06.02.1989

„. . .fast schlimmer als in jedem Negerstaat“

Gerhard Mauz zum Fortgang des Strafprozesses gegen Dr. Theissen in Memmingen
Es geht weiter und weiter in Memmingen, unaufhaltsam und unabänderlich geht es weiter. Der Strafprozeß gegen den Frauenarzt Dr. Horst Theissen, 50, ist längst Station eines Kreuzzugs, der die Heiden nach dem Motto "Und bist du nicht willig . . ." christianisieren und die nicht praktizierenden, gefrorenen Christen unter Beschwörung und Androhung des Höllenfeuers zurück in die Kirchen und unter das Kreuz treiben soll.
Diese Station muß abgewickelt werden, vollständig, lückenlos. 156 Fälle von Schwangerschaftsabbruch sind angeklagt. Mehr als 40 von ihnen sind bislang an 42 Sitzungstagen vom Gericht geprüft worden. Ein Muster für das ärztliche und menschliche Verhalten des angeklagten Arztes in den ihm vorgeworfenen Fällen liegt ohne Wenn und Aber und unmißverständlich vor. Der Ablauf der Beratung und Behandlung wird von den Frauen, die Dr. Theissens Patientinnen waren, nahezu identisch geschildert.
Man könnte ein Ende machen. Dieses Strafverfahren schwebt nicht mehr. Es liegt vor, worüber zu urteilen ist. Und es steht auch fest, so wie man vorgegangen ist, wie man verhandelt hat und wie man unerbittlich fortsetzt, daß man Dr. Theissen verurteilen und mit den Worten der Urteilsbegründung hinrichten wird. Das Grundgesetz hat nur den blutigen Vollzug der Todesstrafe abgeschafft.
Mit jedem neuen Sitzungstag wird frisches Öl in das Feuerbecken geschüttet, in dem der Angeklagte bereits an seinen akuten Verfahrens- und Folgekosten verbrennt. Er ist schon ruiniert. Er hat seine Praxis verkaufen müssen. Doch diese Hauptverhandlung ist die Station eines Kreuzzugs, und die muß so abgewickelt werden, daß jeder Arzt in der Bundesrepublik sieht und schaudernd spürt, wohin es führt, wenn er sich wie Dr. Theissen verhält.
Und an jedem neuen Sitzungstag müssen weitere Zeuginnen aussagen, sich Fragen aussetzen, die keinen Bereich ihres Lebens, ihrer Lebensgeschichte auslassen, die sie dem, was sie überstanden haben, was Jahre zurückliegt, erneut überantworten; müssen Frauen ihre Scheu und Scham vor einem Gericht überwinden, dem nur Männer angehören. Auch das gehört zur lückenlosen, vollständigen Abwicklung dieser Kreuzzugsstation.
Jede Frau in der Bundesrepublik soll erfahren, daß sie sich das ersparen kann, wenn sie das ungeborene Leben über alles stellt; wenn sie ihr Leben so führt, daß Leben nur entstehen kann, wenn sie willens und fähig ist, es auszutragen.
Meldet sich die Verteidigung des Angeklagten einmal während der Vernehmung einer Zeugin, weil sie die weitere Befragung der weinenden Frau für eine vermeidbare Quälerei hält, so wird sie niedergeschrien. Man tue nur seine Pflicht, kläre auf, wie es einem von seinem Amt auferlegt werde, und man tue das, auch wenn es der Verteidigung nicht passe. "Wir machen weiter", entscheidet der Vorsitzende Richter Albert Barner, 61, und er fügt hinzu: "Da können Sie ja dann mit hausieren gehen."
In der "Frankfurter Allgemeinen" hieß es im Oktober vergangenen Jahres, vier Wochen nach Beginn dieser Hauptverhandlung, "Agitation gegen den Memminger Abtreibungsprozeß" mache "die Rechtsfindung noch schwerer". Und es hieß auch: "Die Memminger Kammer soll, wie jedes Gericht, unbefangen sein. Es ist niederträchtig, die Befangenheit durch unablässige Agitation erzeugen zu wollen."
