23.12.1991

DFFPersonal zerstreuen

Der Deutsche Fernsehfunk beendet seine Existenz. Ein Jugendmagazin überlebt in der Marktwirtschaft.
Das Programm für die letzten Sendetage steht. Weihnachten und Jahresende werden zum größten Teil aus der Konserve bestritten. Für die letzten aktuellen Nachrichtensendungen und Live-Übertragungen sind die Aufgaben verteilt: Am 31. Dezember um 24 Uhr, keine Sekunde später, gehen in den Adlershofer Studios die Lichter aus. Damit hört der Deutsche Fernsehfunk (DFF) nach 39 Jahren und elf Tagen auf zu existieren.
Der kommissarische Chef Holm Freier hat dennoch keine freie Minute. Der laufende Sendebetrieb bei gleichzeitiger Abwicklung einer der ehemals größten Fernsehanstalten Europas frißt ihn fast auf. "Ich sorge dafür", sagt er mit müdem Lächeln, "daß hier erst am 31., 0.00 Uhr die Lichter ausgehen."
Der letzte DFF-Leiter, vor dem Herbst 1989 noch freiberuflicher Dramaturg beim DFF, dann Nachfolger von Michael Albrecht, der als Fernsehdirektor zum Ostdeutschen Rundfunk (ODR) nach Brandenburg wechselte, steht wie die meisten der diensttuenden Fernsehmacher vor der Arbeitslosigkeit.
"Vielleicht", hofft er, "hat Albrecht Arbeit für mich." Mit ihm wünschen sich noch 3000 andere Bewerber einen Platz beim ODR. Die meisten kommen aus Adlershof. Nicht einmal 500 haben eine Chance, übernommen zu werden, nur eine Handvoll von ihnen hat bereits einen Arbeitsvertrag. Der gerade gewählte ODR-Intendant Hansjürgen Rosenbauer, ein Import vom Westdeutschen Rundfunk (WDR), und sein Fernsehdirektor Albrecht lassen sich Zeit.
Auch beim Norddeutschen Rundfunk (NDR), der den Sendeauftrag für Mecklenburg-Vorpommern übernehmen wird, ist bislang kaum einer vom DFF gelandet. Selbst beim Mitteldeutschen Rundfunk (MDR), der Sendeanstalt von Sachsen, Thüringen und Sachsen-Anhalt, die einmal 3000 Beschäftigte haben wird, ist nur eine kleine Zahl von DFF-Leuten untergekommen.
Die Hoffnung ist der Ernüchterung gewichen, bald nicht mehr gebraucht zu werden. Statt Aufbruchstimmung kleine Denunziationen: X hat doch noch im Sommer '89 stramm die SED-Propaganda über den Sender posaunt, nun soll er die Kirchensendung beim MDR machen; Y läuft beim ODR jetzt mit Krawattennadel herum, ob der sich noch an seine Kampfgruppen-Montur erinnert?
Alfred Roesler-Kleint, noch Chefredakteur für Politik und Zeitgeschehen beim DFF und künftig für Fernsehspiele beim ODR verantwortlich, galt unter den stromlinienförmigen Alt-Adlershofern als Querulant: "Adlershof gehörte zum Kreis der Täter."
Deswegen hatte er sich mit Leuten umgeben, die sich mit ihrer Vergangenheit schwertaten. In der Zukunft haben die meisten keine Chance. Das wurde auf einer Geheimkonferenz Anfang des Jahres in Berlin beschlossen, im Beisein des Rundfunk-Beauftragten Rudolf Mühlfenzl und des SFB-Intendanten Günther von Lojewski, als Aufforderung: "Zerstreuung des intellektuellen Potentials Ost." "Und das", sagt Roesler-Kleint, "beschreibt in etwa unsere jetzige Situation."
"Auf ein Neues", titelten die Adlershofer Sendemacher mit Hintersinn ihre Silvester-Revue, mit der sie sich von ihren Zuschauern verabschieden. In den ersten Sekunden 1992 übernehmen die Landesrundfunkanstalten den Sendebetrieb. Der DFF muß laut Artikel 36 des Einigungsvertrages bis Silvester abgewickelt sein. Sendet er über den Jahreswechsel hinaus, kann das die Nachlaßverwalter teuer kommen.
