25.11.1991

BrasilienLaute Verwandte

Hunderttausende Brasilianer fliehen vor der Wirtschaftskrise in die Heimatländer ihrer Vorfahren. Die meisten zieht es nach Japan.
Das gelobte Land ist klein, dicht besiedelt und teuer, jedenfalls für Alonso Alvaro da Costa, 48. Die Einwohner sprechen eine Sprache, die der Brasilianer aus Sao Paulo wohl kaum jemals beherrschen wird.
Dennoch hat Alonso seinen Job als Bankangestellter aufgegeben, seine Frau und zwei Kinder zurückgelassen und sich mit etwa 2500 Dollar verschuldet, um das Ticket für den 24-Stunden-Flug zu bezahlen. Sein Reiseziel ist die Heimat seiner Ahnen: Japan.
Anfang dieses Jahrhunderts hatten seine Vorfahren die Reise in umgekehrter Richtung angetreten. Das südamerikanische Land verhieß den Auswanderern damals, was sie in Japan entbehren mußten: fruchtbare Äcker und Bodenschätze im Überfluß.
Die fleißigen Emigranten begründeten die größte japanische Auslandskolonie auf der Welt: Etwa 1,2 Millionen Japanstämmige leben heute in Brasilien, 800 000 allein im Bundesstaat Sao Paulo.
Jetzt strömen sie zurück. 130 000 "dekasegi" (etwa: Gastarbeiter), wie die Japan-Abkömmlinge genannt werden, sind allein in den vergangenen zwei Jahren vor Brasiliens schwerer Wirtschaftskrise geflohen. Sie tragen zum größten Exodus in der Geschichte Brasiliens bei: Insgesamt haben rund 800 000 Brasilianer das einstige Einwanderungsland in den vergangenen Jahren verlassen.
"Der einzige Ausweg aus der brasilianischen Krise ist der Flughafen", kommentierte die Zeitschrift Veja die Massenemigration.
Während sich in Mexiko, Venezuela, Chile, Kolumbien und selbst bei Brasiliens Dauerrivalen Argentinien nach dem "verlorenen Jahrzehnt", wie die krisenhaften achtziger Jahre in Lateinamerika genannt werden, ein Aufschwung abzeichnet, taumelt der größte Staat des Kontinents immer tiefer in Rezession und Inflation.
Da besinnen sich Hunderttausende auf die Herkunft ihrer Großväter. Nachfahren japanischer, italienischer, portugiesischer oder deutscher Einwanderer stehen vor den Konsulaten Schlange, um die Nationalität ihrer Vorfahren oder wenigstens eine Aufenthalts- und Arbeitsgenehmigung in der alten Heimat zu ergattern.
Allein Italiens Generalkonsulat in Sao Paulo hat im vergangenen Jahr 30 000 Paßanträge bearbeitet. "Die Zahl der Antragsteller hat sich in den vergangenen drei Jahren verdreifacht", sagt Italiens Vizekonsul in Sao Paulo, Ernesto Bellelli. "Vom einfachen Arbeiter bis zum Akademiker mit festem Arbeitsplatz wollen alle nur eins: raus."
Das liberale italienische Einbürgerungsrecht - wer die Staatsangehörigkeit erhalten will, muß nur nachweisen, daß er väterlicherseits einen italienischen Vorfahren hat - läßt die etwa 15 Millionen italienischstämmigen Brasilianer auf einen bequemen Weg aus der Misere hoffen. Dabei betrachten die meisten den italienischen Paß vor allem als Eintrittskarte in die Europäische Gemeinschaft.
Die diplomatischen Vertretungen Deutschlands und Portugals melden ebenfalls eine Flut von Paßanträgen, obwohl sie bei der Anerkennung weitaus strenger verfahren als Italien. "Früher kamen zwei oder drei Deutschstämmige am Tag. Seit zwei Jahren sind es mehr als doppelt soviel", sagt Rainer Mühlig, deutscher Vizekonsul im südbrasilianischen Porto Alegre.
Die japanischen Behören geben den Dekasegi zumeist problemlos Aufenthaltsgenehmigungen für zwei bis drei Jahre, wenn die Auswanderer ihre japanische Abstammung nachweisen können. Die Anzahl der Visaanträge im japanischen Generalkonsulat von Sao Paulo ist auf mehr als 70 000 in diesem Jahr hochgeschnellt.
Komplette Belegschaften haben ihre - für brasilianische Verhältnisse oft gut bezahlten - Arbeitsstellen aufgegeben, um nach Japan zu gehen. Eine Bank in Sao Paulo verlor auf einen Schlag 1500 Angestellte; sie zogen das Fließband bei Mitsubishi oder Toyota dem Bankschalter in Brasilien vor. Die Linienflüge zwischen Sao Paulo und Tokio sind auf Monate ausgebucht.
"Als Bankangestellter in Sao Paulo habe ich monatlich etwa 300 Dollar nach Hause gebracht, in Japan mache ich am Fließband mit Überstunden mehr als 3000 Dollar", sagt Alonso Alvaro da Costa. "Wenn ich in drei Jahren wiederkomme, kaufe ich mir hier ein Haus und ein Auto und eröffne ein Geschäft."