Wie kann Befangenheit in Menschen hergestellt werden, die sich in der Gefangenschaft einer Überzeugung befinden, die sie das Gesetz so eng und streng interpretieren und anwenden läßt, wie ihre Überzeugung es ihnen befiehlt? Man hält sich nur an das Gesetz. Man kann sich auch am Galgenstrick festhalten.
Hinsichtlich der Memminger Strafjustiz war und ist nichts zu erzeugen. Man hat die Frauen, deren Schwangerschaft Dr. Theissen unterbrochen hatte und auf deren Spur man durch eine anonyme Anzeige pflichtgemäß gekommen war, gestellt, peinlich einvernommen und verurteilt. Man war nicht befangen. Man brach nur, gegürtet mit dem Schwert des Herrn, zu einem Kreuzzug auf.
Und der galt nicht allein den Frauen, die so liederlich gefehlt und so schwer gesündigt hatten. Der galt und gilt auch allen Menschen um diese Frauen herum. Der galt und gilt den Vätern, Müttern, Schwestern, Brüdern, Tanten, Onkeln, Ehemännern und Partnern. Der galt und gilt all denen, die sich vor die Absaugvorrichtung des Gynäkologen hätten werfen müssen.
Am 18. August 1987 beispielsweise verfügte der Staatsanwalt Herbert Krause, heute 34, die Kriminalpolizeiinspektion Memmingen wolle bitte einen Ehemann als Beschuldigten zum Tatverdacht der Beihilfe zum Schwangerschaftsabbruch vernehmen.
Aus den Angaben seiner Ehefrau ergibt sich der Verdacht, daß er seiner Ehefrau zumindest psychische Beihilfe zum Abbruch der Schwangerschaft geleistet hat, indem er sie möglicherweise in ihrem Entschluß zum Schwangerschaftsabbruch bestärkt hat (oder sie sogar dazu angestiftet hat).
Das Ermittlungsverfahren ist dann im Februar 1988 eingestellt worden "mangels ausreichender Tatnachweismöglichkeiten". Der der "psychischen Beihilfe" beschuldigte Ehemann hatte sich angesichts des schweren Verdachts in den Staub geworfen, um zu retten, was zu retten war.
Er ließ sich dahingehend ein, daß es der Wille seiner Ehefrau gewesen sei, den Schwangerschaftsabbruch vornehmen zu lassen. Er sei davon informiert gewesen, habe sie jedoch weder angestiftet noch etwa (psychische) Beihilfe geleistet.
Was war in Memmingen zu erzeugen? In Memmingen verfügte der Vorsitzender Richter Barner Anfang Januar 1988 in Vorbereitung der Hauptverhandlung gegen Dr. Theissen, von einer Zeugin sei eine Erklärung über die Entbindung von der ärztlichen Schweigepflicht "zu erholen"; von einer Zeugin, die 1979/1980, also zu strafrechtlich schon verjährter Zeit, wegen einer Eierstockentzündung behandelt worden war. Von den Ärzten sei danach zu erfragen, was sie bezüglich weiterer Schwangerschaften geraten und wie sie die Eierstockentzündung behandelt hätten.
Was war und ist in Memmingen zu erzeugen, noch dazu durch unablässige Provokation, nachdem die Große Strafkammer unter dem Vorsitzenden Richter Barner zu Beginn der Hauptverhandlung im September 1988 zuließ, daß die Anklage in öffentlicher Sitzung mit dem Anklagesatz auch die Namen der 156 Frauen verlas, sie fügte sogar die Daten der Abbrüche hinzu, bei denen Dr. Theissen Schwangerschaften unterbrochen hatte?
Später hat das Gericht dann für die Dauer der Vernehmung der derart bereits am Pranger stehenden Frauen die Öffentlichkeit ausgeschlossen. Bei einer öffentlichen Vernehmung würden schutzwürdige Interessen der Zeuginnen verletzt. Auch sei eine Identifizierung zum Schutz der persönlichen Belange im Zusammenhang mit einem Schwangerschaftsabbruch zumindest zu erschweren.
Das ist nicht der Alltag in den Gerichten der Bundesrepublik. So springen sie in der Regel mit Zeugen nicht um. Hier fand und findet ein Kreuzzug statt. Diese Hauptverhandlung prägt eine Überzeugung, die alles für zulässig hält und zuläßt, was die Gewißheit dieser Überzeugung ausdrückt und ihr dient.
