25.11.1991

„Spionage ist ewig“

Und der Herr redete mit Mose und sprach: Sende Männer aus, die das Land Kanaan erkunden . . .
Rusty, Sie alter Teufel, Sabri hat mir gerade erzählt, daß Sie unsere Raketenbasen ausspionieren. Wollen Sie freiwillig eine Flasche Champagner als Lösegeld zahlen, oder soll ich Sie im Gefängnis schmoren lassen?" General Fuad Uthman lachte dröhnend. Rusty alias Wolfgang Lotz entspannte sich. Sein Ausflug zu den Raketenstellungen am Suezkanal verlor an Dramatik. Die Ägypter nahmen ihm offenbar die Erklärung ab, seine Frau habe sich verfahren, während er auf dem Nebensitz ein Nickerchen hielt. Er war wieder mal davongekommen.
Daheim in Kairo holte Lotz den Geheimsender aus dem Stiefelabsatz und setzte einen Funkspruch an die Zentrale in Tel Aviv ab: "Bestätige die Existenz der Sam-2-Basis . . . Die Luftabwehrraketen sind keine Attrappen."
Lotz spendierte nicht nur eine Flasche, sondern eine ganze Kiste Champagner. Am Abend stieg eine Offiziersparty. Geheimdienstgeneral Fuad Uthman begrüßte seinen Freund Lotz mit dem Ruf: "Ein dreifaches Hoch auf den Spion!" Das Offizierskorps tobte vor Vergnügen.
Im Februar 1965 wurde Wolfgang Lotz alias Zeev Gur-Arieh verhaftet. Später hieß es, er sei vom ersten Augenblick an unter Kontrolle der Kairoer KGB-Dependance gewesen. Mag sein. Ein Gericht in Kairo verurteilte ihn im Juni wegen fortgesetzter Spionage für den israelischen Geheimdienst Mossad zu lebenslanger Haft. Lotz fand die Strafe nicht unangemessen. Er hatte den Ägyptern über vier Jahre lang viel Schaden zugefügt.
Nach gut zwei Jahren kamen Lotz und einige Kameraden im Austausch gegen acht Bataillone gefangener ägyptischer Soldaten wieder frei. Heute lebt er mit seiner Lebensgefährtin verarmt in einer Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung in München. Geblieben ist nur die Erinnerung. Immer wenn er in Israel ist, kehrt er auch bei Schau el-Masri ein, der alten Stammkneipe der Spione und Kriegsveteranen in Jaffa. Da sitzt er dann mit seinen Kameraden aus Kampftagen beisammen _(* Während einer Vorführung vor Gericht ) _(1965 in Kairo. ) und erzählt von den schönen, wilden, gefährlichen Jahren, als er noch der "Champagner-Spion" war. Ja, sie waren schon tolle Kerle - er und sein Kollege Eli Cohen, der für Israel in Syrien spionierte. Schade, daß Cohens Gastgeber dessen Wirken weit weniger sportlich sahen als die Ägypter das Auskundschaften von Lotz. Cohen wurde 1965 - ebenfalls mit KGB-Hilfe - aufgespürt, gefoltert und dann im Zentrum von Damaskus öffentlich aufgehängt.
Gewiß - unter denen, die von den israelischen Brief- und Paketbomben zerrissen wurden, waren auch ein paar Unschuldige. Aber das Business ist hart. Sie taten es ja für eine gerechte Sache. Nein, von den Mossad-Veteranen findet keiner, daß er etwas zu bereuen hat.
Im Westen, sagt Lotz, gebe es heute fast gar keine richtigen Geheimdienste mehr. Wenn er zum Beispiel an den Bundesnachrichtendienst denkt, dann befallen ihn Trauer und Mitleid. "Keine Frauen, keine Bomben, keine Drogen, keine Erpressung. Was ist denn das für ein Geheimdienst. Diese Herren sollten doch lieber Tulpen züchten." Diese Herren - darin liegt die ganze Verachtung des emeritierten Professionals für die Parvenus vom Mickymaus-Dienst, wie der BND im Fachjargon solcher Action-Agenten heißt.
