25.11.1991

MODERNES LEBENDie Kunst in der Höhe

Sie stehen groß und grau in der Landschaft herum, sie sehen langweilig und verwechselbar aus, und demnächst werden sie auch noch überflüssig. Wenn die Post das gesamte Telefonnetz unter die Erde verlegt und die Verkabelung der TV-Kunden abgeschlossen ist, dann bleibt den deutschen Fernseh- und Fernmeldetürmen nur noch eine Existenzberechtigung: Sie stützen jene Drehrestaurants in schwindliger Höhe, die ohne Turm herunterfallen würden. In Mannheim aber gibt es Leute, die sich mit diesem Sinnverlust nicht abfinden können. Helmut Benze, der "Direktor Kommunikation" des Mannheimer Dudenverlags, will Zeichen in die Landschaft setzen und hält den örtlichen Fernsehturm für das geeignete Objekt. Im Auftrag Benzes hat der Kasseler Fassadenkünstler Friedel Deventer ein Werk entworfen, ein 380 Meter langes und acht Meter breites Band soll sich am Turm hinaufwinden; es soll die Geschichte der Kommunikation (unter besonderer Berücksichtigung des Dudenverlags) erzählen - vom altakkadischen Zauberspruch bis hin zu den Höhepunkten des modernen Schrifttums: Fernsehprogramm und Sex-Anzeigen und eine Briefmarke mit dem Konterfei von Konrad Duden. Einen Teil der Kosten für die Turm-Verschönerung will Duden selber tragen, für den Rest haben sich auch schon Sponsoren gefunden. Mannheims Oberbürgermeister ist im Prinzip für das Projekt, muß aber auf das Kunstwerk noch warten, bis die Telekom - der 90 Prozent des Turms gehören - ihre Zustimmung gegeben hat. Die Postler zögern noch. Sie fürchten, daß das Beispiel Schule macht und Kunstfreunde noch weitere Türme verschönern wollen.

DER SPIEGEL 48/1991
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