"Dann hagelt es noch einmal Klagen auf Wiedereinstellung", ist sich Hans-Jürgen Kerber, das Vorstandsmitglied vom Personalrat, sicher. Schon jetzt vertritt das Gremium fast 3000 DFF-Mitarbeiter bei Arbeitsrechts-Streitigkeiten.
Die Tücke liegt im Detail, meint Kerber, der seine Kollegen immer wieder animiert, ihre Rechte einzuklagen, und mittlerweile sämtliche juristischen Spitzfindigkeiten draufhat: "Wenn sie uns schon nicht haben wollen, dann sollen sie wenigstens ordentlich zahlen."
Geld dafür ist da. Mit über 100 Millionen Mark in den Kassen beendet der DFF seinen Sendebetrieb. Bislang nicht abzuschätzen ist der Wert von Immobilien, Liegenschaften, Ausrüstungen, Sende-Lizenzen und Archiv-Materialien, die unter den neuen Anstalten aufgeteilt werden sollen.
Eine Verwertungs- und Verwaltungs-GmbH sowie die gerade gegründete Liquidationsgesellschaft sollen sich um das Erbe von DFF und alten Rundfunkanstalten kümmern. "Das wird noch ein Stück wie aus dem Wilden Westen", kommentiert Personalrat Kerber den Verteilungskampf. Aber in den Programmen der neuen Anstalten taucht kaum ein Adlershofer Sendetitel auf.
Die Magazin-Sendungen "Prisma", "Klartext" oder "Ungeschminkt" sind schon abgeschaltet. Andere folgen in diesen Tagen. Selbst die Zukunft von "Sandmännchen", Sehbeteiligung unter Kindern 70 Prozent, ist in den neuen Landesrundfunkanstalten ungewiß.
"Aktuell" aber sendet noch. Die Nachrichtensendung erreicht in den neuen Ländern gut 20 Prozent der Zuschauer. Wolfgang Lippe, einst Sprecher der unsäglichen "Aktuellen Kamera" und nun hinter den Kulissen als Nachrichten-Chef agierend, gibt sich keinerlei Illusionen hin: "Ich bin 'ne Altlast, mich will doch keiner."
"Aktuell" wird an Silvester die letzte Live-Sendung des DFF liefern. Nachrichten-Chef Lippe wünscht sich einen stillen, aber inszenierten Abgang - mit der Information an die Zuschauer, wo sie am nächsten Tag, zur "gewohnten Sendezeit" die Nachrichten des Tages sehen werden.
Alle, die noch auf Sendung gehen, denken über ihren letzten Auftritt nach. Nur bei Georg Langerbeck ist das anders. Dem Chef der schrägen Jugendsendung "Elf 99" - "die Störung hat System" - bleibt keine Zeit für dröge Abgesänge. In seinem Büro stapeln sich die Sende-Manuskripte, herrscht ein Kommen und Gehen wie auf dem Bahnhof.
"Elf 99" ist am 20. Dezember in der Marktwirtschaft angekommen. Am Freitag vor Weihnachten mutierte das einstige Prestige-Objekt von FDJ und SED zur Privatgesellschaft mit gutgefüllten Auftragsbüchern. Anfang Januar geht das Magazin mit täglich 45 Minuten bei RTL plus auf Sendung. Auch andere Sender wie MDR, ODR, Premiere oder Sat 1 haben Aufträge für Specials, Porträts, Magazin- und Musiksendungen erteilt. Langerbeck: "Wir sind erst mal ausgebucht."
Mit 100 festen und freien Mitarbeitern, Westlöhnen und einem zweistelligen Millionen-Budget will Langerbeck dafür sorgen, daß auf dem Adlershofer Gelände, wo die "Elf 99"-GmbH nun Studio, Redaktionsräume und Technik gemietet hat, nicht ganz die Lichter ausgehen.
Zu Silvester wird "Elf 99" noch zweimal auf Sendung gehen. Im Nachmittags-Magazin soll der DFF begraben und abends ein Special zum Thema Büstenhalter gesendet werden - Countdown für den ersten Auftritt bei RTL plus.

DER SPIEGEL 52/1991
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