25.11.1991

„Wer soll uns im Wege stehen?“

Mit Comedy-Breitseiten, Fußball-Bundesliga und gefühlsseligen Familienserien will der Mainzer Kommerzkanal Sat 1 jetzt sogar ARD und ZDF übertrumpfen und sich endlich als Marktführer etablieren. Noch aber traktiert der halbstarke Quoten-Himmelsstürmer sein genügsames TV-Volk mit Pleiten und Plotten.
Der deutsche Fernsehzuschauer ist eine durchweg dickhäutige, duldsame Kreatur. Arbeitspflichtige Bettflüchter, die sich werktags schon frühmorgens dem Sender Sat 1 ausliefern, müssen aber mit ungewöhnlichen nervlichen Belastungen rechnen.
Dort erscheinen, Punkt 6 Uhr, der stellvertretende Chefredakteur und Neigungsmoderator Udo Philipp sowie eine anmutige Corinna, die mit überirdischer Heiterkeit das Frühstücksprogramm gestalten. Und während unter deutschen Dächern übermüdete Hausfrauen zur familiären Grundversorgung aus den Schlafzimmern wanken, beweist der fönfrische Herr Philipp, Gatte der Bonner Bauministerin Irmgard Schwaetzer, daß ihm der hausinterne Spottname "Philipp Schwaetzer" nicht unverdient zugefallen ist.
Wenn der sanguinische Moderator seine Stimme erhebt, verwandelt sich das Berliner Sat-1-Studio augenblicklich in einen Hort kommunikativer Verwirrung. Hat, zum Beispiel, der Filmkritiker gerade eindringlich vom Besuch des "dilettantischen" Lichtspiels "Colette" abgeraten, meldet der Frühstücksdirektor Sekunden später abweichend: "Sicherlich ein sehr guter, interessanter Film, man sollte den sehen."
Allgemeine Verblüffung begleitet auch den Börsentip, den Philipp mit der luziden Bemerkung krönt: "Viele Anleger fragen sich: Wo gehen sie nun hin mit ihrem Geld? Denn das nimmt ja doch immer mehr zu." Investitionswillige Couponschneider, die sich atemlos über ihr weiches Ei beugen, empfangen dann die wachstumshemmende Auskunft: "Ich kann Ihnen auch keinen Rat geben."
Corinna spricht bleich, aber tapfer den Wetterbericht und erträgt auch widerstandslos das grammatikalische Fehlverhalten des Kollegen, der ein kalifornisches Buschfeuer mit dem Satz: "Die Feuerwehrmänner sind den Flammen noch immer nicht Herr geworden" kommentiert. Vorm Bildschirm fragt sich die leidgefurchte Sat-1-Frühschicht, wann endlich der Sabbel-Philipp der deutschen Sprache Herr wird, da hebt er schon ab zu einem sprachkritischen Ausritt nach Ostasien.
Eine Zuschauerin, die sich telefonisch fürs "Superball"-Spiel meldet und sich höflich als "Frau Kolb" vorstellt, überfällt er unvermittelt mit dem surrealen, nachweislich falschen Einwand: "Die Chinesen würden jetzt sagen: Eigentlich müßten Sie Frau Korb heißen, die können nämlich kein l sprechen." Selbstverliebt grinst der lingual verirrte Chinesen-Udo in die wehrlose Kamera. Frau Korb versagt, identitätsgeschwächt, beim Telespiel, auch die meteorologische Elfe Corinna blickt nun gebrochen aus ihrem altrosa Hosenanzug. Nicht einmal die Käsereklame mit der als Gockel drapierten Hella von Sinnen kann die Sendung jetzt noch retten.
So jammervoll beginnt mitunter der Tag auf Sat 1, und ähnlich freudlose Ausstrahlungen, die dem Sender häufig entschlüpfen, haben das Interesse des deutschen TV-Volks bislang nicht übermäßig angeheizt. Weite Kreise unter den 36 Millionen potentiellen Kunden meiden jeden Kontakt mit Sat-1-Ausflüssen und schalten höchstens zum Sport oder Erich Böhmes rhetorischer Leistungsschau "Talk im Turm" ein.
