07.08.1989

REPUBLIKANERBrauner Stamm

Acht Monate vor der Landtagswahl ist der niedersächsische Landesverband der rechtsextremen Republikaner heillos zerstritten.
Nachdem alles vorbei war, tranken die Niedersachsen im Münchner Löwenbräu-Keller ein großes bayrisches Bier und aßen frischen Radi.
So ungewohnt wie die Kost war für die 14 Norddeutschen der Anlaß ihrer Reise am Freitag letzter Woche nach München. Soeben hatte Franz Schönhuber, 66, Parteichef der Republikaner (Rep), seine Funktionäre empfangen. Reichlich zwei Stunden Zeit gab er ihnen, um mitgebrachte Dossiers und erlittene Schmach zu erläutern.
In der vergangenen Woche hatte sie der niedersächsische Rep-Vorsitzende Norbert Margraf, 60, sämtlich ihrer Parteiämter enthoben und Ausschlußverfahren in Gang gebracht. Nun forderten sie höhere Gerechtigkeit. Einer ihrer Wortführer, der Polizist Werner Rieb, 38, war ursprünglich sogar fest entschlossen, noch "am selben Tag" die Partei zu verlassen, wenn Schönhuber Margraf nicht "sofort rausschmeißen" würde.
Der dachte nicht daran. Die Republikaner, so Schönhuber, seien "keine Führerpartei", die Verantwortung liege beim Bundespräsidium. Den zugereisten Parteifreunden gab er einstweilen das Gefühl, bei ihm gut aufgehoben zu sein.
Mit vorsichtigem Taktieren will Schönhuber Ordnung in die niedersächsische Gliederung seiner Partei bringen, die noch Anfang letzter Woche vor der Spaltung gestanden hatte. Acht Monate vor der Landtagswahl, bei der sich die republikanischen Nordlichter den Einzug ins Parlament erhoffen, war ein offener Machtkampf um aussichtsreiche Listenplätze ausgebrochen.
Anlaß bot die Vergangenheit des Landesvorsitzenden. Margraf, Kleinfabrikant und 1985 einer der Mitbegründer der Reps in Niedersachsen, war 1966 Funktionär in der rechtsextremen Nationaldemokratischen Partei Deutschlands (NPD) gewesen, für die er bei der Landtagswahl 1974 auch kandidiert hatte.
Dies habe er, so seine Gegner, verschwiegen. Erst im Europa-Wahlkampf Anfang Juni sei alles herausgekommen, zum Schaden der Partei: Schließlich versichere die Rep-Werbung, ehemalige NPD-Funktionäre dürften bei den Republikanern keine Ämter übernehmen.
Fortan beharkten sich Gegner und Freunde Margrafs mit Verbalinjurien. Funktionäre beschimpften die "verknöcherten Säcke" in der Landesspitze, die sich wiederum gegen die Angriffe "charakterlich ungefestigter Emporkömmlinge" zur Wehr setzten.
Rüpeleien gehören bei den Reps, die sich, so ein Wahlslogan, der "Sauberkeit, Pünktlichkeit und Zuverlässigkeit" verschrieben haben, zur Tradition. Kritiker, die Schönhuber nach seinem ersten Achtungserfolg bei der bayrischen Landtagswahl 1986 (drei Prozent) schon bald "Personenkult" und "Vetternwirtschaft" vorwarfen, wie der zeitweilige Parteivize Wolfgang Klinke, wurden vom Vorsitzenden als "Neurotiker, Asoziale, Radikalinskis und Querulanten" verunglimpft und gefeuert.
Die Geschaßten revanchierten sich mit Berichten über den "Mangel an innerparteilicher Demokratie" (Klinke) und wenig schmeichelhaften Schilderungen über Schönhuber. Der sei, so das mittlerweile ausgestoßene Rep-Gründungsmitglied Hagen Palleske, 54, aus dem schleswig-holsteinischen Glückstadt, ein "sehr eitler Mensch", der "mit großer Rücksichtslosigkeit" nur eins im Sinn habe: "jemand Wichtiges zu sein".
