25.11.1991

„Wir alle haben verloren“

Der Fall von Vukovar demoralisierte die Kroaten und stärkte den Siegeswillen der Serben. Während die jugoslawische Armee zu neuen Offensiven ansetzte, mußte sich der kroatische Präsident Tudjman gegen einen Putschversuch von rechts wehren. Greuel und Massaker nähren den Wunsch nach Rache auf beiden Seiten.
Siegestrunken kletterte der serbische Soldat auf einen Panzer und grölte, eine Flasche Amselfelder Rotwein schwenkend: "Vukovar wird zur Hauptstadt eines serbischen Slawoniens!" Neben ihm, auf die von Einschüssen übersäte Hauswand, hatten Kameraden die Worte gekritzelt: "Zum Kaffee Großserbien".
Drei Monate hatten sich die kroatischen Verteidiger in der eingeschlossenen Kleinstadt an der Donau gegen die militärisch weit überlegene Belgrader Bundesarmee und die serbischen Tschetniks gewehrt. Dann endlich, nach pausenlosen Attacken mit Artillerie- und Mörsergranaten, war Vukovar am Montag voriger Woche sturmreif geschossen.
Die Sieger eroberten ein Trümmerfeld. Auf jeden Quadratkilometer von Vukovar waren 5000 Geschosse gefallen - kein Gebäude, das nicht beschädigt oder ausgebrannt ist. Auf seiten der Angreifer starben nach Meldungen aus Zagreb mindestens 7000 Soldaten. Die kroatischen Verteidiger schätzen die Zahl der Toten noch höher.
Von den 50 000 Bewohnern Vukovars, in der Mehrheit Kroaten, hatten 14 000 Menschen nicht mehr rechtzeitig fliehen können. Sie überlebten in Kellern und Erdbunkern den Feuersturm. Vorige Woche zogen sie, erschöpft und verängstigt, in langen Elendsschlangen zu Fuß ins Ungewisse - von den Siegern zwangsevakuiert.
"Die verrückten Abkommen über Waffenstillstände mag die Armee einhalten, für uns gelten sie nicht", prahlte der Anführer der serbischen Freischärler Goran Hadzic, nach serbischen Plänen künftiger Minister in einem rein serbischen Slawonien. "Wir werden weiterkämpfen, bis auch der letzte Faschist aus Kroatien vertrieben ist."
Weltweit breitete sich Entsetzen über Greuel und Haß auf beiden Seiten aus. Kameraleute aus Belgrad filmten in einem Hinterhof von Vukovar ein halbes Hundert bestialisch zugerichteter Leichen: ermordete Geiseln, denen man die Augen ausgestochen, den Schädel mit einer Axt gespalten hatte.
Gerüchte, daß ein Fotograf in einem Vorort von Vukovar, in Borovo Naselje, die Leichen von 41 ermordeten serbischen Kindern entdeckt habe, wurden später von dem angeblichen Augenzeugen selbst dementiert. Gleichwohl machten Serben und Kroaten einander in den Medien für Massaker verantwortlich.
So sollen serbische Tschetniks jeden überlebenden Zivilisten, der ein kroatisches Uniformteil oder auch nur Stiefel trug, aus Rache gnadenlos erschossen haben. Pardon gegenüber den gefangenen 1500 Verteidigern gaben die Tschetniks nur, wenn die Armee in der Nähe war.
Milan Bosnic, serbischer Einwohner des verwüsteten Vukovar, der 63 Tage in einem Keller überlebte, zog für seine Heimatstadt eine trostlose Bilanz: "Niemand hat in Vukovar gewonnen. Wir alle haben verloren."
Militärstrategisch machte die monatelange Belagerung des "kroatischen Stalingrads" wenig Sinn. In der unbefestigten Stadt mit ihrem barocken Stadtzentrum lebten Kroaten und Serben, aber auch Ungarn, Slowaken und Ukrainer bis vor wenigen Monaten friedlich zusammen.