Auch das einst hochgeschätzte KGB sieht Lotz wegen des stark vergilbten Feindbildes heute nicht mehr auf der Höhe seiner Leistungsfähigkeit.
Jahrzehntelang war auch der Nahe Osten in den Ost-West-Konflikt fest eingebunden. Doch das Ende des Kalten Krieges hat hier nur wenig Spannungen abgebaut. Die Feindbilder sind noch intakt. Allerdings: Spionieren hat auch im Orient an Romantik verloren. Die Lizenzkiller im Smoking, die ganzseidenen Mörderbienen, die späten Mädchen mit den vergifteten Pumps-Spitzen, die gibt es schon lange nicht mehr.
Die meisten arabischen Dienste sind auf Araber fixiert: Algerier auf Marockaner, Syrer auf Iraker, Libyer auf Ägypter, Royalisten auf Republikaner - überall der überkommene Stammespartikularismus nach dem alten Beduinenprinzip "Mit meinem Bruder gegen meinen Vetter, mit Vetter und Bruder gegen den Fremden".
Einig sind sie sich nur gegen Israel - die Ägypter sind vielleicht ausgenommen. _(* 1965 in Damaskus. ) Die große Mehrheit der Araber steht dem Judenstaat so feindselig gegenüber wie 1948, als er unter Schmerzen geboren wurde. Eine Minderheit von arabischen und islamischen Politikern akzeptiert für das Israel-Problem nach wie vor nur eine einzige Lösung: die Liquidierung Israels.
Die Holocaust-Gefahr war allerdings im letzten Vierteljahrhundert nicht allzu groß. Solange Nahostkriege konventionell ausgekämpft wurden, konnten sich die Israelis auf die Stärke ihrer Streitkräfte verlassen. Mit dem Frieden von Camp David und dem Ausscheiden der Ägypter aus der arabischen Front war die bis dahin letzte ernsthafte Bedrohung beseitigt.
Jetzt plötzlich ist das alte Trauma wieder da. Der Schock über das irakische Atombombenprogramm hat die Israelis aus der Beschaulichkeit gerissen. Schwerpunkte der israelischen Geheimdienstarbeit sind nun die potentiellen neuen Atommächte der neunziger Jahre: vor allem Iran, Irak, Pakistan. Eine gut plazierte Scud-Raketen-Salve mit Sprengköpfen vom Hiroschima-Kaliber könnte mit einem Schlag die Hälfte der israelischen Bevölkerung auslöschen.
Am weitesten vorangekommen mit seinem Atomprogramm ist vermutlich Pakistan. Ex-Ministerpräsidentin Benasir Bhutto gab Anfang September zu, daß Pakistan über die Mittel zum Bau von Nuklearwaffen verfüge.
Die pakistanische Bombe freilich ist für den Frieden im Nahen Osten nicht so bedrohlich wie die Bombe, an der die Iraner basteln. US-Nachrichtendienste wollen erfahren haben, daß die Volksrepublik China dem Iran die Lieferung von Hardware und Know-how angeboten hat, um ihm über die Atomschwelle zu helfen.
Anders als der irakische Vorwärtsstratege Saddam Hussein haben die Mullahs nie einen Zweifel an ihrer Absicht gelassen, Massenvernichtungswaffen herzustellen und sie auch einzusetzen. Der damalige Parlamentspräsident Ali Akbar Haschemi Rafsandschani sagte schon 1988 in einer Rede vor Revolutionsgardisten in Teheran: "Wir sollten uns voll ausrüsten mit chemischen, bakteriologischen und radiologischen Waffen - sowohl für Verteidigungs- wie auch für Angriffszwecke."
An der nördlichen Peripherie des Nahen und Mittleren Ostens baut sich überdies neues Problem- und Konfliktpotential auf. Die israelischen Dienste haben seit einigen Monaten ein erweitertes Zielgebiet im Visier: die islamische Sowjetrepublik Kasachstan, die sich unter Umständen vom iranischen Panislamismus einfangen lassen könnte. Sie hat Hunderte von Kurz- und Mittelstreckenraketen aus großsowjetischem Erbe.
