25.11.1991

„Die wurschteln jeder für sich“

Riga im Baltikum, Spätherbst 1991. Im Flughafengebäude der lettischen Hauptstadt belauern sich West-Touristen und Ost-Grenzer wie auf einem unwirklichen Maskenball.
An den Schaltern hocken neue Grenzbeamte in altem Sowjet-Tuch und tun wichtig. An einem Couchtisch, auf Plastiksesseln, hauen junge Lettinnen, nicht älter als Reisebüro-Azubis, Einreise-Visa in Pässe. Keine Fragen, keine Kosten, keine Kontrollen. Nur Westler nicht verprellen.
In Narwa, der estnischen Grenzstadt auf dem Wege zum russischen St. Petersburg, dagegen knistert es. Die Grenzer, sämtlich fast noch Kinder, haben Auftrag, ernst zu machen. Hier kommen keine Westler, hier geht es um Russen.
Sowjetische Militärfahrzeuge in giftigem Grün werden demonstrativ gefilzt. Auch Sowjet-Zivilisten trifft der grelle Bannstrahl: Fluchend, mit rotgeplustertem Gesicht, reißt der Fahrer eines russischen Lastzugs sein Gefährt herum. Er muß 220 Kilometer zurück in die estnische Hauptstadt Tallinn, um sich korrekte Frachtpapiere zu besorgen.
In Iwangorod dagegen, drüben auf der russischen Seite des Narwa-Flusses: nichts. Keine Wachhäuser, keine Zollbeamte, kein Militär, kein Stacheldraht, keine Grenzzäune. "Herr Jelzin", so ein alter Russe, "denkt noch darüber nach, was er mit der Grenze machen soll."
Estland und Lettland, Stunde Null.
Mehr als Litauen, der dritte baltische Staat, liegen Estland und Lettland in böigem Wind. Mehr als das katholische Litauen sind sie von der Sowjet-Macht mit russischen Zwangseinwanderern überflutet worden. Und weit weniger als Litauen, das über lange Zeiten ein bedeutender Staat gewesen ist, können die beiden Republiken auf selbständige Tradition zählen: Lettland und Estland sind in den 800 Jahren ihrer meßbaren Geschichte gerade 22 Jahre frei gewesen. Von 1918 bis 1940.
Sowjet-Mief noch in allen Poren. Ein dumpfes Zuteilungssystem, eine ausgelutschte Industrie, eine verwesende Rubel-Währung, die keiner mehr will, die das Alltägliche gleichwohl sinnlos begleitet. 50 Jahre hatten die 4,3 Millionen Letten und Esten keine Volkswirtschaft. Statistisch gesehen waren sie nur ein Siebzigstel der Moskauer Planbürokratie. Und damit ist es nun aus. Moskau, mit dem rund 90 Prozent des baltischen Handelsverkehrs abgewickelt wurden, hat keinen Plan mehr.
Das seit 6. September freie Baltikum ist ohne Anker. Technik von vorgestern, Nationalismus von gestern und die Aussicht auf einen erbärmlichen Winter blockieren die Zukunft. Der ersehnte Sprung in die Marktwirtschaft kann zum Salto mortale werden. Planwirtschaft, Devisenschuppen, freie Teilmärkte, Schwarz- und Grauzonen begegnen sich wie in einer grotesken Collage.
Deutsche Schundanbieter, Neonazis und polnische Spekulanten dringen ein. Schrottaufkäufer und Nostalgie-Touristen, die scheu nach den Latifundien der Vorväter sehen, beleben die Devisen-Gastronomie. Alte Intourist-Kulturen überschneiden sich mit neuem, tastendem West-Investment.
Im Palace Hotel in Estlands Hauptstadt Tallinn, dem früheren Reval, haben finnische Manager aufgeräumt und kassieren New Yorker Preise. 170 Dollar die Übernachtung, 10 Dollar die Pizza im Restaurant plus Tuborg-Bier. Nicht weit davon, im alten Intourist-Hotel Olümpia, gibt's West-Bier nur aus einem versteckten Kühlschrank in der Garderobe: 2,50 Mark die Dose.
