23.12.1991

„Wir gehen zugrunde“

Am Rande der verrotteten Fabrikstadt drücken sich die flachen, ockerfarbenen Häuser von Alt-Timisoara ans Ufer der Bega. Über die Strada Valisoara, die zum Haus von Dorina Icobescu führt, hasten vermummte Gestalten durchs Halbdunkel, die hohen Schaffellmützen in die Stirn gedrückt zum Schutz gegen den eisigen Wind, der Plastikmüll und leere Cola-Dosen vor sich her treibt.
Über Dorina Icobescu, wohnhaft Valisoara 16, liegen den Buchhaltern des rumänischen Elends keine Einträge vor: weder arbeits- noch obdachlos, kein Fall für die Armenküche. Die 29jährige bewohnt mit ihrem Mann eine Zweizimmerwohnung, hat drei Kinder und verdient ihr Geld als Gerberin.
Die schwarze Eineinhalbzentner-Sau, die im Vorgarten fürs Weihnachtsfest gepäppelt wird, paßt zu dieser von der Statistik vorgegaukelten Idylle. Doch hinter der zersplitterten Pergola, wo die fünf Icobescus in zwei Zimmern auf zusammen zwölf Quadratmetern wohnen, herrscht blanke Not.
Gegen die bis zu 20 Grad Frost, die in der westrumänischen Stadt Timisoara zehn Tage vor Weihnachten gemessen werden, richten der Holzofen und die elektrischen Heizröhren wenig aus. Die Wasserleitung ist zugefroren, die Wäschestücke liegen zu Klumpen vereist im Waschhaus, das auch als Bad dient.
Ratten haben in die Lehmstroh-Wände und in den hölzernen Küchenboden faustgroße Löcher gefressen. Dorinas Ehemann Daniel, von Beruf Dreher, hat sie aus dem Kleiderschrank vertrieben, in die Öffnungen Glasscherben gemauert und ein zerbissenes Kinderbett ersetzt.
Dorina erhält umgerechnet 15 Mark Mutterschaftsgeld monatlich und pflegt ganztags den vier Monate alten Fabian. Er leidet an Mastozytose, einer Zellwucherung, die tödlich enden kann. Den von eitrigen Pusteln übersäten Rücken pinselt sie mit einer Mischung aus Kamillentee und Eigelb ein.
Die Wunderwaffen aus dem fernen Pharmaparadies Leverkusen, deren Namen der Arzt bisweilen nennt, sind für die Familie unerschwinglich.
In Timisoara macht schon der Gedanke an Weihnachten wütend. 22 Pfennig pro Kind sind alles, was Erich Pfaff, Direktor des städtischen Lenau-Gymnasiums und einer von vielleicht noch 10 000 Deutschen in der Stadt, für ein Stück Schokolade zum Fest stiften kann. "Wir gehen zugrunde in diesem Land", sagt Pfaff.
Die 400 000-Einwohner-Metropole des rumänischen Banats richtet sich auf den wohl härtesten Winter der Nachkriegszeit ein. Timisoara, traditionell die Heimat von Rumänen, Ungarn, Deutschen und Serben, gilt als Heldenstadt, seit dort vor zwei Jahren die Revolte ausbrach, die das Regime des Menschenschinders Nicolae Ceausescu zu Fall brachte.
Erst waren es Hunderte, die am 15. Dezember 1989 gegen die Abschiebung des ungarischen Pfarrers Laszlo Tökes in der Strada Timotei Ciparu protestierten, schließlich Zehntausende, die auch vor den Kugeln von Miliz und Securitate nicht mehr zurückwichen. Längst ging es nicht mehr um den Schutz des Pastors - das Volk der Rumänen hatte sich endlich erhoben. Am 22. Dezember 1989 wurden Ceausescu und seine Frau Elena verhaftet, drei Tage später zum Tode verurteilt und erschossen.
Timisoara hat den Sturz des Despoten teuer bezahlt. Wie viele Menschen während des Aufstands ihr Leben ließen - erste Schätzungen gingen von 14 000 Opfern aus, die offizielle Bilanz spricht nur von 96 -, bleibt ungeklärt. Die Anklage im Prozeß gegen 24 Hauptbeteiligte am Massaker von Timisoara lautete jedenfalls auf Völkermord.
Am 2. März vergangenen Jahres eröffnete Generalmajor Cornel Badoiu in der Casa Tineretului, dem Jugendzentrum, das Verfahren gegen die Schreibtischtäter von Timisoara. Aus Sicherheitsgründen hielt das rumänische Fernsehen die Identität des Vorsitzenden geheim. Später wurde der Prozeß nach Beschwerden der Gefangenen über angeblich unmenschliche Haftbedingungen nach Bukarest verlegt. Am 9. Dezember, nach 21 quälenden Verhandlungsmonaten, ist die Gerichtsakte geschlossen worden.