Selbst wenn eine von der Union abgekoppelte Republik Kasachstan sich nicht dem antiisraelischen arabischen Lager anschließen sollte, könnte ihr Atomwaffenpotential leicht zur wohlfeilen Handelsware werden. Traumatische Vorstellung, daß etwa der libysche Potentat Muammar el-Gaddafi ein paar gebrauchsfertige Bomben mit Trägerraketen kaufen könnte. So elend, wie sie wirtschaftlich dastehen, könnten womöglich auch die Ukraine oder Belorußland einem lukrativen Angebot aus Tripolis nicht widerstehen.
Jahrzehntelang haben verständigungsbereite Israelis ihren Unwillen über die Mafia-Allüren des Mossad mit dem Argument verdrängt, das sei alles nötig, um das Überleben von Volk und Staat zu sichern. Wirklich geglaubt haben sie es nicht. Nun werden wieder Situationen denkbar, die einen leistungsfähigen israelischen Geheimdienst dringend erforderlich machen.
Die israelische Aufklärung war der arabischen all die Jahre stets um Längen voraus. Die totalitären Moslemstaaten der Region leisten sich die Geheimdienste vor allem, um die eigene Bevölkerung in Schach zu halten, zum Kujonieren der inneren Gegner.
Die meisten nahöstlichen Führer - Israelis nicht ausgeschlossen - glauben an die Gewalt als Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln. Sie glauben an das Recht, zur Durchsetzung ihrer politischen Ziele und zur Unterdrückung von politischem Dissens Mord, Folter und Terror einsetzen zu dürfen - ganz in der Tradition der Assassinen, die im 12. Jahrhundert politische Probleme mit Gift und Dolch zu lösen versuchten.
An vorderster Stelle - gemessen an der Zahl seiner Opfer - steht das iranische Mullah-Regime. Der Tod des Ajatollah Chomeini hat keineswegs dämpfend gewirkt. Im Gegenteil. Seine Nachfolger brachten die externe Mordmaschinerie erst richtig auf Touren. In den zwei Jahren, seit Ali Akbar Haschemi Rafsandschani regiert, wurden mehr iranische Emigranten im Ausland umgebracht als in den zehn Chomeini-Jahren zuvor.
Jüngstes und prominentestes Opfer der iranischen Mordgeschwader: Schah Resa Pahlewis letzter Ministerpräsident, Schahpur Bachtiar. Die Mörder drangen am 6. August in seine Wohnung im Pariser Stadtteil Suresnes ein und stachen ihn und seinen Sekretär mit einem Messer nieder.
Die Teheraner Theokraten lassen nicht mit sich darüber reden, ob es unrecht sein könnte, politische Gegner im Ausland oder gar einen Lästerdichter wie Salman Rushdie, Autor der "Satanischen Verse", umzubringen. Nach wie vor gilt die Generalabsolution, die Blutrichter Sadegh Chalchali 1979 für reisende Geheimdienstmörder erließ: "Niemand, der eine solche Person tötet, kann als Terrorist von einer fremden Regierung festgenommen werden, weil er nämlich die Befehle des Islamischen Revolutionären Gerichtshofes des Iran ausgeführt hat."
Die Existenzphilosophie des Staates Israel ist nicht ganz so mörderisch in der Konsequenz, aber von ähnlichem Zuschnitt. Der Mossad und seine Schwesterorganisation Schin-Bet haben nicht nur die glorreichen Helden von Entebbe, die Entführer des Juden-Vernichters Adolf Eichmann und die Rächer für das Olympia-Massaker von München hervorgebracht, zu seiner Garde gehören auch Folterkommissare, die oppositionelle Palästinenser quälen, und reisende Killer, die politische Gegner im Ausland liquidierten.
Die Bereitschaft zur Gewaltanwendung hat wohl auch damit zu tun, daß Politik im Nahen Osten sich so bereitwillig irgendeiner "heiligen Sache" unterwirft. Iraner üben Terror, weil sie den heiligen Islam gegen die Ungläubigen verteidigen; Palästinenser, weil sie für die heilige Sache Palästinas kämpfen; Israelis, weil sie das heilige Land der Juden verteidigen.
