25.11.1991

UkraineJongleur mit zwei Bällen

Harter Schlag für Moskaus Unionspläne: Die Ukraine beharrt auf Unabhängigkeit.
Das Grenzland, jahrhundertelang von Zaren und ZK-Sekretären im fernen Moskau regiert, strebt mit patriotischem Pathos zur Selbständigkeit. "Lieber Wasser mit Brot im Glück als Kuchen im Unglück", schärfte die Prawda der Ukraine ihren Lesern eine Woche vor Präsidentenwahl und Unabhängigkeits-Referendum ein altes slawisches Sprichwort ein.
Der Ausstieg aus der zerfallenden Sowjetunion wird für die Ukraine vor der "Schicksalswahl" vom 1. Dezember (Kiewer Wahlplakat) mehr und mehr auch zum Abschied von Rußland. "Sie werden uns aus unserer Wiege werfen", empört sich ein Moskauer Professor über das aufbegehrende slawische Brudervolk östlich und westlich des Dnjepr. Als Heimat von Nestorchronik und Igorlied gilt die Ukraine als kulturgeschichtlicher Ursprung des Russentums.
Doch panslawische Appelle verfangen in der Ukraine nicht mehr. Das hatte unlängst schon Alexander Solschenizyn erfahren müssen, als auch er sich auf die "Kiewer Rus" (das erste russische Reich im 9. Jahrhundert) berief. Er wollte damit begründen, warum die slawischen Völker der Sowjetunion zu einer großrussischen Nation zusammenrücken sollten.
Damit blase ausgerechnet Solschenizyn, konterte sein Schriftsteller-Kollege Iwan Dratsch, Chef der ukrainischen Volksfront "Ruch" (Bewegung), "zum Feldzug gegen seine Leidensgenossen aus den Konzentrationslagern - gegen Ukrainer und Belorussen".
Leonid Krawtschuk, 57, dem ukrainischen Präsidentschaftskandidaten mit den größten Erfolgsaussichten, ist die Wende vom früheren KP-Chef in Kiew zum Los-von-Moskau-Apostel bruchlos gelungen. Nach letzten Umfragen kann er mit 30 bis 36 Prozent der Wählerstimmen rechnen, sein demokratischer Opponent Wjatscheslaw Tschornowil, 53, dagen nur mit 18 Prozent. Die anderen fünf Bewerber werden von den Meinungsforschern mit je 3 bis 5 Prozent weit abgeschlagen gezählt.
Noch zeigen sich 36 Prozent der Wahlberechtigten unentschlossen, wem sie ihre Stimme geben sollen - dem bulligen Funktionär Krawtschuk, der nach dem fehlgeschlagenen August-Putsch rasch das Lenin-Bild über seinem Schreibtisch abhängte und die ukrainische KP verbot; oder dem ehemaligen Polithäftling Tschornowil, der schon seit 1989 als Vorsitzender des Lemberger Gebietsparlaments beharrlich die Entmachtung der kommunistischen Seilschaften in der Westukraine betreibt.
Die Popularität der beiden Spitzenkandidaten bröckelt: Tschornowil verliert im heimatlichen Galizien an Sympathien, weil die Versorgung von Tag zu Tag schlechter wird. Zugleich gewinnt die "Ruch"-Kampagne zunehmend an Wirkung, die Krawtschuk einen "gefärbten Fuchs" nennt, der mit zwei Bällen jongliere - einem für Moskau, dem anderen für Kiew.
Diesem Verdacht versucht Krawtschuk zu entgehen, indem er seit drei Wochen scharfe nationalistische Töne anschlägt. Am vergangenen Donnerstag, als der Moskauer Konkursverwalter Michail Gorbatschow gerade im sibirischen Irkutsk für die Erhaltung wenigstens einer Rest-Union warb, zerschlug Krawtschuk ungerührt die letzten Hoffnungen der Zentrale auf ein Arrangement mit der Ukraine: Kiew werde nie mehr "einen Vertrag unterschreiben, in dem von zentralen Organen gleich welcher Größenordnung die Rede ist".
Die ukrainischen Wähler hören solche Kraftmeierei gern. Sie gaukelt ihnen die Hoffnung vor, möglichst bald aus dem kollektiven Armenhaus UdSSR ausziehen und westlichen Lebensstandard erwirtschaften zu können.
