25.11.1991

„Scotch. Und Wasser“

Gorbatschow ist schuld", sagt der Mann mit dem kriegerischen Namen Warnock, der 20 Jahre lang bei der IRA war und seither in Washington erfolgreich im Sicherheitsgewerbe, Spezialist für Terrorismus-Bekämpfung. Aber die Geschäfte gehen schlecht, nach dem Fallen der Ölpreise und dem Ausbleiben der arabischen Kundschaft und vor allem wegen des Friedenspredigers aus Moskau: "Es wird", da ist sich der alte Kämpe sicher, "nie mehr so schön wie früher sein."
Agentendämmerung in Washington und anderswo: Im Weißen Haus sorgt sich ein ehemaliger Direktor der CIA über den rapiden Zerfall des einstigen Reichs des Bösen. In Langley, Virginia, entschlüsseln die verbliebenen Top-Spione der Agency den neuen Roman von Norman Mailer. Und auf den Hügeln von Malibu, an einem grauen Vormittag, pflegt ein früherer Rundfunkreporter, Wahlkampfmanager und seit den Sechzigern unbestrittener Meister des amerikanischen Polit-Thrillers seinen Garten und lacht.
Ross Thomas ist, in seinem neuen Roman "Twilight at Mac's Place", zurückgekehrt zu seinen literarischen Anfängen: an jenen legendären Ort, der ursprünglich einmal, in den Jahren kurz nach dem Bau der Mauer, in Bonn-Bad Godesberg lag und später in Washington, und zu den Helden seines ersten Romans, "The Cold War Swap" ("Der Ein-Weg-Mensch"), den wohl bemerkenswertesten unter all den unvergeßlichen Figuren, den liebenswerten Zynikern und heroischen Exzentrikern, die er erfand.
Denn der Kriegsveteran und Gründer der Bar Mac's Place, Mac McCorkle, und sein Partner, Michael Padillo, der Agent wider Willen, Helden noch zweier weiterer Romane, zuletzt 1971 in "The Backup Men" ("Was ich nicht weiß, macht mich nicht kalt"), sie wirkten so ungewöhnlich normal. "Ich wollte herausfinden, was aus ihnen geworden ist in den vergangenen 20 Jahren", sagt Ross Thomas.
So ist er wieder einmal nach Washington gefahren und hat geschaut, "ob die Einbahnstraßen noch Einbahnstraßen sind". Und fand wenigstens die beiden erstaunlichen Besitzer der Bar an der Connecticut Avenue und Gelegenheitshelden von einst kaum verändert und hat dazu noch einiges erfunden wie den melancholischen Sicherheitsexperten Warnock nebst seinen Angestellten, den Herren Schlitz, Pabst und Coors, zu deutsch etwa Bitburger, Jever und Holsten, in einer Geschichte, so spannend und aberwitzig wie gewohnt.
Es geht um die Memoiren eines ehemaligen CIA-Agenten, geschrieben in deutlich erpresserischer Absicht, und um jenen Alptraum, der nun auch endgültig vergessen sein soll, den Vietnamkrieg. Natürlich unternimmt die Firma alles, das gefürchtete Werk zu unterdrücken, so daß McCorkle und Padillo den einstweiligen Ruhestand in ihrer Bar aufgeben müssen.
"Ich war überrascht, wie gut sie mit dem Alter zurechtgekommen sind", spottet Ross Thomas über seine Figuren. Seit mehr als 15 Jahren, seit er mit seiner zweiten Frau Rosalie hier Urlaub machte, lebt er in Malibu, zuerst in einem Haus am Strand und jetzt in dem kleinen braunen Haus auf den Hügeln, mit den über 50 Jahre alten Bougainvilleas und dem Blick auf den Ozean. Nur sein Arbeitszimmer, mit der alten Schreibmaschine, einem deutschen Fabrikat, liegt zu dem infolge intensiver Pflege eindrucksvoll verwildernden Garten hin.
1926 ist er geboren, in Oklahoma, kämpfte im Zweiten Weltkrieg auf den Philippinen, arbeitete als Reporter. Nach Deutschland kam Ross Thomas 1956, für zwei Jahre, als Rundfunkkorrespondent in Bonn, mit einer nächtlichen Ein- bis Anderthalb-Minutensendung und genug Zeit, herumzureisen.
Danach engagierte ihn eine britische Public-Relations-Agentur als Wahlkampfmanager für den Häuptling Obafemi Awolowo in Nigeria. Der Häuptling verlor, trotz aller Anstrengungen, inklusive des Einsatzes von Himmelsschreibern. Ross Thomas aber blieb, nach seiner Rückkehr in die USA, dem Wahlkampfbusiness treu, im Dienste einer Gewerkschaft. Das war, sagt er, damals "Politik in Reinkultur, schmutzig und gemein und wunderbar", so wie es nie mehr sein wird.