Nur acht Angeklagte wurden zu Freiheitsstrafen zwischen 15 und 25 Jahren verurteilt, darunter der kommunistische Parteisekretär und der Securitate-Chef im Kreis Timis, Radu Balan und Traian Sima. Die mutmaßlichen Hauptverantwortlichen für das Blutbad, die Miliz-Generäle Nuta und Mihalea, waren noch während der Unruhen auf mysteriöse Weise bei einem Hubschrauber-Absturz ums Leben gekommen.
20 000 Menschen kamen Anfang vergangener Woche, um am zweiten Jahrestag des Umsturzes auf dem Siegesplatz zu demonstrieren. Sie forderten die Rückkehr des 1947 abgesetzten Königs Michael und konkrete Hilfe für die Heldenstadt: "Der Kommunismus starb in Timisoara."
Die Kämpfer von damals stehen jetzt vor Zimmer 311 im ersten Stock des Rathauses, wo Bürgermeister Liviu Borha das Elend verwaltet.
In den Händen halten sie Papiere, mit denen sie sich als Opfer der Staatsgewalt ausweisen. Der alte Mann mit der Pelzmütze, der seit elf Jahren Anträge auf eine Gasflasche zum Kochen stellt, beobachtet stumm seinen Nachbarn, dem während der Unruhen das rechte Bein zerschossen wurde. Der wohnt noch immer im vierten Stock eines Hauses ohne Aufzug. "Was kann ich allein schon machen", fragt Bürgermeister Borha, "ich habe das alles so satt."
"Ohne Zweifel ist alles noch schlimmer als vor der Revolution", sagt Nicolae Corneanu, der Metropolit der orthodoxen Kirche im Banat. Der Pope mit dem wehenden Kinnbart, der einst dem Kollegen Tökes von der Reformierten Kirche Verrat am rumänischen Volk vorwarf, hat die Wende schadlos überstanden und steuert sein 30. Amtsjahr an. "Die neue Regierung", sagt er jetzt, "stachelt zum Haß auf."
Der Metropolit warnt vor dem keimenden Hader der Nationalitäten in Timisoara und anderswo. Präsident Ion Iliescu kann ethnische Konflikte als Ablenkung gebrauchen - wenn Ungarn und Rumänen sich zu Tode prügeln, wie 1990 in Tirgu Mures, gerät seine eigene Schuld am Elend der Rumänen in Vergessenheit.
Der Präsident könnte sich mit dieser Taktik durchmogeln. Im Frühjahr sind Neuwahlen, und der Unmut der Rumänen richtet sich vor allem gegen den zurückgetretenen Premier Petre Roman, der die schmerzhaften Wirtschaftsreformen politisch zu verantworten hat. Gemessen an der tristen Gegenwart erscheint gar Vergangenes wieder heller: Unter Ceausescu gab es mehr Brot für weniger Geld.
"Das ist das Ergebnis rumänischer Demokratie", schreit der alte Mann in der Strada Alecsandri, der seit mehr als acht Stunden bei 14 Grad unter Null Schlange steht für ein Kilo Hühnerfleisch zu 60 Pfennig. Weil der Sieg der Demokratie den Tod der subventionierten Planwirtschaft einleitete, setzen die hungernden Rumänen beides in eins: Wer die Demokratie wollte, so der fatale Schluß, hat ja gesagt zur Armut der Menschen.
Im November hat die Produktion in Timisoara und Umgebung einen Tiefststand erreicht. In einzelnen Branchen ist sie auf die Hälfte des Vorjahreswerts gesunken, bei einer Inflation von jährlich mehr als 100 Prozent. Beinahe alle Großbetriebe der Stadt, seit jeher ein Zentrum von Maschinenbau, Schuh- und Textilindustrie, haben ihre Beschäftigten auf Kurzarbeit Null gesetzt.
Die Betroffenen müssen nun mit 60 Prozent ihres Bruttolohns auskommen - durchschnittlich 30 Mark monatlich. Das reicht nach der neuesten Preiserhöhung für die Tankfüllung eines Mittelklasse-Wagens. Die Statistik für Timisoara und die umliegenden Gemeinden weist nur 2034 Arbeitslose aus. Doch inoffiziell ist von Zehntausenden die Rede, die ohne Arbeit und Lohn sind.
Der völlige Zusammenbruch wird für das nächste Jahr prognostiziert, wenn das Konkursgesetz verabschiedet ist und die staatlichen Großbetriebe zum radikalen Schnitt ansetzen. "Bis jetzt hom's immer noch nach Rußland g'schaut, und bei uns is' nix passiert", klagt Heinrich Drobny, der Vize-Präfekt des Kreises Timis, im weichen Deutsch der Banater die Regierung in Bukarest an.
Noch immer gibt es kein Gesetz, das Investoren hundertprozentigen Gewinntransfer garantiert. Erst im nächsten Sommer soll es dem Parlament in Bukarest vorliegen. Rumänischen Boden dürfen Fremde auch dann nicht erwerben.
