03.07.1989

KUBALetzter Gedanke

In Havanna wurden sieben Militärs wegen Drogenhandels verhaftet. Das Verfahren erinnerte an Stalins Schauprozesse.
Kuba hat eine untadelige Rauschgiftbilanz", prahlte Fidel Castro, wenn die US-Drogenfahndungsbehörde DEA sein Land als Umschlagplatz im Kokainhandel zwischen Kolumbien und den USA nannte: "Ich weiß von keinem kubanischen Staatsdiener, der in Drogengeschäfte verwickelt ist." Nun verbreitet Havanna eine andere Wahrheit.
Mitte Juni verkündete Fidels Bruder, Verteidigungsminister Raul Castro, in einer zweieinhalbstündigen Rede vor 1200 Offizieren, die Regierung habe einen Ring von Drogenhändlern ausgehoben. Drei hohe Funktionäre und vier ihrer Mitarbeiter wurden verhaftet.
Entgegen jedem Brauch im streng kontrollierten Revolutionsstaat berichteten die Medien ausführlich über den Skandal, das Parteiorgan "Granma" erhöhte gar seine Auflage. Die Kampagne war nötig, um den erstaunten Kubanern beizubringen, warum Männer aus dem engsten Kreis um die Brüder Castro plötzlich als gesinnungslose Schurken angeprangert wurden: General Arnaldo Ochoa Sanchez, 57, bis vergangenes Jahr Oberkommandierender der kubanischen Truppen in Angola und seit 1984 als einer von nur fünf Offizieren mit dem Ehrentitel "Held der Republik" ausgezeichnet, dazu Brigadegeneral Patricio de la Guardia und dessen Zwillingsbruder Oberst Antonio, beide mit hohen Ämtern im Innenministerium betraut.
Vorige Woche stand General Ochoa vor einem militärischen Ehrengericht, besetzt mit 47 hohen Offizieren: Praktisch das gesamte Oberkommando der Streitkräfte sollte bei seiner Verurteilung mitwirken, um eine Solidarisierung der Kameraden mit dem Angeklagten zu verhindern.
Dem General wurde vorgeworfen, seit 1986 sechs Tonnen Kokain und Marihuana vom kolumbianischen Drogenkartell aus MedellIn übernommen und für mindestens 3,4 Milliarden Dollar in die USA geschleust zu haben. In den Wohnungen der Verhafteten, bei ihren Freunden und Verwandten sollen 1,1 Millionen Dollar gefunden worden sein.
Organisatoren des Schmuggels, so berichtete "Granma" detailreich wie ein Kriminalroman, seien die Brüder de la Guardia gewesen. Sie leiteten seit 1982 eine Abteilung im Innenministerium, die Möglichkeiten ersann, das US-Handelsembargo zu umgehen - ein erstaunliches Eingeständnis der kubanischen Regierung. Medikamente, Laborgeräte, Computer, Zubehör für US-Apparate, "alles was für unser Land nützlich ist" (so "Granma"), transportierten die Brüder auf geheimen Kanälen. Auch Kokain, behauptet die Anklage jetzt.
Der Stoff sei als High-Tech-Material deklariert und von Kolumbien an die Nordküste Kubas geflogen worden. Die Maschinen hätten den in phosphoreszierende Plastiksäcke verpackten Schnee über kubanischen Gewässern abgeworfen. Schnellboote aus dem nur 200 Kilometer entfernten Florida hätten dann die Ware aufgefischt und in die USA geschafft.
Vor dem Militärtribunal bekannte Ochoas engster Mitarbeiter, Hauptmann Jorge MartInez Valdes, er habe im vergangenen Mai auf Ochoas Befehl den Boß des Kokainkartells, Pablo Escobar, in MedellIn getroffen. Bei einem Gegenbesuch auf Kuba seien die Kolumbianer im Gästehaus der Regierung untergebracht gewesen, "mit Mercedes-Benz".
Darüber hinaus lasteten Zeugen dem General an, er habe in Angola Versorgungsgüter der Truppen auf dem Schwarzmarkt gegen Dollar, Diamanten und Elfenbein getauscht. Angeblich habe der Angeklagte 200 000 Dollar auf ein Privatkonto in Panama geschoben.
Verteidigungsminister Raul Castro verlangte "exemplarische Bestrafung" und empfahl Ochoa, seinen Kindern eine Selbstkritik zu hinterlassen, denn "er ist nicht mehr zu retten".