Mit einem Marktanteil von rund elf Prozent liegt Sat 1 hinter ARD, ZDF und dem aggressiven Kommerzrivalen RTL plus (knapp 16 Prozent) unangefochten auf dem letzten Rang. Doch nun will der Sender, den immer noch die Aura eines Warentermingeschäfts umweht, mit einer gewaltigen "Programm-Offensive" den Quotenhimmel stürmen.
Sat 1, eine Kreation deutscher Verleger und des Münchner Filmhändlers und -produzenten Leo Kirch, hat vor allem mit Kino, Serienimporten und Gameshows sein Publikum umworben. Die Sendeware liefert fast ausschließlich Kirch. Sat 1 residiert mit Hauptsitz in Mainz, rund 500 Bedienstete stehen im Anstaltssold. Und nie zuvor, so beteuern alle Hierarchen, sei so ungestümer Aufbruchseifer in die Belegschaft gefahren. Programmdirektor Martin Kraml, ein fiebriger Astheniker, berichtet von "ungeheueren Investments". Geschäftsführer Werner Klatten, ehemals Manager in der Zigarettenindustrie, spricht lodernd von einer "planmäßigen und erfolgreichen Aufholjagd".
Wundersam hat sich die Station entwickelt, eine gewinnbringende Milliarde erwirtschaftet in diesem Jahr der Werbeverkauf. Eine schlagkräftige Unterhaltungsredaktion, die vorerst allerdings - so Ressortchef Stefan Fuchs umflort - aus "zweieinhalb Leuten" besteht, soll die Anstalt auf den Erfolgsweg zum "modernen, familienorientierten Vollprogramm" führen. Profit- und Profilschub erhofft Klatten, neben dem frisch erworbenen Bundesliga-Fußball, vor allem von "Comedy, Sketch und Humor" als "bestimmenden Elementen". Auch sein Direktor Kraml, der unaufhörlich und unaufgefordert versichert, wie "lustvoll alle Programmverantwortlichen mit Herrn Klatten arbeiten", vibriert nun vor Tatendrang und bekräftigt, daß der gemeine deutsche Schirmnutzer "gern mehr zum Lachen finden würde".
Mit Eigenproduktionen, Hausmacherserien und Showstücken zum Erfolg - so lautet die neue Kreativitätstheorie; der Anteil serieller US-Importe wie "Hunter", pures Einschaltgift mittlerweile, soll drastisch sinken. Und dafür haben die Chefs eine Menge Geld lockergemacht. Beim rheinischen Frohsinn-Konkurrenten RTL plus ist der Populargrobian Karl Dall abgängig geworden, der auf Sat 1 demnächst für "Jux und Dallerei" jährlich fünf Millionen erhält. Die öffentlichrechtliche Schrillkehle Margarethe Schreinemakers verbucht für einen "Lästerday" (Arbeitstitel) eine Million per annum.
Damit die Sat-1-Klientel schon jetzt "ablachen kann", ist der nasenstarke Nippologe Mike Krüger, unter dem sendegerechten Motto "Das Grauen hat viele Gesichter", mit einer "Mike Krüger Show" vertreten. Der Humorist expandiert demnächst mit weiteren "Lachparaden" und ist selig, daß er einen Kanal gefunden hat, der denselben von ihm noch nicht voll hat.
"Wir kaufen Markenartikel, um uns schöner zu machen", sagt Kraml beglückt über seine personellen Beutezüge. Emphatisch, aber mißbräuchlich, schwelgt er gern von der "Philosophie" des Senders, wo doch ein Streichholz genügt, um den gedanklichen Tiefgang des Programms auszuloten.
Denn auch in seinem siebenten Lebensjahr ist Sat 1 noch immer ein bleicher Kümmerling, ein politischer Kastrat - flach, flau und meinungsfaul. Putzig klingt die Verheißung des Chefredakteurs Michael Rutz, die Station werde sich "im Erscheinungsbild aggressiv nach vorn orientieren". Angriffslustig wirkt allein das aufdringliche Farbdesign; die Mannschaft ist immer so penibel gestylt, daß selbst der hängebackige Wetter-Reporter Manfred Erwe aussieht wie ein Lockvogel aus dem Schöpflin-Katalog. Im Programm ist dann wieder Farblosigkeit Trumpf.