Iwan Pljuschtsch beispielsweise, Krawtschuk-Stellvertreter im Kiewer Parlament, verheißt den 52 Millionen Ukrainern nach erklärter Unabhängigkeit ein Dasein fast wie Gott in Frankreich: "An Fläche wie Bevölkerung der Ukraine vergleichbar, produzieren die Franzosen 10mal weniger Kohle, 5,6mal weniger Gas - und leben doch dabei nicht schlecht."
Wichtiger als die Präsidentschaftswahl ist deshalb für die Ukrainer das am selben Tag stattfindende Referendum über die Unabhängigkeit. Damit soll die unionsweite Volksabstimmung vom März korrigiert werden, bei der sich die Ukraine noch mehrheitlich für den Zusammenhalt erklärt hatte.
"Um den Präsidenten zu küren, würden vielleicht 20 Prozent zur Wahl kommen", schätzt der Kiewer Parlamentsbeobachter Wadim Dolganow, "aber das Referendum zieht wenigstens 75 Prozent der Wahlberechtigten an, weil jeder weiß, daß das wichtig ist für die internationale Gemeinschaft, für die weltweite Anerkennung eines ukrainischen Nationalstaats."
Sowohl Ex-Kommunisten wie Vertreter der zahlreichen nationaldemokratischen Parteien, die fast alle aus der Sammelbewegung "Ruch" hervorgegangen sind, werben für das Ja zur staatlichen Unabhängigkeit; rund 80 Prozent Zustimmung scheinen sicher.
Der patriotischen Solidarität mag sich gegenwärtig kaum einer entziehen: Der erste ukrainische Prostituierten-Kongreß in Charkow beschloß, mit Rücksicht auf die Schieflage der Nation den Kunden keine Preiserhöhungen zuzumuten. Selbst die Insassen ukrainischer Gefängnisse und Arbeitslager mochten sich einem unionsweiten Häftlingsstreik nicht anschließen und "leisteten damit einen Beitrag zur Unabhängigkeit der Ukraine", lobte das Kiewer Innenministerium.
Wirtschaftlich sagen westliche Experten einer selbständigen Ukraine mühselige Zeiten voraus. Dagegen "werden die Schwierigkeiten der Polen", schätzt ein US-Diplomat, "sich ausnehmen wie eine Grippe im Vergleich zur Kinderlähmung".
Auf dem Weltmarkt hat die Ukraine kaum konkurrenzfähige Waren anzubieten: Ihre Steinkohlegruben im Donez-Becken arbeiten weitgehend unrentabel, ihre Chemiefabriken sind Giftschleudern mit total veralteter Technologie, die landwirtschaftlichen Böden über weite Strecken entweder Tschernobyl-verstrahlt oder durch Erosion und Versalzung schwer geschädigt.
Derzeit kann sich die einstige Kornkammer, aus der Hitlers Strategen Lebensmittel für Volk und Front zu stehlen gedachten, nicht einmal mehr selbst ernähren. In vielen ländlichen Regionen sind die Läden so leer wie beim russischen Nachbarn. Schon mußte die Kiewer Regierung Großunternehmen bitten, wenigstens drei Millionen Devisen-Rubel für zusätzlichen Getreideankauf im Ausland zur Verfügung zu stellen.
Doch noch sind die Wahlbürger mit düsteren Zukunftsaussichten nicht zu schrecken, weil die Gegenwart weit finsterer scheint. Ihr Motto, in Kiew an jeder Straßenecke zu hören, lautet unverändert: Auch wenn es schlimmer wird - Hauptsache, es wird anders.
Bei der Firma "Canadian Banknote" ist bereits der Druck einer neuen Währung in Auftrag gegeben, anderthalb Milliarden Geldscheine im Wert von einem bis hundert "Griwen", die nach Auskunft des stellvertretenden Kiewer Nationalbank-Direktors Alexander Sawtschenko Mitte nächsten Jahres den Rubel ablösen sollen.
Zum Preis von 25 Millionen US-Dollar hat die Ukraine inzwischen schon fünf Milliarden verschiedenfarbige Coupons drucken lassen. Die sollen einstweilen zusammen mit dem Rubel gelten, nur an Landeskinder ausgegeben werden und so die Inflation durch einströmendes Unionsgeld bremsen.