Eine Zeugin sagt aus, sie habe bereits drei Kinder zur Welt gebracht, das dritte, letzte Kind mittels eines komplizierten operativen Eingriffs, sie meint einen Kaiserschnitt. Nach diesem Eingriff hätten die Ärzte zu ihr gesagt, sie möge besser nicht mehr schwanger werden, denn "beim nächsten Kind könne sie sterben".
Anschließend wird der Ehemann der Zeugin vernommen. Er bestätigt die Aussage seiner Frau. Auch ihn habe die Ärztin im Krankenhaus vor einer weiteren Schwangerschaft gewarnt: "Sie sagte, da könnte Ihre Frau sterben."
Staatsanwalt Krause, wie erwähnt ein Gründungspionier dieser Hauptverhandlung, kommentiert die Aussage: "Könnte! Könnte!"
Eine andere Zeugin, eine Ausländerin, wird am gleichen Tag unter anderem auch gefragt, ob ihr Mann ein Auto besitzt. Er besitzt ein Auto, aber die Frau weiß den Typ nicht, und sie weiß auch nichts über die Kosten des Fahrzeugs.
Ihr Mann bestätigt ihre Aussage. Ja, er habe ein Auto. "Sonst komme ich nicht zu meiner Arbeitsstelle, 10 bis 15 Kilometer." Rechtsanwalt Dr. Sebastian Cobler, einer der drei Verteidiger von Dr. Theissen: "Nicht wahr, Herr Staatsanwalt Krause, da könnte der Mann doch laufen!" Staatsanwalt Krause: "Ein Mofa würde es jedenfalls auch tun."
Staatsanwalt Dr. Johann Kreuzpointner, 35, der zweite Vertreter der Anklage, möchte Genaueres erfahren: "Ja was haben Sie denn da für einen Wagen?" Der Zeuge: "Einen Opel". "Ja, gut, einen Opel, aber was denn für einen Typ, da gibt's ja viele." Der Zeuge: "Einen Kapitän." Staatsanwalt Kreuzpointner: "Einen Kapitän!" Der Zeuge beteuert, sein Opel Kapitän sei "uralt". Was denn der Wagen gekostet habe? "Das ist ein altes Ding, keine 2000 Mark." Das genügt dem Staatsanwalt nicht. Wie es denn mit den Reparaturen und den Ersatzteilen steht? "Das mache ich doch alles selber." Dazu murmelt der Beisitzer, Richter Detlef Ott, 37, hörbar: "Dafür ist Zeit."
Es wird nach Zeit und Geld gefahndet, die eigennützig und unnötig aufgewendet wurden, nach dem Geld und der Zeit, die sehr wohl die Austragung der Schwangerschaft und das Aufziehen des Kindes ermöglicht hätten. Es wird abgeklopft, ob da nicht Menschen in der Familie waren, die über Zeit verfügten, die sich des Kindes hätten annehmen können. Nach den Räumen, die zur Verfügung standen, wird geforscht, nach den Quadratmetern. Und jedesmal dringt das Gericht in die Lebensgeschichte der Zeuginnen ein, müssen die Frauen den drei Berufsrichtern und den beiden Schöffen ihr persönlichstes Leben schildern.
Die Zeugin hat 1982 ein Kind erwartet, von einer flüchtigen Bekanntschaft, nach einer Nacht. Die Zeugin war 18 damals. Mit den Eltern konnte sie nicht reden. Sie hatte kein Geld. Die Wohnverhältnisse waren sehr beengt. Die Zeugin ging zu Dr. Theissen. 1983 hat sie dann doch ein Kind bekommen. Der Vorsitzende Richter meint, 1983 sei es doch nicht viel anders gewesen als 1982, als sie zu Dr. Theissen ging. Die Zeugin: "Aber das Kind war von dem Mann, von dem ich es wollte."
Warum die Zeugin nicht 1982 mit den Eltern gesprochen habe, will der Vorsitzende Richter wissen. Denn die Zeugin hat ja nicht nur über sich, sondern auch über ihre Familienverhältnisse im Elternhaus aussagen müssen. Und dabei hat sie erwähnt, daß jede ihrer beiden Schwestern damals schon ein uneheliches Kind hatte. Das veranlaßt den Vorsitzenden Richter zu dem Satz: "Die Eltern hatten doch Erfahrung damit. Das war doch für sie nichts Neues!"
