23.09.1991

FlugzeugrennenFliegende Ritter

Beim schnellsten Motorrennen der Welt, mit Propellerflugzeugen, riskieren die Piloten in der Spielerstadt Reno alljährlich Kopf und Kragen.
Früher hat 2nd Lieutenant Robert J. ("Bob") Pond als Kampfpilot bei der U. S. Navy Luftschlachten geschlagen. Jetzt kämpft er auf dem ehemaligen Luftwaffenstützpunkt Stead im US-Staat Nevada um einen Rest amerikanischer Fliegertradition. "Gentlemen", feuert er Gleichgesinnte an, "let''s have ,The Race''!"
"The Race" führt über einen ovalen Kurs von 14 687 Metern Länge und ist das schnellste Motorrennen der Welt. Als am Donnerstag vorletzter Woche das alljährliche Flugspektakel der "National Championship Air Races" über _(* Stehend: Konstrukteur Rutan, Eigner ) _(Pond. ) der Wüste nördlich der Spielerstadt Reno eröffnet wurde, hoffte Bob Pond, er werde aus dem vier Tage währenden lärmenden Wettbewerb als Sieger hervorgehen.
Der 67jährige Industrielle aus Minneapolis hatte sich von Burt Rutan, dem Star unter Amerikas Flugzeugdesignern, eine revolutionäre Rennmaschine bauen lassen: Der "Pond Racer", so der Name des futuristisch anmutenden Luftgefährts mit geschwungenen Stummeltragflächen und Schmetterlingsflügeln nachempfundenen Leitwerken, sollte helfen, ein Rennen zu retten, das seit 1964 ausgetragen, künftig aber vielleicht nicht mehr stattfinden wird - es sei zu kostspielig, sagen Kritiker, und vor allem zu gefährlich.
Den Ex-Jetpiloten Rick Brickert hatte Pond ausersehen, seinen "Racer" gegen die Konkurrenz von Weltkrieg-II-Maschinen wie "Bearcats", "Sea Furys" und "Mustangs" in das "Gold Race" der "Unlimited Class" zu steuern. Die "Unlimiteds", das sind die schnellsten Propellermaschinen der Welt. Nur zwei Rennbedingungen müssen sie erfüllen: Sie sollen von Kolbenmotoren angetrieben und von Propellern beschleunigt werden. Und um die Krone der Unlimiteds im sogenannten Gold-Rennen zu erringen, ertragen Renn-Piloten willig Torturen. Beim Luftrennen werden die Air Racer in ihren Maschinen durchgerüttelt wie Rodeo-Reiter auf einem Mustang - versagen ihre Maschinen, riskieren die Cockpit-Cowboys ihr Leben.
Der Stadt Reno ist das nur recht. Vom Spektakel der Luftrennen angelockt, kamen in diesem Jahr 160 000 Zuschauer. Vom Tag der Qualifikationsrennen (Donnerstag) bis zum Gold-Rennen am Sonntag vergangener Woche bescherten die Renn-Touristen den Hoteliers volle Häuser; zusätzlich wurden die Besucher von "einarmigen Banditen" und an Kartentischen abgezockt - was Einheimische eine "doppelte Infusion von Touristik-Dollar" nennen.
Von den Nutznießern des traditionsreichen Rennens käme wohl keiner auf die Idee, auch nur eine einzige Runde in einem Rennflugzeug um den Ovalkurs zu riskieren. Das überlassen die Geschäftsleute spleenigen Piloten, die sich kostümiert wie fliegende Ritter in ihre Cockpits zwängen, angetan mit feuerfesten Overalls, Stiefeln und Handschuhen, einem auf den Rücken gezurrten Fallschirm sowie einem Jet-Helm, dessen Sauerstoffmaske das Gesicht wie ein schwarzes Visier bedeckt.
Geführt von "Red Knight" ("Roter Ritter"), einem ferrariroten Jet vom Typ Lockheed T-33, ziehen jeweils sieben bis neun Maschinen ins Rennen. Über die Berge des Wüstentals um den Stead-Flugplatz lenkt der Rote Ritter den Schwarm nach einer Einführungsrunde zum Start.
Erst wenn die T-33 aus ihrer Flughöhe von 500 Metern steil in den Himmel zieht, ist die Jagd frei. Wie Raubvögel stürzen die Rennmaschinen dann im Pulk bis auf etwa 20 Meter Höhe über Grund auf die Start-Ziel-Linie herab.
Vom "Home Pylon", dem schwarzweiß-karierten Start-Ziel-Turm, führt das Rennen um acht im Oval gesteckte Pylone. Die Holzmasten sind jeweils 15 Meter hoch und tragen an der Spitze die rot-weiß-gespritzten Bäuche von 50-Barrel-Benzinfässern mit den senkrecht aufgemalten Lettern "R-E-N-O".
