25.11.1991

„Eine fürchterliche Tragödie“

In einer Scheune, gegenüber dem fast völlig zerbombten Krankenhaus, liegen etwa 30 Leichen. Ein paar Schritte weiter, im Vorgarten des Nachbargehöfts, noch einmal 40. Nur dünnes, weißes Leinen umhüllt die meisten Körper.
Regen fällt ununterbrochen auf die Horrorkulisse der Totenstadt Vukovar nieder. Niemand weiß, ob die Gefallenen Serben sind oder Kroaten, Gardisten oder Freischärler.
Sie waren als Schwerverletzte vor dem Krankenhaus abgeladen worden. Doch es gab keine Hilfe mehr für die Opfer der Kämpfe. Im überfüllten Krankenhaus herrschte der medizinische Notstand. 500 Patienten hatten zuvor schon sterben müssen, weil es an Medikamenten und Blutplasma fehlte.
In der Hospitaleinfahrt für Krankentransporte stehen von Schüssen und Granaten durchsiebte Rettungsfahrzeuge. Das Rote-Kreuz-Zeichen ist auch auf den Wracks noch deutlich sichtbar. Kein Zweifel: Die Ambulanzen wurden bewußt unter Feuer genommen.
Die Verwundeten, die zunächst im Keller des Krankenhauses untergebracht worden waren, sollten in die Kliniken der nahe gelegenen größeren Städte evakuiert werden, nach Osijek zum Beispiel oder weiter nach Zagreb. Doch die Karawane der Retter mußte wieder umkehren. Die von Serben kommandierte Bundesarmee und die kroatischen Verteidiger konnten sich über die Transportroute nicht einigen.
Jelena, 62, hält einen Granatsplitter von der Größe eines Taubeneis in der Hand. "Den hat mir der Doktor aus dem Bein gepult", sagt sie. Das geschah im Schein einer Taschenlampe. Strom gibt es im Krankenhaus erst wieder seit zwei Tagen.
Jelena wurde in ihrer Wohnung ein Opfer der jugoslawischen Luftwaffe. Die Kroatin ist mit einem Serben verheiratet. "So ein Krieg", sagt die verhärmte Frau beschwörend, "darf sich nie wieder ereignen."
Seit Montag vergangener Woche gilt Vukovar als "befreit". So jedenfalls sieht es die Bundesarmee, so jubeln die serbischen Freischärler. Wer die Stadt betreten will, braucht eine Sondergenehmigung der Armee, die alle Zufahrten kontrolliert.
Kriegserfahrenen Journalisten, die Vukovar vorigen Donnerstag besichtigen konnten, drängen sich beklemmende Vergleiche auf. Selbst Beirut habe nach 15 Jahren Krieg nicht so entsetzlich ausgesehen, sagt einer. Vukovar übertreffe alles, was er an Zerstörung und Elend erwartet habe, sagt der Uno-Beauftragte Cyrus Vance. Fahrt durch eine Geisterstadt: ein Ruinenfeld zerbombter und ausgebrannter Häuser, Hausrat verstreut unter herabhängenden Balken, Sandsäcke in aufgerissenen Fensterhöhlen. Begehbar sind vorerst nur die Hauptstraßen; in den Höfen und an den Gassenrändern sollen noch Tausende von Minen vergraben sein.
Nur sporadisch werden Panzer der Armee sichtbar, etwa an Straßenkreuzungen oder in zerstörten Hinterhöfen. Auch die Soldaten halten sich im verborgenen. Sie wurden in Gruppen auf die wenigen Häuser verteilt, die noch halbwegs bewohnbar sind.
Die Mehrheit der kroatischen Garden hatte sich nach Übernahme der Stadt durch die Armee ergeben. "Nicht ein einziger Soldat hat sich dabei an den kroatischen Ustaschen gerächt", behauptet Leutnant Miodrag Panic, der immer noch den fünfzackigen roten Stern von Titos Jugoslawien am Helm trägt.
Die kroatische Regierung beschuldigte die Armeeführung, Lynchjustiz zugelassen zu haben. Doch die Gladiatoren der siegreichen Volksarmee sind sich keiner Schuld bewußt. Sie lassen sich als moralisch gerechte Befreier feiern. Oberst Pero: "Die Armee ist kein Okkupant. Vukovar war das Nest der Ustaschen, so muß man diesen Kampf sehen."
In der Kaserne von Vukovar, die 23 Tage durch die Kroaten blockiert war, präsentiert der Oberst stolz eine Gruppe von 20 Soldaten, die aufgereiht vor einem langen Tisch stehen: "Dies sind die Helden von Vukovar. In diesem Krieg sind wir Helden geworden." Doch die Sieger wirken eher beschämt und bedrückt.
Nur ein fülliger Offizier, etwa Mitte 50, rapportiert mit unruhig umherschweifendem Blick, was der Oberst von ihm zu wissen begehrt: Ja, er sei Augenzeuge kroatischer Massaker an Armeeangehörigen gewesen. Beweise dafür hat er nicht.
Wie viele Tote forderte die Schlacht um Vukovar? Die Uniformierten winden sich. Schließlich sagt einer, und jeder im Raum weiß, daß dies eine Lüge ist: "Nur 104 Rekruten sind bei den Kämpfen gestorben." Kroatische Zeitungen behaupten, mindestens 7000 Soldaten seien in Vukovar gefallen.
Warum traf ausgerechnet Vukovar diese Tragödie? Es sei eben eine "serbische" Stadt gewesen, meint Oberst Miodrag Starcevic. Der Bevölkerungsanteil der Serben habe bei 52 Prozent gelegen, der kroatische lediglich bei 30 Prozent. Doch seien diese Zahlen leider niemals veröffentlicht worden.
Tatsächlich stellten die Serben vor Ausbruch der südslawischen Bruderfehde hier nur 37,4 Prozent der Bevölkerung, die Kroaten aber 43,7 Prozent.
Leutnant Panic sieht im kroatischen Präsidenten Franjo Tudjman den Hauptverantwortlichen für Vukovars Leid. Tudjman habe der Donau-Stadt den Rang eines "kroatischen Stalingrad" zugewiesen, "er wollte der Armee hier eine Niederlage bescheren".
87 Tage brauchte die Armee, um die Stadt und ihr Leben zu zerstören. "Die Kroaten sind selbst schuld, daß die Stadt heute so aussieht", tönt der Leutnant Panic, und Oberst Starcevic klopft ihm zustimmend auf die Schultern.
Der kroatische Widerstand, dies muß allerdings auch die Armeeführung eingestehen, war stärker als erwartet. Die Nationalgarden hatten ein unterirdisches Netz von Gängen, Kanalisationsanlagen und Tunneln angelegt, in denen sie sich verschanzten.
Als die ausländischen Reporter durch dieses Labyrinth geführt werden, werden sie auf Päckchen mit deutschem Zucker und auf deutsche Heringsdosen in den Vorratsregalen der kroatischen "Verräter" hingewiesen - vermeintliches Beweismittel für eine deutsch-kroatische Konspiration. Die Verteufelung der Kroaten als Ustascha-Terroristen und Satelliten der Deutschen ist nun auch in die Amtssprache der Militärs eingegangen.
"Wir wollten euch den Faschismus zeigen", lautet das Resümee von Oberst Pero, "das ist die Wahrheit über Vukovar, es ist eine fürchterliche Tragödie."
Von Renate Flottau

DER SPIEGEL 48/1991
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