Rechtsanwalt Dr. Jürgen Fischer, ein weiterer Verteidiger von Dr. Theissen, wirft darauf ein, für die Zeugin, wenn sie das Kind bekommen hätte, wäre es sehr wohl etwas Neues gewesen. Staatsanwalt Krause: "Das schleift sich ab." Verteidiger Fischer: "Haben Sie damit Erfahrung?" Staatsanwalt Krause: "Ja."
Eine Erzieherin, die eine Schwangerschaftsunterbrechung vornehmen ließ, weil die Beziehung zu ihrem Freund damals noch "wackelig" war, auch weil er damals noch verheiratet gewesen ist: Sie wäre von einem Kind überfordert gewesen. Die Anklage hält ihr vor: "Weshalb kann eine Erzieherin nicht erziehen? Entweder können Sie Ihren Beruf nicht ausüben, oder Sie waren nicht überfordert."
Die Wohnung hatte 60 Quadratmeter, eine andere war nicht verfügbar. Die Zeugin hatte zwei Kinder mit in die Ehe gebracht. Ein Kind ist schwierig. Die Mutter der Zeugin, hochbetagt und herzkrank, die sich um das Kind kümmert, bittet um Entlastung. Das Kind, sprachgestört, muß in den Kindergarten. Finanzielle Probleme drängen. Der Mann sagt, er sei froh, wenn die beiden Kinder großgezogen wären. Ein eigenes Kind sei zuviel. Der Ehemann bestätigt das später als Zeuge. Es sei nicht im Sinne der Kinder gewesen, die seine Frau mit in die Ehe gebracht hatte, daß ein weiteres Kind hinzukommt. Der Zeuge ist auch gegen ein gemeinsames Kind, weil sein Vater an Krebs gestorben ist. Er fürchtete Vererbung.
Seine Frau ist von der Anklage übrigens auch gefragt worden, ob sie gegen den Vater eines ihrer Kinder gerichtliche Schritte eingeleitet habe, um einen Rechtstitel gegen ihn in den Vereinigten Staaten zu bekommen. Der Vorsitzende Richter: "Das ist in Amerika fast schlimmer als in jedem Negerstaat."
Tod des Ehemanns, die Zeugin schlägt sich als Witwe mit zwei Kindern durch, ein drittes, uneheliches kommt hinzu. Die Zeugin sucht einen Lebenspartner zu finden, sie scheitert immer wieder. "Ich habe drei Kinder und weiß, wie man mit Kindern lebt. Meine Mutter hätte ein weiteres Kind nicht akzeptiert. Vielleicht hätte ich sogar den Arbeitsplatz verloren. Ich hatte auch Angst vor der Blamage. Schon das dritte Kind war von einem anderen Mann." Staatsanwalt Krause will wissen, ob die Zeugin meint, es sei rechtmäßig gewesen, daß sie die Schwangerschaft abbrach. Die Zeugin: "Sie wissen nicht, was für mich mehr eine Strafe ist. Ein Kind oder so, wie es geschehen ist." Ob ihr wohl dabei gewesen sei? Der Vorsitzende Richter: "Es war für Sie wohl das kleinere Übel?" Die Zeugin: "Ja."
Eine Zeugin, eine Ausländerin, hatte einen Freund, auch einen Ausländer, doch aus einem anderen Land. Der wollte, daß sie das Kind bekommt. Erst als es zu spät war, erfuhr sie, daß er verheiratet ist und sechs Kinder hat. Der Freund wollte, sie solle zu ihm und seiner Familie ziehen. Der Vorsitzende Richter: "So ein moderner Harem . . ." Sie hatte auch Angst vor den eigenen Landsleuten, wegen der Schande. Staatsanwalt Krause: "Also nicht deshalb, daß Sie getötet werden könnten!"
