06.02.1989

„Ich dachte, ich steh' neben mir“

SPIEGEL-Redakteur Heinz Höfl über den Republikaner-Chef Franz Schönhuber
In München steht, mitten in der City, zwischen Residenz und Rathaus der "Franziskaner", eine etwas vornehmere Version eines Brauhauses. Hohe Politik kehrt dort ein und niederer Adel, kleine Leute sind ebenso zu Gast wie Großindustrielle. Stammgast Friedrich Karl Flick, 62, etwa blickt im Franziskaner gerne mit einem Rückspiegel in die Runde, um seinen Milliardärskopf nicht unnötig verrenken zu müssen.
Auch Franz Schönhuber, 66, Publizist und Parteigründer, der nur einen Schlenderspaziergang entfernt wohnt, kehrt gerne in der Bierwirtschaft ein. Außer Bierdunst und Zigarettenqualm schlägt ihm dort stets die rechte Stimmung entgegen.
Nach der Veröffentlichung seines Waffen-SS-Erinnerungsbuchs "Ich war dabei" (1981) und dem anschließenden unrühmlichen Abgang als stellvertretender Chefredakteur des Bayerischen Fernsehens waren die Stammtischbrüder freilich ein Weilchen etwas verhalten. Doch nachdem er bei den bayrischen Landtagswahlen 1986 drei Prozent der Stimmen und 1,2 Millionen Mark Wahlkampfkosten für seine Republikaner kassiert hatte, schüttelten sie ihm wieder die Hand, so etwa der Filmproduzent Luggi Waldleitner oder der Generalintendant August Everding.
Letzte Woche, nach dem Überraschungserfolg in Berlin, erntete Schönhuber zum ersten Mal laute Bravo-Rufe - es rührt sich wieder was in den Bräusälen der ehemaligen Hauptstadt der Bewegung. Nicht nur dort: Für die alljährliche Aschermittwoch-Kundgebung in Cham hat der Vorsitzende wegen der "ungeheuerlichen Platznachfrage" diesmal die Ostbayernhalle mit 5000 Plätzen reservieren lassen.
Früher haben viele, die er kannte, die Straßenseite gewechselt, wenn sie dem Rechtspolitiker begegneten. Schönhuber: "Die haben liaber in irgendein Schaufenster nei'g'schaut." Der Weg zum Wirtshaus war dem Parteiführer mehr und mehr zu einer "freudlosen Gasse" geworden. Heute begrüßen die Leut' ihn als "alten Freund".
Der Metzgersohn aus dem oberbayrischen Trostberg, der nach dem Krieg in Baracken und Garagen, zuweilen auch auf Parkbänken im Englischen Garten gehaust hatte, vermag einfach alles zu genießen - den Triumph wie die Tiefen des Lebens, letztere womöglich noch ein bißchen mehr. Nach dem Berliner Wahlerfolg "kreuz und quer gejagt" von Chaoten, flüchtete der Parteichef mit den Seinen in der Wahlnacht auf ein Havel-Schiff. Hätten ihm nicht "so viele adrette, hübsche Mädchen" vorgejubelt, vorgetanzt und vorgeprostet, daß "rechts wieder schick" ist, dann wäre der Triumphator womöglich inmitten des Trubels vereinsamt. Schönhuber: "Ich dachte, ich steh' neben mir."
Denn richtig zu kultivieren vermag der Mann aus Bayern, der unverhohlen wie kein anderer "Law and order" predigt, nur die eigenen Empfindsamkeiten. Weil er sich in der Rolle des Ausgestoßenen, Gedemütigten und Erniedrigten zu Hause fühlt, kann er seine oft vierschrötige, durchweg unzufriedene Klientel für sich vereinnahmen. "Sie wollen uns vernichten", heißt eine seiner Standard-Floskeln, "aber wir sind stärker."
Dabei bietet Schönhubers privater wie beruflicher Lebenslauf wenig Stoff für den von ihm selbst gehätschelten Verfolgungswahn. Nach einer gescheiterten Nachkriegsehe mit einer ungarischen Jüdin heiratete er die Münchner Rechtsanwältin und zeitweilige SPD-Stadträtin Ingrid; heute pflegt er ein "exzellentes Verhältnis" zu seiner Tochter Andrea, 23, die als Redakteurin bei einem Privatsender in die Fußstapfen des Vaters tritt, sowie zum Sohn Florian, 21, der in Bamberg Betriebswirtschaft studiert.
