25.11.1991

KunstAlles Schwindel

Fliegen, Schweben und Stürzen, Leitmotive der modernen Kunst, sind Thema einer Berliner Ausstellung.
Ausgerechnet auf das Stichwort "Schwerelos" wollte der italienische Künstler Giovanni Anselmo wuchtige Granitbrocken an die Wand hängen.
Seine - nur scheinbar abwegige - Idee dabei: Je höher angebracht, um so leichter würden die Steine. Tatsächlich hätten sie sich ja ein winziges Stück jenem fernen Grenzbereich und Schwebezustand genähert, in dem die Schwerkraft der Sonne die der Erde ausgleicht.
Aber längst nicht weit genug für die Ausstellungsarchitektur in der Orangerie des Berlin-Charlottenburger Schlosses. Die wäre Anselmos Blöcken vermutlich nicht gewachsen gewesen. Der Künstler mußte sich etwas anderes überlegen.
Ersatz fand er in steinverwandtem Naturmaterial. Er ließ märkischen Sand ankarren, setzte ihm einen Spezialklebstoff zu und zog mit der Mixtur einen langen waagerechten Strich an der ihm reservierten Leichtbauwand - eine fast schwerelose Horizontlinie.
Noch höher oben als je Anselmos Granit hängen sollte, über dem Gebälk der barocken Raumgliederung, deponierte der aus Rumänien stammende New Yorker Serge Spitzer eine Vier-Meter-Rolle Auslegeware. Mit erheblicher potentieller Energie droht sie auf ein Publikum, das nicht an fliegende Teppiche glaubt, herabzukommen.
Ganz abgehoben fühlt der Besucher sich dann in dem leeren, weißen "Schwebenden Raum" des Amerikaners Bruce Nauman. Die Wände, an Drahtseilen aufgehängt, beginnen erst eine Handbreit über dem Marmorboden und geraten beim leichtesten Anstoß in schwankende Bewegung. Anfälle von Seekrankheit sind nicht auszuschließen.
Die Kunst verläßt den festen Boden, sie fliegt und schwebt, taumelt und stürzt - das ist die Botschaft von "Schwerelos".
Diese perspektivenreiche Ausstellung, bis 22. Januar geöffnet, schickt das Betrachter-Auge auf eine Art Segelflug von manieristischen Bronzegöttern in Flügelschuhen bis zu dynamisch aufwärtsdrängenden Formen abstrakter Malerei und aktuellen, eigens eingerichteten Verwirr-Kabinetten*. Inspiriert und dirigiert ist das Ganze von dem in Berlin lebenden Schweizer Kunsthistoriker Jeannot Simmen, der schon zuvor _(* Ausstellungskatalog von der Edition ) _(Cantz, Stuttgart. 288 Seiten; 42 Mark ) _((Buchhandelsausgabe 88 Mark). ) in einem einschlägigen Buch die Moderne als ",Schwindel''-Unternehmen" gekennzeichnet hat**.
Mit Verlust des Gleichgewichts hat "Schwerelos" denn auch mindestens soviel zu tun wie mit jenem "Traum vom Fliegen in der Kunst der Moderne", den der Untertitel der Ausstellung anspricht. Das Flug-Motiv aber bringt ein Jubiläum ins Spiel, mit dem auch die Lufthansa als Förderer geködert werden konnte: Vor 100 Jahren war der Ingenieur Otto Lilienthal zuerst auf selbstgebauten Flügeln über brandenburgische Äcker dahingeglitten - eine Pioniertat, die gleichzeitig von einer Technik-Ausstellung im "Hamburger Bahnhof" in Berlin gefeiert wird.
Flugapparate haben vor und nach Lilienthal viele Künstler sich erträumt: so Leonardo da Vinci; so der Symbolist Arnold Böcklin, der sich bei seinen hartnäckigen Segelversuchen ein Bein brach; so der sowjetische Konstruktivist Wladimir Tatlin, der noch im Zeitalter des Motorflugs hoffte, der Mensch werde es als ein Luftschwimmer dem Vogel gleichtun können; so der Tüftler Panamarenko mit seinem nur für die Phantasie "7000 Meter hoch fliegenden Auto aus der K 2 Reihe", das nun im Entree der Charlottenburger Orangerie geparkt ist. Andere Künstler-Modelle sind als Skizze oder Rekonstruktion präsent.
