30.09.1991

PopAlltägliche Apokalypse

Mit zwei neuen Doppelalben bestätigt die amerikanische Skandal-Band „Guns'n'Roses“ ihren Ruf als Geschäftemacher der Rebellion.
Es war schon lange Nacht, als sich Horden junger Amerikaner vor ungefähr 1000 Plattenläden des Landes versammelten. Die meisten von ihnen trugen Lederjacken, viele waren tätowiert, und einige hatten warme Schlafsäcke mitgebracht, weil sie sich seit Jahren erstmals wieder etwas länger an der frischen Luft aufhielten. Punkt Mitternacht öffneten die Plattenläden, das Warten hatte ein Ende, und die Menge stürmte los. Zwei Stunden später waren je 500 000 Stück der gleichzeitig veröffentlichten LPs "Use Your Illusion I" und "Use Your Illusion II" verkauft. Auch in Deutschland ist der Erfolg sicher. Je 250 000 Platten sind bereits vorbestellt.
Die Band, die für die beiden Werke und Massenaufläufe verantwortlich ist, heißt Guns'n'Roses. Als erste Gruppe in der Geschichte des Rock'n'Roll veröffentlichten die sechs Amerikaner zwei Doppelalben gleichzeitig.
An ein Comeback der "aufregendsten Rock'n'Roll-Band der Welt" (Rolling Stone) hatte kaum einer mehr geglaubt. 1987 gelang der Hard Rock Band mit ihrer ersten Langspielplatte "Appetite For Destruction" das bestverkaufte Debütalbum aller Zeiten. Seitdem brachte die Gruppe keine LP mit neuem Material mehr zustande.
Von schnellem Geld, plötzlichem Ruhm, riesigen Mengen Drogen und Alkohol berauscht und benebelt, fielen die Bandmitglieder in den vier dazwischen liegenden Jahren weniger durch neue Songs, um so mehr aber durch Skandale und Exzesse auf.
Sänger Axl Rose, 29, mehrte seinen Ruhm, als er auf einer Grillparty ein Schwein erschoß, seine Nachbarin mit einer leeren Weinflasche verprügelte und Wochen allein in einem schwarzen Zimmer verbrachte und dort darüber nachsann, ob er sich nun umbringen solle oder nicht.
Sologitarrist Slash, 26, glänzte auf einer Preisverleihung im Fernsehen mit obszönen Schimpfereien, während eines Konzerts im Vorprogramm der Rolling Stones wurde er von Rose auf offener Bühne wegen einer Überdosis Heroin attackiert.
Rhythmusgitarrist Izzy Stradlin, 29, gelang es auf dem New Yorker Flughafen von einem Polizeiaufgebot abgeholt zu werden. Der Grund: Stradlin hatte volltrunken in einen Flugzeugaschenbecher gepinkelt.
Erst im letzten Jahr, nach etlichen Entziehungskuren der Mitglieder, war die Band wieder in der Lage, im Studio an einer neuen Produktion zu arbeiten. Auch ohne Drogen steigerte sich das Projekt zu einem Exzeß mit offenem Ende. Schlagzeuger Steve Adler wurde gefeuert und durch Matt Sorum ersetzt. Der Manager mußte ebenfalls gehen.
Gitarrist Slash und Sänger Axl Rose betraten das Studio zeitweise nicht zusammen, sondern schrieben ihre Songs am Telefon. Als schließlich 24 der 30 Stücke eingespielt und fertig abgemischt waren, wurde der Mixer Bob Clearmountain - einer der renommiertesten der Branche - hinausgeworfen, und sein Ersatzmann mußte von vorn beginnen. Während um die Form der Veröffentlichung der Songs weitergerangelt wurde, begann die Gruppe mit einer zweijährigen Welttournee, Titel: "Get in the Ring, Motherfucker".
