30.09.1991

KirchenSchmuck vom Kardinal

Um die Romanischen Kirchen in Köln, als die „wichtigsten der Welt“ geschätzt, wird heftig gestritten - soll, darf man sie modern ausmalen?
Kölns Kardinal Höffner selbst gab einst den Segen zu einer Entscheidung, die mittlerweile wie ein Fluch auf einem der ehrwürdigsten Architekturschätze Deutschlands lastet: Als 1985 der endlich abgeschlossene Wiederaufbau der im Zweiten Weltkrieg weitgehend zerstörten Romanischen Kirchen in Köln gefeiert wurde, wünschte Höffner (1906 bis 1987) den kahlen, weiß gekälkten Wänden und Gewölben öffentlich "Farbe und Licht, Lied und Fest, Bild und Schmuck".
Die ersten Resultate der kirchlichen Wandbild-Kampagne werden jetzt sichtbar. "Zu bunt" finden sie fast alle Kenner und Liebhaber mittelalterlicher Sakralbaukunst.
Das Unheil nahm seinen Lauf, nachdem Höffner während eines Festaktes in der betont schlicht wiederaufgebauten Kirche Groß St. Martin verkündet hatte: "Der totale Purismus ist tot." Damit entsprach der Kardinal den emotionalen (und postmodernen) Bedürfnissen seiner Gemeinden nach christlich inspirierter Bilderzier ebenso wie entsprechenden Neigungen der Kölner Denkmalpflege.
Stadtkonservatorin Hiltrud Kier, 54, inzwischen auf den Posten einer Generaldirektorin der Kölner Museen gewechselt, mochte den in vier Jahrzehnten geflickten Gotteshäusern "bestenfalls Rohbau-Charakter" zubilligen.
"Ein neuer Michelangelo" müsse her, so die sinnenfreudige Protestantin 1985 während eines Symposiums deutscher Kunsthistoriker zu Wiederaufbau und Gestaltung der Romanischen Kirchen Kölns. Ein neues Mal-Genie solle diesen großartigen Baudenkmälern auch im Innern wieder Farbe und Glanz geben.
Das Genie aber war nirgendwo zu finden. So gaben sich Pfarreien und Denkmalpflege mit minderem Künstler-Adel zufrieden. Für die Ausmalung des Kleeblattchores von St. Aposteln vom Ende des 12. Jahrhunderts engagierte man kurzerhand den Bergisch Gladbacher Maler Hermann Gottfried. Frau Kier heute: "Ich hätte gern einen internationalen Wettbewerb gehabt, doch dafür gab es kein Geld."
Der Kölner Glasmaler Dieter Hartmann wiederum durfte bereits erste Proben einer von ihm entworfenen, 94 Felder umfassenden Kassettendecke in St. Pantaleon anbringen, jenem Hauptwerk ottonischer Architektur vom Ende des 10. Jahrhunderts. Finanziell unterstützt wurden die heiklen Farb-Operationen durch den Kölner "Förderverein Romanische Kirchen", der 1985 das Fest "Jahr der Romanischen Kirchen" organisiert hatte.
Maler Gottfried verhalf auch der feingliedrigen Kirche Groß St. Martin zu besonders farbkräftigen Chorfenstern. "Zu laut" findet sie der Architekt Joachim Schürmann, unter dessen Leitung der mächtige Bau nahe dem Dom jahrelang restauriert wurde. Ein weiteres Beispiel der neuen Prächtigkeit am Rhein ist der Fensterzyklus von Georg Meistermann im Dekagon von St. Gereon.
Angesichts der nun zutage tretenden Ergebnisse jenes vor sechs Jahren mit Vehemenz begonnenen Kreuzzuges wider den Purismus formiert sich geharnischter Protest.
Bereits die - trotz Meistermann - recht konzeptionslose Zierbereitschaft im Falle St. Gereons hatte für den aus dem Rheinland stammenden Konservator und Leiter des Instituts für Denkmalpflege an der Technischen Hochschule Zürich, Georg Mörsch, 51, vor Jahren "bei weitem jenes Maß an Dezenz" überstiegen, das die "Architektur dieses Baues verlangt hätte" - Mörsch ist einer der anerkanntesten Vertreter seines Faches.
