25.11.1991

„Gut was auf den Kopf“

Sechs Stunden vor dem Länderspiel gegen Belgien macht Bernd,26, ein langes Gesicht. Sauertöpfisch mustert der deutsche Hooligan, die Hände tief in der orange leuchtenden Windjacke vergraben, die kleinen versprengten Fan-Gruppen im Brüsseler Zentralbahnhof: "Alles Scheiße hier."
Seit Wochen hatte sich der arbeitslose Schlachtenbummler aus Stuttgart mit Kollegen aus der gesamten Bundesrepublik verabredet, um am Buß- und Bettag "Brüssel richtig plattzumachen". Doch die schwäbische Delegation ist nahezu komplett ausgefallen. Einen Kilometer vor dem Treffpunkt stoppte die Polizei die zwei Busse, 80 Fans wurden festgenommen. Nur Bernd gelang "mit vier Kumpels" die Flucht.
Jetzt muß er feststellen, daß die Deutschen insgesamt "von der Masse her schlecht drauf" sind. Und fast mit jeder Minute werden es weniger. Ein deutscher Zivilpolizist, mit einem bunten Kapuzenanorak getarnt, zeigt in kurzen Abständen mit dem Finger auf ihm bekannte Rädelsführer ("der mit der Fliegerjacke"). Sofort eilt ein Trupp belgischer Polizisten in blauen Kampfanzügen herbei und nimmt den Verdächtigen kurzerhand in Gewahrsam.
Mit einer Rigorosität, wie sie bislang auf dem europäischen Festland unbekannt war, zogen belgische Gendarme vorigen Mittwoch potentielle Rowdies aus dem Verkehr. Gleich im Dutzend wurden die Fans abgeführt, mit Plastikbändern gefesselt und in Kleinlastwagen abtransportiert. Am Abend waren 869 Jugendliche in zwei Reitställen der ehemaligen Militärkaserne Rolin inhaftiert.
Bis spät in die Nacht herrschte in der Innenstadt de facto Ausnahmezustand: Mehr als 1000 Polizisten waren aufgeboten, zahlreiche gepanzerte Fahrzeuge und sechs Wasserwerfer im Einsatz. Besonders die 200 Polizeipferde, die schwungvoll in die Menge geritten wurden, schlugen empfindliche Schneisen in die Hooligan-Front.
Noch am frühen Nachmittag hatte Bernd vor allem "auf die Jungs aus dem Kohlenpott" gesetzt, deren Schlagfertigkeit den Belgien-Trip so richtig erfolgreich machen sollte. Als der Sonderzug aus dem Ruhrgebiet eintrifft, bleibt es aber zunächst bei verbalen Kraftakten: "Hurra, hurra Deutschland", brüllt die Masse, stimmgewaltig kündigen die Fans die "Hauerei" und den "Karneval in Brüssel" an.
Auf der Bahnsteigtreppe kommt es zu einer Verbrüderung der absurden Art: Anhänger von Bayern München, Hamburger SV und Schalke 04, die sich Samstag für Samstag wütend bekämpfen, vereinen sich in der Fremde, als seien sie alte Kameraden. Mit Schlachtgesängen ("Hooligans Deutschland") ziehen sie anschließend gemeinsam durch die Straßen der belgischen Hauptstadt, feiern sich selbst und genießen die angstvollen Gesichter der Passanten.
Nur allzugern bedient sich dabei der "Mob", so nennen sie sich selbst, nationalistischen Vokabulars ("Die Deutschen, die sind wir"). Das kriegerische "Sieg"-Gebrüll erinnert viele Brüsseler Bürger an die "bösen NS-Deutschen". Doch als "Neo-Nazis" (Le Soir) verstehen sich Bernd und seine Kollegen am wenigsten. Von den "Polit-Affen" wollen sie nichts wissen.
Vorschnelle politische Einordnungen hält der Kölner Polizeibeamte Michael Endler, der in Brüssel die Zusammenarbeit mit den belgischen Kollegen koordiniert, für abwegig. Wissenschaftler könnten "ganze Regale über Hooligans vollschreiben". Doch im Grunde sei das Phänomen noch "völlig unerforscht", keiner wisse deshalb "vorher, was passieren wird". Sicher ist nur, daß "das beliebte Spiel", so Endler, immer nach dem gleichen Schema ablaufe: Die Hools würden versuchen, "die Innenstädte zu entglasen"; ergo "laufen die vorneweg und wir immer hinterher".
Dieses Ritual, so der Fan-Fachmann, gehöre für die Hooligans als "dritte Halbzeit" zum Fußballspiel. Endler widerspricht damit der Ansicht des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), der die Krawallmacher als Fußballgegner "absolut ausgrenzen will". So löste DFB-Chef Hermann Neuberger das Hooligan-Problem in Brüssel quasi per Dekret: "Diese Elemente sind nicht unsere Fans."
Mit einer von einer Düsseldorfer Werbeagentur entwickelten Kampagne ("Wir sind die Fans") propagiert der DFB per Fernsehspots seine Ausgrenzungsstrategie. Auch der europäische Verband, die Uefa, folgt der DFB-These vom "kriminellen Gewalttäter", der das Fußballspiel nur als Bühne nutze. Da die Randale in der belgischen Hauptstadt außerhalb des Stadions stattgefunden habe, sei das "reine Behördensache" - mit einer Bestrafung müsse der DFB folglich nicht rechnen.
Neuberger, der schon bei der Europameisterschaft vor drei Jahren in der Bundesrepublik für die Wiedereinführung der Prügelstrafe auf kaltem Wege ("Da muß der Knüppel raus") plädierte, durfte sich in seiner Einschätzung durch Belgiens Innenminister Louis Tobback ("Das ist eine Stadtguerilla") bestätigt sehen. Hardliner Neuberger zollte denn auch prompt Anerkennung: "Die Belgier haben Gott sei Dank zugegriffen."
Auch wenn die belgische Presse auf dem Brüsseler Nebenschauplatz immer noch "entfesselte Zombies" (La Libre Belgique) gesehen hat, verhinderten die vorsorglichen Massenfestnahmen größere Schäden. Von kleineren Handgreiflichkeiten und Diebstählen abgesehen, machten sich die Randalierer über eine McDonalds-Filiale und eine Boutique her, die Jacken des französischen Designers Charles Chevignon ausstellte.
In Hooligan-Kreisen zählen die teuren Kleidungsstücke (in Wolle 600 Mark, in Leder 1000 Mark) zur prestigeträchtigen Grundausstattung. "Wegen der Bullen" in der Brüsseler City, berichtet Bernd, habe sich aber kaum einer getraut, "die Dinger mitgehen zu lassen".
Vom Spiel der deutschen Elf sieht Bernd nichts. Kurz vor dem Stadion im Stadtteil Anderlecht wird er "von der Kavallerie" eingekesselt. Seine Flucht endet in einem Hinterhof, "wo mir die Bullen gut was auf den Kopf gehauen haben".
Daß er "so dermaßen verdroschen" wurde, stört den Raufbold wenig. Die blau unterlaufenen Arme und Beine steigern vielmehr das Ansehen in der Clique. Nur daß er bis nach Mitternacht zusammen mit 350 Gleichgesinnten in einen mit Stacheldraht umzäunten Reitstall gepfercht und von der Polizei mit einem Schlauch "abgespritzt" wurde, das hält er dann doch "für glatten Wahnsinn". o

DER SPIEGEL 48/1991
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