In Washington wurde die überraschende Inszenierung von Havanna mit Wohlgefallen beobachtet. Noch am Tag vor der Verhaftung Ochoas hatte die Bush-Regierung sich besorgt geäußert, Drogenfahnder hätten eine Häufung von verdächtigen Schiffs- und Flugbewegungen um die Zuckerinsel registriert.
In den vergangenen Monaten war Fidel Castro durch US-Ermittlungen in die Enge getrieben worden. Seit Februar verhandelt ein Gericht in Miami gegen den gebürtigen Kubaner Reinaldo Ruiz und seinen Sohn Ruben wegen Drogenhandels. Peinlich für den Diktator: Die Angeklagten gaben an, ihre Flugzeuge seien auf Militärflughäfen gelandet, Kubas Küstenwache habe ihre Schnellboote auf dem Weg nach Florida beschützt. 400 000 Dollar Bestechungsgelder wollen sie an kubanische Beamte gezahlt haben. "Das Geld ging in Fidels Schublade", behauptete Ruben.
An der "Cuban Connection" nimmt die DEA schon seit langem Anstoß. 1982 kamen vor einem Gericht in Miami Einzelheiten heraus: Vier hohe kubanische Funktionäre wurden in Abwesenheit verurteilt, weil sie seit 1979 einen Rauschgiftweg von Kolumbien über Kuba aufgebaut hatten. Ein ehemaliger Agent des kubanischen Geheimdienstes DGI, Mario Estevez Gonzalez, sagte aus, daß 400 DGI-Agenten am Schmuggel beteiligt seien.
Die Kontakte zu den Drogenbossen knüpfte Fernando Ravelo Renedo, damals Botschafter in Bogota. Ravelo, heute Vertreter Kubas in Nicaragua, soll am vorletzten Wochenende in aller Stille nach Havanna zurückbeordert worden sein. Der damals von den US-Richtern ebenfalls für schuldig befundene Vizeadmiral der kubanischen Marine, Aldo SantamarIa Cuadrado, saß jetzt mit zu Gericht über General Ochoa.
Wenn die US-Vorwürfe zutreffen und so viele Beamte Castros in die Cuban Connection verwickelt sind, dann kann die spektakuläre Aktion gegen Ochoa kaum mehr als ein Ablenkungsmanöver sein. "Fidel Castro selbst ist der Drahtzieher des Rauschgifthandels", sagt denn auch sein ehemaliger Mitkämpfer Huber Matos in Caracas. Ohne Wissen des Maximo LIder könne in Kuba niemand solche Geschäfte machen.
Als im Februar 1988 ein Gericht in Miami Panamas starken Mann Antonio Noriega der Verwicklung in Drogengeschäfte anklagte, war Fidel Castro schon einmal ins Gerede gekommen. Ein langjähriger Vertrauter von Noriega erzählte, der kubanische Staatschef habe 1984 persönlich einen Streit zwischen den MedellIn-Bossen und Noriega geschlichtet.
Damals hatte Havanna entrüstet dementiert. Wenn die Regierung jetzt mit soviel Aufhebens eine Drogenaffäre auf höchster Ebene enthüllt, liegt die Vermutung nahe, politische Motive seien im Spiel. General Ochoa, der schon als künftiger Verteidigungsminister gehandelt wurde, war bei seinen Soldaten sehr beliebt. Raul Castro bezichtigte ihn nun eines "hemmungslosen Populismus" und erwähnte auch "ideologischen Dissens".
So diente die Drogengeschichte - ob Ochoa nun daran beteiligt war oder nicht - wahrscheinlich nur als Vorwand für eine Säuberung in hohen Militärrängen. Gleichzeitig wollte sich Fidel Castro wohl von jedem Verdacht der Komplicenschaft mit Rauschgifthändlern reinwaschen.
Wie die Angeklagten in Stalins Schauprozessen bekannte sich General Ochoa vergangene Woche vor dem Militärehrentribunal schuldig. In einer Selbstbezichtigung, übertragen vom staatlichen Fernsehen, bat er um strengste Bestrafung: "Ich habe kein Recht mehr zu leben."
Ochoa - in Uniform mit allen Ehrenzeichen - richtete dabei die Augen entweder zur Decke oder auf den Boden, während er sein eigenes Todesurteil sprach: "Wenn ich vor ein Erschießungskommando gestellt werden sollte, wird mein letzter Gedanke Fidel gelten und der großen Revolution, die er unserem Volk geschenkt hat."