Jenseits technischer Experimente zitiert die Ausstellung aber auch die wissenschaftlichen Leistungen, die das Gesetz der Schwere und ihrer Wahrnehmung klärten. Isaac Newton stürzte 1666 das physikalische Weltbild um, indem er die Gravitation als eine sogar über leere Räume wirksame Kraft erfaßte, wie sie bis dahin nur überwirklichen Wesen zugetraut worden war. Die schrittweise Entdeckung des im Innenohr verborgenen Gleichgewichtsorgans eröffnete dem späten 19. Jahrhundert die Kenntnis von einem sechsten Sinn. Dessen Störung, der Schwindel, kann als Metapher für jederlei Verwirrung, geistiger, sozialer oder auch erotischer Art, herhalten.
Newtons Himmelsmechanik erscheint bei "Schwerelos" auf grafischen Visionen des Sonnensystems, das Gleichgewichtsorgan wird einerseits als Abguß eines Saurier-Fossils präsentiert, andererseits - riesig vergrößert - als eine Plastik der Schweizer Künstler Peter Fischli und David Weiss. Die geschwungenen Bogengänge des Werks ähneln zugleich den Kraftlinien klassisch-abstrakter Skulpturen (Etienne Beothy, Cesar Domela) und den "Irdischen Bahnen", in die Thomas Virnich einen Globus zerschnitten hat.
Schweben und Sturz als sinnschweres Bildmotiv: Keiner hat das so beklemmend-großartig dargestellt wie Max Beckmann im Jahr vor seinem Tod 1950. Damals bedrückten ihn Ahnungen vom nahen Ende, das er aber auch als "Abberufung in eine neue Bewußtseinsebene" ** Jeannot Simmen: "Vertigo. Schwindel der _(modernen Kunst". Verlag Klinkhardt & ) _(Biermann, München; 232 Seiten; 68 Mark. ) _(* Plastik "Cochlea-Labyrinth" von ) _(Fischli und Weiss; Innenohr des ) _(Brachiosaurus (r. u.). ) verstand. Sein "Stürzender", in Schräg- und Kipplage im Bildraum festgebannt, wird zum schwebenden Fallschirm- oder Turmspringer, wenn man das Gemälde um 90 Grad dreht. Mal seitlich, mal kopfüber hat Beckmann seine Motive oft gemalt.
Ihm nach sprang Yves Klein, der seine "kosmische Sensibilität" 1960 mit einer Fotomontage dokumentieren wollte: der Künstler in der Luft über einer Pariser Vorortstraße. Sandro Chia zeigt einen rätselhaften Salto rückwärts in einer gemalten "Blauen Grotte" (1980). Die Foto-Hexer Anna und Bernhard Johannes Blume schweben und stürzen grotesk "Im Wald" (1990).
Von Bild zu Bild, von Raum zu Raum stiftet die Ausstellung "Schwerelos" gleichsam schwebende Beziehungen. Hier der Auftrieb "suprematistischer" Geometrien bei Kasimir Malewitsch, da die Levitation surrealer Fremdkörper bei Rene Magritte, hier Gerhard Richters spiegelnde Farbfläche, dort das Dämmer-Kabinett von James Turrell, in dem sich erst für das eingewöhnte Auge ein rotes Licht-Rechteck abzeichnet. Dazwischen stellt sich eine heikle, spannungsvolle Balance her.
Fischli und Weiss, die Innenohr-Plastiker, haben es erfaßt: "Am schönsten ist das Gleichgewicht kurz bevor''s zusammenbricht."
* Ausstellungskatalog von der Edition Cantz, Stuttgart. 288 Seiten; 42 Mark (Buchhandelsausgabe 88 Mark). ** Jeannot Simmen: "Vertigo. Schwindel der modernen Kunst". Verlag Klinkhardt & Biermann, München; 232 Seiten; 68 Mark. * Plastik "Cochlea-Labyrinth" von Fischli und Weiss; Innenohr des Brachiosaurus (r. u.).

DER SPIEGEL 48/1991
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