Die Regeln für die rasende Karussellfahrt um den 15-Kilometer-Kurs, der in insgesamt neun Vorrennen jeweils sechsmal, im Endlauf achtmal zu umrunden ist, verlangen nur dreierlei: *___Kein Pilot darf tiefer fliegen als in Augenhöhe mit dem ____"R" der Reno-Markierungen - also etwa 14 Meter über ____Grund. *___Die Pylone dürfen nicht geschnitten werden, um den Kurs ____abzukürzen: Pylon-Richter peilen an den Holzmasten ____entlang durch die Faßwände in den Himmel - sehen sie ____Flugzeugteile ____im Faßrund, so hat der Pilot die Regel verletzt und ____wird mit Strafzeiten belegt. *___Auf Höhe der Pylone darf kein Pilot einen Konkurrenten ____überholen - es sei denn, der Vordermann umfliegt die ____Bahnmarkierung in so weitem Bogen, daß genug Platz für ____ein Überholmanöver auf der Innenkurve bleibt.
Das Rennen, so beschreibt es Rick Brickert, Flugkapitän und Unlimited-Champion von 1986, sei eine "beinharte Folter, die eineinhalb Piloten verlangt". Vom Start, der heikelsten Phase, wo jeder Wettbewerber unterschiedlich beschleunigt, Flügelspitze an Flügelspitze mit den Konkurrenten zur Startlinie hinabstößt und dabei um die ideale Rennhöhe kämpft, mündet die rasende Jagd in das Rennoval.
Um die Pylone 1 und 2 staucht der scharfe Kurvenflug die Piloten mit dem Sechs- bis Siebenfachen der Erdbeschleunigung in die Sitze. Weiter führt der Flug, mit schräg gestellten Tragflächen, um die Pylone 3 bis 6; dann schüttelt ein weiteres brutales Kurvenmanöver um die Markierungen 7 und 8 die Piloten durch, am Home Pylon vorbei schleudern die Maschinen erneut in das mörderische Kurvenkarussell.
Bei Durchschnittsgeschwindigkeiten von über 700 Kilometern pro Stunde - die schnellste jemals geflogene Runde wurde im Gold-Rennen am Sonntag mit 787 km/h gestoppt - rütteln Turbulenzen die Piloten erbarmungslos durch. Die Luftströmungen von den Propellern und Flügelspitzen der vorausfliegenden Maschinen, "bad air" genannt, erzeugen Böen und Luftwirbel, die den Maschinen und ihren Piloten wie Gewitterwinde zusetzen.
Warum sich die Air Racer in dieses lebensgefährliche Flugabenteuer stürzen, bleibt ihr Geheimnis. Zu gewinnen haben sie dabei nichts: Die modifizierten Weltkriegs-II-Maschinen kosten etwa 500 000 Dollar, doch die Preisgelder für die Erstplazierten des Gold-Rennens decken nicht einmal die Unterhaltskosten für einen Air Racer - sie liegen bei 35 000 Dollar jährlich.
Zudem müssen die "durchweg sehr wohlhabenden Eigner-Piloten" (so Brickert) - nahezu alle sind auch Besitzer ihrer Maschinen - ständig mit unkalkulierbaren Risiken rechnen. Beim Rennen 1983 war dem Flieger Steve Hinton, dem wohl besten aller Rennpiloten, während des Wettbewerbs der Motor geplatzt. Er schaffte in letzter Sekunde eine Notlandung, verlor beide Tagflächen seiner P-51 Mustang und rutschte in einem Feuerball über den Wüstenboden - kam aber mit dem Leben davon. "Zwei Motoren", so Ponds Lehre aus vielen Rennunfällen, seien "ein Muß für Rennflugzeuge". Und auch diesmal zeigte sich in Reno, wie anfällig die Motoren der Rennflugzeuge sind. Fünf Wettbewerber schieden mit Motordefekten aus. In der Mustang "Old Crow" des Fabrikanten Michael Rupp aus Kalifornien zerfetzte ein Kolben seiner 12-Zylinder-Maschine den Motorblock; dennoch brachte Rupp die Maschine zur Landung.
Glück im Unglück hatte auch Pilot Brickert, der plötzlich mit seinem Pond Racer jäh aus der Formation der Rennflugzeuge ausscherte. Mit schwarzverschmierter Motorgondel rollte Brickert den weißen Renner auf das Vorfeld. Zwei Pleuelstangen in einem der je 1000 PS starken Motoren waren gebrochen, das Triebwerk hatte Feuer gefangen.
Brickert erstickte den Motorbrand mit der bordeigenen Löschvorrichtung und hätte danach, wie er meinte, "noch jeden Flugplatz in 80 Kilometer Umkreis ansteuern" können.
Während der Sieger des Gold-Rennens, der 57jährige Ex-Flugkapitän Lyle Shelton, Minuten nach diesem Zwischenfall erschöpft aus dem Cockpit seiner Grumman F8F "Bearcat" kletterte, suchte Pond Trost in seiner Sicherheits-Philosophie: "Bei einer einmotorigen Maschine", freute er sich, "hätten wir jetzt Kleinholz aus der Wüste klauben können."
* Stehend: Konstrukteur Rutan, Eigner Pond.

DER SPIEGEL 39/1991
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