Mit 65 sieht er mehr denn je aus, wie die vom Schicksal weniger Begünstigten unter seinen Helden aussehen müßten, erreichten sie denn dieses Alter. Hohe Stirn, melancholische braune Augen, ein etwas müder Mund, ein nicht enden wollendes Kinn: das Gesicht eines, der zuviel gesehen, zuviel erlebt hat. Den Alkohol hat er schon vor Jahren aufgegeben, danach auch den Kaffee und die Zigaretten. Seither ist er süchtig nach Nikotinkaugummis, an die 60 pro Tag, sein Tribut an Amerikas mächtigste Industrie, die Gesundheitsbranche. Sein Lachen zerstört alle Klischees, ein sehr leises Lachen, so als formulierte er seine Pointen nur noch für sich selber.
Nach seinen Romanen, über 20 inzwischen (in Deutschland bei Ullstein erschienen), sind die Kenner, wie der Schriftsteller Jörg Fauser vermutete, süchtig; sie könnten, wären sie nicht zu ironisch, als Lehrbücher über politische Mechanismen dienen. Wie man eine Wahl manipuliert oder bei einem Warentermingeschäft einen todsicheren Schnitt macht, das ließe sich bei Ross Thomas studieren. Und sogar wie man eine ganze Stadt korrumpiert. Die unheimliche Kunst der Verschwörung und darüber hinaus alles über Oldtimer, Haustiere und die Mode der vergangenen 20, 25 Jahre.
Und über Orte wie Mac's Place. Eine Bar, wie es sie in jeder größeren Stadt gibt und die doch nirgendwo zu finden ist, ein bißchen düster und ein bißchen schäbig, wo die Drinks gut gekühlt und reichlich bemessen sind, ein bißchen teurer, weil die Angestellten diskreter sind als anderswo. Als das Bonner Lokal in die Luft gesprengt wurde, eröffneten seine Besitzer ein neues, fast identisches in Washington. Inzwischen ist Mac's Place Teil eines siebenstöckigen Gebäudes, doch die Fassade ist erhalten, und noch immer sparen McCorkle und Padillo an Elektrizität.
Die Zeit hat ihnen wenig anhaben können. Nur daß McCorkle, der sich zu Bonner Zeiten gelegentlich im SPIEGEL über "die gängigen deutschen Vorurteile" informierte, häufiger die Pall Mall durch ein Nikotinkaugummi ersetzt. Doch noch immer ist er verliebt in seine deutsche Frau Fredl, Korrespondentin einer Frankfurter Zeitung, "und zwar der intellektuellen", und inzwischen sogar Vater einer 20jährigen Tochter, Erika. Und Padillo hat neben seinen gewöhnlichen Geheimnissen nun auch das eines Mannes, der seit 20 Jahren aussieht wie ein 40jähriger, ein Dorian Gray unter den Agenten.
Die klassischen politischen Romane, "die ums Weiße Haus spielen, mit dem Präsidenten, seiner Geliebten, dem ehrgeizigen Außenminister und einem zynischen Kolumnisten in den Hauptrollen", haben Ross Thomas immer gelangweilt. In seinen Washington-Romanen zählt die Stadt ein paar Einwohner mehr, und nebenbei scheint sich der Autor auch in der Topographie amerikanischer Kleinstädte auszukennen, so wie in Afrika und im Nachkriegsdeutschland.
In all diesen Büchern ist die Farbe einer Krawatte, der Schnitt eines Anzugs genauso wichtig wie die Beschreibung eines Komplotts. Das gibt seinen Geschichten jenen Reiz der Groteske, vor dem das ganze Ausmaß des Schreckens erst deutlich wird. Denn am Ende zählt im Gedächtnis des einzelnen ein Mord soviel wie ein roter Schlips.
Er war mit einem Roman "Am Rand der Welt" zur Stelle, als auf den Philippinen das Marcos-Regime endete, und schrieb über die Verflechtung von organisiertem Verbrechen, CIA und den Mächtigen in Politik und Wirtschaft, früher als andere und lange bevor jeder bessere Heimatfilm davon handelte.