DER SPIEGEL 27/1989
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 27/1989
Titelbild
Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

KUBA:
Letzter Gedanke

Video 01:16

Auto auf Abwegen Wofür man ein SUV in der Stadt braucht

  • Video "Reaktion auf Trumps Angriffe: Er will gar nicht mehr Präsident sein" Video 02:25
    Reaktion auf Trumps Angriffe: "Er will gar nicht mehr Präsident sein"
  • Video "Überwachung in China: Zwei Schritte - und die Software weiß, wer Sie sind" Video 05:45
    Überwachung in China: Zwei Schritte - und die Software weiß, wer Sie sind
  • Video "Straße von Hormus: Videos zeigen Festsetzung von britischem Tanker" Video 01:15
    Straße von Hormus: Videos zeigen Festsetzung von britischem Tanker
  • Video "Mode in Japan: Junge Frauen in Tokio möchten niedlich sein" Video 29:13
    Mode in Japan: "Junge Frauen in Tokio möchten niedlich sein"
  • Video "Spiderman wider Willen: Waghalsige Kletteraktion" Video 00:45
    Spiderman wider Willen: Waghalsige Kletteraktion
  • Video "Filmstarts: Smarthome-Horror" Video 08:21
    Filmstarts: Smarthome-Horror
  • Video "Kassel: Tausende protestieren gegen Neonazi-Demo" Video 01:57
    Kassel: Tausende protestieren gegen Neonazi-Demo
  • Video "Airsoft: Am Wochenende spielen sie Krieg" Video 22:17
    Airsoft: Am Wochenende spielen sie Krieg
  • Video "Hass-Chöre gegen Kongressfrauen: Kameraufnahmen widerlegen Trump" Video 03:11
    Hass-Chöre gegen Kongressfrauen: Kameraufnahmen widerlegen Trump
  • Video "Computer-Cocktails: Die Roboter-Bar" Video 01:37
    Computer-Cocktails: Die Roboter-Bar
  • Video "Spiderman wider Willen: Waghalsige Kletteraktion" Video 00:45
    Spiderman wider Willen: Waghalsige Kletteraktion
  • Video "Überwachungskameras an Tankstelle: Menschen fliehen vor Erdrutsch" Video 00:55
    Überwachungskameras an Tankstelle: Menschen fliehen vor Erdrutsch
  • Video "Distanzierung von Trump: Merkel solidarisiert sich mit US-Abgeordneten" Video 00:50
    Distanzierung von Trump: Merkel solidarisiert sich mit US-Abgeordneten
  • Video "Israel: Archäologen finden 1200 Jahre alte Moschee" Video 00:55
    Israel: Archäologen finden 1200 Jahre alte Moschee
  • Video "Auto auf Abwegen: Wofür man ein SUV in der Stadt braucht" Video 01:16
    Auto auf Abwegen: Wofür man ein SUV in der Stadt braucht