Florentin Cirpan ist einer der wenigen in Timisoara, die sich rechtzeitig angepaßt haben. Schon als Ceausescu stürzte, war er Generaldirektor von Comtim, dem größten Schweinemastkombinat der Welt. 1,1 Millionen Tiere werden bei Comtim in und um Timisoara gefüttert - ohne eine einzige Kläranlage. Die Gülle geht über den Fluß Birzava ins benachbarte Serbien.
Nach einem Zwischenspiel als Präfekt des Kreises Timis ist Cirpan heute wieder Direktor von Comtim und zusätzlich Gesellschafter eines Supermarkts, den er mit einem Exil-Banater und einem Österreicher betreibt. Cirpan liefert das Fleisch, die Ausländer die Maschinen für die Verarbeitung und die hochmoderne Vakuumverpackung.
Die Helden der Revolution hingegen sind bitter geworden und fordern Lohn. In Timisoara ist jetzt jeder willkommen, der aussieht, als wisse er, wie man Geld druckt. Gregor Verpoorten beispielsweise, Sprößling der rheinischen Eierlikör-Dynastie, der von Zeit zu Zeit im hellen Saab-Kabrio von seinem ungarischen Zweitwohnsitz herüberkommt, bringt den ersehnten Hauch der großen Welt mit in die Tristesse von Timisoara.
Sobald Verpoorten, 30, mit rosa Krawatte und modischem Jackett im Hotel Continental hofhält, jagt im eisigen Restaurant ein Geschäftsessen das nächste. Der junge Mann hat 1989 eine GmbH im ungarischen Szeged gegründet; seine Horizont SRL in Timisoara exportiert gewinnbringend Holz, Maschinen, Pelze und Leder nach Deutschland. Herr Verpoorten nimmt, was billig ist.
Heute soll es eine Sekretärin sein. Die junge Mutter, die zwei Sprachen spricht und sich beim Lunch um den Job bewirbt, will fünf Stunden täglich arbeiten - also halbtags, sagt Verpoorten. Sie weiß, daß in Deutschland dafür 1500 Mark bezahlt werden, wagt aber keinen Betrag zu nennen. Statt dessen macht der junge Herr einen Haushaltsplan für die Kandidatin und kommt auf rund 100 Mark monatlich - 12 Mark für Kosmetik inklusive.
Dann eben 100 Mark monatlich, sagt die Bewerberin. Da ist der Jung-Unternehmer enttäuscht: Ob sie den Unterhalt allein verdienen wolle, damit ihr Mann zu Hause die Füße auf den Tisch legen könne?
Nicht weit vom Hotel Continental entfernt, an der Piata 700, haben an diesem Tag die Ärmsten von Timisoara ein Holzfeuer entzündet. Die freie linke Hand halten sie über die wärmende Glut, die rechte ist fest um den Plastikbeutel gekrampft, den sie alle paar Sekunden über Mund und Nase stülpen: Neun Buben zwischen 13 und 14, die "Aurolack" schnüffeln, die Dose zu zehn Pfennig, um die bittere Kälte nicht mehr zu spüren.
Seit einem Jahr lebe er auf der Straße, sagt Florin, 13, der Anführer. Er hat als einziger eine Ledermütze mit Pelzbesatz. Mit schwerer Zunge wiederholt er mechanisch, er wolle "in ein schönes Kinderheim". Stelu mit der Zipfelmütze, der neben ihm steht, ist 14 und gerade 1,25 Meter groß. Er sei abgehauen, erzählt er, nachdem ihm sein Vater stockbesoffen Pech über den Fuß gegossen habe.
Höchstens drei der Jungs finden zum Schlafen Platz auf der angewärmten Steinbank über der Glut. Die anderen rollen sich auf dem blanken Boden oder über Abluftschächten zusammen. Den Lack verdienen sie sich durch Betteln. Essensreste klauben sie aus den Müllkübeln des nahe gelegenen Schnellimbisses "Express".
"Was kann man da tun, wenn, egal wovon die Rede ist, vom Verlieren die Rede ist", schrieb die rumäniendeutsche Schriftstellerin Herta Müller, ehe sie Timisoara 1987 verließ. Was können die tun, die immer verloren haben und doch bleiben müssen?
Daniel Icobescu, der Mann der Kürschnerin Dorina und Vater des kranken Fabian, ist in die Kirche gegangen und hat einen Keramik-Christus mit Dornenkrone gekauft. Der hängt nun, die rechte Hand vor die Augen geschlagen, neben dem Türrahmen in der Küche, hoch über dem Kübel mit Schweinefutter und der vereisten Spüle. "Wir werden auch diesen Winter überleben", sagt Dorina Icobescu, "vorausgesetzt, das Holz reicht." o
Von Walter Mayr

DER SPIEGEL 52/1991
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