Nichts von all dem hat der Band bis jetzt geschadet. Nicht der Drogenmißbrauch, nicht ihre Gewalttätigkeit, nicht der Umstand, daß sie ihre Fans vier Jahre auf eine neue Platte und bei Konzerten bis zu drei Stunden im Stadion warten lassen.
Im Gegenteil: Erst der Hang zur Zerstörung und Selbstzerstörung hat aus einer durchschnittlichen Band einen Mythos gemacht. Erst die jahrelange Schaffenskrise hat die Erwartung genährt, daß von dieser Gruppe nur Meisterwerke zu erwarten sind - oder gar nichts.
25 Jahre nach den Rolling Stones, 15 Jahre nach den Sex Pistols betreiben Axl Rose und seine Gang noch einmal das Geschäft mit der Rebellion. Sie verdienen Millionen, weil sie bereit sind, alle Regeln zu brechen. Sie werden von der Plattenindustrie und den Medien gefeiert, weil sie nur ein Gesetz gelten lassen: kein Gesetz.
Diese kompromißlose Haltung ist so alt wie das Land, aus dem sie kommen. Die launische Aggressionsbereitschaft, der Wille zum Risiko und die einsame Rücksichtslosigkeit gehören zur Grundausstattung aller amerikanischen Idole. Der Unterschied ist nur: Cowboys, Detektive und Finanzmogule hatten auch in finsteren Stunden noch Ideale. Guns 'n'Roses haben nur noch ihre eigene nackte Existenz und Anhänger, von denen sie auf Konzerten mit Knallfröschen und Bierflaschen beworfen werden - der Teil einer Generation, der das Träumen schon deshalb verlernt hat, weil er ums Überleben kämpfen muß.
In ihrem Buch "Teenage Wasteland: Suburbias Dead End Kids" skizziert die Autorin Donna Gaines die vergessene Hälfte der Amerikaner zwischen 16 und 24, die entweder jetzt schon keinen Job haben oder noch auf der Universität auf die Arbeitslosigkeit warten. "Diese Generation ist mit Hoffnungslosigkeit geschlagen", schreibt sie.
Guns'n'Roses geben dieser Hoffnungslosigkeit ein bißchen Würde. Mit Songs wie "Bad Obsession" oder "Coma" leihen sie den Ausgestoßenen und den Rebellen ein paar schmutzige Worte, ein paar schnelle Rhythmen und ein paar zerhackte, harte Melodien - ein Soundtrack zur alltäglichen Apokalypse, eine Mischung aus Wut, Verzweiflung und Langeweile, eine Gegenwartsbeschreibung ohne Vision.
Schon deshalb hält sich die Band am Rock'n'Roll fest, ein Pop-Genre, das in den Zeiten der elektronisch produzierten Tanzmusik zum Absterben verurteilt scheint. Auch die Guns'n'Roses erfinden mit ihren zwei Doppelalben "Use Your Illusion I" und "Use Your Illusion II" nichts neu. Es gelingt ihnen lediglich, die zerbröckelnde Form mit sentimentalen Balladen, krachendem Punk, psychedelischem Heavy Metal und aufgemotztem Blues Rock auf glamouröse Weise zu restaurieren.
Die Guns'n'Roses sind größenwahnsinnig und bekennen sich dazu, gerade, weil sie wissen, daß sie nichts Grundlegendes ändern werden. Die sechs Jungs haben den Rock'n'Roll fürs erste zu Ende gebracht. Die Revolte ist zum Zeichen ihrer eigenen Ohnmacht geworden.
Für Guns'n'Roses, "das größte Monster, das Hollywood je geschaffen hat" (New Musical Express) gibt es kein Entkommen, keine Existenz außerhalb des selbstgeschaffenen Rockmythos. "Es gibt nur ein paar Dinge, die wichtig sind", sagt der Gitarrist Slash. "Eine Gitarre, ein Verstärker, eine Packung Zigaretten und eine Flasche. Was soll ich mit einem Haufen Geld? Zwei Flaschen kaufen?" o

DER SPIEGEL 40/1991
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