Als Journalist hatte Schönhuber einen steilen Aufstieg hinter sich. Er begann als Sportreporter bei der KP-finanzierten "Deutschen Woche" ("Ich hatte ja auch Hunger"), wechselte zur "Abendzeitung", wo er als Kolumnist Ausländerfeindlichkeit noch als "Kleinkariertheit" und "geistiges Provinzlertum" abtat, wurde Chefredakteur der "tz" und ging schließlich zum Bayerischen Rundfunk. Dort avancierte er, nun schon landes- und anstaltsüblich schwarz eingefärbt, zum stellvertretenden TV-Chefredakteur.
Nebenher führte Schönhuber den Bayerischen Journalistenverband an. Bald durfte er - hohe Ehre im bierseligen Freistaat - freche Reden beim traditionellen Salvator-Anstich auf dem Nockherberg halten. Am Ende gar rückte er in den von Franz Josef Strauß angeführten "Franzens-Club" ein, wo er die vieldimensionale Welt der Macht an der Isar von innen bestaunen lernte.
Einen Knick bekam seine Karriere, als Schönhuber, der vor allem als Moderator der Stammtisch-Sendung "Jetzt red i" populär geworden war, auf gut 350 Seiten seine kurze Karriere als Freiwilliger der Waffen-SS vermarktete. In dem Buch macht er, ein "wahrer Steppenwolf", gegen die "opportunistischen Kakerlaken" seiner Umgebung Front.
Nach der Veröffentlichung des Buches wurde dem verqueren Hans im Glück geliefert, wonach er sich offenbar am meisten sehnte: die Verstoßung aus Amt und Würden, wenn auch versüßt mit einer Abfindung von 290 000 Mark und einer Monatspension von 7000 Mark.
Der Abschied von Funk und Fernsehen war für ihn "eine wirkliche Befreiung" - Schönhuber: "Die Zeit war reif." Denn fast wie eine Droge braucht der Mann aus dem Oberland offenbar "'ne gewisse Tristesse". Nach einer Phase der Depression jedoch legte er, manisch wie nie zuvor, los und verfaßte ein Buch nach dem anderen.
In einem aufdringlich leicht entzifferbaren Schlüssel-"Roman eines Freistaats" mit dem Titel "Macht" beschrieb er das "wachsbleiche Gesicht" von Richard Kloiffler (Edmund Stoiber), die langen Unterhosen von Dr. Egidius Talgler (Ex-Fernsehdirektor Helmut Oeller) und die Schmachtlocken von dessen Nachfolger Rolf Häutig (Wolf Feller).
Alle wurden mit Verachtung gestraft, nur einer kam ungeschoren davon: Florian Trost - und das war, unverkennbar, der aufrechte Handwerkerbub aus Trostberg, der unwiderstehliche Aufsteiger, der schöne Schönhuber selber.
Doch bald war der Spaß vorbei. Den krausen Theorien in seinen Büchern, die ihm sechsstellige Honorare einbrachten, folgte grausame politische Wirklichkeit. Den CSU-Abtrünnigen Franz Handlos und Ekkehard Voigt, die sich nach dem Milliardenkredit an die DDR von Franz Josef Strauß abwandten, entriß er die gemeinsam gegründeten Republikaner auf eine Art, die man in der Wirtschaftswelt als ein "unfriendly take-over" bezeichnen würde.
Schönhuber sah sich von "menschlichem G'raffl" umgeben, von lauter Schrott - "ein Säufer, ein Sozialfall, ein Blöder". Keiner konnte es dem Chef recht machen. Binnen kurzem waren von den sieben Mitgliedern, die zur Gründung der Partei in der Münchner "Bräupfanne" nötig waren, nur noch zwei vorhanden: Franz Schönhuber und Ehefrau Ingrid.
