25.11.1991

KuweitZäune für die Wüste

Nach Abschluß der Löscharbeiten wird in Kuweit das Ausmaß der übrigen Kriegsschäden sichtbar - Experten rechnen mit bedrückenden Langzeitfolgen.
Der Krieg ist vorüber, das Sterben noch lange nicht", sagt der kuweitische Mediziner Abdullah Hamadi, Chef der Unfallchirurgie am Ibn Sina Hospital in Kuweit City. Er hatte allein im März, April und Mai dieses Jahres 1257 Kuweiter aller Altersklassen zu verarzten, die Opfer von Minen und Blindgängern geworden waren. Für 93 von ihnen kam Hamadis Hilfe zu spät, sie starben an den Folgen von Splitterverletzungen und Brandwunden.
Die blutige Nachkriegsbilanz, belegt durch erschütternde Farbdias von Verletzten und Toten, präsentierte Hamadi auf einer wissenschaftlichen Konferenz. Drei Tage, nachdem der Emir von Kuweit am 6. November in einem symbolischen Staatsakt eine letzte brennende Ölquelle gelöscht hatte, waren im Carlton Hotel von Kuweit ein halbes Hundert Umweltexperten und Mediziner aus den Golf-Anrainerstaaten (mit Ausnahme des Irak) zusammengekommen. Drei Tage lang diskutierten sie die Folgen des irakisch-kuweitisch-alliierten Krieges für Mensch und Tier, auf dem Land, im Wasser und in der Luft.
Trotz widersprüchlicher Ergebnisse wurde klar, daß die Lebensbedingungen in der gesamten Region noch über Jahrzehnte beeinträchtigt sein werden: *___Rund eine halbe Million Minen haben Saddam Husseins ____Truppen verlegt; vermint sind die 350 Küstenkilometer ____des Scheichtums und sämtliche Ölfelder, nur ein ____Bruchteil wurde bisher freigeräumt. *___Noch liegen Zigtausende von Blindgängern, vor allem die ____Sprengkugeln aus den amerikanischen Clusterbombs, weit ____verstreut in der Wüste. Auch die irakischen Truppen ____ließen ____bei ihrem Rückzug rund 3500 Tonnen Munition zurück. *___Knapp 10 Millionen Tonnen Öl ergossen sich aus den ____brennenden Ölquellen in die Wüste. Das Öl sammelte sich ____in etwa 200 durchschnittlich einen Meter tiefen und bis ____zu 100 Quadratkilometer großen Ölseen. Vielerorts ____mäandern Ölflüsse durchs kuweitische Flachland, einige ____sind schon bis in Küstennähe vorgedrungen. *___Etwa 500 000 Tonnen Öl strömten in das fischreiche ____Salzwasser des Golfs, als Saddam Hussein Ende Januar ____die Ventile der Ölraffinerie Mina el-Ahmadi hatte ____öffnen lassen. Der Ölteppich verteerte die Küsten ____Kuweits und Saudi-Arabiens auf einer Länge von mehr als ____700 Kilometern. *___Gase und giftige Partikel, die aus undichten ____Gaspipelines strömen oder die beim Verdunsten der ____Ölseen und beim natürlichen Abbau der erstarrenden ____Ölschichten entstehen, werden weiterhin die Luft ____verpesten.
Über die Gesundheitsschäden, die durch die Ölbrände verursacht wurden, gab es auf der Tagung im Obergeschoß des Carlton Hotels unterschiedliche Einschätzungen. So meldete etwa Umweltmediziner Malid Walid Daoud, der im Auftrag der Ölgesellschaft KOC am Krankenhaus von Ahmadi arbeitet, einen "signifikanten Anstieg" von Atemwegbeschwerden. Anlaß zur Besorgnis habe jedoch nicht bestanden: Kritische Meßwerte seien in der von drei brennenden Ölfeldern eingekreisten Stadt nur ausnahmsweise erreicht worden.
Auch Langzeiteffekte, einen Zuwachs an Krebserkrankungen etwa, will Daoud "eigentlich ausschließen", weil die "kolossale Luftverschmutzung nur von kurzer Dauer" gewesen sei.
Sie hatte allerdings ausgereicht, um die Lungen und Bronchien von zwei Tieren schwer zu schädigen, die Daoud hatte untersuchen lassen. Gefunden wurden Entzündungen der Atemwege sowie abnorme Veränderungen in den großen Blutzellen.
Die Auskünfte des Kollegen Daoud seien "mit größter Skepsis" zu bewerten, befand der Immunologe Sajjid Mohammed el-Aasar, Chef des kuweitischen Krebszentrums KCCC. Er glaubt, wie auch die 25 Mitglieder der Umweltgruppe Keat (Kuwait Environmental Action Team), daß die Vertreter der Ölindustrie und der Regierung "alles daran setzen, die Gefahr zu verharmlosen".