Die überraschenden Wahlerfolge von Berlin und Hessen dieses Jahr überdeckten nur kurzfristig, daß die schlecht organisierte Partei keineswegs eine homogene Truppe ist. Das zeigte sich auch in Niedersachsen, wo die Reps bei der Europa-Wahl im Juni eine herbe Enttäuschung erlebten: Landesweit erzielte die Rechtspartei, die Schönhuber dort schon "bei zehn Prozent" der Wählerstimmen gesehen hatte, nur 4,8 Prozent.
Für den Flop machte Rieb, Vorsitzender des Kreisverbandes Hannover-Land, den Landesvorsitzenden verantwortlich. Margraf werde durch "Inaktivität" und "Unvermögen" die "Partei noch kaputt" kriegen. Dieser Meinung schloß sich auch Riebs Stellvertreter an, der wegen seines akademischen Titels als norddeutscher Vorzeige-Republikaner gilt: der hannoversche Professor für Verbrauchswirtschaft, Berndt Tschammer-Osten, 47.
Ex-NPD-Mann Margraf, bestätigten auch andere Kritiker, gebärde sich wie ein "Minidiktator". Er befleißige sich, so der Student und hannoversche Parteisprecher Andreas Dimpfel, 27, menschenverachtender "Nazimethoden".
Weil sie "auf der normalen Parteischiene" (Rieb) dem Vorsitzenden nicht beikamen, versammelten sich Funktionäre aus 8 von 14 Kreisverbänden, die nach eigener Schätzung "drei Viertel der 800 niedersächsischen Parteimitglieder" repräsentierten. Sie verabschiedeten eine vier Seiten lange Resolution an den Parteivorstand in München und forderten: Margraf solle abgesetzt, Ende des Monats ein Parteitag einberufen werden.
Margraf bekam einen Tonband-Mitschnitt der Diskussion zugespielt, auf dem auch ein makabrer Wunsch zu hören war: "Es wäre gut", fand ein Parteifreund, "wenn Margraf gegen einen Baum fahren würde." Der Landesvorsitzende reagierte umgehend. Er zieh seine Gegner, die nur an die Parteikasse (Wahlkampfkostenerstattung nach der Europa-Wahl: 16,2 Millionen Mark) und auf die vorderen Listenplätze wollten, der "Verschwörung". Margraf: "Zu viele wollen zu schnell hoch."
Elf Funktionäre wurden ihrer Ämter enthoben, Parteiausschlußverfahren eingeleitet. Der Öffentlichkeit teilte der Landesvorsitzende mit, sein Kontrahent, der Hauptkommissar und Porschefahrer Rieb, habe "ein Ermittlungsverfahren wegen Hehlerei am Hals".
Da schien dem Bundesvorsitzenden die Zeit gekommen, den lädierten Ruf seiner Partei zu polieren: Schönhuber verpaßte den verfeindeten Fraktionen einen "Maulkorb mit totaler Nachrichtensperre" (Tschammer-Osten) und bestellte die Streithähne zu sich.
Zwar sicherte er den "jungen Parteimitgliedern aus dem bürgerlichen Lager" seine "generelle Unterstützung" zu. Doch an dem braunen Stamm älterer Gefolgsleute wie Margraf kommt er kaum vorbei, ohne die Reps im Bestand zu gefährden.
Deswegen auch schaut der Parteichef mit gemischten Gefühlen nach Hannover. Eine Spaltung so kurz vor der Landtagswahl könnte den Aufstieg seiner Partei empfindlich bremsen.
Einstweilen aber macht sich der Ober-Republikaner selber Mut: So eine "Riesenpartei kann man nicht mehr spalten". Es gebe, so Schönhuber, "nur raus oder rein".

DER SPIEGEL 32/1989
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 32/1989
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

REPUBLIKANER:
Brauner Stamm