Der ehemalige Terrorist und spätere Friedensnobelpreisträger Menachem Begin hat deshalb nie ein Wort des Bedauerns für die 91 Opfer des Bombenanschlags gefunden, den er 1946 als Mitglied der Geheimorganisation Irgun gegen das King-David-Hotel in Jerusalem organisierte. Und die Mehrheit der Israelis fand Gewaltanwendung für gerechte Sachen vollkommen in Ordnung. Sie wählte Begin sogar noch zum Premierminister.
Terroristen, das sind für die Israelis nur die Palästinenser. Deshalb hält es auch Jizchak Schamir, der amtierende Premier, nicht für nötig, auf die von der PLO Anfang November in Madrid vorgetragenen Vorwürfe zu antworten, er sei als Mitglied der Stern-Bande für Mord und Terror mit verantwortlich gewesen.
Der Mossad, in Langschrift "Ha-Mossad le-modiin we-le-tafkidim mejuchadim" (deutsch: Institut für Nachrichten und Spezialoperationen), der für Auslandsbeziehungen zuständige israelische Geheimdienst, führt Begins Erbe fort. Prinzip: Auge um Auge, Zahn um Zahn.
Nach dem Attentat auf die israelische Olympiamannschaft in München brachten die Mossad-Männer fürs Grobe in Einzelaktionen elf angebliche Terroristen des "Schwarzen September" um - darunter auch einen harmlosen marockanischen Kellner in der norwegischen Kleinstadt Lillehammer, den sie mit dem Palästinenser Ali Hassan Salameh verwechselt hatten.
Der ehemalige Mossad-Agentenführer Victor Ostrovsky hat nach seinem Abschied vom Dienst in seinem Buch "Der Mossad" beschrieben, wie "die Agentur" arbeitet. Seine Enthüllungen werfen schwere Schatten auf den Leumund des Geheimdienstes, der irgendwann mal nur Überlebenshilfe für den bedrohten Judenstaat leisten sollte.
"Die Raffgier, die Geilheit und der völlige Mangel an Achtung vor menschlichem Leben", so schreibt Ostrovsky über den Mossad, habe ihn bewogen, seine Geschichte zu erzählen. Er sehe die Gefahr, daß sich die "israelische Gesellschaft mehr und mehr zu einem Abbild des Mossad formt".
Voraussetzung für wirkungsvolle Abwehrarbeit ist - nach Ostrovsky - eine totale Charakterdeformation. Der Agent sei dienstlich verpflichtet, nicht mehr zwischen wahr und unwahr, zwischen gut und böse zu unterscheiden, sondern nur noch zwischen dem, was Israel nützt, und dem, was Israel schadet. Wichtigste Regel für den Umgang mit Nichtjuden: "Wenn ich mit einem Freund zusammensitze, dann sitzt er nicht mit seinem Freund zusammen."
Das gilt für alle operativen Ebenen. 1983 erfuhr der Mossad - so Ostrovsky - von einem "Stinker" (Informanten), radikale Schiiten hätten in Beirut einen großen Mercedes-Laster zum Bombentransporter umgerüstet, um ein größeres Ziel, vermutlich das Hauptquartier der U.S. Marines im Süden von Beirut, in die Luft zu sprengen. Die Mossad-Filiale in Beirut schlug Alarm, doch Mossad-Chef Nachum Admoni entschied, dem Verbündeten keine besondere Warnung zu schicken. Begründung: "Wir sind doch nicht die Beschützer der Amerikaner."
Am 23. Oktober durchbrach der Terror-Truck mit einem schiitischen Kamikaze am Steuer die Sperren vor dem US-Gelände. Er explodierte mitten im Ziel. 241 Marines starben. Kurz darauf kamen bei einem zweiten ähnlichen Angriff auf ein anderes Camp 58 französische Soldaten um.
Wenige Tage später übermittelten die Israelis der CIA eine Liste mit den Namen von 13 Personen, die an der Vorbereitung des Anschlags beteiligt gewesen seien. So genau wußte der Mossad Bescheid.
