25.11.1991

Nebraska, USA

„Indian Runner“. Spielfilm von Sean Penn. USA 1991; 125 Minuten; Farbe.
Sean Penn hat einen beträchtlichen schlechten Ruf zu verlieren. Als gefährlicher Saufkopf und Schläger, der, in seiner Rolle als Ehemann von Madonna, lästige Fans oder Reporter zusammendrosch, hat er sich das Renommee als größter Kotzbrocken unter Hollywoods Jungstars erarbeitet.
Daß dieser egomane Krawallmacher zugleich unter den Schauspielern seiner Generation der spannendste war, ein schmaler, verbissener Bursche, von dem so viel elektrisierende Energie ausging, daß manche in ihm schon einen Nachfolger Marlon Brandos oder Robert De Niros sahen, half ihm wenig: Er galt als genialischer Kerl auf Schlingerkurs in die Selbstzerstörung.
Das alles soll nun nicht mehr stimmen. Sean Penn, 31, will kein Schauspieler mehr sein, da ihm die restlose Verausgabung, die er sich abverlangte, zuletzt nur noch als masochistische Quälerei erschien, nicht der Mühe wert. Etwa zur selben Zeit, als sich Hollywoods großer "good boy" Kevin Costner auf seinen eigensinnigen Regietrip "Der mit dem Wolf tanzt" begab, setzte auch der notorische "bad boy" Penn alle Kampfkraft daran, ein eigenes Projekt durchzuboxen: "The Indian Runner".
Die Filme gleichen in der Gegensätzlichkeit ihren Machern und berühren einander doch in ihrer Sehnsucht nach dem Einfachen, Heilen, für das die Welt der Indianer steht. Für Costner ist sie Realität, für Penn mythologisches Bild, Traumaugenblick, lyrische Metapher.
"Indian Runner", in der kargen, trübseligen Weite Nebraskas im Jahr 1968 angesiedelt, erzählt eine Geschichte von zwei ungleichen Brüdern. Der Ältere, der die väterliche Farm in der Wirtschaftskrise nicht halten konnte, hat sich frustriert in die Existenz eines Dorfpolizisten geschickt; der Jüngere, der sich nach Vietnam gemeldet hatte, kommt eines Tages zurück, von Drogen kaputt, von rumorender Vernichtungslust getrieben, und findet nicht heim. Hilflos muß der Große mit ansehen, wie der Kleine vor die Hunde geht: Die Brüder, durch Selbsthaß zusammengekettet, können einander nicht retten.
Es ist, vollgepackt mit Details, eine Geschichte von provinzieller Misere, von schleichender Depression, die irgendwann schaurig explodiert. Die funkensprühende Kraft, die Penn als Schauspieler zeigte, hat er in erstaunlichem Maß seinen Darstellern David Morse und Viggo Mortensen eingeflößt, und die Querschläger-Energie, die ihn durchs Leben rasen ließ, bestimmt nun den Rhythmus, den Bildstil des Films: schroff, insistent, geradezu halsbrecherisch in manchen Montagen.
Das ist kein Film, der schmeichelt, vielmehr einer, der um sich schlägt, um Aufmerksamkeit zu erregen, und dadurch gewinnt. Es scheint, als Regisseur hat der Desperado endlich die Rolle gefunden, die der Mühe wert ist.

DER SPIEGEL 48/1991
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