23.09.1991

DokumentarspielSauberer Krieg

Was Hans-Dietrich Genscher nicht gelang - ein Prozeß gegen Saddam Hussein -, versucht nun das Fernsehen. Doch auch hier kommt es nicht zum Urteil.
Die Außenminister sind ratlos. Seit Tagen sitzen sie um einen grünen Tisch und diskutieren. Darüber, ob Saddam Hussein Adolf Hitler sei und ob sie ihn wie einen Nazi-Verbrecher vor ein internationales Tribunal stellen _(* Mit Österreichs Staatspräsident Kurt ) _(Waldheim bei dessen Irak-Besuch im ) _(August 1990. ) sollen. Standpunkte werden referiert, Floskeln ausgetauscht, Sachverständige gehört, ein Kirchenmann kommt zu Wort.
Doch als die Verhandlungen vertagt werden und die Diplomatie wieder an ihre Stelle rückt, steht fest, daß Politiker, die gerecht sein wollen, am Ende sind. Während zwei Dienstmänner die Namenskärtchen und Landesfähnchen vom Tisch räumen, sagt der dickere von beiden: "Die steh''n mehr auf''n sauberen Krieg als auf''n schmutzigen Prozeß."
Die Idee, Saddam Hussein den Prozeß zu machen, stammt von Hans-Dietrich Genscher. Weil der damit wenig Resonanz fand und auch nicht alles selber machen kann, haben jetzt der Funk- und Fernsehautor Werner Hill und der Regisseur Horst Königstein das umstrittene Projekt zu Ende gedacht.
Unter dem Titel "Saddam - Einübung in ein Tribunal" inszenierten die beiden die Vorbereitungen zur Gerichtsverhandlung als Fernsehspiel - ein Versuch, die Gründe und Motive aller Beteiligten für den Krieg am Golf dramaturgisch sichtbar werden zu lassen. Gesendet wird das Lehrstück an diesem Samstag in Nord III und West III.
Die pädagogische Absicht ist überdeutlich. Hill und Königstein lassen die Delegierten der westlichen Nationen über die Interessen Saddams diskutieren und stellen so deren Interessen am Krieg bloß. Die Vorwürfe der Allianz gegen den irakischen Diktator entlarven auch die eigenen, schmutzigen Absichten.
Die zähen Debatten werden durch Dokumentaraufnahmen aus den Nürnberger Prozessen, Bilder von den nächtlichen Bombardements auf Bagdad und Darstellungen der Opfer gebrochen und verfremdet. Kriegsszenarien, die noch während des Golfkonfliktes als authentische Reportagen des amerikanischen Nachrichtensenders CNN über den Bildschirm kamen, sehen jetzt ganz anders aus. Sie stehen nicht länger im Kontext der Geschichten, die zuversichtliche Sieger erzählen.
"Replay" nennt Hill diese Form des Fernsehspiels, und es wird schnell klar, daß er damit nicht, wie mit einer gut recherchierten Dokumentation, die Wahrheit aufdecken kann. Sein Ziel ist bescheidener: Dem Fernsehen soll ein Gewissen gegeben werden.
Natürlich ist das eine ehrenwerte Absicht, und natürlich ist das daraus entstandene Fernsehspiel eine spröde, getragene und bisweilen überinszenierte Angelegenheit. Fast zwei Stunden lang wird der Zuschauer mit einer Mischung aus zurechtgeschriebenen Fakten und Interpretationen konfrontiert. Aber im Gegensatz zur Fernsehrealität während der Tage des Golfkrieges mit ihren Bombardement-Bildern auf der einen und den zusammengebrochenen Standleitungen auf der anderen Seite geben Hill und Königstein nicht vor, authentisch die grausame Wirklichkeit ins gemütliche Heim zu transportieren.
Im Gegenteil. "Saddam" ermöglicht dem Zuschauer keine Urteilsbildung über den Krieg, weil eine feste Perspektive fehlt. Nur noch Fragmente der Betrachtung, Trümmer einer Analyse und eine Menge Fragen bleiben übrig.
Bei einem Krieg, der trotz CNN unter Ausschluß der Öffentlichkeit geführt wurde, einem Gemetzel, das von hochdekorierten amerikanischen Generalen als "große Party" oder als "Truthahn-Schießen" gefeiert wurde, ist diese Form der Darstellung vielleicht die einzig mögliche - eine Farce ausgenommen.
Doch allen Anstrengungen zum Trotz, am Ende bleiben nur Verlierer: die Toten, die in einem gewissenhaft-gewissenlosen Krieg geopfert wurden; Hill und Königstein, die ihren bleiernen Versuch der Wirklichkeits- und Medienkritik besser im Hörfunk untergebracht hätten; und Hans-Dietrich Genscher, der weder seinen Prozeß bekommt noch ein Honorar für seine Idee. _(* Mit Gisela Trowe als israelische ) _(Beobachterin. )
Kriegführer Saddam*: Am Ende bleiben nur Verlierer
Genscher-Darsteller Matschoß* Die Diplomatie erobert ihren Platz
* Mit Österreichs Staatspräsident Kurt Waldheim bei dessen Irak-Besuch im August 1990. * Mit Gisela Trowe als israelische Beobachterin.

DER SPIEGEL 39/1991
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