Wenn sich, um 8.30 Uhr, die gebeutelte Corinna mit einem befreiten "Tschüs" vom Wirrzüngler Philipp verabschiedet, sendet Sat 1 bevorzugt Importserien und Kinowerke, die der Sat-1-Hauptanteilseigner Kirch (43 Prozent) aus seinen Archiven klaubt. Mittags kommt das blödeste, aber beliebteste Sat-1-Erzeugnis - das Warenrauschquiz "Glücksrad", in dem vor johlendem Publikum drei Kandidaten um begehrte Konsumgüter wetteifern.
Da jubelt "die Gabi" über den gediegenen Goldschmuck "Caprice". Auch ein spielaktiver Peter, der zu Hause am liebsten "Deckchen stickt", kehrt gesättigt zurück in sein aufgeräumtes Klöppelheim. Alle schauen zwischendurch vergnügt auf das "flüssige Ariel gegen hartnäckigen Kragenschmutz". Die Programmleitung betrachtet das "Glücksrad" mit besonderer Inbrunst: "Wir machen ja nicht Ideologien", sagt Kraml spitz, "wir machen Markenartikel, indem wir ein Produkt verkaufen, nämlich erfolgreiches Fernsehen."
Das richtige Rezept für genußreiches Massen-Entertainment war unter den Gesellschaftern lange umstritten. Die Verleger hatten einst, anders als der Gevatter Kirch, an ein "journalistisches Unterhaltungsprogramm" gedacht. Anfangs liefen auf Sat 1 noch Magazine, Teenager-Kurzweil, sogar Dichterlesungen. Der öffentlichkeitsscheue Kirch, dieses Phantom der Seifenoper, hielt sich zurück, reaktivierte den schielenden Löwen Clarence aus "Daktari" und versorgte Kino-Freaks mit Rohkost wie "Die Ente klingelt um halb acht".
Nach und nach expandierte der gefräßige Mogul, die kleine Schar der Kulturträger verschwand - Sat 1 wuchs heran zur zentralen Notaufnahme für legasthenisch verwüstete Realitätsverächter. Im Aufsichtsrat bölkte der Kirch-Vertreter: "Ich will nicht so viele Nachrichten." Die Verleger Bauer und Burda konnten den Partner mit der kalten Schnauze bald nicht mehr leiden und verabschiedeten sich gekränkt aus dem (damals noch stark defizitären) TV-Unternehmen.
So schrumpfte die Artenvielfalt im Sat-1-Kleingarten. Die Magazine siechten dahin als traurige "Teletips" für den korrekten Umgang mit Bettnässern. Programmdirektoren vegetierten als gutbezahlte Verantwortungseunuchen und schieden nach kurzer Leidenszeit aus dem Sender. Der arbeitswütige Kraml ist der fünfte auf diesem Katastrophenstuhl.
Im vergangenen Jahr schließlich eskalierte der Konflikt, als die kirchmüden Verleger den Ankauf eines Filmpakets für 756 Millionen Mark verweigerten. Monatelang wogte der Krieg, dann triumphierte der Großhändler. Der Kirch-Gehilfe Klatten klagte über den Verlust von zwei Prozent Marktanteilen durch den Gesellschafterkrawall und blies unverzüglich zur Programmattacke. Einigkeit herrschte immerhin, daß nicht Kinowerke wie "Zwei vom Affen gebissen" künftig das Sender-Image prägen sollen, sondern eigene Geniestreiche.
Eile ist geboten, denn in Köln hat RTL-plus-Chef Helmut Thoma, der Tambourmajor der deutschen Freikörperkultur, schon seine unterhaltungsbeladene Brackwasserflotte aufgetakelt. In Kürze wird eine "Maxi Playback Show" vom Stapel gehen, in der geschmeidige Greise, als Rudolf Schock oder Anneliese Rothenberger vermummt, ins Fernsehen drängen.
Den Frommen zur Zier kommt ein "Bibelquiz". Bei der "Traumhochzeit" sollen paarungsbereite Heterosexuelle ihr Ja-Wort vor der RTL-Kamera sprechen. Im Dezember eröffnet die Praxis Erika Berger den "Flotten Dreier". Demnächst wird die omnipräsente Langlocke Gottschalk einen täglichen Auftritt absolvieren und dafür jährlich rund 40 Millionen Mark wegstecken.