In Lettlands Hauptstadt Riga wird das Hotel de Rome mit Krediten der Patenstadt Bremen auf West-Standard getrimmt. Im Hotel Riga, einen Straßenblock weiter, hat die Fluggesellschaft SAS den dritten Stock verwestlicht: Übernachtung 125 Dollar. Und auch im Jever Bistro, einem Joint-venture der Stadt Riga und der Hamburger Bavaria-St.-Pauli-Brauerei, geht es mit West-Preisen zur Sache.
Abgerechnet wird über Hand-Computer und weiße Plastikkarten, die den jeweiligen Stand der Zeche speichern. Draußen an der Kasse sind internationale Kreditkarten genehm und internationale Währung. Keine Rubel. Ein-Mann-Rechnungen im Jever-Bistro erreichen locker 50 Mark, nach gegenwärtigem Umtauschkurs 1000 Rubel. In Wochen jeweils stellt die soziale Pyramide sich auf den Kopf. Kellner sind Millionäre, Wissenschaftler Bettler. Was zählt, ist, ob einer im Rubel- oder im Devisenkreislauf steckt.
Ein Abgeordneter des lettischen Parlaments verdient 700, eine Arbeiterin in dem Fischerei-Kombinat Brivais Vilnis ("Freie Welle") nördlich von Riga 600 Rubel. In deutscher Währung: 30 Mark. Denn der Rubel ist keine Währung. Er ist die symbolische Beigabe eines Tauschsystems, das neben den Hartwährungsgeschäften weiterläuft.
Für die Flasche Wodka sind zwar Rubel fällig. Aber Angebot und Nachfrage regeln Coupons, die von der Gemeinde verteilt werden. Damit niemand von nebenan hamstern kommt.
Eine Plattenbauwohnung in Riga kostet einschließlich Heizung, Wasser und Strom 25 Rubel. Jetzt gerade 1,25 Mark. Doch 169 000 Familien warten in Lettland, 87 000 davon in Riga, auf Zuteilung. Zehn Jahre Mindestzeit: Die wahre Währung ist das Schlangestehen. Wer die Schlange verkürzen will, zahlt bei Wohnungen 60 000 Rubel drauf. Oder erwirbt Wodka-Coupons auf dem Schwarzmarkt.
Die Bauarbeiter am Rigaer Hotel de Rome haben das Hart- und Weichwährungsproblem nach einem Streik auf salomonische Art gelöst: 250 Rubel im Monat plus 250 Dollar. Ökonomisches Zwiedenken. Aber Wirtschaftsreform?
Bevor es besser wird, predigt Lettlands bärtiger Premier Ivars Godmanis über den Fernsehschirm, werde zunächst alles schlechter werden. Denn die Wirtschaft der Länder ist kaputt, ihre Reserven versiegen, ihre Menschen leben zwischen Resignation und Streß. Wenn nächstes Jahr die Brot-, Benzin- und Butterpreise freigegeben werden, droht ein eisiger Schock.
Nach der Statistik zwar produziert *___Lettland (2,7 Millionen Einwohner) ein Sozialprodukt ____von 10,4 Milliarden US-Dollar, pro Kopf 3842 Dollar; ____Hauptindustrieprodukte sind Telefone, Autos, ____Eisenbahnwaggons und Mopeds, Bekleidung, ____Biotechnisches, Radios, Waschmaschinen und ____Rüstungsgüter; *___Estland (1,6 Millionen Einwohner) ein Sozialprodukt von ____9,6 Milliarden US-Dollar, pro Kopf 6000; ____Hauptindustrieprodukte sind Computer, Panzer- und ____Elektromotoren, Steuerungsanlagen und Bekleidung.
Damit lagen die Baltenstaaten innerhalb der alten Sowjetunion weit vorn. Doch Geld- und Produktionswerte sind Makulatur. Selbst blasse Hinweise auf Kaufkraft, Wettbewerbsfähigkeit und industrielle Potenz vermitteln sie nicht.