Die Gemüsehändlerin Jolanda Taiza, die 1931 als Kind mit ihren Eltern nach Brasilien einwanderte, hat drei Söhne und eine Tochter, die jetzt ihr Glück in Japan versuchen. Stolz erzählt sie, wie die monatlichen Überweisungen ihrer Kinder sie vor dem Absturz ins Elend bewahrten: "Mit vier Personen haben wir auf dem Zentralmarkt etwa 357 Dollar im Monat verdient. Unsere Plantage war gepachtet, mein Mann ist behindert und konnte mir nicht mehr helfen, wir drohten in Schulden zu ersticken. Heute schickt jedes meiner Kinder Geld nach Hause."
Innerhalb von zwei Jahren hat die Familie es zu Wohlstand gebracht: Drei Autos und ein Lastwagen parken vor ihrem neuen Haus in San Andreu, einem Vorort von Sao Paulo.
Der Dollarstrom aus Japan ist ein wichtiger Posten in Brasiliens Handelsbilanz: "Jeder Dekasegi überweist durchschnittlich etwa tausend Dollar monatlich nach Hause", sagt Toshiro Kobayashi, Vertreter der Bank of Tokyo in Sao Paulo, "für Brasilien bedeutet das einen jährlichen Devisenzufluß von mehr als einer Milliarde Dollar."
Unzählige Überstunden und die Bereitschaft, fast jede Arbeit anzunehmen, erklären die Erfolgsgeschichten der meisten Rückwanderer. Denn viele verrichten Arbeiten, für die kein Japaner mehr zu gewinnen ist. Bis zu 16 Stunden täglich stehen sie am Fließband, manche sind gerade erst 16 Jahre alt - das japanische Mindestalter für die Arbeitsbewilligung.
Japans Firmen können leicht gegen Arbeitsschutzbestimmungen verstoßen, weil die Regierung längst den Überblick über den grauen Arbeitsmarkt verloren hat. In Brasilien und in Japan haben sich zahlreiche private Vermittlungsagenturen etabliert, die den Brasilianern Arbeitsverträge mit Zulieferern japanischer Großkonzerne anbieten - oft ohne Kranken- und Sozialversicherung.
Schlepperorganisationen nutzen die Ahnungslosigkeit vieler Dekasegi aus und kassieren einen Teil des Monatslohns als Provision.
In den Industriebetrieben um die 500 000-Einwohner-Stadt Hamamatsu westlich von Tokio kommen inzwischen mehr als 60 Prozent der Arbeiter aus Brasilien. Die Dekasegi haben eigene portugiesischsprachige Radiostationen und Zeitungen. In den Kneipen und Restaurants wird das brasilianische Bohnengericht Feijoada serviert, Karaoke-Bars - wo Japaner gern zur Playback-Musik als Sänger auftreten - und Diskotheken mit brasilianischer Musik sorgen für Unterhaltung am Wochenende.
Dennoch wachsen die Spannungen zwischen Gastarbeitern und Einheimischen. Die meisten japanstämmigen Brasilianer halten an der portugiesischen Sprache fest, vor allem aber provozieren die unterschiedlichen Sitten Zusammenstöße und Konflikte.
"Viele Japaner hatten erwartet, daß ihre brasilianischen Verwandten ihnen ähnlicher seien als die philippinischen oder pakistanischen Fremdarbeiter", sagt Samuel Gibo, Leiter einer Reiseagentur für Dekasegi in Sao Paulo. "Jetzt entdecken sie, daß wir eine eigene Kultur haben."
So gestikulieren die Brasilianer lebhafter als die Japaner, sie umarmen sich bei der Begrüßung, und sie sind meist auch lauter als ihre einheimischen Verwandten. Im Supermarkt öffnen sie schon mal Lebensmittelpakete, um den Inhalt zu überprüfen - Verhaltensweisen, die in Japan verpönt sind. Empört berichteten brasilianische Zeitungen unlängst, daß der Manager eines Supermarkts in Hamamatsu seine Kunden über Lautsprecher vor stehlenden Brasilianern warnte.
Nur wenige Rückwanderer wollen daher auf Dauer im Land ihrer Ahnen bleiben. "Japan ist gut zum Arbeiten, aber zum Leben ziehe ich Brasilien vor", sagt Alonso Alvaro da Costa, bevor er zusammen mit zahlreichen anderen Wanderarbeitern zum Varig-Flug nach Tokio eincheckt.
Wenn er in drei Jahren zurückkehrt, soll sich auch in Brasilien das Arbeiten wieder lohnen - jedenfalls verspricht das die Regierung in BrasIlia. Sie will den Exodus mit Zuwanderern ausgleichen, die in Südamerika als mindestens ebenso fleißig gelten wie die Japaner:
Deutsche aus den neuen Bundesländern seien in Brasilien herzlich willkommen, teilte das brasilianische Außenministerium Kanzler Helmut Kohl während seines Staatsbesuchs im Oktober mit. o

DER SPIEGEL 48/1991
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