Ein Sohn, drei Jahre später eine Tochter, die stirbt plötzlich den "Kindstod", die Mutter findet sie drei Monate nach der Geburt leblos im Kinderbett. 1980 wieder eine Tochter, die massive Allergien und Asthma-Anfälle hat. Sie läßt das dritte Kind, in Panik nach dem Tod des zweiten, nicht aus den Augen. 1982 erwartet sie wieder ein Kind. Sie geht zu Dr. Theissen. Die Spirale hatte "gezogen" werden müssen, sie hatte sie nicht vertragen.
Ihr ältestes Kind, der Sohn, wirft ihr den Tod der Schwester vor, akzeptiert das dritte Kind nicht. Sie hat Depressionen gehabt. Ihr Mann als Zeuge: Seine Frau habe immer Angst gehabt, wieder ein totes Kind zu finden. Bauschulden habe es gegeben, und hinzugekommen sei der Vorwurf des Sohns, die Mutter sei am Tod der Schwester schuld. "Mir war die Gesundheit meiner Frau wichtiger." Man habe alles miteinander besprochen und beschlossen.
Zu einer Zeugin, die schon während der Belehrung weint, sagte der Mann, von dem sie schwanger war, "ich soll schauen, daß ich weiterkomme". Die Eltern wußten nichts, sie hat sich vor ihnen geschämt. Bei Dr. Theissen hat sie auch ihren Personalausweis zeigen müssen. Der Vorsitzende Richter: "Wohl damit er die Sicherheit hat, an sein Geld zu kommen." Sie sagt: "Man vergißt es schon. Aber wenn ich dran denke, denke ich, die Leute sehen es einem an."
Eine Zeugin geht plötzlich aus sich heraus, beschwert sich über die anderthalbjährige Belastung, über die Zustellung der Ladung, von der sie meint, der Briefträger habe sie lesen können. Der Vorsitzende Richter: "Aber seitdem ist doch Ruhe. Was ist denn in den anderthalb Jahren schon passiert." Die Zeugin muß über ihre Depressionen aussagen, über ihre Kindheit, schon mit 17 sei sie "nervös" gewesen, sie muß von den Schwierigkeiten mit ihren drei Kindern berichten, die auch krank sein sollen.
Zum Arzt mag sie nicht mehr gehen. "Beim Heilpraktiker kann man wenigstens reden." Der Arzt sage nur, "was stellen Sie sich an". Jetzt hat sie Gichtanfälle. Der Vorsitzende Richter will wissen, warum sie nicht Diät lebe. Drei Kinder hat sie, ein viertes wäre zuviel gewesen. Die Zeugin, nach den wirtschaftlichen Verhältnisse gefragt: "Wie hätten Sie reagiert, wenn man von Monat zu Monat lebt und wartet, bis ein Geld kommt, damit man mal einkaufen geht?"
Von Dr. Theissen sagen die Zeuginnen, er habe sich ausführlich mit ihnen besprochen, sich viel Zeit genommen. Eine bekam richtig ein schlechtes Gewissen denen gegenüber, die währenddessen draußen warten mußten. Sie seien zum Schwangerschaftsabbruch entschlossen gewesen, aber er habe sie noch einmal zum Nachdenken darüber fortgeschickt. Er habe versucht, sie zum Austragen zu überreden, und so haben einige "gebittet und gebettelt".
Dr. Theissen habe sie auch auf mögliche seelische Folgen hingewiesen. Nein, sie wollten nicht zu einem weiteren Arzt, zu Beratungsstellen. Sie wollten nur mit einem reden, nur einer sollte ihnen helfen. Sie sind auf die Strafbarkeit hingewiesen worden, wenn nicht zwei ärztliche Papiere vorliegen, wenn der Eingriff nicht in einer Klinik vorgenommen wird. Sie bestanden auf ihrem Entschluß.
Dr. Theissen ist ein schmaler, in sich gekehrter Mann, keiner, den es zum Handeln drängt, der sich etwas beweisen muß durch Aktivität, keiner, der eine bestimmte Auffassung über den Schwangerschaftsabbruch kämpfend durchsetzen wollte. Er begegnete den Patientinnen als Mensch und Arzt, und daraus ergab sich, daß er ihnen helfen zu müssen meinte. Mitunter sieht man Dr. Theissen an, daß er noch immer nicht richtig begreift, was da über ihn gekommen ist und vor allem über seine Patientinnen.
