25.11.1991

GeiselnKissinger des Erzbischofs

Die schiitischen Kidnapper ließen ihren prominentesten Gefangenen frei - Auftakt für ein baldiges Ende des Beiruter Geiseldramas?
Nach 1763 Tagen und Nächten in Gefangenschaft schien Terry Waite, 52, nichts weiter als nur der Schuh zu drücken. Bevor die schiitischen Entführer den anglikanischen Laientheologen zusammen mit dem Amerikaner Thomas Sutherland, 60, in die Freiheit entließen, statteten sie ihn mit neuer Hose, Hemd und Windjacke aus. Schuhe in Größe 48 aber waren für den Zwei-Meter-Hünen in ganz Beirut nicht aufzutreiben.
Waite erzählte die Anekdote mit gespieltem Understatement, als komme es ihm vorrangig darauf an, den coolen Typ zu markieren - ein James Bond im Kirchengewand. Über erlittene seelische wie körperliche Torturen in der Schattenwelt der Beiruter Geiselverliese verlor er hingegen kaum ein Wort.
Erstaunlich robust und wenig gezeichnet von den Spuren seines fast fünf Jahre dauernden Leidensweges, richtete sich Waite mit einer frohen Botschaft an die Familien und Freunde jener fünf westlichen Geiseln, die immer noch festgehalten werden. Seine Entführer, Angehörige der schiitischen Hisb Allah ("Partei Gottes"), hätten ihm ein baldiges Ende des Beiruter Geiseldramas in Aussicht gestellt: Die Verschleppten würden "in wenigen Wochen, vielleicht auch in wenigen Tagen" freikommen.
Die letzten Gefangenen der fanatischen, vom Iran gesteuerten Gotteskrieger, die vor sieben Jahren mit dem Menschenraub in Beirut begannen, sind die Amerikaner Terry Anderson, 44, Joseph Cicippio, 60, Alann Steen, 52, sowie die beiden Deutschen Heinrich Strübig, 50, und Thomas Kemptner, 29.
Von allen Entführungsopfern war Terry Waite wohl das prominenteste, zugleich aber das rätselhafteste. Denn der bullige Kirchen-Vertreter hatte lange Jahre im nahöstlichen Geiselbasar eine schillernde Rolle gespielt. Offiziell als Emissär des Oberhauptes der anglikanischen Kirche unterwegs - "Ich bin der Kissinger des Erzbischofs von Canterbury" -, insgeheim aber auch im Auftrag der britischen oder der amerikanischen Regierung, hatte Waite ebenso mit dem iranischen Revolutionsführer Ajatollah Chomeini über die Freilassung westlicher Gefangener gesprochen wie mit dem libyschen Staatschef Gaddafi.
Als er im Januar 1987 in West-Beirut selbst von den Hisb-Allah-Häschern geschnappt wurde, hatte Waite mit den Kidnappern schon monatelang verhandelt. Unklar ist bis heute nur, in wessen Auftrag.
Noch wenige Tage vor der Entführung, an der Bar des West-Beiruter Hotels "Riviera", prahlte er gegenüber drusischen Sicherheitsleuten über seine geheime Mission: Er sei "allein in einem Minenfeld unterwegs", aber mit "Gottes Hilfe" werde er seinen Auftrag beenden und "die Jungs rausholen".
Fest steht, daß Waite in seinem Geltungsdrang weit über den humanitären Auftrag seiner Kirche hinausgegangen war. Kurz nach seiner Entführung verbreitete die Hisb Allah, Waite sei in Wirklichkeit "CIA-Agent", in seiner Gürtelschnalle habe ein Peilsender gesteckt.
Tatsächlich hatte der Brite, wie erst jetzt herauskam, immer wieder mit US-Geheimdiensten zusammengearbeitet und sich etwa 20mal mit Oberstleutnant Oliver North getroffen, dem Drahtzieher der Iran-Contra-Affäre im Weißen Haus. North hatte illegal Waffen in den Iran verschoben, um im Gegengeschäft US-Geiseln in Beirut freizubekommen; Waite diente ihm dabei offenbar als Kurier im libanesischen Dschungel.
"Ich bin sicher, daß die Amerikaner Terry Waite benützt haben", sagt der konservative britische Abgeordnete Robert Adley; die Frage sei nur, ob Waite sich naiv habe manipulieren lassen oder bewußt Helfersdienste leistete - für Waites kirchliche Vorgesetzte eine peinliche Bloßstellung.