Die Wahrheit läßt sich schwer ermitteln. Während der "Krise" - acht Monate blieb Kuweit durch Rauchschwaden verdunkelt - "tappten wir auch, was die Umweltschäden angeht, völlig im dunkeln", räumt der KCCC-Chef ein. Nur zwei Meßstationen gab es im Stadtgebiet von Kuweit City. Aasar: "Eine war kaputt, die andere maß nur das, was sie bei ihrer Anschaffung hatte messen sollen: Autoabgase."
Zwar wurden im August zwei weitere Stationen eingerichtet. Ihre Ausrüstung sei allerdings "sehr sparsam", sagt Joachim Seewöster, der seit Juli mit einem deutschen Meßwagen in Kuweit City an wechselnden Standorten die Belastungswerte ermittelt. Doch weder die fest installierten Stationen noch das Fahrzeug aus Gelsenkirchen (vom Hygiene-Institut des Ruhrgebiets) sind mit Spezialgeräten ausgestattet, die, so Seewöster, "der Situation in Kuweit angemessen" wären. So fehlen bislang etwa Daten _(* Beim Vorbereiten einer kontrollierten ) _(Explosion teilweise entschärfter Minen. ) über das Vorkommen von krebserregenden und organschädigenden Metallen wie Vanadium oder Nickel, die "bekanntlich im Kuweit-Öl einen hohen Anteil haben", sagt Aasar.
Womöglich ist dem Emirat tatsächlich die ganz große Umweltkatastrophe erspart geblieben. "Der beständige Wind", sagt Seewöster, habe "mächtig geholfen". Er wehte entweder aus Nordwest oder Südost und "könnte alles Gift über die Stadt hinweg oder an ihr vorbeigeweht haben", in den Irak, den Iran oder nach Saudi-Arabien.
Derzeit versuchen Säuberungskolonnen die augenfälligsten Spuren des Brandsommers zu beseitigen: Klebrige dunkle Rußfilme werden seit Wochen von den Gebäuden abgewaschen.
Während der Krisenmonate hatte der Umweltexperte und Keat-Mitbegründer Ali Chureibit alle zehn Tage die vor den Zimmerfenstern seiner Kinder installierten Luftfilter ersetzen müssen. Vor dem großen Brand war dieser Austausch nur halbjährlich nötig gewesen.
Noch deutlichere Zeichen der Luftverpestung lieferten die Filter an den Wasserhähnen. Chureibit wusch jeden Tag eine dunkle klebrige Schicht aus. Die Ursache der Verteerung entdeckte er beim Öffnen des Wassertanks auf dem Dach seines Hauses. Chureibit: "Eine schimmernde Ölschicht lag auf dem Wasser"; sie war durch das Lüftungsrohr in den Tank gelangt.
"Acht Monate lang", resümiert Krebsexperte Aasar, "haben wir Öl geatmet, Öl getrunken und Öl gegessen." Den ärztlichen Bedenken will die dem Gesundheitsministerium angegliederte Umweltbehörde nun Rechnung tragen. Insgesamt 2000 Bürger, die während der Krise in Kuweit unter der schwarzen Wolke ausharrten, und eine gleich große Kontrollgruppe, die sich nicht nach Hause wagte, solange die Feuer brannten, sollen in den nächsten 20 Jahren regelmäßig auf mögliche Langzeitfolgen untersucht werden.
Sicher ist schon jetzt, daß die ölreichen Kuweiter für lange Zeit auf einen erheblichen Teil ihrer Lebensqualität werden verzichten müssen. An Wochenenden, vor allem während der Ferienzeit im Frühling, ist es Brauch, in der Wüste Picknicks zu veranstalten oder dort mitunter wochenlang zu campen. Damit ist es vorerst vorbei: Der ehedem elfenbeinfarbene kuweitische Wüstensand ist auf rund 75 Prozent seiner Fläche vom Ölruß eingeschwärzt.
Doch auch der von Ölfluten und Rußschwaden verschonte Rest hat schweren Schaden genommen. Er wurde von Panzern und Lastwagen "praktisch einmal umgepflügt", sagt Abd el-Rahman el-Awadi. Der als "Pate des kuweitischen Umweltschutzes" geltende Wissenschaftler warnt vor übereilten Aufräumarbeiten. Die Wüste, "ein ökologisch so zerbrechliches Gebilde", das schon "über alle Maßen" gestört sei, brauche jetzt "dringend Ruhe".
Für die Ausflügler, schlägt Awadi vor, sollte ein Wüstenareal von Minen und Munition freigeräumt und zum Campingplatz gemacht werden. Und der Rest? "Den zäunen wir ein."
* Beim Vorbereiten einer kontrollierten Explosion teilweise entschärfter Minen.

DER SPIEGEL 48/1991
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 48/1991
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Kuweit:
Zäune für die Wüste

  • Atommüll-Endlager: Wie Morsleben stillgelegt werden soll
  • Anti-Brexit-Demo: "Ich mache das für meine Kinder"
  • Homosexualität in Uganda: Liebe unter Lebensgefahr
  • Schottische Insel: Der weltweit einzige Strand-Flughafen