In Hollywood genießt er einen guten Ruf als Drehbuchschreiber; Francis Coppola drückte ihm damals ein 24-Minuten-Band mit den teuersten Szenen des "Hammett"-Fragments von Wim Wenders in die Hand, und er schrieb das ganze neu. Seither ist er als "script doctor" auch für Fernsehserien gefragt. Mit seinen eigenen Stoffen allerdings tut man sich schwer, wiewohl Optionen auf sämtlichen seiner Bücher liegen und Steve McQueen sich damals für "The Cold War Swap" interessierte. Der konnte sich nicht entscheiden, ob er McCorkle oder Padillo spielen sollte. Das Projekt, erzählt Ross Thomas, scheiterte daran, daß der potentielle Hauptdarsteller beschloß, beide Charaktere in einem zu spielen. Lediglich sein Nebenwerk, die fünf Bücher, die er unter dem Pseudonym Oliver Bleeck schrieb, "um Brot und Butter auf dem Tisch zu haben", wurde bisher verfilmt. Den Helden, den zynischen, eleganten Mr. St. Ives, eine Art "Mittler zwischen Welt und Unterwelt", spielte in der Fernsehserie mit dem ganzen Ehrgeiz einer Fehlbesetzung Charles Bronson.
Vielleicht sind Thomas' Plots zu kompliziert und seine Helden zu altmodisch. Weil sie, ins Geld verliebt und manchmal in schöne und gefährliche Frauen, aus einer Zeit zu stammen scheinen, als Witz noch alles war, Tugend hingegen ein Zeichen von schlechtem Geschmack und mit Sicherheit denen vorbehalten, die Übles wollten; in jener Zeit tanzte einer, im schlimmsten Falle ein illegitimer Abkömmling des letzten chinesischen Kaisers, lieber am Rande der Welt ums Goldene Kalb als mit dem Wolf in amerikanischen Urlanden. Und der Held antwortete auf die Frage, warum er sein Leben aufs Spiel setze, mit dem schlichten Satz "Weil meine Frau verreist ist". Und wußte die karitativen Bemühungen eines Barmanns - "Was wollen wir heute nachmittag gegen das Elend tun?" - noch zu würdigen, durch die richtige Bestellung: "Scotch. Und Wasser."
",Twilight at Mac's Place', das ist in gewisser Weise ein Ende", sagt Ross Thomas über seinen neuen Roman, "das Ende einer Ära." Am Ende stellt sich heraus, daß die Bemühungen der CIA um die Memoiren ihres ehemaligen Angestellten, des standhaften Steadfast Haynes, einem Schwindelwerk galten, so phantasievoll, daß die Agency es als Pressebericht hätte veröffentlichen können. Im Epilog wollte der Memoirenschreiber, drohte er zumindest, die Iran-Contra-Affäre behandeln.
Es ist diese böse Pointe des Romans - nicht die einzige und auch keineswegs die Lösung seiner Rätsel -, am Ende selber fast so etwas wie ein Epilog zu Ross Thomas' Geschichten und zu einem ganzen Genre, ein Nachruf noch nicht, vielleicht ein Nachspiel. Denn davon lebte der Thriller, daß der Irrsinn einer geheimen Vernunft folgte. Seine Voraussetzung war die Erklärbarkeit der Welt, wie absurd die Erklärungen im einzelnen dann auch sein mochten. Aber vielleicht sind sie, nun da die alten Feindbilder durch neue Werte ersetzt werden, endgültig pensionsreif, McCorkle und Padillo und all die anderen, die illusionslos genug waren, ganz nebenbei und gegen gutes Entgelt für Gerechtigkeit zu sorgen und dafür, daß das Spiel weiterging. Was soll einer wie Ross Thomas, ein Fachmann für Verschwörungen, auch von einem Putsch halten, dessen Betreiber sich nicht einmal an die einfachsten Spielregeln hielten? "Das waren betrunkene Dilettanten in Moskau, die nicht einmal zu töten wagten, was unbedingt dazugehört."
Während Ross Thomas' Kollegen, in England zumal John le Carre und Frederick Forsyth, der Vergangenheit hinterherschreiben, den guten alten Zeiten des Kalten Krieges, werden McCorkle und Padillo, die "Alzheimer Boys", nun wohl für immer im Dämmerlicht ihrer Bar verschwinden, wo sie hoffentlich auch weiterhin die Alkoholfahne jeder anderen vorziehen. Ihr Autor schreibt eine andere Geschichte zu Ende, die jener Helden, die sich zuletzt am "Rand der Welt" begegneten. Im Golfkrieg sehen sie sich alle wieder.
"Ironie ist ein anderes Wort für Realismus", sagt er. Ross Thomas hat noch einen Vertrag über zwei Bücher, "und das war's dann". Am Nachmittag ist der Himmel über Malibu aufgeklart, und das Licht läßt die Farben seltsam blaß erscheinen, wie unter einem Gazeschleier. "Wäre es denn möglich, müßte sich die nächste Präsidentschaftswahl entscheiden zwischen Schwarzkopf und Schwarzenegger." o
Von Annette Meyhöfer

DER SPIEGEL 48/1991
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