25.11.1991

LibanonNur Theater

Die syrischen Besatzer sollen auf Druck der USA den Drogenanbau in der Bekaa-Ebene unterbinden - und sich damit um die eigenen Profite bringen.
Die Soldaten kamen, als Fuad Salih sich gerade in der nahen Stadt Baalbek aufhielt, um die Hochzeit seines ältesten Sohnes vorzubereiten. Eskortiert von zwei Schützenpanzern der syrischen Armee, fuhren am frühen Morgen drei Traktoren auf die Felder des libanesischen Bauern und fraßen sich mit schweren Pflügen durch den braunen, fruchtbaren Boden. Nach wenigen Stunden waren sechs Hektar Mohn- und Hanfäcker umgegraben.
Dann schichteten zwei Dutzend Soldaten die entwurzelten und geknickten Stauden zu großen Haufen und zündeten die Pflanzen an. Als Salih in sein Dorf zurückkehrte, stand seine Ernte, und damit sein gesamter Besitz, in Flammen.
So wie ihm erging es in den letzten Wochen Dutzenden von Bauern in der nordlibanesischen Bekaa-Ebene: Ohne Vorwarnung tauchten schwerbewaffnete Kommandos der syrischen Armee auf, zerstörten die Saat und ebneten die Felder ein. Fuad: "Sie haben uns alles genommen, was soll jetzt aus uns werden?"
Bauern wie Fuad Salih, die vom Hanf- und Mohnanbau leben, zählen zu den wohlhabendsten Landwirten im bürgerkriegszerstörten Libanon. Während ihre überwiegend schiitischen Vorfahren noch Sonnenblumen, Kartoffeln oder Weizen säten, haben sie sich seit Jahren, durch die Wirren begünstigt, für wesentlich lukrativere Pflanzen entschieden.
Das Hochtal zwischen dem Massiv des Antilibanon-Gebirges und der syrischen Grenze, das seit Beginn des libanesischen Bürgerkriegs 1975 von der Armee des syrischen Staatschefs Hafis el-Assad, 61, kontrolliert wird, ist eines der weltweit bedeutendsten Anbaugebiete für indischen Hanf und Mohn, Grundstoff für die Rauschgifte Haschisch und Heroin.
Nach Schätzungen internationaler Drogenfahnder wachsen in der Bekaa-Ebene auf 14 000 Hektar Hanf und auf 1800 Hektar Mohn. Allein die letzte Hanfernte brachte etwa 700 Tonnen des von Kiffern in aller Welt hochgeschätzten Haschischs der Sorte "Roter Libanese" ein. 20 Prozent des in den USA verbrauchten Heroins werden derzeit aus Mohnkapseln gewonnen, die Bauern wie Fuad Salih auf ihren Feldern nahe der Stadt Baalbek anbauen.
In der Umgebung von Baalbek orteten Fahnder der US-Drogenbekämpfungsbehörde Drug Enforcement Agency (DEA) etwa zehn bestausgerüstete Labors, in denen aus Mohnmilch Heroinpulver gewonnen wird.
Die Hintermänner und Drahtzieher des Milliarden-Geschäfts lebten bisher angesehen und völlig unbehelligt vor Ort: Es sind syrische und libanesische Regierungsmitglieder, vor allem aber Militärs.
DEA-Agenten schätzen, daß Syrien bisher aus Anbau und Vertrieb der Drogen eine Milliarde Dollar jährlich kassiert. Damit war der Rauschgifthandel zu einem der wichtigsten und profitabelsten Wirtschaftszweige des fast bankrotten Staates geworden.
Da Assad nicht mehr auf Waffen- und Wirtschaftshilfe seines vormaligen Verbündeten UdSSR zählen kann, lehnt sich der Diktator, vor allem seit dem Ende des Golfkriegs, stärker an die USA an. Um dringend benötigte Kredite und Wirtschaftshilfen zu bekommen, hat Assad seine Unterstützung für palästinensische Terroristen ebenso eingestellt wie seine Kriegspropaganda gegen Israel.
Doch allein mit diesen Gesten, die den von Washington angeschobenen Friedensprozeß im Nahen Osten begünstigen sollen, gaben sich die USA nicht zufrieden: Sie verlangten von Syrien auch, den Rauschgifthändler- und -lieferantenring in der Bekaa-Ebene zu zerschlagen.