Die Anschläge wären trotzdem zu verhindern gewesen, wenn die Amerikaner ihre eigenen Satellitenfotos sorgfältiger ausgewertet hätten. Nachher fand sich eine bis dahin übersehene _(* Nach dem Bombenanschlag der ) _(Stern-Bande 1946. ) Bildserie aus dem Bekaa-Tal, auf der eine Attrappe des US-Hauptquartiers zu erkennen war - außerdem ein Mercedes-Lkw, der offensichtlich zu Übungszwecken immer wieder mit Vollgas auf die Attrappe lospreschte.
Amerika ist zwar Israels bester Freund. CIA und Mossad pflegen auch regen Nachrichtenaustausch. Das hindert die Israelis aber nicht daran, auch in den USA zu spionieren. Der Mossad, so meint das Nachrichtenmagazin Time, gehe bei seinen Abhörpraktiken in den Vereinigten Staaten wesentlich weiter als das sowjetische KGB.
Schmerzlich zu spüren bekam das 1979 der amerikanische Uno-Botschafter Andrew Young, der von Jerusalem als PLO-Sympathisant verdächtigt wurde. Mossad-Mitarbeiter hatten erfahren, daß Young sich in der Residenz des kuweitischen Botschafters heimlich mit Sehdi Labib Tersi, dem palästinensischen Uno-Repräsentanten, treffen wollte. Sie schmuggelten eine Wanze in das Zimmer, in dem das Gespräch stattfinden sollte, und spielten später der Newsweek-Redaktion Auszüge des Gesprächs zu.
Young mußte gehen, weil unautorisierte PLO-Kontakte für US-Offizielle damals noch strikt tabu waren. Der israelische Agent meldete nach Tel Aviv: "Die Spinne hat die Fliege verschluckt."
Ihren absoluten Tiefstand erreichten die Beziehungen der israelischen und amerikanischen Dienste mit der Pollard-Affäre. Am 21. November 1985 wurde Jonathan J. Pollard in Washington verhaftet, nachdem er hochgeheimes Material aus den Unterlagen des "Naval Investigative Service" - unter Umgehung des Mossad - an die israelische Botschaft in Washington verraten hatte.
Die ganze Wahrheit war noch viel fataler. Sie kam erst letzten Monat mit der Veröffentlichung des Buches "Atommacht Israel" von Pulitzer-Preisträger Seymour Hersh (SPIEGEL 43/1991) heraus. Premier Jizchak Schamir, so berichtet Hersh, habe einen Teil des von Pollard gelieferten Materials an die Sowjetregierung weitergereicht - darunter Satellitenbilder und Daten, die das Pentagon zur Zielprogrammierung für die auf die Sowjetunion gerichteten Langstreckenraketen benutzt habe. Schamir, meinen die Amerikaner, habe damit wohl die Beziehungen zum Kreml verbessern und eine Erleichterung der Auswanderungsbestimmungen für sowjetische Juden erreichen wollen.
Was Kenner am Mossad so erstaunlich finden, das ist dessen enorm günstiges Kosten-Ertrag-Verhältnis. Der Dienst hat gerade eben drei Dutzend Agenten im Außendienst, "Katsas" im Dienstjargon genannt. Dazu kommen freilich viele tausend sogenannte Sajanim, freie Mitarbeiter aus der jüdischen Diaspora in aller Welt, die kostenlos Hilfs- und Spannerdienste leisten. Auch arabische Dienste beschäftigen als Zuträger Studenten, Botschafts- und Airlines-Personal. Doch keiner verfügt über ein annähernd so dichtes Netz von Verbindungen wie der Mossad.
Der einzige Geheimdienst der Region, der - wenn auch widerwillig - den professionellen Respekt der Israelis und ihrer westlichen Verbündeten genießt, sind die Iraki Intelligence and Security Services (ISS). Sie vermögen zwar auf dem klassischen Feld der Spionage nicht viel zu bestellen. Aber sie haben im Westen ein Netz von Handelsbeziehungen aufgebaut, die es dem Diktator Saddam Hussein ermöglichten, den Irak bis dicht an die Schwelle zur Atommacht hochzurüsten. ISS-Chefbeschaffer ist Barsan Ibrahim Takriti, Saddams Halbbruder, der offiziell als Uno-Botschafter in Genf firmiert.