Die Truppen hätten Vukovar einfach umgehen können - aber bei Verteidigern wie Angreifern überwogen Macht- und Prestigesucht. Das Ergebnis: Tausende, in der Mehrheit unbewaffnete Zivilisten, verloren in der sinnlosen Schlacht ihr Leben.
Dieses Töten zu beenden und die streitenden Parteien an den Verhandlungstisch zu bekommen, war Ziel hektischer Friedenskonferenzen der Westeuropäer gewesen. Doch nach fünf Monaten erfolgloser Vermittlungsbemühungen müssen die Vertreter der EG nunmehr eingestehen, daß ihre Mission endgültig gescheitert ist. Ihr Einsatz, der den ersten europäischen Krieg seit 1945 beenden sollte, blieb ohne Wirkung.
Schuld an diesem politischen Versagen ist vor allem die Unkenntnis von Tradition und Mentalität auf dem Balkan. Als die Armee im selbstbewußten Slowenien geschlagen worden war und sich durch einen Angriff auf das schutzlose Kroatien rächen wollte, träumte die Mehrheit der EG-Außenminister noch immer von der Wiederherstellung des jugoslawischen Einheitsstaates.
Doch Ende vergangener Woche schlug die Stimmung um. Ein Sprecher des US-Präsidenten warnte die Belgrader Armee vor weiteren Übergriffen und drohte mit der Anerkennung eines souveränen Kroatiens. Auch Deutschland, Italien und Österreich wollen notfalls Kroatien und Slowenien anerkennen, ohne auf gemeinsame Beschlüsse der EG zu warten.
Die ohnmächtige EG setzt nun auf das Eingreifen von Uno-Truppen in Jugoslawien - in der Hoffnung, die Verantwortung für eine Tragödie endlich loszuwerden, die längst die Verhandlungen über den Ausbau der Europäischen Gemeinschaft überschattet hat.
Aber bis vorigen Freitag war noch kein Antrag beim Sicherheitsrat in New York eingegangen, dem mit Frankreich, Großbritannien und Belgien gleich drei EG-Mitglieder angehören. Immerhin hatte am Donnerstag Außenminister Hans-Dietrich Genscher den deutschen Uno-Botschafter beauftragt, endlich aktiv zu werden.
Unentwegt reisten der EG-Vermittler Lord Carrington und Uno-Sonderbotschafter Cyrus Vance zwischen den Kriegsparteien hin und her, ohne daß sich ein Kompromiß abzeichnete.
Der Sieg über Vukovar - der erste klare Kriegserfolg der Serben - hat den Kampfeswillen der zeitweilig schon unwilligen Armeesoldaten wieder gestärkt. Nur einen Tag nach Einnahme der Geisterstadt setzte die Bundesarmee zum Sturm auf die slawonischen Nachbarstädte Vinkovci und Osijek an.
Auch um die Stadt Gospic im dalmatinischen Hinterland wird seit voriger Woche erbittert gekämpft. Fällt diese Schlüsselstellung in die Hände der Armee, ist das südliche Dalmatien mit den wichtigen Hafenstädten Dubrovnik und Split vom restlichen Kroatien abgeschnitten.
Die kroatische Nationalgarde konzentriert dagegen ihre Angriffe auf den Abschnitt der Autobahn Belgrad-Zagreb bei Nova Gradiska. Sie will damit den Armeenachschub nach Slawonien und die Mittelfront in der Banija unterbinden.
Der Verlust von Vukovar hat die Kritik am glücklosen kroatischen Kriegsherrn Franjo Tudjman verstärkt.
Die ersten Kellermenschen von Vukovar, die vor serbischen Kalaschnikows aus den Ruinen ihrer Stadt flüchten mußten, trafen in der Nacht zum vergangenen Freitag im Zagreber Hotel Intercontinental ein. Weinend berichteten sie vom Überlebenskampf in der geschundenen Stadt, von Kleinkindern, die aus Angst schlohweißes Haar bekommen hätten, und von Massakern an mehr als tausend Zivilisten.