Nie hat er versucht, subversiv zu arbeiten. Er hat nur gesagt, man solle nicht darüber reden. Er hat Karteikarten geführt und Aufzeichnungen gemacht und verwahrt ohne jede Tarnung, völlig ungeschützt. Ihm war der Ernst der Hilfe, die er gab, bewußt, das Gewicht dessen, was er tat, aber er war arglos dabei, weil er ja, wenn er half, von der Notwendigkeit seiner Hilfe überzeugt war.
Daß hochpolitisch ist und für viele erst in neunter, zehnter Linie ein menschliches und ein ärztliches Problem, was ihm an Not begegnete und was er zur Linderung dieser Not getan hat, vielleicht hat er es noch immer nicht völlig erfaßt. Und wie soll er das auch begreifen, wie kann man diesen Kreuzzug verstehen, in dem sich eine Religion in eine Ideologie verwandelt, die Feindbilder errichtet, die niederzukämpfen und auszurotten sind.
Da läßt der Fuldaer Erzbischof Johannes Dyba, 59, die Glocken seiner Diözese zum "Fest der unschuldigen Kinder" als Mahn- und Trauergeläut von 15 Minuten anstimmen und spricht von einer "kindermörderischen Generation" und von einem "Kinder-Holocaust". Da ist von Mord am ungeborenen Leben die Rede ohne jede Empfindung für die Not des geborenen Lebens. Daß man selber ein Kind war, lehrt keinen etwas darüber, wie es ist, Mutter und Vater eines Kindes zu sein. Doch Männer im Zölibat wissen genau, daß man Mutter und Vater zu werden hat und darum auch Mutter und Vater sein kann.
Es hat sich eine Vereinigung "Pro Conscientia" in Gießen gegründet. Eine "Mahn- und Gedenkstätte für die Opfer der Abtreibung" will sie in Bonn errichten. Nicht nur Hochschullehrer, Journalisten und Ärzte gehören der Vereinigung an, auch Pfarrer beider Konfessionen; es wird den Evangelen doch noch gelingen zu beweisen, daß sie die besseren Katholiken sind.
Da sagt der Leiter des päpstlichen Instituts für Studien über Ehe und Familie, Monsignore Carlo Caffarra: "Wer Verhütungsmittel benutzt, will nicht, daß neues Leben entsteht, weil er ein solches Leben als Übel betrachtet. Das ist dieselbe Einstellung wie die eines Mörders, der es als Übel ansieht, daß sein Opfer existiert."
34 Landtagsabgeordnete der CSU haben in "tiefer Verbitterung" gegen diese "unfaßbare" Aussage des höchsten vatikanischen Experten für Ehefragen beim Papst protestiert. Das Erzbischöfliche Ordinariat in München hat zu diesem Protest erklärt, er sei "sachlich gerechtfertigt und menschlich verständlich". Es gibt also noch ein Gefühl dafür, daß Gläubige gewinnen, überzeugen und vorleben müssen, warum und woran sie glauben; daß es nicht nur das ungeborene Leben zu achten und zu schützen gilt, sondern auch die Lebenden in ihrer Not.
Doch in Memmingen geht es weiter und weiter, unaufhaltsam und unabänderlich. Da hat man einen Engelmacher vor sich, und es gilt, die Verdammnis sichtbar zu machen, in der er sich befindet. Von Mord und Mördern ist immer greller und brutaler im Land die Rede. Wer eine Schwangerschaft nicht auf sich nehmen kann, hat sich zu beherrschen. Gegen den Schwangerschaftsabbruch sind nicht Beter angetreten, sondern eine wachsende Streitmacht, die kein Erbarmen kennt und vernichten will, was sich ihrem ideologischen Programm nicht unterwerfen kann oder will.
Der Prozeß gegen Dr. Theissen ist eine Station auf dem Marsch zur Himmelshalle der blinden, tauben und stummen Unterwerfung. Darum muß diese Station lückenlos und vollständig abgewickelt werden. Die Frau, dieses Gefäß der Sünde, hat wieder ihre Pflicht zu tun an Kind und Familie. Sie hat zu gebären, auch wenn sie daran sterben sollte - oder wie der Staatsanwalt in Memmingen erinnerte: sterben "könnte". #
Von Gerhard Mauz

DER SPIEGEL 6/1989
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