Auch der irakische Geheimdienst dient in erster Linie zur Absicherung der Macht seines Dienstherrn. Die Liquidierung von Oppositionellen im Ausland läßt Saddam vorwiegend von Palästinensern erledigen. Bis Anfang der achtziger Jahre war die Organisation von Abu Nidal die Nummer eins im Bagdader Subversions- und Terrorbusiness. Heute läßt Saddam vorwiegend bei der "Palästinensischen Befreiungsfront" (PLF) arbeiten, die nach dem Urteil von Kennern über die routiniertesten Killer verfügt.
Die Niederlage in Kuweit hat Saddam nicht daran hindern können, seine Atombomben-Baupläne weiterzutreiben. Mindestens zehn Jahre lang waren seine Beschaffer in Europa unterwegs gewesen, um Know-how und Hardware für die Bombe einzukaufen. Die Uno-Kontrolleure haben die irakischen Waffenschmieden, wo sie sie fanden, zwar sorgsam ausgeleuchtet. Aber sie fanden bei weitem nicht alles. Soviel gilt unterdessen als sicher: Solange Saddam Hussein in Bagdad die Macht hat, kann ihn niemand ernsthaft daran hindern, Massenvernichtungsmittel bauen zu lassen.
Wie konnte es überhaupt soweit kommen? Warum hat niemand den Expansionisten gestoppt?
Saddam, sagt Howard Teicher, Nahost-Experte im Pentagon, mochte "ein Hundesohn sein - aber er war unser Hundesohn". Die Amerikaner haben ihn zeitweise auch nach Kräften gefördert. CIA-Chef William Casey ließ Saddam - obwohl der den Krieg gegen Teheran angefangen hatte - ständig Satellitenanalysen aus dem Frontgebiet übermitteln, ohne die Iraks Streitkräfte den iranischen Gotteskriegern wohl nicht standgehalten hätten.
Israel belieferte derweil den Iran mit Waffen, um den Krisenherd weiter unter Hitze zu halten. Wie die Israelis während des Tankerkriegs im Golf die Iraker und Iraner gegeneinander ausspielten, das gilt in Fachkreisen als hohe Schule der Geheimdienst-Machiavellistik. Jedesmal, wenn der Krieg an Schwung zu verlieren drohte, rief ein Mossad-Agent in London entweder die iranische oder die irakische Botschaft an und gab ihr - gestützt auf amerikanisches Satellitenmaterial - die exakten Zielkoordinaten für Angriffe auf gegnerische Tanker durch.
Das alles macht auf eine perverse Weise noch Sinn. Daß aber Israel im Bürgerkrieg auf Sri Lanka offenbar auf beiden Seiten mitmischt, ist politisch nicht mehr zu erklären. Victor Ostrovsky berichtet in seinem Enthüllungsreißer, der Mossad habe gleichzeitig in ein und demselben Lager Einheiten der regulären Streitkräfte von Sri Lanka im Gebrauch von Anti-Terror-Gerätschaften und Tamil-Tiger-Rebellen in der Anwendung von Sabotagetechniken unterwiesen.
In den sechziger und siebziger Jahren ließen auch mindestens ein Dutzend afrikanische Staaten, ebenso wie Chiles General-Staatschef Augusto Pinochet und der Schah des Iran, Geheimdienstmänner von Israelis ausbilden. Einer der Kunden war König Hassan von Marokko, der in den Sitzungen der Araberliga gleichwohl stets unbeirrt für die Sache der Palästinenser stimmte.
Seine bilateralen Freundschaften hat Israel zum Teil mit Dienstleistungen bezahlt, die selbst in der morbiden Welt der Geheimdienste als moralisch anrüchig gelten. Mossad-Experten halfen afrikanischen Diktatoren wie Mobutu Sese Seko (Zaire), Kwame Nkrumah (Ghana) und Idi Amin Dada (Uganda) dabei, die Opposition zu knuten. Sie waren zuweilen sogar dabei behilflich, für ihre Auftraggeber entsprungene Dissidenten wieder einzufangen.