Schon Anfang September, rechtzeitig vor einem Besuch des US-Außenministers James Baker, hatten syrische Soldaten, unterstützt von der libanesischen Gendarmerie, rund 28 Hektar Cannabis-Pflanzen vernichtet. Doch die Bauern zeigten sich wenig beunruhigt, denn die wesentlich wertvollere Mohnernte war da schon seit zwei Monaten eingebracht und verkauft. Die Pflanzer vertrauten darauf, daß sie ihren Anbau weiterhin mit Schmiergeldern vor dem Zugriff der Behörden bewahren könnten.
Diese Schutzgebühren, berichtete ein israelischer Polizeioffizier während einer internationalen Anti-Drogenkonferenz in Jerusalem, betragen bis zu 500 Dollar pro Hektar Anbaufläche. Für jedes Dorf sei ein Offizier zuständig, der die kassierten Beträge an einen Vorgesetzten weitergebe. Dieser leite das Geld, abzüglich des vereinbarten Eigenanteils, an Obristen und Generale weiter.
Solche Schutzgelder sackten nicht nur die im Bekaa stationierten syrischen Militärs und deren Vorgesetzte in Damaskus ein. Kassiert wurde auch in der syrischen Führungsspitze.
Zu den prominentesten Profiteuren des nahöstlichen Rauschgiftmarkts soll sogar ein Mitglied der Familie des Präsidenten gehören. Ihm werden von US-Drogenfahndern enge Verbindungen zur Mafia und zum kolumbianischen MedellIn-Kartell nachgesagt.
Ob Präsident Assad den Drogenanbau tatsächlich auf Dauer stoppen will, bleibt deshalb zweifelhaft. Selbst langjährige Verbündete wie der libanesische Drusen-Führer Walid Dschumblat, 44, glauben, daß die Aktionen der syrischen Soldaten "nur Theater" seien.
Sollte Assad wirklich Ernst machen, dann drohen nicht nur seinen eigenen Schützlingen, sondern auch weiten Teilen der libanesischen Führungsschicht gewaltige Verluste.
Denn weit mehr noch als in Syrien war das Drogengeschäft für den Zedernstaat während des 16jährigen Bürgerkrieges die einzige funktionierende Einnahmequelle.
Ohne die Gewinne aus dem Rauschgiftgeschäft hätten die zahlreichen Milizen ihre Waffen nicht kaufen können, wäre der Krieg mangels Finanzen viel eher beendet gewesen. Der 1982 ermordete Staatspräsident und Führer der mächtigen Christen-Miliz, Beschir Gemayel, höhnte einmal über seine innenpolitischen Widersacher: "Ohne Rauschgiftschmuggel müßten sie mit bloßen Fäusten aufeinander losgehen."
Gelegentlich stellten sich die Würdenträger sogar selbst als Drogenkuriere zur Verfügung. Als Anfang der siebziger Jahre der damalige Staatschef Suleiman Franjieh, ein Christ aus dem Nordlibanon, auf dem New Yorker Kennedy-Flughafen eintraf, filzten amerikanische Beamte diskret sein Diplomatengepäck. In einer Aktentasche fanden sie 20 Kilo "Roten Libanesen". Der Stoff wurde beschlagnahmt, Franjieh durfte ungehindert ausreisen.
Seit Syrien Anfang des Jahres die libanesischen Milizen entwaffnet und den Libanon praktisch in ein Protektorat verwandelt hat, geht die Besatzungsmacht hart gegen Rauschgifthändler und -verteiler vor - allerdings nur gegen libanesische, die eigenen Landsleute blieben ungeschoren.
Bislang spektakulärster Fang war die Verhaftung des libanesischen Generals Mahdi el-Hadschi Hassan. Der Schiit aus dem nördlichen Bekaa soll als Sicherheitschef des Beiruter Flughafens jahrelang für den reibungslosen Abtransport von Heroin und Haschisch mit der heimischen Luftfahrtgesellschaft Middle East Airlines gesorgt haben.
Der Prozeß gegen den General ist für Anfang nächsten Jahres geplant, der Angeklagte hat bereits angekündigt, schonungslos über seine Hintermänner auszupacken: "Dann ist in der Regierung keiner mehr sicher." o

DER SPIEGEL 48/1991
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