25.11.1991

„Viele positive Zufälle“

Nach dem Sieg über Belgien wurde die deutsche Fußball-Nationalelf zum Europameisterschafts-Favoriten ausgerufen, Bundestrainer Berti Vogts mit Lob überschüttet. Der Nachfolger Franz Beckenbauers hat sich eigene Reputation verschafft: Er riskierte und gewann einen Machtkampf mit seinem Kapitän Lothar Matthäus.
Niemals in seiner Amtszeit hatte der Mann nach getaner Arbeit so ungeniert Freude ausgestrahlt, Anerkennung genossen. Nur für einen kleinen Augenblick geriet Berti Vogts wieder in jenen vorsichtig abwägenden Tonfall, in dem er sonst über sein Fachgebiet Fußball zu referieren pflegt.
Da sprach der Bundestrainer über jene "bittere Niederlage" in Wales und die vier Monate danach, die die härtesten seiner Fußballerzeit gewesen seien. Untätig habe er darauf warten müssen, diese Schmach zu beseitigen. Es war die Zeit, in der Berti Vogts abends in einem Gedichtband las über "Menschen, die in schweren Tagen ganz eng zusammenrücken".
Stets hatte Vogts tapfer betont, daß ihn der Druck, die Zweifel der Öffentlichkeit an seinen Qualitäten nicht schrecken könnten. Doch nach Erfolgen fällt es eben leichter, beinahe beiläufig auch kritische Phasen einzugestehen - große Sieger sind nicht mehr verwundbar.
Das 1:0 seiner Mannschaft in Brüssel gegen Belgien am letzten Mittwoch brachte den Deutschen nicht nur die Qualifikation für die Europameisterschaft, sondern Vogts auch jene Reputation, die das Leben künftig leichter macht. Sein belgischer Trainerkollege Paul van Himst erklärte das "komplette deutsche Team" gleich zum EM-Favoriten. Der frühere Nationalspieler Günter Netzer prophezeite "auf Dauer großartigen Fußball", und Hermann Neuberger, der Präsident des Deutschen Fußball-Bundes, begeisterte sich daran, "wie all die Techniker in unserer Mannschaft gekämpft haben".
Und nachdem Netzer einem Briten geduldig erklärt hatte, warum denn die Deutschen auch ohne die Aura eines Teamchefs Franz Beckenbauer so perfekt Fußball spielen können ("Berti is a worker"), sah er sich zu einer Art Seligsprechung für den Kumpel aus gemeinsamen Tagen bei Borussia Mönchengladbach aufgerufen. Auch Nörgler, "die den Bundestrainer nicht mögen", müßten nun wissen: "Vom heutigen Tage an ist Berti Vogts in Deutschland akzeptiert."
Noch, sagt Vogts, habe sein Team keinen Titel gewonnen, erst wenn dies erreicht sei, wolle auch er zugestehen, eine "große Mannschaft" zusammengestellt zu haben. Rudi Völler war da schon weiter. Nur wenige, glaubt der Torschütze des Belgien-Spiels, könnten den Deutschen derzeit "das Wasser reichen".
Die Selbstverständlichkeit, mit der Völler, 31, jetzt den Anspruch formuliert wie weiland Beckenbauer, kommt nicht von ungefähr: Der Mittelstürmer, im Weltmeisterteam eine Art Alterspräsident und wie kein anderer in der Lage, die Strömungen und Begehrlichkeiten in einer Gruppe gewinnorientierter Profis auszuloten, sieht den Wechsel von Beckenbauer zu Vogts als vollzogen an.
Daß es dabei, allen Erklärungen zum Trotz, Irritationen gab, könne vielleicht am besten durch die unterschiedliche Stellenbeschreibung erklärt werden: "Beckenbauer war der Teamchef, Vogts eben nur der Bundestrainer."
Gegen diesen feinen Image-Unterschied hatte der Beckenbauer-Nachfolger in seinem ersten Dienstjahr anzukämpfen: Um die Rolle des wahren Chefs mußte Vogts vor allem gegen den Mannschaftskapitän Lothar Matthäus streiten.
Der Italien-Profi inszenierte unter Berufung auf Beckenbauer, der ihm klargemacht habe, "wie wichtig ich für eine Mannschaft bin und zu was ich fähig bin", die Monate nach dem WM-Sieg wie eine immerwährende Gesellenprüfungsfeier. Für die vielen Ehrungen, etwa zum "Weltfußballer des Jahres", hatte sich der gelernte Raumausstatter "einen Smoking von Versace gekauft, für 3500 Mark, und dazu noch sauteure Schuhe".
Und wenn der Capitano überall verkündete, natürlich habe "der Lothar Matthäus den Fußball nicht erfunden", wollte er damit genau das Gegenteil ausdrücken. Sobald genügend Zuschauer da waren, geriet jedes Training bei der Nationalelf zur Matthäus-Show: Er zwang Vogts zu Debatten, in denen der Spieler gestenreich den Ton angab.
"Kindereien" nennt Beckenbauer diese Attitüden, die aber einem Trainer durchaus gefährlich werden könnten. Aus den Augenwinkeln beobachte jeder Profi genau, "wie du dich in diesen Situationen verhältst".