Im Konspirieren war der Mossad schon immer besser als im Observieren. Seew Schiff, Militär- und Geheimdienstexperte der Tel Aviver Tageszeitung Haaretz, weist den Vorwurf zurück, der Mossad habe Saddams Vorbereitungen auf den Golfkrieg verschlafen. Er sagt, die Amerikaner seien gewarnt worden. "Aber sie haben uns nicht geglaubt, weil sie meinten, wir wollten sie in einen Krieg mit den Irakern hineinziehen. Wir wußten wirklich ein bißchen mehr als die anderen westlichen Geheimdienste."
Ein bißchen vielleicht. Benjamin Netanjahu jedenfalls, Israels stellvertretender Außenminister, bekannte im Februar, er sei über den kümmerlichen Wissensstand des Mossad in bezug auf den Irak entsetzt gewesen, als er Anfang 1989 sein Amt antrat. Doch aus der Malaise wurden keinerlei Konsequenzen gezogen. Bis Kriegsbeginn wußte der Mossad nichts von Saddam Husseins chemischen Gefechtsköpfen. Er kannte auch nicht annähernd die Zahl der mobilen Scud-Abschußbasen.
Dabei waren die meisten Informationen, auch jene über Saddams Atombauprogramm, weitgehend zugänglich. Nach dem Ende des Golfkriegs kursierte eine Liste mit den Namen von 450 westlichen Firmen, die Beiträge zur Entwicklung der irakischen Bombe geleistet hatten. Bereits im September 1975 hatte Saddam nach dem Kauf eines Schnellen Brüters in Frankreich erklärt, dies sei "der erste konkrete Schritt zum Bau einer arabischen Atomwaffe". Wie konnte der Mossad das alles ignorieren?
"Wissen Sie, ein kleines Land mit so vielen großen Feinden, wie sie Israel hat, muß _(* 1973 im Jom-Kippur-Krieg. ) sich auf das Wesentliche konzentrieren", sagt General Mordechai Gur, vormals Generalstabschef der israelischen Streitkräfte und heute Knesset-Abgeordneter der Arbeitspartei. "Mit dem Irak hatte es bis 1989 nie eine direkte Konfrontation gegeben."
Gur gibt gern zu, daß auch er selbst nicht an die irakische Gefahr geglaubt hat. "All die Experten von den europäischen und amerikanischen Universitäten, die den Irak besucht hatten, kamen hier durch. Alle waren sich einig: Saddam will Frieden. Und wir sahen keinen Grund, das zu bezweifeln."
Auch beim israelischen Dienst besteht nach Gurs Überzeugung ein gefährlicher Überhang an High-Tech-Aufklärung und ein wachsendes Defizit an klassischer Spionage, an "Humint" (human intelligence), wie es unter Fachleuten heißt. 65 Prozent der Auslandsaufklärung kommen aus frei zugänglichen Quellen wie Zeitungen, Rundfunk und Fernsehen. Weitere 25 Prozent stammen aus der High-Tech-Spionage, gut 5 Prozent von befreundeten Diensten und weniger als 5 Prozent von eigenen Agenten.
Die Israelis, sagt Mordechai Gur, machten den gleichen Fehler wie die Amerikaner. Sie verließen sich auf ihre Satelliten, die aus 100 Kilometern Höhe die Tehran Times lesen, die aber nichts über Stimmung und Seelenlage einer Nation oder eines Herrschers mitteilen könnten.
Krieg, Politik und Spionage laufen im Orient nach anderen Kriterien ab als im Westen. Premierministerin Golda MeIrs Militäranalytiker dachten methodisch richtig, als sie 1973 den Aufmarsch der Ägypter am Suezkanal als Manöver deuteten - einfach weil eine Attacke auf Israel nach allen militärischen Erkenntnissen unsinnig sein würde.
Aber ein Psychoanalytiker mit Grundkenntnissen der arabischen Mentalität wäre vielleicht darauf gekommen, daß Anwar el-Sadat trotzdem angreifen würde. Der Ethnologe Raphael Patai schreibt darüber im Kapitel "Mut" seines Standardwerks "The Arab Mind": "Der Araber neigt bei vielen Gelegenheiten dazu, Taten zu vollbringen, die seinen Fähigkeiten nicht entsprechen."