Ein Unternehmen im Sowjetsystem arbeitete eben nicht rentabel, sondern nach Plan. Seine Produkte wurden nicht verkauft, sondern getauscht: Telefonschaltungen aus Riga gegen Sowjet-Öl, Kleinbusse aus Jelgava, das auf deutsch Mitau hieß, gegen Düngemittel.
Nicht am Rubel, am Sowjet-Öl hängt die Baltenwirtschaft in ihrem Niemandsland auf dem Weg zur Marktwirtschaft. Nicht über harte Dollar, sondern über stündlich wertlosere Rubel-Verrechnungspreise organisiert sich ihre handgeschriebene Buchhaltung.
Charles Dickens läßt grüßen. Die Industrieanlagen der Baltenstaaten sind Schrottware, die Produktionsmethoden 19. Jahrhundert. In Kohtla-Järve am finnischen Meerbusen etwa, abseits der großen Straße von Tallinn nach St. Petersburg, steht ein petrochemisches Kombinat, das immer noch Ölschiefer zu Gas und Chemieprodukten verwandelt - die denkbar teuerste Umwandlungstechnik der Energiebranche. "Wir nehmen an", gesteht Ivar H. Rooks, technischer Direktor der Anlage, "daß wir zu teuer produzieren." Wie teuer, niemand weiß es.
Das Fischkombinat Brivais Vilnis verfügt an 55 Kilometer Ostseeküste über 26 Hochseekutter und eine Reparaturwerft. Daneben betreibt es Wohnblöcke, einen Kindergarten, mehrere Sportanlagen und Betriebshandel. Es beschäftigt 1800 Leute und eine 480 Mann starke Kulturgruppe. Mit 17 Jahre alten Werkzeugmaschinen der Umformtechnik Erfurt "Herbert Warnke" produzierte es seine elf Millionen Konservendosen selber, Kostenvorstellung: null.
Neuerdings kann Chefingenieur Willa Arnis die Kapazität der Anlage nicht mehr voll nutzen: Nur noch die eigenen, nicht mehr die Sowjet-Fischkutter bringen Ladung. Reaktion der Ost-Betriebswirtschaft: mit gleichem Aufwand langsamer arbeiten.
Der Betriebsdirektor des Telefon-, Radio- und Schaltanlagenunternehmens VEF in Riga hat ebenfalls Probleme. Lettlands größter Industriebetrieb, erklärt er mit schleppendem Schritt, müsse die Produktion herunterfahren, weil "die alte Sowjetunion kein Geld hat".
Dabei hat VEF, ein altes lettisches Unternehmen, in dem 1938 die Minox-Kamera entstanden ist, das Monopol zur Lieferung von Telefonapparaten und Schaltanlagen für die gesamte Sowjetunion besessen. Nun fürchtet die Firma, westliche Konzerne wie AT & T oder Siemens könnten das Gorbatschow-Jelzin-Land mit ihrer moderneren Technologie überziehen. Für 18 000 Beschäftigte, meist Russen, wäre dies das Aus. In seiner Verzweiflung sucht der Direktor jetzt neue Märkte in Schwarzafrika und Joint-ventures im Westen.
Gefährlichen Wind spürt auch Lettlands zweitgrößtes Unternehmen, die Autofabrik RAF Mikroautobusi Rupnica. Sie baut exklusiv den Kleintransporter "Latvija", ein Ding in der Größe des VW-Busses. Dort hat VW-Chef Carl Hahn bereits Maß genommen. Doch weder Übernahme noch Jointventure, das neue Hoffnungswort für die Balten, lohnen. "Der nächste Zuliefererbetrieb", erklärt ein Hahn-Mitarbeiter lakonisch, "liegt 500 Kilometer weit weg."
So etwas war Absicht im alten Sowjet-Reich. Diktator Stalin, eingedenk der ethnischen Unterschiede in der Union, hatte durchgesetzt, daß jede einzelne Republik von den anderen zu abhängig sein müsse, um noch separatistischen Flausen nachgehen zu können. Das Patentrezept: fein auf die Republiken verteilte Branchen-Monopol-Betriebe, die jeweils das gesamte Sowjet-Reich belieferten. Arbeitsteilung auf sozialistisch.
