tüte

Der Autovermieter Sixt zog sein Angebot für die ostdeutschen Interhotels zurück. Nun kommen Berliner Bauträger zum Zug.
Für die positiven Schlagzeilen gab Erich Sixt Ende vergangener Woche viel Geld aus. "Die besten Sixt-Angebote sind mit einem Stern gekennzeichnet", verkündeten in vielen Tageszeitungen ganzseitige Anzeigen, die den Mercedes-Fuhrpark des Münchner Autovermieters priesen.
Die negativen Schlagzeilen bekam Sixt umsonst. Das Sixt-Angebot an die Berliner Treuhandanstalt, für rund 2,5 Milliarden Mark 29 Interhotels zu erwerben, war überraschend geplatzt. Der Münchner Erfolgs-Unternehmer wollte plötzlich den vereinbarten Preis nicht mehr bezahlen.
So nahm der größte Verkauf der Treuhand eine unerwartete Wende. Eigentümer werden jetzt die beiden Berliner Baulöwen Klaus Groenke und Axel Guttmann, die Chefs der Klingbeil-Gruppe.
Noch Anfang dieses Monats schien alles auf Erich Sixt zuzulaufen. Der Münchner Autovermieter hatte sich bereit erklärt, 2,5 Milliarden Mark als Kaufpreis zu überweisen. Weitere 1,16 Milliarden Mark wollte er in Renovierung und Ausbau der Hotelkette investieren. Die Finanzierung, so hatte Sixt die Treuhand wissen lassen, sei kein Problem. Die Bayerische Landesbank und ein "großes Münchener Institut" (Sixt) würden zusammen mit weiteren Banken den erforderlichen Kredit gewähren.
Doch dann gerieten die Verhandlungen zwischen Sixt und der von der Treuhand beauftragten Warburg-Bank ins Stocken. Der Autovermieter stieß sich plötzlich daran, daß das Berliner Hotel Unter den Linden mit einem "erheblichen Restitutionsrisiko" behaftet sei. Dieses Hotel, so Sixt, sei ein "zentraler Bestandteil" seines Konzepts. Er könne den Kaufpreis in Höhe von 200 Millionen Mark für dieses Haus erst dann bezahlen, wenn die Ansprüche der Altbesitzer ausgeräumt seien.
Die Verhandlungspartner erzielten einen Kompromiß. Dann schob Sixt eine weitere Forderung nach. Er verlangte nun, daß der Kompromiß, der für das Hotel Unter den Linden gefunden war, auf alle Häuser übertragen wird.
Sixt fürchtete, die Rechte der Alteigentümer könnten ihn an den notwendigen Modernisierungs-Investitionen hindern. "Wenn ich die Häuser aber nicht schnellstens auf West-Niveau bringen kann", erklärte Sixt, "dann hat das katastrophale Folgen für meine gesamte Finanzierung."
Neueste Gerichtsurteile, argumentierte der Münchner Unternehmer, stärken die Alteigentümer und blockieren die notwendigen Investitionsbescheide. "Wenn ich eine Milliarde Mark einsetzen will", so Sixt, "kann ich nicht das Risiko eingehen, mich von ein paar Beamten abhängig zu machen." Deshalb müsse die Treuhand ihm einen Preisnachlaß gewähren, falls in drei Jahren nicht die erforderlichen Erlaubnisse zum Umbau der Hotels vorliegen.
Da machten die Treuhand-Manager nicht mehr mit. Sie forderten Sixt auf, den Vertragstext bis zum 21. November zu unterzeichnen. Gleichzeitig verhandelten sie weiter mit den Sixt-Konkurrenten Groenke und Guttmann.
In den frühen Morgenstunden am Donnerstag vergangener Woche unterzeichneten die Klingbeil-Inhaber die Übereinkunft. Am Freitag, so der Zeitplan, sollte der Treuhand-Verwaltungsrat dann endgültig entscheiden, ob Sixt oder Groenke/Guttmann den Zuschlag erhält.
Doch Sixt wollte die Hotels nicht mehr haben. Per Fax teilte er der Treuhand mit, daß er die Verhandlungen "für beendet" betrachtet.
Die Treuhand-Manager glauben, daß Sixt nur einen Vorwand suchte, um aus dem Geschäft auszusteigen. Der Münchner Autovermieter, der kaum Eigenkapital besitzt, habe offenbar Schwierigkeiten mit der Finanzierung bekommen.
Groenke und Guttmann hingegen sind trotz der Restitutionsrisiken bereit, die 29 Interhotels zu einem Preis von 2,1 Milliarden Mark zu übernehmen. Zusätzlich wollen sie in den nächsten sechs Jahren gut eine Milliarde Mark in die Hotels investieren und für 1,2 Milliarden Mark Hotelneubauten in der ehemaligen DDR errichten. Finanziert wird die gewaltige Investition durch den Klingbeil-Partner Deutsche Bank.
Die Interhotel-Kette bleibt allerdings nicht in der bisherigen Form bestehen. Groenke und Guttmann wollen die besten Hotels der Gruppe an andere Interessenten verpachten. Bis zu 13 Häuser sollen internationalen Hotelkonzernen überlassen werden, mindestens drei sollen an mittelständische Unternehmen gehen. Die restlichen Hotels werden, gemeinsam mit den geplanten Neubauten der Groenke-Guttmann-Gruppe, zu einer Hotelkette der mittleren Kategorie zusammengefaßt.
Die "Maximierung des starken Wettbewerbsklimas unter den Bietern", die sich die Warburg-Banker zum Ziel gesetzt hatte, klappte hervorragend. Bei der Jagd nach den begehrten Hotels verlor Sixt offenbar das Maß für den betriebswirtschaftlich vertretbaren Preis.
Das Projekt ist auch für die neuen Eigentümer gewaltig. "Allein die Zinsen für die Bankkredite kosten uns jeden Monat 40 Millionen Mark", sagt Alfred Weiß, der für Groenke/Guttmann den Hotelbereich führt.
"Der Bank", so Weiß, "dürfen wir jetzt jeden Tag eine Tüte mit mehr als einer Million Mark Zinsen ins Haus tragen."

DER SPIEGEL 48/1991
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 48/1991
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Interhotels:
Jeden Tag eine Tüte

  • Atommüll-Endlager: Wie Morsleben stillgelegt werden soll
  • Anti-Brexit-Demo: "Ich mache das für meine Kinder"
  • Homosexualität in Uganda: Liebe unter Lebensgefahr
  • Schottische Insel: Der weltweit einzige Strand-Flughafen