30.09.1991

TV-SpielTag der Gemeinheit

„Unser Haus“ heißt ein sehenswertes TV-Spiel. Es schildert, ganz aktuell, einen deutschdeutschen Streit ums Eigentum.
Deutschland kleinlich Vaterland: Die schönen Tage, da man nachdenklich bis sentimental die deutsche Einheit behandelte, sind nun auch im Fernsehen vorbei. In diesem Jahr wird gestritten, deutsch-deutsche Häuserkämpfe toben zum 3. Oktober über den Bildschirm, als sei der Tag der Einheit ein Tag der Gemeinheit.
Am Feiertag selbst verhindert Inge Meysel mit ihrer unerbittlichen Großmütterlichkeit, daß Krystian Martineks und Neithardt Riedels Fernsehspiel "Taxi nach Rathenow", in dem Westbesitzer ein Haus im Osten zurückhaben wollen, eine Fahrt in die Tragödie wird.
Doch zuvor, am Montag, ebenfalls im ZDF, geht es härter zu. Denn das TV-Spiel "Unser Haus" von Detlef Müller (Regie: Hartmut Griesmayr) macht einen Teil des Psychostresses sichtbar, den die mehr als eine Million Anträge auf Rückführung des Eigentums über Ossis, aber auch über Wessis gebracht haben.
Kurt Wrede, so heißt der Held des Fernsehfilms, ist ein solider Typ, der eigentlich mit Familie, Beruf und Dienstwohnung in West-Berlin zufrieden sein könnte. Doch er hat einen Traum im Herzen von den schönen Kindertagen im Haus an einem märkischen See. Und, was noch schlimmer ist, seit der deutschen Vereinigung hat er einen Rechtsanspruch.
Gleich zu Beginn sehen wir ihn zusammen mit seinem Sohn auf der Fähre Richtung alte Heimat über ein dunkles Seeauge gleiten - optisches Symbol für eine Fahrt in eine Welt, in der er, ein Mann mittleren Alters, seine Jugend sucht, aber nur Frust findet. Denn um den Besitz, ein Haus, das Wrede 1955 als 13jähriger mit seiner Mutter zwangsweise verlassen hat und jetzt wiederhaben will, steht es komplizierter als gedacht: Familie Gleinich, nun schon seit dreieinhalb Jahrzehnten und in zweiter Generation Bewohner im ehemaligen Westbesitz, denkt gar nicht daran, ihr Stück Heimat aufzugeben.
Regisseur Griesmayr vermeidet bei den nun folgenden Konfrontationen alle Klischees. Der TV-Zuschauer erlebt keine imperial auftrumpfenden Westbürger, keine geduckten Ossis, sondern kann Schritt für Schritt miterleben, wie sich die Beteiligten, je tiefer sie in den Streit ums Haus gezogen werden, geradezu tragisch verstricken. Alle haben irgendwie recht, glücklich aber kann niemand werden.
Wer nun rechtmäßiger Eigentümer, Wrede West oder Gleinich Ost, das ist juristisch höchst knifflig. Für die Auseinandersetzung entscheidend ist die Frage, ob die Gleinichs seinerzeit das Wrede-Haus in gutem Glauben erworben haben oder "unter Ausnutzung der Machtstellung des Käufers", was die Eigentumsübertragung hinfällig machen würde. Die Formel führt in die Untiefen der deutschen Nachkriegsgeschichte: Vater Wrede war Nazi, der gleich nach dem Krieg abgeholt und in ein ehemaliges Konzentrationslager gebracht wurde, aus dem er niemals zurückkam. Deshalb hatte Witwe Wrede unter dem Sozialismus viele Schwierigkeiten. Als der Sohn in der Schule benachteiligt wurde, ging sie in den Westen.
Das Haus erwarb mit Vater Max Gleinich ein überzeugter Sozialist, der aber noch jetzt als alter Mann Stein und Bein schwört, die Übertragung des Wrede-Besitzes nicht mit seinen Beziehungen zum Regime erreicht zu haben. Und er hat das Grundbuch auf seiner Seite. Dort ist der Name der Westbesitzer durchgestrichen und seiner eingetragen. Ob das rechtmäßig ist, läßt der Film offen, eine realistische Beschreibung der Wirklichkeit. Die Gerichte werden das letzte Wort sprechen. Bloß wann?
Zeit können die in ihrem Eigentum bedrängten Ostbürger brauchen. Opa Max' Sohn Jochen Gleinich hat seinen Job verloren, seine Frau kämpft als Freizeittrainerin einer Kanugruppe gegen die Entwurzelung, die für sie der Untergang der DDR mit sich brachte. Nahziel der Familie ist es, den Auszug so lange zu verhindern, bis die Tochter die Schule hinter sich hat.
Selbst wenn die Vertreibung gelänge, das Glück, das sich Kurt Wrede aus dem Westen im alten Haus (Ost) verspricht, er wird es nicht finden. Der Film macht deutlich, wie feindselig die Umgebung im Osten auf die Rückerwerber reagiert; und er zeigt psychologisch genau, daß Wrede nicht nur aus freien Stücken handelt, sondern als Agent seiner alten Mutter, die den Sohn wieder und wieder anstachelt, sich für das ihr im Leben angetane Unrecht zu rächen.
Der Qualität des Filmes hat sicher genützt, daß, von zwei Ausnahmen abgesehen, die Ostrollen mit Schauspielern aus der ehemaligen DDR besetzt worden sind und umgekehrt den Westpart westliche Schauspieler übernommen haben. So zeigt Hans-Peter Korff den zwischen Rechthaberei, Wut und menschlichem Einsehen hin- und hergerissenen Westbürger und Peter Reusse, sein Ostpendant, einen verunsicherten, gekränkten und zugleich stolzen Verteidiger des Besitzes, den er für den seinen hält.
Eine Lösung des Problems gibt es nicht. Beim Drehen, so berichtet ZDF-Redakteur Peter Göbbels, befragte man die Kinderdarsteller, wie sie den Streit Wrede gegen Gleinich lösen würden. Die Antwort: "Man sollte noch ein Haus aufs Grundstück bauen dürfen oder die Wredes wenigstens mal auf dem Grundstück zelten lassen."
Schade, daß der Spruch aus Kindermund keine Chancen vor Gericht hat.

DER SPIEGEL 40/1991
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