Arbeitsteilung auf kapitalistisch war damit ausgeschlossen: Die Betriebe produzieren nahezu jedes Detail selbst, bis auf ein paar wichtige Kernteile, damit sich die Monopole nicht verselbständigen. Der VEF-Direktor harmlos: "Schrauben machen wir auch selbst." Nichts da mit Just-in-time-Logistik.
Auf den Kopf gestellt sind auch die Regeln der guten alten Standortlehre. Industrie und Landwirtschaft der baltischen Länder hätten in die hochverdichteten Räume Mitteleuropas liefern müssen. Statt dessen wurde, vor allem von den Militärs, das Gesicht der baltischen Wirtschaft von vorn nach hinten gedreht: Lieferungen allein ins dünn besiedelte Sowjet-Reich. Riga, Liepaja (Libau) in Lettland und das estnische Tallinn wurden nicht als Überseehäfen genutzt, sondern als Militärbastionen.
Der militärindustrielle Komplex des einstigen Sowjetstaates fraß 40 Prozent der Industrieproduktion. Die außenpolitische Blockpolitik führte zu grotesken Verrenkungen, die Geheimnistuerei der Generäle setzte ganze Regionen matt.
Das Gebiet um die estnische Hanse- und Universitätsstadt Tartu (deutsch: Dorpat) nahe dem Peipussee war für Besucher abgeschottet, weil dort ein Militärflughafen mit feinster Tötungstechnologie lag. Im estnischen Paldiski/ Baltisch Port sind erst jetzt zwei vom sowjetischen Militär benutzte Atommeiler entdeckt worden, die dort seit Jahren heimlich arbeiten.
Während im tiefgestaffelten Militärgebiet noch jetzt wild Sprit und Öl verpulvert werden, müssen zivile Autofahrer am Tage vier und nachts drei Stunden nach Rubel-Benzin Schlangestehen. Fahrer moderner Personenwagen wie des von Porsche entwickelten Lada Samara montieren - ganz Moskowiter Stil - vorn die Scheibenwischer ab, weil sie sonst geklaut werden, und wechseln während der Fahrt kaum die Gänge, um die Mangelware Kupplung zu schonen.
Auf dem Flughafen von Tallinn steht ein halbes Dutzend dreistrahliger Tupolew 134-Jets, die zwar von den Esten übernommen werden sollen, aber kaum flugfähig sind. Auf den Bahnhöfen, auf Nebengleisen dutzendweise alte IS-Einheitslokomotiven der sowjetischen Staatsbahnen aus den dreißiger Jahren, die ausgeschlachtet wurden, damit andere noch fahren können.
Nichts geht mehr. Auf einem Gleis des Bahnhofs Tallinn dämmert das demontierte Exemplar einer 1922 in Polen gebauten Lokomotive des Typs OK 22 vor sich hin. Gerupft bis auf die Kuppelstangen. Doch aus dem Führerhaus grinst, wie im Hollywood-Gruselfilm, ein eisgrauer Mann mit Leninmütze.
Denn der Oldtimer steht unter Dampf. Aus dem Kohletender stakt ein verschmierter Öltank, dessen Inhalt den Lokomotivkessel vorn unter Hitze hält: Der Kessel liefert seinen Dampf über Gummischläuche in eine brüchige Steinhütte neben dem Gleis. Dort werden die Schonbezüge für den Schlafwagenzug nach Moskau dampfgewaschen.
Wüste Umweltschäden sind die Folge solcher Museumstechnik. Die Luft über der Ölschieferanlage Kohtla-Järve ist so verpestet, daß Besucher sich nach 30 Minuten mit Kopfschmerzen verabschieden. Der 300 Kilometer lange Sandstrand der Rigaer Bucht, sonst ein Touristen-Dorado, ist mit strengem Badeverbot belegt, weil die Abwässer der Fast-Millionenstadt Riga dort ungefiltert hineinplumpsen.