Der Münchner Monomane hatte die Partei zu einem Ein-Mann-Unternehmen umgebaut. Sofern er überhaupt noch in der Mehrzahl sprach, klang es wie ein Pluralis majestatis: "Ich bin immer ausgelacht worden, aber wir sind Überzeugungstäter, wir meinen's ernst."
Solche Worte klingen ganz schön bedrohlich, vor allem wenn man sie mit Fundstellen aus seinem jüngsten Buch "Trotz allem Deutschland" in Beziehung setzt. Dort nimmt er Adolf Hitler in Schutz, der weltweit als "Bestie in Menschengestalt" verachtet werde. Warum aber - "wenn wir davon ausgingen, daß es so wäre" - sei Hitler dazu geworden?
"Wäre es nicht denkbar", mutmaßt der Autor einfühlsam, "daß die Geringschätzung und Demütigungen, die ihm gerade linke Literaten und auch bourgeoise Schriftsteller und Journalisten in der sogenannten Kampfzeit entgegengebracht haben, ihn tief verbitterten?" Und mußte es nicht geradezu Hitlers Verachtung auslösen, daß die "schlimmsten Kritiker nach 1933 blitzartig die Fronten wechselten und nun ihn genauso hemmungslos lobten, wie sie ihn vorher geschmäht hatten"?
Das könnte Autor Schönhuber wortgleich auch über den Politiker Schönhuber geschrieben haben. So was geht ihm an die dunklen Tiefenschichten seiner empfindsamen Seele. Das brachte ihn dazu, sich immer wieder mit der inzwischen verstorbenen Hitler-Sekretärin Christa Schroeder zu treffen oder mit dem ehemaligen Generalmajor Otto Ernst Remer, der mit seinem Wachbataillon "Großdeutschland" den Staatsstreichversuch 1944 gegen Hitler bekämpfte.
Mit dem Berliner CDU-Rechtsausleger Heinrich Lummer trank der Chef-Republikaner vor der Berliner Wahl Whisky. Neuerdings nennt er den Christdemokraten aber verächtlich einen "Verräter", weil der die Republikaner in Berlin nicht offen unterstützt hat. Doch mit dem österreichischen FPÖ-Patrioten Jörg Haider, den er noch vor kurzem als "Halbnazi" abgetan hatte, pflegt er nun freundschaftliche Kontakte.
In der Türkei, wo die Schönhubers eine Ferienvilla im Ägäis-Badeort Bodrum besitzen, regten sich massive Proteste gegen den "Nazi aus Bodrum" (so die Zeitung "Milliyet"). "Wir wollen ihn hier nie wieder sehen", sagte der Bürgermeister nach dem Berlin-Spektakel.
Im persönlichen Umgang kann der Rechtsradikale sich als Kumpeltyp mit überwältigendem Charme geben, vor allem wenn er sich den Bauch mit seiner Lieblingsspeise - Spaghetti in Öl und Knoblauch - vollgeschlagen hat und mit einigen Schoppen Rotwein nachspült. Doch stets gemahnt der umtriebige Politiker an eine berühmte Erzählung von Robert Louis Stevenson: Er wirkt immer ein wenig wie der brave und gutbürgerliche Dr. Jekyll - hinter dem sich als böses Alter ego der schlimme Mr. Hyde verbergen könnte. Auf Versammlungen, in denen Schönhuber eine aufwallende Sportpalast-Stimmung zu erzeugen versteht, sind beide Hälften der gespaltenen Stevenson-Figur zu vernehmen. Mr. Hyde: "Die Spenden an arme Negerlein werden doch von Häuptlingen an der Cote d'Azur verfressen, versoffen und verhurt." Dr. Jekyll: "Wir sind nicht ausländerfeindlich."
Schönhubers größtes Handikap ist sein Alter: 66. Für die Nachfolge, die er noch eine Zeitlang von sich schieben will, hat sich der autoritäre Rechts-Politiker und Emanzipationsfeind etwas Apartes ausgedacht: entweder eine Frau oder eine "kollektive Führung". Doch vorher will er sich noch eine "große Vision" erfüllen: Einzug in den Bundestag und Stimmungsmache für den Sturz des Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker.
Von Heinz Höfl

DER SPIEGEL 6/1989
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