28.10.1991

DänemarkBarometer der Freiheit

20 Jahre nach seiner Gründung wird das Aussteiger-Modell „Freistaat Christiania“ in Kopenhagen legalisiert.
Nicht alle Gratulanten wünschten Wohlergehen zum Fest. "Der Jubilar wird wohl auch noch in zehn Jahren leben, und das ist ein Skandal", erregte sich Pia Kjaersgaard, die Chefin der erzkonservativen Fortschrittspartei: "Die Politiker haben einfach nicht genug Haare auf der Brust, um das Problem zu beseitigen."
Der "Freistaat Christiania", der im Herbst 1971 von Aussteigern, Alternativen und Drogenkonsumenten auf einem verlassenen Kasernengelände im Kopenhagener Stadtteil Christianshavn illegal ausgerufen worden war, hatte zum 20jährigen Jubiläum "ganz Dänemark" zu Tanz, Theater und Diskussionen geladen. Aber vielen Dänen - und nicht nur konservativen - gilt Europas einzige "Aussteiger-Republik" noch immer als "Drogenhölle", "Hehlerzentrale" oder "Supermarkt des Elends".
Die Kopenhagener Polizei fürchtet das 34 Hektar große Gelände unweit des dänischen Regierungssitzes als ständigen Unruheherd. "Wir sind mehrmals pro Woche in Christiania, und jedesmal haben wir Probleme, überhaupt hineinzugelangen", klagt Vizepolizeidirektorin Annemette Möller.
In sechs Monaten wurden 228 Kilo Haschisch, vier Kilo Cannabis-Pflanzen, ein Kilo Marihuana, 32 Messer, zwei Pistolen, 1631 Schuß Munition, eine Handgranate sowie über zwei Millionen Kronen beschlagnahmt.
Erschreckend ist auch die Armut im Freistaat: Von den 750 erwachsenen Bewohnern leben 377 von Sozialhilfe, 111 sind Frührentner, und 10 kassieren andere soziale Leistungen vom ungeliebten dänischen Staat.
Um das karge Einkommen aufzubessern, dealen manche Christianiter, aber auch Auswärtige im ehemaligen militärischen Sicherheitsbereich gern mit Hasch; auf offener Straße, etwa in der "Pusher-Street", wechseln täglich bis zu 40 Kilo den Besitzer. Die Polizei schätzt den Jahresumsatz der Dealer im Freistaat auf 250 Millionen Kronen (65 Millionen Mark).
Dennoch konnte das dänische Parlament sich nie zur Räumung des besetzten Geländes entschließen, das offiziell immer noch dem Verteidigungsministerium gehört. Eine von den Sozialdemokraten angeführte Mehrheit linksliberaler Abgeordneter erkennt in dem Freistaat nach wie vor ein bewahrenswertes "soziales Experiment".
Befürworter wie der Kopenhagener Gemeindepastor Erik Block sehen darin gar ein "Barometer der Freiheit", das "in der ganzen Welt ohne Beispiel" sei. Sie verweisen darauf, daß durchaus nicht alles verrottet ist in Christiania: *___Seit der 1979 freiwillig eingeführten "Junk-Blockade" ____gibt es praktisch keine harten Drogen wie Heroin, Opium ____und Kokain mehr. *___Im Umweltschutz wird Vorbildliches geleistet: ____Christiania ist autofrei, Müll wird sortiert, ____kompostiert und recycelt, in der alternativen ____"Energiewerkstatt" experimentieren die Bewohner mit ____Sonnen- und Windenergie und tüfteln an effektiveren ____Brennofen-Modellen. *___Im "Kinderhaus" wird der Nachwuchs vom zweiten bis ____achten Lebensjahr betreut, für die Älteren gibt es den ____"Jugendklub". *___Christiania hat sich zur Kopenhagener ____Touristen-Attraktion entwickelt: Jedes Jahr besichtigen ____50 000 Menschen das "Aussteiger-Modell".
Nun wollen die Christianiter endlich auch ihr Verhältnis zu den Behörden in Ordnung bringen. Auf massiven Druck von außen (der Vorsitzende des städtischen Christiania-Verwaltungsrates Alfred Dam: "Es war ihre unwiderruflich letzte Frist") bequemten sich Abgesandte der basisdemokratischen Vollversammlung, ein lange umstrittenes Christiania-Abkommen zu unterschreiben.
Die Bewohner des Freistaats verpflichten sich darin erstmals, regelmäßig für Miete, Strom, Wasser und Heizung aufzukommen. In diesem Jahr beläuft sich die noch offene Rechnung allein für die Wohnnebenkosten bereits auf 1,5 Millionen Kronen; bislang war die Schuld immer wieder gestundet worden.
Weiter sagen die Christianiter verbindlich zu, rund 150 erhaltenswerte Gebäude instand zu halten. Auch die Pflege der ausgedehnten Grünanlagen auf dem Gelände obliegt nun ihnen. Als Gegenleistung garantieren die Behörden das Nutzungsrecht.
Nach dem Vertragsabschluß überwog aber keineswegs Erleichterung im Freistaat. Vor allem die Christianiter der ersten Stunde sehen in jedem Nachgeben gegenüber den Anforderungen der bürgerlichen Gesellschaft eine persönliche Niederlage. Sie bangen um die "magische Mischung aus Anarchie und Liebe" (Christiania-Selbstdarstellung) in der Aussteiger-Republik und mögen nicht glauben, daß der 20jährige Grabenkrieg mit den Behörden nun mit einem Schlag beendet sein soll.
Der könnte tatsächlich bald wieder aufflammen. Die dänische Regierung hat einen wichtigen Vorbehalt in das Christiania-Abkommen eingebaut. Verteidigungsminister Knud Enggard, rechtlich noch immer Hausherr auf dem Gelände: "Der Vertrag muß nun auch mit Fleisch und Blut erfüllt werden, sonst wird er automatisch zum Jahresende ungültig."

DER SPIEGEL 44/1991
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