Peter Kaljic, Partner der US-Beratungsfirma McKinsey & Company Inc., hat die Basisschäden der Ost-Gesellschaften in wenigen Punkten zusammengefaßt: *___Bei den Unternehmen herrsche ein deprimierender ____Rückstand in Technologie, Produktivität und Qualität, ____Marketing und Logistik, Management und Kapitallenkung; *___bei den Staaten höchste Defizite in der Infrastruktur, ____dem Umweltschutz, der Gesetzgebung, der ____Demokratisierung und der Verfahrensweise der ____Verwaltung.
Alles, was zu ramponieren war, ist ramponiert. 50 Jahre sind verloren. Dennoch puschen vor allem Westdeutsche die drei Republiken schon jetzt in Richtung EG. Außenminister Hans-Dietrich Genscher hat sich auf die Assoziierung so gut wie festgelegt.
Welt-Ökonom Helmut Schmidt, sonst immer gut für ein Horror-Szenario, sieht außer Ungarn, Tschechen und Polen allenfalls noch die Balten als EG-Kandidaten.
Bruno Rubess, ein aus Lettland stammender Kanadier, der bei VW in Wolfsburg die Konzernplanung leitet, lobt den "genetischen Arbeitseifer" der Baltenvölker, ihre Kreativität und ihre Disziplin. "So was wie Ikea hätten die auch auf die Beine stellen können."
Die Begeisterung der Deutschen für Estland und Lettland hat ihre Ursachen. Beide Staaten haben eine nahezu lückenlose, wenn auch etwas abgründige deutsche Vergangenheit.
Die Sache mit den Deutschen hatte bereits im zwölften Jahrhundert mit einem von Bremen ausgehenden Kreuzzug zur Christianisierung begonnen. Nach kurzem dänischen Intermezzo griff sich dann der Deutsche Ritterorden das Land und verteilte Lehnsbesitz vorwiegend an seine eigenen Mitglieder, aus denen sich die Spezies der knarzigen baltischen Landbarone entwickelte.
Hanseatische Kaufleute und protestantische Pastoren milderten später den dünkelhaften Stil der deutschen Oberschicht. In den Hansestädten Riga, Reval und Dorpat entstand eine urbane Bildungs- und Kaufmannselite.
An der Herrschaft der Deutschen änderte sich lange Zeit nicht viel. Deutsch blieb sogar im Zarenreich bis 1885 Amtssprache der beiden baltischen Länder. Doch protestantische Pastoren standardisierten durch Bibelübersetzungen und Lehrbücher die Sprache der Letten und Esten - ein ungewollter Beitrag zum Erstarken nationaler Bewegungen im Baltikum.
1913 hatten Letten und Esten bereits 60 Prozent des Bodens erworben und bewirtschafteten weitere 15 über Pachtverträge. Nach ihrer Staatsgründung 1918 enteigneten sie risikolos die alten Landbarone, die durch Freiwilligenbrigaden das anrückende bolschewistische Militär abgewehrt.
Die Landreform in Lettland und Estland schuf einen breiten, stabilisierenden und stoßfesten Mittelstand. Manche einstige Großgrundbesitzerfamilie, wie etwa die der Lambsdorffs, fühlte sich nicht mehr wohl und emigrierte. Der Rest der Deutschbalten wurde nach dem Hitler-Stalin-Pakt von 1939 gegen Entschädigungen ausgesiedelt.
Die jungen baltischen Staaten und das alte Deutschbaltentum waren damit fast gleichzeitig untergegangen. Herrscher und Beherrschte von einst machten ihren Frieden. Hans-Dietrich Genscher konnte es sich deshalb leisten, jetzt Abkömmlinge des deutsch-baltischen Adels als Botschafter nach Lettland und Estland zu schicken.
Auf Zimmer 409 des einstigen Rigaer Funktionärshotels Ridzene wohnt und arbeitet Bonns Lettland-Botschafter Hagen Graf Lambsdorff, Bruder des FDP-Chefs, dessen Vorfahren riesige Ländereien in Lettland besessen haben.
In Tallinns Palace Hotel erledigt Botschafter Henning von Wistinghausen Amtsgeschäfte und Freizeitfrust. Wistinghausens Familie stammt aus Tallinn. Das Know-how der Westdeutschen ist gefragt. "Was hier erst mal sein muß", so Wistinghausen, "ist geduldige Beratung."