Anwar el-Sadats Angriffsentschluß wurde damals beflügelt von den Empfehlungen seiner eigenen Geheimdienstler. Sie hatten ihm berichtet, Israel würde von dem ägyptischen Angriff überrascht werden. Die Empfehlung basierte zwar auf falschen Beobachtungen. Sie war aber trotzdem richtig. Keine Frage, daß die Israelis überrascht waren. Jedoch nicht weil sie den Aufmarsch der Ägypter übersehen hatten, sondern weil sie sich nicht vorzustellen vermochten, daß Sadat mit derart untauglichen Kräften eine Attacke riskieren würde.
Rätselhafter Orient?
Die Grundprämisse ist relativ einfach: Wer die Macht hat, der will sie behalten. Wer den Machthabern querkommt, der wird beseitigt.
"Meister der Meuchelmörder" (so der Londoner Guardian) ist Libyens Staatschef Gaddafi. Er ließ allein 1980 in Westeuropa in wenigen Wochen elf Dissidenten liquidieren. Seine Killer-Kommandos vollzogen Exekutionen, wo sie ihre Opfer fanden: vor dem Mailänder Hauptbahnhof, auf der Via Veneto in Rom, vor einer Moschee am Regent''s Park in London, auf dem Bonner Bahnhofsvorplatz. Nun hat sich auch der Verdacht erhärtet, daß der Libyer für das Lockerbie-Attentat verantwortlich ist, bei dem zu Weihnachten vor drei Jahren 270 Menschen umkamen.
Die deutsche Wiedervereinigung war für die libysche Terror-Internationale ein herber Rückschlag. Ende letzten Jahres mußte Gaddafis "Volksbüro" an der Ost-Berliner Hermann-Duncker-Straße schließen, viele Jahre logistische Drehscheibe für Überfälle und Bombenanschläge.
Heute weiß man zudem, daß auch die Höllenmaschine, die im April 1986 die West-Berliner Diskothek "La Belle" in Trümmer legte, 3 Menschen tötete und mehr als 200 verletzte, in libyschem Diplomatengepäck in den Westteil der geteilten Stadt geschmuggelt worden war. _(* Vorstellung von A-Bomben-Zündern im ) _(irakischen Fernsehen am 8. Mai 1990. )
Das ostdeutsche Ministerium für Staatssicherheit war bei vielen arabischen Terroranschlägen zumindest als Mitwisser dabei. Zur Forcierung der "internationalen Allianz gegen den Imperialismus" hatte die Mielke-Behörde im Laufe von Jahrzehnten ein weltumspannendes Netz von Stützpunkten geknüpft.
Schwerpunkte waren die sozialistischen oder antiwestlichen Staaten in der Dritten Welt. Stasi-Spezialisten halfen überall beim Aufbau nationaler Geheimdienste, wo politisch Rahm abzuschöpfen war: in Angola, Mosambik, Uganda, Äthiopien, Südjemen, Libyen, Syrien, Irak, Tansania, Kuba, Nicaragua.
Wo sind sie geblieben, Mielkes "Offiziere im besonderen Einsatz", die nach dem 3. Oktober 1990 nicht heimkehrten?
Viele arbeitslose Nachrichtendienstmänner aus der vormaligen DDR suchen jetzt neue Jobs in aller Welt - und dies vor allem im Nahen Osten, wo ihre Dienste schon immer geschätzt waren. Der Irak hat über seine Botschaften in verschiedenen afrikanischen Ländern bekanntgemacht, daß er an der personellen Konkursmasse des MfS interessiert ist. Angebote liegen auch aus dem Iran und aus Saudi-Arabien vor.
Die Resonanz ist gut. Denn: Spionage ist ewig. *HINWEIS: Ende
* Während einer Vorführung vor Gericht 1965 in Kairo. * 1965 in Damaskus. * Nach dem Bombenanschlag der Stern-Bande 1946. * 1973 im Jom-Kippur-Krieg. * Vorstellung von A-Bomben-Zündern im irakischen Fernsehen am 8. Mai 1990.

DER SPIEGEL 48/1991
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