"Die Serben wollten uns zu Tieren machen", schluchzt eine junge Frau aus Vukovar. Vom Mythos der "Heldenstadt", mit dem die kroatische Kampfmoral monatelang hochgehalten wurde, war nichts geblieben, nur Elend und Verzweiflung.
Der verstärkte Granaten- und Bombenhagel, der nun auf Ost-Kroatien niedergeht, hat in Zagreb die Vorbereitungen für den Ernstfall beschleunigt. Daß Belgrad den angestrebten Grenzen Großserbiens täglich näher kommt, ist trotz zensierter Frontberichterstattung kein Geheimnis mehr. Tudjman erwägt jetzt - zum wiederholten Mal - die Generalmobilmachung.
Dann sei mit weiteren "Grünschnäbeln" an der Front zu rechnen, sagt verächtlich ein Legionär, der für die "Kroatische Befreiungsgemeinschaft" (HOS) und deren Chef Dobroslav Paraga kämpft.
Die Wut über die Schmach von Vukovar wollte der Ultranationalist Paraga benutzen, um Tudjmans Ablösung zu erzwingen: "Die Politik des Präsidenten führt direkt in die Kapitulation."
Weil Tudjman Ende voriger Woche offenbar einen Putsch der Paraga-Anhänger befürchtete, ließ er seinen Gegner vorläufig festnehmen. So drohte die Niederlage von Vukovar nun auch noch den Bürgerkrieg in die kroatischen Reihen hineinzutragen.
Während Spannung und Frustration steigen, halten die Zivilisten in der Millionenstadt Zagreb still und versuchen, so gut es geht, ein normales Leben zu führen. Die Stadt wappnet sich für das Schlimmste, obwohl seit zwei Wochen kein Fliegeralarm mehr gegeben wurde. Der Luftschutzkeller Gric in der Altstadt, der schon im Zweiten Weltkrieg Platz für 5000 Menschen bot, ist mit Toiletten, fließendem Wasser und Strom ausgerüstet worden.
Rund um die blockierte Marschall-Tito-Kaserne an der Aleja Bubnja patrouillieren kroatische Milizen. Seit fünf Monaten sitzen dort Hunderte von Soldaten der Bundesarmee fest. Ein gutes Dutzend, sagt Mladen Tomicic, der als Wache vor der Kaserne postiert ist, sei bei Fluchtversuchen durch Minen oder im Stacheldraht ums Leben gekommen.
Diejenigen unter den 500 000 kroatischen Flüchtlingen, die es schafften, sich aus Elendsgebieten wie Vukovar, Dubrovnik oder Pakrac nach Zagreb durchzuschlagen, sehen in der Hauptstadt trotz der spürbaren Anspannung einen Ort von fast schon frivoler Normalität. Die Läden sind voll, es gibt Wasser und Strom, Kinos und Nachtklubs sind gut besucht.
Das Gerücht, Tudjman habe Vukovar absichtlich geopfert, um die Weltöffentlichkeit zu alarmieren, hält sich um so hartnäckiger, je privilegierter das Leben in der Hauptstadt verglichen mit dem Unglück Rest-Kroatiens scheint.
Der Verdacht mag unbegründet sein, aber die Enttäuschung könnte für Tudjman gefährlich werden. Erbitterte Kroaten, die dem Präsidenten vorwerfen, er glaube noch immer an diplomatische Hilfe aus dem Westen und vernachlässige deshalb die kroatische Selbstverteidigung, haben schon eine Alternative parat: Nachfolger von Tudjman soll der arbeitslose Staatspräsident Stipe Mesic werden, ein Mann, der, wie er selbst sagt, "die Arglist der Militärs sehr genau kennt". o

DER SPIEGEL 48/1991
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