Beckenbauer hatte während der WM in Italien den Geltungsdrang seines Kapitäns mit der selbstverständlichen Macht des Erfolgsmenschen unterdrückt. Vogts versuchte es zunächst vergebens mit fachlichen Argumenten. Dann ließ der Bundestrainer vorsichtig sondieren, wie denn wohl die Medien reagieren würden, sollte er "den Motor Matthäus durch einen anderen Namen" ersetzen wollen. Vogts wußte um die Schwierigkeit: Als Springer-Kolumnist durfte sich sein Kapitän der populistischen Bild-Macht im Rücken sicher sein.
Erst als Matthäus, alle taktischen Absprachen ignorierend, das Team in Wales in die Niederlage führte und damit die Europameisterschaftsqualifikation ebenso gefährdete wie des Trainers Job, entschied Vogts sich, den Kampf gegen seinen Kapitän auszufechten.
Vor dem Freundschaftsspiel gegen England, im September in London, wurde Matthäus ins Vogts-Zimmer gerufen und vor die Alternative gestellt, zu spuren oder ausgemustert zu werden - der verdutzte Profi spielte gegen die Briten so gut wie nie seit den WM-Tagen.
Noch einmal, vor dem Rückspiel gegen Wales in Nürnberg, wollte Matthäus um die Macht im Team streiten. Vogts nominierte im Mittelfeld anstelle von Thomas Häßler den offensiveren Thomas Doll, und der Kapitän erkannte gleich die ganze Tragweite: Statt des imagefördernden Spielmacherjobs blieb für ihn nur noch ein Defensivpart - er wollte das nicht hinnehmen.
Doch als Matthäus beim abendlichen Training wieder mit seinen Spielchen begann, erhielt Vogts von unerwarteter Seite Schützenhilfe. Völler, der schon in Italien den Dauerredner Matthäus gestoppt hatte, indem er ihn aufforderte, den Wortmüll doch "lieber gleich der Klobrille" anzuvertrauen, griff sich einen Ball und drosch ihn dem Kollegen aus kurzer Distanz wuchtig auf den Leib.
Nationalspieler, sagt Völler zu seiner Strafaktion, seien Egoisten, sonst hätte es keiner so weit gebracht. Und sein Freund Lothar teste eben ständig, wie weit er gehen könne. Da habe man halt die Grenze neu gezogen.
Der erregte Matthäus ("Willst du Streit?") sah nur grinsende Gesichter in der Runde. Die Profis, allesamt seit Jugendtagen auf Herdentrieb getrimmt, hatten sich blitzschnell auf Völlers und Vogts Seite geschlagen, den vorlauten Leithammel kurzerhand demontiert.
In solchen Momenten entscheiden sich in so komplexen Gefügen, wie es eine Nationalelf ist, künftige Strategien. Matthäus, der bei bisher 91 Einsätzen nur zu gern in der Statistik Beckenbauer (103 Länderspiele) als Rekordnationalspieler überholen möchte, weil dies dauernde Bewunderung verspricht, begnügt sich seitdem mit der kleineren Rolle.
So wurde der Weg frei für neue Kräfte. Vogts, der unter dem wachsenden Druck immer vorsichtiger taktiert hatte, bekennt sich wieder zu seinen Grundsätzen, daß nur offensiver Fußball Erfolg verspricht. Und die Spieler, denen bei der WM in Italien noch Beckenbauer mit dem nötigen Selbstvertrauen hatte aushelfen müssen, spielen ihre Weltmeisterrolle inzwischen mit einer souveränen Selbstverständlichkeit.
Das gilt nicht nur für altgediente Nationalspieler wie Völler, den Turiner Jürgen Kohler oder den Stuttgarter Guido Buchwald, sondern auch für die Frankfurter Manfred Binz und Andreas Möller oder den einstigen DDR-Auswahlspieler Doll. Sie alle brauchen offensichtlich nicht mehr die schillernde Leitfigur an der Seitenlinie, sie alle haben nach dem entschiedenen Machtkampf den Fachmann Vogts akzeptiert.
Völler beispielsweise hat imponiert, wie "der Trainer dem Häßler erklärt hat, warum er nicht spielt", Riedle lobte ungefragt die "exzellente Vorbereitung auf das Belgien-Spiel". Und auch das Abwehrduo Buchwald-Kohler, das schon gegen beinahe jeden Torjäger Europas antrat, akzeptierte ohne weiteres Nachhilfe vom Perfektionisten Vogts: Weil beide beim ersten Spiel gegen die Belgier verletzt waren, hatte Vogts Videoaufnahmen von ihren Gegenspielern Marc Degryse und Marc Wilmots zusammengeschnitten.
Vogts kann darauf verweisen, schon immer so gearbeitet zu haben. Es stimmt, aber eben doch wieder nicht. Manchmal, sagt Völler, würden halt "viele positive Zufälle" erst richtig glücklich machen.
Dazu gehört, daß Vogts inzwischen deutlicher die Spielregeln bestimmt, selbst bei Kleinigkeiten. Etwa, daß er den Trainingsplatz nicht mehr unbedingt als erster betritt, sondern wartet, bis seine Kicker vollzählig angetreten sind.
Auch dem Geltungsdrang seines Kapitäns trägt er inzwischen elegant Rechnung. Wann immer sich die Nationalspieler zu Laufrunden aufmachen, gesellt sich Vogts zu Matthäus, laufen die beiden demonstrativ am Ende des Feldes. Matthäus darf dann ununterbrochen reden - und Vogts bleibt fit.

DER SPIEGEL 48/1991
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