Am teuersten könnte der an Großmannssucht grenzende Plan werden, eine eigene Landesverteidigung mit einer 420 000 Mann starken Armee aufzubauen. Begehrlich schaut die Ukraine deshalb auf das in den Wehrbezirken von Kiew und Odessa stationierte Militärgut der Sowjetarmee: fast 400 Kampfflugzeuge und 500 weitere Militärmaschinen, zehn motorisierte Schützen- und Artilleriedivisionen, zwei Panzerdivisionen, dazu die in Sewastopol und Odessa liegende Schwarzmeerflotte sowie strategische Nuklearwaffen vom Typ SS-18 und SS-19 in rund hundert Silos.
Zwar strebt die Ukraine grundsätzlich an, atomwaffenfreies Gebiet zu werden. Aber das Tauziehen um die Verfügungsgewalt über Kernwaffen steigert sich immer mehr zur Machtprobe zwischen Moskau und Kiew: Solange Rußland einer völligen Vernichtung seines nuklearen Drohpotentials nicht zustimmt, will sich die Ukraine dem technisch ohnehin schwierigen Abtransport der in ihrem Boden verbunkerten Raketen erst einmal widersetzen.
Die Sowjetarmee hat gegenwärtig in der Ukraine rund eine Million Soldaten stehen, darunter viele Rückkehrer aus Ungarn, der Tschechoslowakei und Ostdeutschland. Wie die Zentrale in Moskau hofft auch die Armeeführung nach wie vor, daß Krawtschuk seinen großen Worten nach der Wahl nur kleine oder gar keine Taten folgen lassen werde.
Krawtschuks Rivale Tschornowil hat gerade einen Befehl des Kiewer Garnisonskommandanten publik gemacht, wonach alle Armeeangehörigen samt erwachsenen Familienmitgliedern wählen sollen - und zwar Krawtschuk, für dessen Unterstützung eine "umfassende Propaganda zu entfalten" sei.
Doch längst kann sich die Moskauer Generalität ihrer ukrainischen Offiziere und Unteroffiziere, einst das Rückgrat nicht nur der Roten, sondern auch schon der zaristischen Armee, nicht mehr sicher sein: Ein ukrainischer Offiziersbund, der angeblich bereits 25 000 Mitglieder hat, ruft "zum Schutz der ukrainischen Souveränität und Freiheit" auf und verlangt, Beförderungen dürften nur noch mit seiner Zustimmung vorgenommen werden.
Zugleich will Kiew eine "Nationalgarde" mit bis zu 50 000 Mann aufstellen, die an alte Kosaken-Traditionen anknüpfen soll und deren Dienstränge vom Kosaken über den Dessjatnik (Unteroffizier) bis zum General-Sotnik schon festgelegt wurden.
Bei all diesen Manövern zur Vorbereitung der Unabhängigkeit versucht Krawtschuk, seinen Kollegen Boris Jelzin nicht allzusehr zu reizen. Erst wenn dessen Wirtschaftsreformen greifen, so geben Krawtschuk-Gefolgsleute offen zu, könne es auch in der Ukraine aufwärtsgehen.
Gern streicht Krawtschuk, um sich selbst aufzuwerten, die Bedeutung von direkten Absprachen zwischen ihm und Jelzin heraus: "Ich vertraue mehr auf den Vertrag mit Rußland als auf diese ganze Union, weil ich da genau weiß: 40 Millionen Tonnen Öl von dort, 1,15 Millionen Tonnen Zucker von uns - das ist eine ordentliche Sache."
Das russische Öl ist nur eine Trumpfkarte, um die Ukraine nicht völlig aus dem Moskauer Machtbereich entweichen zu lassen. Eine andere sind die 80 Milliarden Rubel ukrainischer Schulden, die Jelzin zu streichen versprochen hat, wenn Kiew im Unionsgespann bleibt.
Wenn nicht, verlangt Jelzin einen hohen Preis - in Geld und auch an Land: Die Krim, derzeit überwiegend von Russen bewohnt und erst 1954 der Ukraine zugeschlagen, will er dann nicht unter der gelb-blauen Fahne lassen.

DER SPIEGEL 48/1991
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