25.11.1991

StarsBlasser Zombie

Michael Jackson, der erfolgreichste Popmusiker der achtziger Jahre, versucht vergebens an seine alten Triumphe anzuknüpfen.
Sein nächstes großes Kunstwerk wird eine Hochzeit sein. Er träumt von weißen Kutschen, die über Wege voller Rosenblätter rollen. Es wird ein Fest sein, so absurd und größenwahnsinnig, glamourös und dekadent wie das alte Hollywood. Er wird die Schauspielerin Brooke Shields vor den Traualtar führen, nur so zum Spaß, wegen der schönen Zeremonie - und alles wird wie im Märchen sein.
Michael Jackson braucht solche Träume. Denn alles ist schiefgegangen, was der Popstar seit seiner triumphalen Welttournee 1988 angepackt hat.
Ein 20-Millionen-Dollar-Projekt der Sportswear-Firma "L.A. Gear", für die er neue Schuhe und die dazugehörige Werbung entwerfen sollte, endete als finanzielles Desaster. Die Popprinzessin Madonna machte sich öffentlich lustig über ihn und empfahl ihm, endlich seine Spielanzüge wegzuwerfen und sich ein paar zeitgemäße Klamotten zu kaufen. Und als er eines Abends nach Hause kam, geschah die Katastrophe: King Michael kriegte von Bubbles, seinem Affen und engstem Vertrauten, eine Ohrfeige verpaßt.
Michael Jackson ist unsicher geworden. Die Arbeit an seiner Platte "Dangerous" betrieb er mit einem Aufwand, der nur auf Panik schließen ließ. Über 100 Songs wurden, manchmal in vier Studios zugleich, vier Jahre lang geprobt und eingespielt. Und als das Weihnachtsgeschäft drängte, mußte endlich irgendwas auf die Rillen gepreßt werden.
Am 1. November gab Jackson das Band mit 14 ausgewählten Songs bei der Plattenfirma ab. Seit Donnerstag steht das Werk in den Läden. Die Erstauflage für Europa: 3,2 Millionen Stück.
Ein Vertrag, den Jackson in diesem Frühjahr mit der Firma Sony Music abgeschlossen hat, garantiert ihm das Honorar von fünf Millionen Dollar für jede der nächsten sechs Platten. An allen verkauften Scheiben verdient er zusätzlich mindestens 20 Prozent des Ladenpreises. Außerdem warten etliche Videos, Kurzfilme und ein abendfüllender Kinofilm auf seine Mitwirkung. Sollte er mit allem erfolgreich sein, dann könnte er in den nächsten Jahren gut eine Milliarde Dollar verdienen.
Die Frage ist nur, ob Michael Jackson in Zukunft noch einmal schaffen kann, was ihm in der Vergangenheit so leicht gefallen ist. Er hat in den achtziger Jahren mehr als 100 Millionen Platten verkauft - und somit den Ruf als erfolgreichster Popstar des vergangenen Jahrzehnts zu verteidigen.
Hinter diesem Erfolg steckte kein besonderes Geheimnis - die Gründe waren offensichtlich: Als erster hatte Jackson schwarzen Funk und weißen Rock'n'Roll zu Popsongs vermischt, die gewaltig waren und neuartig klangen. Seit seinem fünften Lebensjahr stand er auf der Bühne, er konnte tanzen wie Fred Astaire, wie ein Zulu oder wie ein Roboter im LSD-Rausch.
Er zeigte alles, was er konnte, in einem neuen Medium - es sah so aus, als wäre Video nur für ihn erfunden worden. Und die Fans bestaunten einen Schwarzen, der sich allmählich in einen Weißen verwandelte, der seine Haut bleichen, seine Nase und Lippen verkleinern, seine Wangenknochen vergrößern und seine Naturkrause glatt bürsten ließ.
Michael Jackson wurde zum Idol, weil er sich auf nichts mehr festlegen ließ, auf keine Hautfarbe, keine Rasse, kein Geschlecht. Er schien ein Wesen mit unbeschränkten Möglichkeiten zu sein - und wurde doch zusehends zur sauberen Entertainment-Maschine ohne Eigenschaften und Identität. Sein Erfolg war seine ganze Botschaft, und nur darin war er maßlos und zielstrebig - die Popkarriere als Spiegelbild der künstlichen Wall-Street-Euphorien.
Das blieb nicht ohne Folgen. Längst ist Michael Jackson ein eingetragenes Warenzeichen, ein perfektes Produkt aus dem Hause Sony, ein Bestandteil der Corporate Identity. Wenn es mit einem soweit gekommen ist, wird jeder Wandel schwierig, jede Entwicklung zum Problem. Kann eine Entertainment-Maschine Probleme lösen?
Es sieht nicht so aus. Jackson tut so, als wäre er der alte geblieben. Doch wirkt er nicht mehr souverän und strahlend, sondern hilflos und sehr blaß: wie ein Zombie, der durch eine fremde Welt wandelt; wie eine Antithese zum amerikanischen Alltag, wo die Rezession die Sehnsucht nach den festen Werten und den echten Charakteren wachsen läßt. Niemand in Amerika käme mehr auf die Idee, in Michael Jackson das Symbol einer neuen Generation zu sehen.
Die Popmaschine von Sony hat längst den Zauber des Unerreichbaren verloren und würde wahrscheinlich gern wieder ein normaler Mensch werden. Sie hat nur das Problem, daß sie dafür nicht programmiert ist und deshalb die Tricks aus besseren Zeiten wieder und wieder verwenden muß.
Kein Wunder, daß die neue Platte wie eine Parodie auf das geniale "Thriller"-Album klingt. Jackson sucht in seinem eigenen Werk nach Inspiration, wühlt sich durch gängige Chart-Trends, zitiert Kirchengesänge und Rap-Einlagen. Doch das postmoderne Durcheinander fügt sich nicht zusammen, es bleibt verworren - so als ob Jackson beim emsigen Sammeln das Erfinden von Melodien und Rhythmen vergessen hätte.
Das dazugehörige Video "Black or White" ist ebenfalls eine mit modernster Technik vollgestellte und mit populären Figuren bevölkerte Ruine. Am Anfang steht der aus dem Erfolgsfilm "Kevin - allein zu Haus" bekannte Macaulay Culkin, am Ende die Comic-Figur Bart Simpson. Dazwischen tanzt Jackson mit Zulus, Kosaken und Indianern um die Welt, dann zerstört er in einer Sex- und Gewalt-Orgie die Zeichen der Zivilisation, ein Auto und ein Werbeschild.
Weil er sich dabei mehrmals zwischen die Beine greift und einmal in Großaufnahme den Reißverschluß seiner Hose schließt, weigert sich die BBC, das Video zu senden. Aber auch der kalkulierte Klein-Skandal macht diese Mischung aus Benetton-Werbung und Halbstarken-Phantasie nicht aufregender.
Michael Jackson wird auch mit "Dangerous" erst einmal Erfolg haben - allein in Deutschland wurden 550 000 Stück vorbestellt, und am Tag des Erscheinens verramschten manche Läden die CD für 18,95 Mark.
Doch ihm und seinem Werk fehlt alle Wichtigkeit: Michael Jackson spielt weiter seine alte Rolle - und deshalb spielt er keine Rolle mehr. Vor Jahren bewies er, daß ein Mensch die Welt erobern kann, wenn er nur bereit ist, sich in eine Maschine zu verwandeln. Heute zeigt er, daß eine Maschine sich nicht ändern kann, auch wenn die Zeiten es erfordern würden. Im Normalfall wird sie gegen eine neue ausgetauscht.

DER SPIEGEL 48/1991
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