06.02.1989

WAFFENHANDELGrüne Kisten

Ein westdeutsches Entwicklungshilfe-Schiff wurde für Munitionstransporte in Afrika eingesetzt.
Der Stückgutfrachter "MS Heinrich Husmann", Heimathafen Haren im Emsland, schipperte jahrelang unter deutscher Flagge übers Mittelmeer. Transportiert wurden Gefrierfleisch und Marmorbruch, Babykost und Gebrauchtwagen - ausnahmslos, so der frühere Schiffseigner Franz Husmann, "ganz harmlose Sachen".
Seit das Containerschiff, ausgerüstet mit zwei 30-Tonnen-Kränen und herunterklappbarem Heck, auf den Namen "Puntland II" umgetauft und, 1987, in den Dienst des afrikanischen Staates Somalia gestellt worden ist, transportiert es nicht nur ungefährliches Frachtgut.
Geladen wird Explosives: Im Dezember 1988 brachte die "Puntland II" Container mit chinesischer Maschinengewehr-Munition, Kaliber 7,62 mm, von Mogadischu in den Sudan, wo seit fünf Jahren ein blutiger Bürgerkrieg tobt. In der Hauptstadt Khartum schießt die Polizei auf Demonstranten.
Der Munitionstransport um das Horn von Afrika kam mit westdeutscher Entwicklungshilfe zustande. Das Schiff war 1987 im Auftrag Bonns für 6,5 Millionen Mark gekauft, renoviert und als Entwicklungshilfe-Präsent an Somalia verschenkt worden.
Experten aus der Bundesrepublik - Seeleute und Reedereiberater -, die beim Aufbau der somalischen Handelsschifffahrt helfen sollten, waren an Planung und Durchführung der Sudan-Reise beteiligt. Das Kommando auf der "Puntland II" hatte Werner Wolkersdorfer, ehemals Kapitän des Luxusdampfers "Astor", der als Kulisse für die ZDF-Serie "Traumschiff" diente.
Bei der Bundesregierung, der das verheerende Echo auf die Beteiligung deutscher Firmen am Bau von Gaddafis Giftgasfabrik noch weh tut, löste die Nachricht aus Afrika Entsetzen aus. Mitarbeiter der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit in Eschborn, die das Projekt betreuen, wurden zur Krisensitzung beordert, die deutsche Botschafterin in Somalia aus dem Urlaub geholt.
Um Bonn nicht erneut dem Vorwurf klammheimlicher Komplizenschaft auszusetzen, ließ Entwicklungshilfeminister Hans Klein (CSU) letzten Monat, nach Absprache mit Bundeskanzleramt und Außenministerium, den vorläufigen Stopp des Entwicklungshilfeprojekts und die Rückkehr der Entwicklungshelfer anordnen. Der somalischen Regierung wurde eine "zufriedenstellende Erklärung" abverlangt, daß sie von dem Munitionsschmuggel "keine Kenntnis" gehabt habe - im diplomatischen Umgang mit Somalia neue Töne.
Denn seit Staatschef Siad Barre im Oktober 1977 der GSG 9 erlaubte, die von palästinensischen Terroristen gekaperte Lufthansa-Maschine "Landshut" auf dem Flughafen von Mogadischu zu stürmen und die Geiseln zu befreien, werden die Somalis gehätschelt. In den Wüstenstaat floß seitdem mindestens eine Milliarde Mark Entwicklungshilfe - für den Brückenbau, für Bewässerungsanlagen und die Modernisierung der Landwirtschaft.
Doch die Barre-Regierung, der Amnesty International die Folterung politischer Gefangener vorwirft, wollte von Anfang an lieber Waffen. Das Militärregime, das Ende der siebziger Jahre in Kriegshändel mit dem Nachbarstaat Äthiopien verstrickt war und heute seine Armee gegen eine Widerstandsbewegung im Norden des eigenen Landes marschieren läßt, verlangte Geld für Waffenkäufe - ein Ansinnen, das Bonn ablehnte.
Ob die somalische Regierung den Munitionstransport auf dem Entwicklungshilfe-Dampfer "Puntland II" selber ausgeheckt oder geduldet hat, womöglich als Gegengeschäft im internationalen Waffenhandel, ist noch unklar. Fest steht jedoch, daß die brisante Ladung, rund 60 Container, falsch deklariert war ("Landwirtschaftliche Geräte") und der Beförderungsauftrag von Mogadischu nach Port Sudan von einer saudiarabischen Firma, Sitz Dschidda, erteilt wurde. Entgegengenommen wurde der Auftrag von der somalischen Staatsreederei.
Aufgeflogen ist das Pulver-Schiff durch die deutschen Besatzungsmitglieder, Kapitän Wolkersdorfer, Bordingenieur Kurt Lakenmacher und den Ersten Offizier Karl Jürgen Stauch. Die Experten, die von einer Firma aus Bremerhaven ("Rogge Marine Consulting") von Oktober 1988 an für das Entwicklungshilfeprojekt angeheuert worden waren und die somalischen Seeleute unterweisen sollten, ahnten zunächst nichts von der explosiven Fracht, wurden aber während der Überfahrt mißtrauisch.
Dem Trio fiel auf, daß an den Containern weiße Warnzeichen unkenntlich gemacht worden waren, wie sie in der internationalen Seefahrt zur Markierung von gefährlichen Stoffen üblich sind. Kurz bevor die Ladung in Port Sudan gelöscht wurde, öffnete der Erste Offizier zwei Container. Zum Vorschein kamen, so Bordingenieur Lakenmacher, "kleine grüne Kisten", vollgestopft mit MG-Munition. Zur Beweissicherung nahmen die empörten Deutschen ein Päckchen Patronen mit, daß sie später der deutschen Botschaft übergaben; der Kapitän und der Erste Offizier photographierten die geöffneten Container.
Nur durch Zufall, glauben die Entwicklungshelfer, sei die "Puntland II" unterwegs nicht in die Luft geflogen: Einige Container hätten während der Überfahrt "direkt neben dem heißen Maschinenraum" gestanden. "Man hat unser Leben aufs äußerste gefährdet", schrieb Lakenmacher an seine Frau.
Anders als die glatten Firmenmanager, die während der Libyen-Affäre kaltschnäuzig Interviews gaben, werden die unfreiwilligen Munitionstransporteure von Mogadischu von Konflikten geplagt. Er fühle sich "ethisch schuldig", erklärte Schiffsoffizier Stauch, sein Kollege Lakenmacher denkt darüber nach, "wieviel Menschen mit 500 Tonnen Munition totgeschossen werden können".
Die afrikanischen Besatzungsmitglieder scheinen solche Skrupel nicht gehabt zu haben. Die Auszubildenden aus Somalia, nach Aussage der Entwicklungshelfer "ständig bekifft" und bis zu 68 Jahre alt, hätten bei Enttarnung der MG-Munition nur schulterzuckend erklärt, solche Fracht sei von dem Schiff "schon öfter" transportiert worden.
Leider wahr. Manfred Obländer, Sprecher des Bonner Ministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit, mußte am Freitag letzter Woche einräumen, daß die "Puntland II" in den letzten Jahren offenbar mehr als einmal als Munitionstransporter eingesetzt worden ist - ohne Genehmigung und mit deutschen Entwicklungshelfern an Bord. Hinweise von der deutschen Botschaft in Mogadischu seien jedoch erstmals am 11. Januar dieses Jahres im Ministerium eingegangen, "leider".

DER SPIEGEL 6/1989
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