Die eher dilettierenden neuen Baltenregierungen haben denn auch in aller Eile manches aus der deutschen Nachkriegsgesetzgebung übernommen. Doch so recht begriffen haben sie deren Inhalte noch nicht - weder die ehernen Mechanismen der Währungspolitik und des Unternehmensrechts, noch die zielsichere Planlosigkeit Erhardscher Marktwirtschaft.
Das estnische Aktiengesetz etwa schreibt, ohne Rücksicht auf die Schwindsucht des Rubel, ein Mindestkapital von umgerechnet 100 Mark vor. Besonders schwer auch tun sich die Balten mit der Eigentumsreform - Grundlage jeder Umkehr zur Marktwirtschaft. Alte Ängste vor privaten, staatlichen oder gar auswärtigen Großgrundbesitzern stehen im Weg.
So planen beide Länder, die Agrarkombinate in 50-Hektareinheiten zu zerhacken und nur den eigenen Staatsbürgern Eigentumsrechte daran zu geben. Die Letten wollen das Staatsbürgerrecht aber nur an Leute vergeben, die 16 Jahre im Lande gewohnt haben und Lettisch sprechen. Selbst in Lettland geborene Russen können nur weiterkommen, wenn sie Lettisch büffeln.
Zudem wollen die Letten es nicht zulassen, daß die neuen Bauernstellen sich je vergrößern. Die alten Apparatschiks der Großkolchosen glauben denn auch schon, die Reform unterlaufen zu können. In den für den Verkauf der Kleinbauern-Produkte unerläßlichen Genossenschaften wollen sie ihre Agrar-Kombinate überleben lassen. Die Bauern bekommen zwar ihre Hektar, aber die Richtung bestimmt die alte Nomenklatura. Die Vorsitzende einer Großkooperative bei Jelgava: "Hier ändert sich gar nichts."
Der Rigaer Rechtswissenschaftler und Privatisierungsanwalt Janis Rozenfelds hält die 50-Hektar-Ideologie denn auch für "Nonsense. Das muß geändert werden und wird geändert werden". Der Kanada-baltische Ökonom Toivo Miljan sekundiert: "Mit einer Low-Key-Agrarwirtschaft ist in der EG nichts zu holen." Doch die EG war für die Gesetzmacher des Baltikum unbekanntes Gelände.
"Was die Europäische Gemeinschaft ist", so der in Lettland geborene Kieler Rechtsprofessor Dietrich Loeber, "ist in der gesamten Sowjetunion totgeschwiegen worden. Niemand hat eine blasse Ahnung davon." Deshalb begann Loeber, ein weltweit geachteter Experte für internationales Recht, in diesem Jahr Gastvorlesungen über die EG in Riga und Tartu. Loebers Hörsaal ist voll.
Auch bei der Privatisierung des Betriebs- und Grundvermögens hakt es. Einheimische, Emigranten, die wenigen überlebenden Juden und sogar ein paar Deutschbalten machen vorsorglich Eigentumsansprüche geltend. Allein für Grundstücke im abgewirtschafteten lettischen Prominenten-Badeort Jurmala liegen 1500 Ansprüche vor. Das hemmt, wie in Ostdeutschland, die Privatisierung.
Das in bester Citylage von Riga gelegene frühere Botschaftsgebäude des Deutschen Reichs allerdings wurde schon jetzt an Bonn zurückgegeben. Die langjährige Bewohnerin, die Sowjetarmee, zieht gerade aus.
Weniger angenehme Überraschungen drohen nächstes Jahr von der Geld- und Finanzreform. Statt gleich eine einheitliche Währung in den drei neuen Republiken anzupeilen, haben alle drei für sich bereits in ausländischen Münzanstalten eigenes Geld drucken lassen. Denn zum lange entbehrten staatlichen Selbstverständnis gehört eben die nationale Währung.
Damit allein ist aber nichts gewonnen. "In der ganzen einstigen Sowjetunion", so Deutsche-Bank-Aufsichtsrats-Chef Friedrich Wilhelm Christians, "verstehen vielleicht acht Leute etwas von Währungspolitik, und die sitzen in Moskau."