Während also die frisch ordinierte Betschwester RTL plus unternehmungslustig die Röcke rafft, haben die Mainzer, im Prolog zu ihrer Großoffensive, noch herbe Rückschläge zu verkraften. Die erwartungsvoll installierte "Mike Krüger Show" entpuppt sich als Zoten- und Kalauerkabinett. Ablachfeindliche Geistesblitze wie "Lustig ist das Zigeunerschnitzel" belegen eindrucksvoll, wie kurz der Weg vom Ulk zum Ulcus ist. Die Einschaltkurve sank von 3,7 zuweilen auf hagere 1,8 Millionen.
Der Ansturm mit teurem Massengut aus dem neuen Kirch-Gebinde zerschellte am verkitschten "Schloß am Wörthersee", das sogar Hollywoods "Jäger des verlorenen Schatzes" um mehr als zwei Millionen Betrachter übertraf. Und im Ressort Information ist der einstige ZDF-Darling Dieter Kronzucker, Moderator der abendlichen Newsshow, total in der Versenkung verschwunden: Eine Umfrage ergab, daß fast alle Befragten seine Sendung "Guten Abend, Deutschland" eher mit einem rituellen Gutenachtgruß des Herrn Bundeskanzlers verbinden als mit einer Nachrichtensendung.
Hellsichtig hat Klatten erkannt, daß der Sender-Output "stärker strukturiert" werden muß. Den Montag etwa hat er für "Herz, Schmerz, Leidenschaft" reserviert, eine Programmfarbe, zu der die "Zielgruppe Frauen" bekanntlich "einen starken Bezug" hat. An der neustrukturierten Heimatfront wirkt, mit dem schrittmachenden Vollprogramm "Von Herz zu Herz", die folkloristische Leichtmatrone Ramona Leiß, die kürzlich auf dem Stuttgarter Flughafen filmte, wie die Fischer-Chöre ihrem einfliegenden Stabführer Gotthilf mit einem glutvollen "Laß alle Sorgen Sorgen sein" entgegenbrandeten. Dankbar haben nach dieser gottgefälligen Spartakiade alle Sat-1-Anhänger registriert, daß der Sender mittlerweile auch ein geregeltes Triebleben führt und mit Filmkunst wie "Mädchen beim Frauenarzt" die wilde Welt des Schambeins erkundet.
Der ultimative Kick wird aber erst vom Herbst 1992 an den Sender elektrisieren, wenn die monumentalen Serien kommen, beispielsweise der 26teilige "Bergdoktor", in dem ein Münchner Asphaltchirurg, vom Alpengrün überwältigt, die Einödpraxis des Vaters übernimmt.
Und Kirch? Er wird, daran zweifelt niemand im Gewerbe, die Verkaufsverluste aus dem Serienbusiness leicht verschmerzen und in seinem kunstreich verschachtelten Imperium einen Großteil der neuen Sat-1-Programme produzieren. Der Sender bleibt fest in der Kirch-Klammer, doch davon wird im Hause Sat 1 nur ungern gesprochen. Unterhaltungschef Fuchs lächelt subtil, störrisch lauscht der Markenartikler Kraml der ungesunden Frage.
"Das ist Geschäftspolitik", sagt er erschrocken, "dafür habe ich in dieser Form kein Briefing." Als gesichert gilt aber, "daß Herr Doktor Kirch, soweit mir bekannt ist, das ausschließliche Interesse hat, daß dieser Sender zu einem erfolgreichen Programm wird". Dann schwärmt er unverzüglich wieder von der "lustvollen" Arbeit am Wachstumswunder Sat 1.
Schon bald, vermutlich "zwischen 1995 und 1997", orakeln die Stationsstrategen, "wird Sat 1 der Marktführer sein. Wir haben den Fußball, attraktive Filme und Eigenproduktionen - wer sollte uns noch im Wege stehen?"
Bis dahin wird man es sehen. Das Grauen hat viele Gesichter.

DER SPIEGEL 48/1991
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