Auch der jetzt aus dem Amt geschiedene rheinland-pfälzische Landeskonservator Magnus Backes sah sich in derselben Kirche "einem Alptraum" gegenüber.
Trotz solcher Fachkritik gab es nicht die "Denkpause", die der ebenfalls farbskeptische Landeskonservator Udo Mainzer 1985 vorgeschlagen hatte. Die "wichtigsten Kirchen der Welt" wurden statt dessen überstürzt zu "Versuchskaninchen" (Mörsch) für farbig-figürliche Modernisierungen.
Mörsch sagt es unverhohlen: "Die in Köln jetzt sichtbar werdende neue Prächtigkeit wirkt sich verheerend aus." Selbst die Meistermann-Fenster in St. Gereon seien "danebengegangen", da sie die Architektur "überblenden". Diese Stauferkirche auf römischen Fundamenten - "ein unendlich würdevoller Bau" - laufe Gefahr, Opfer einer Verwechslung mit einer "kleinen Bauernkapelle" zu werden.
An "Weihnachtsplätzchen" fühlt sich Mörsch angesichts der bisher aufgehängten Schmuckfelder zur neuen Decke in St. Pantaleon (Lachsrot und Gold auf hellem Grund) erinnert. Die alte Kassettendecke sei längst in den "Rang einer schützenswerten Restaurierung der fünfziger Jahre hineingewachsen". Ebenso schockiert äußern sich andere Fachleute: Durch die Gottfried-Malereien in St. Aposteln, eine gewittrigexpressive Interpretation der Offenbarung des Johannes, werde die Architektur in ihrem Zusammenhang "zerrissen", läßt der Rheinische Verein für Denkmalpflege verlauten.
Der frühere Kölner "Museumsgeneral" und Architekturforscher Hugo Borger moniert: Die lodernde Bildwelt der in satten Farben bereits fertiggestellten Nord- und Ostkonche "zerschlage" den "majestätischen Raum". Borger grundsätzlich: "Was jetzt anfängt, ist ein krampfhafter Versuch, die mittelalterlichen Strukturen mit Malereien anzureichern." Der Versuch müsse scheitern, da die Malerei dazu heute "nicht mehr imstande" sei.
In Italien und Frankreich sei man in solchen Fällen weit vorsichtiger. Angesichts der "tumultuösen" Figurenmalerei (Rheinischer Verein) in St. Aposteln, die nach Ausmalung der Ostkonche 1993 vorläufig ihr Ende finden soll, griff der Kölner Stadt-Anzeiger gar zu einem Zitat aus dem althochdeutschen Hildebrandslied: "Welaga nu, waltant got, wewurt skihit" - "Wehe uns, waltender Gott, Wehgeschick geschieht".
Kritik an den farbigen "Klimmzügen" (Borger) äußert auch der Kölner Bund Deutscher Architekten (BDA). Für den November plant er in Köln ein groß angelegtes Symposium zum Thema "Denkmalpflege oder Denkmalzerstörung" am Beispiel von Kölner Kirchen. BDA-Vorsitzender Heinz Bienefeld sieht in den bisherigen Neugestaltungen den "Geschmack von 4711-Packungen" am Werk - und "das ist deprimierend".
Hiltrud Kier, die einstige Mitinitiatorin, begegnet der massiven Kritik gelassen: "Ich kann mit dem Ergebnis gut leben", lobt sie die fromme Gottfried-Arbeit in St. Aposteln. Ein Michelangelo sei er zwar nicht, "aber mir gefällt's".
Über diesen "Beginn einer Ausmalung" lohne es sich zu diskutieren. Eine Diskussion, die - zumindest im Amt des Stadtkonservators - nun wohl von ihrem Nachfolger Ulrich Krings wesentlich mitbestritten werden muß. Und der sieht über das an "Schmuck und Bild" in Kölner Kirchen Erreichte hinaus einstweilen keinen "Handlungsbedarf". Die Denkpause, so scheint es, hat in Köln doch noch eingesetzt - wenn auch reichlich spät. o

DER SPIEGEL 40/1991
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