Aufklärung über seine konspirativen Missionen im Nahen Osten und die Identität seiner Hintermänner möchte der vierfache Familienvater Waite erst dann liefern, "wenn auch die letzte Geisel aus dem Libanon verschwunden ist".
Da könnte der fromme Selbstdarsteller schon bald unter Erklärungsdruck geraten. "Eine Art Versprechen" bekam Uno-Generalsekretär Perez de Cuellar vergangene Woche von den Schutzherren der Hisb Allah, den Mullahs aus Teheran, daß die letzten Gefangenen bis Weihnachten freikämen.
Gegründet wurde die Hisb Allah 1982 von dem damaligen iranischen Botschafter in Syrien, Ali Akbar Mohtaschemi. Der spätere Innenminister ist heute der gefährlichste innenpolitische Rivale Rafsandschanis; als Bewahrer des Chomeini-Erbes mißtraut er den Versuchen des Präsidenten, die islamische Republik allmählich wieder gegenüber dem Westen zu öffnen.
Rafsandschani weiß, daß der Iran westliches Kapital, vor allem aus den USA, zur Lösung seiner enormen wirtschaftlichen Probleme braucht. Die Freilassung aller Geiseln hat Washington zum Prüfstein für den guten Willen der Iraner gemacht.
Der erst im vergangenen Mai gewählte Hisb-Allah-Generalsekretär Abbas el-Mussawi gilt als verläßlicher Gefolgsmann Rafsandschanis. "Die Geiselnahme Unschuldiger, der Schandfleck des Islam, muß entfernt werden", erklärte er nach seiner Amtsübernahme. Aus seiner Parteizentrale im West-Beiruter Slum-Vorort Bir el-Abid, einer Hochburg der Gotteskrieger, verkündete der stets in schwarz gehüllte Parteichef vergangene Woche, das Geiselproblem sei nun "einer endgültigen Lösung nahe".
Zugleich machte Mussawi eine wichtige Einschränkung: Das betreffe nur die westlichen Geiseln, die "Frage der israelischen Gefangenen" sei eine "völlig andere Sache". Seit einigen Monaten fordert die Hisb Allah die Freilassung von mehr als 300 Arabern, die in südlibanesischen und israelischen Lagern gefangengehalten werden. Prominentester Insasse ist der schiitische Geistliche Scheich Abd el-Karim Ubeid, 38, der 1989 in einer Kommandoaktion per Hubschrauber nach Israel entführt worden war.
Als Gegenleistung für die Freilassung ihrer Glaubens- und Gesinnungsbrüder boten die libanesischen Hisb-Allah-Kämpfer Auskunft über das Schicksal mehrerer israelischer Soldaten an, die im Libanon vermißt werden.
Die israelische Regierung setzte darauf, daß bei den Gesprächen der Vereinten Nationen mit dem Iran das Schicksal der westlichen Geiseln mit dem der israelischen Vermißten verknüpft würde. Doch nun zeichnet sich ab, daß die Hisb-Allah-Führer davon nichts wissen wollen - für Israel eine heikle Situation.
Schon erklärte Außenminister David Levi, unter Anspielung auf die Selektion in den Nazi-Vernichtungslagern: "Es darf unter keinen Umständen so sein, daß es in der Frage der Freilassung von Geiseln oder Gefangenen eine Selektion zwischen Israelis und anderen gibt."
Bislang glaubte Jerusalem, mit dem gekidnappten Schiiten-Scheich Ubeid ein wertvolles Faustpfand im nahöstlichen Geiselschacher zu besitzen. Doch Ubeids Rückkehr, hieß es Ende vergangener Woche in der Beiruter Hisb-Allah-Zentrale, sei keineswegs vordringlich. Hisb-Allah-Führer Mussawi: Solange Scheich Ubeid in israelischer Gefangenschaft schmachte, sei er "ein großer islamischer Märtyrer".
Einen weit profaneren Grund, die Heimholung des Scheichs zu verzögern, verschwieg er lieber: Ubeid gilt als Kampfgefährte von Mohtaschemi - und damit als Gegner der derzeitigen Hisb-Allah-Spitze. o

DER SPIEGEL 48/1991
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