23.09.1991

KulturpolitikEwiger Spagat

Die Frankfurter Buchmesse soll, so fordern nicht nur Pen-Autoren, den Iran wieder ausladen. Der Fall Rushdie schwelt weiter.
Der berühmte Schriftsteller schien dem Zusammenbruch nahe zu sein. Salman Rushdie, 44, standen Tränen in den Augen, als er sich im Londoner Hotel Dorchester für einen Preis bedankte - er wurde ihm für sein Kinderbuch "Harun und das Meer der Geschichten" verliehen.
Statt nun, wie bei früheren Gelegenheiten, seine aussichtslose Lage bissigironisch zu kommentieren, beschrieb der vom Ajatollah Chomeini mit dem Todesbann belegte Verfasser der "Satanischen Verse" sichtlich aufgewühlt zwei Attentate.
In Mailand wurde der italienische Übersetzer der angeblich blasphemischen "Verse" niedergestochen. Und, ebenfalls im Juli, wurde dessen japanischer Kollege in Tokio ermordet, "das blutige Sohlenprofil eines chinesischen Kung-Fu-Schuhs blieb buchstäblich die einzige Spur" (Frankfurter Allgemeine).
Rushdie, fast flehend: "Bitte, machen Sie deutlich, daß wir es nicht hinnehmen, daß ein Mann ermordet werden soll, nur weil er ein Buch geschrieben hat." Sodann verschwand er, an einen geheimgehaltenen Ort - unter Polizeischutz.
Die Täter von Mailand und Tokio wurden bislang nicht gefunden. Doch wenig spricht gegen die Annahme, daß es sich um fanatisierte Muslime handeln könnte. Die Nachfolger des Imam haben zudem den Kopfpreis für Rushdies Leben auf 4,5 Millionen Dollar heraufgesetzt.
Einen prominenten Freund fand Rushdie in Deutschland. Barsch lehnte, Anfang der vorigen Woche, Günter Graß einen Auftritt bei der Frankfurter Buchmesse ab. Graß: "Ich reise nicht nach Frankfurt, weil ich es abscheulich und unsolidarisch von der Messeleitung finde, den Boykott iranischer Verlage in diesem Jahr ohne glaubhafte Begründung aufzuheben."
Das hatte die Buchmesse schon im Februar dieses Jahres beschlossen. Doch seit den Attentaten und Rushdies Auftritt in London gerät Frankfurts Messedirektor Peter Weidhaas, 53, immer mehr ins Kreuzfeuer der Kritik - außer Graß selbst bleibt auch der Göttinger Steidl-Verlag, in dem das neue Graß-Buch "Vier Jahreszeiten" erschienen ist, der Messe fern.
Zudem prügelten unisono Taz und FAZ, Zeit und Pen auf den Direktor und die "Ausstellungs- und Messe-GmbH des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels" ein. Verteidiger fand Weidhaas in Rowohlt-Verlagsleiter Michael Naumann, dem Berliner Verleger Klaus Wagenbach und dem Hamburger Peter Schütt. Schriftsteller Schütt ist mit einer Iranerin verheiratet.
Am Freitag voriger Woche startete der Münchner Senior-Verleger Klaus Piper die vorerst jüngste Protestaktion, eine Unterschriftenkampagne gegen die Iran-Verlage. Adressat: der Frankfurter Messe-Aufsichtsrat.
Der Tenor der Buchmessen-Kritik: Geschäfte mit dem Iran hätten "die moralische Qualität des Waffenhandels", deshalb "Schande über eine Buchmesse, die den massiv von der Ermordung bedrohten Schriftsteller Rushdie auf diese Weise geradezu verrät" (Die Zeit).
Die FAZ sorgte sich ums Abendland: Der Wortbruch der Messe müsse den "von westlicher Schwäche zutiefst überzeugten Fundamentalisten neuen Auftrieb geben". Sarkastisch konstatierte die Taz "business as usual", Geschäfte wie gewohnt.
Gut im Geschäft mit dem Iran sind die Deutschen, nachdem die westliche Welt ihren irakischen Feind Saddam Hussein besiegt hatte.
Schon im Februar dieses Jahres hatte Außenminister Hans-Dietrich Genscher mit seinem iranischen Kollegen Möglichkeiten eines Kulturaustausches erörtert. Flankierende Maßnahme im AA: Brieflich machte es den Buchmesse-Chef Weidhaas darauf aufmerksam, die bisherige Boykott-Politik stehe dem neuen Flirt mit dem Iran etwas im Wege.
Ende April reiste eine erste Bonner Delegation nach Teheran. Führer der Truppe: der Kulturchef im Auswärtigen Amt, Barthold C. Witte. Auch Weidhaas war mit von der Partie.
Im Protokoll dieser Kulturreise wurde ein "Iranisches Kulturfestival" in Düsseldorf festgeschrieben, das von der Thyssen Handelsunion, der Stadt Düsseldorf und dem Teheraner Ministerium für Islamische Führung organisiert wurde und von Thyssen schon lange avisiert worden war.
"Musik aus Täbris" und "Klassik aus Teheran" gerieten nicht nur zum Kunstgenuß. Beim Eröffnungskonzert Mitte September versuchten oppositionelle Perser, den Saal zu stürmen und, so Thyssen-Sprecher Hans Peter Schreiner, "auf alles einzuprügeln, was Bart trug und nach Religion aussah".
Zu Bruch ging bei dem Gerangel die Brille des iranischen stellvertretenden Ministers Abdolgassem Choschrou, Bartträger Schreiner kam mit einem blauen Fleck davon.
Als Opfer des "ewigen Spagats" zwischen radikalen Frommen und weltlichen Oppositionellen sieht sich auch Weidhaas.
Gleichwohl hält er sich für "den falschen Adressaten". Denn, feiner Unterschied, nicht der Staat Iran sei zur Buchmesse wieder zugelassen worden, sondern "private Verlage".
Obendrein habe Rushdie in einem Telefongespräch am 26. August Verständnis bekundet - vorausgesetzt, es werde verhindert, "daß der Iran die Präsenz iranischer Verlage in Frankfurt zur Sanktionierung des Status quo ausbaut". Mannhaft habe deshalb Weidhaas allen Pressionsversuchen des iranischen Botschafters in Bonn widerstanden, der in Frankfurt seinen Staat deutlich repräsentiert sehen wollte.
Der gewählte Kompromiß, das weiß auch Weidhaas, ist fragwürdig. Die Staatsferne oder -nähe der in Frankfurt gemeldeten Verlage hat er gar nicht erst "wie ein Zensor" recherchieren mögen.
Dabei ist zum Beispiel die in Frankfurt beteiligte Ettelaat-Gruppe, glaubt man dem in Berlin lebenden oppositionellen Schriftsteller Bahman Nirumand, 54, "ganz sicher" eine staatliche Firma. Die Tageszeitung gleichen Namens habe den Mordaufruf Chomeinis begeistert kommentiert. Ohnehin deute die Tatsache, daß etliche renommierte Privatverlage in Frankfurt nicht erschienen, auf straffe Selektion hin.
Auseinandersetzungen sind wohl zu erwarten. Eine erste Vorsichtsmaßnahme: Die iranischen Verlage stellen nicht en bloc aus, sondern in zwei Hallen und weiträumig getrennt.
Auch sonst bleibt es beim delikaten Spagat: Auf einer Podiumsdiskussion will Weidhaas seine Position verteidigen - und zugleich die Fundamentalisten gebührend "denunzieren".

DER SPIEGEL 39/1991
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