Blenden lassen sich baltische Währungsnationalisten vor allem durch die 1940 nach Frankreich, Großbritannien, Schweden und in die USA ausgelagerten Goldbestände von rund 25 Tonnen. Obwohl die Briten damit längst eigene Staatsangehörige entschädigt haben, die ihr Geld 1940 im Baltikum verloren, glauben die Baltenführer, sie erhielten die Barren zurück.
Eine Hartwährung nach westlichem Standard würde damit noch lange nicht entstehen. Das Gold wäre schnell weg, wenn die Wirtschaft nicht funktioniert. Für 1,6 Millionen Esten eigenes Geld zu drucken, das wäre, so VW-Chef Hahn zu seinem baltischen Konzernplaner Rubess, das gleiche, "als wenn Hamburg eine eigene Währung hätte".
Arnis Vilks, Dozent an der Universität Hamburg, ärgerte die Abgesandten der baltischen Staaten unlängst auf einer Konferenz mit dem Vorschlag, überhaupt keine Währungen einzuführen: "Devisenmärkte liberalisieren und Hartwährungen wirken lassen".
Das findet zwar jetzt schon in Rigas Jever Bistro statt, doch solche Verachtung nationalen Selbstgefühls wollen die stolzen Völker nicht dulden. Währungspolitik würde dann ja in Frankfurt, Washington, Helsinki oder Stockholm gemacht - am wahrscheinlichsten in Frankfurt. Zu der Zweitausgabe einer von deutschen Kernlanden getrennten Ostprovinz - wie einst Ostpreußen - aber wollen die Balten dann doch nicht werden.
Der Salzburger Rechtswissenschaftler Henn-Jüri Uibopuu, ein gebürtiger Este, sieht das Ganze folgerichtig mit österreichischem Schmäh: "Wahrscheinlich ist es das beste, die wurschteln erst mal jeder für sich, bis sie merken, daß eine Unionswährung besser funktioniert."
"Ins Chaos", mahnt Toivo Miljan die Balten, "investiert kein Mensch." Doch die Balten und ihre Berater glauben, in 15 Jahren nahe am mitteleuropäischen Standard zu sein: als kulturelle Brücke zu Rußland, als Spediteur im Ostraum, als Nischen-Produzent in der High-Tech, als Touristengebiet, als Nachfahre solcher Erfolgs-Festungen wie Singapur, Malaysia und Taiwan.
Dazwischen jedoch liegt erst einmal der verdammte Winter. Mit einer halben Million Sowjet-Soldaten, mit ungeheizten Wohnungen und unerledigten Reformgesetzen. Was die Balten wirklich erwartet, war Ende Oktober an einer Statistik des Forschungsinstituts Financial and Economic Research International (Feri) in Bad Homburg über andere Ost-Länder nachzulesen, die versuchen, sich vom Sowjetblock zu entkoppeln.
So ist das Sozialprodukt in Polen seit Ende 1989 um über 17 Prozent gesunken, die Beschäftigtenzahlen fielen um 12 Prozent und die Binnenkaufkraft des Zloty um 1343 Prozent.
Erst von 1994 an, so eine Prognose des Feri-Wissenschaftlers Rainer Rau, werde die Talfahrt des Sozialprodukts in Osteuropa enden. Dann werde es bis zum Jahre 2000 im Schnitt um jährlich knapp fünf Prozent steigen.
Doch das ist eine Prozent-Illusion. Die Ost-Republiken starten von niedriger Basis. In absoluten Zahlen bringen fünf Prozent Steigerung in Osteuropa bis zum Jahre 2000 1681 Dollar pro Kopf. Die prozentual niedrigeren Wachstumsraten etwa in den USA bringen dagegen eine Erhöhung des Pro-Kopf-Einkommens um 2834, in Westdeutschland um 3396 und in Japan gar um 6564 US-Dollar.
Lettland und Estland, Stunde Null: Der Abstand zum Westen wird wachsen, auch wenn die Marktwirtschaft siegt. o
Von Werner Meyer-Larsen

DER SPIEGEL 48/1991
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