01.05.1989

CHINASchläge und Liebe

Chinas Studenten kämpfen für Demokratie, und das Volk steht zu ihnen.
Bevor Chai Ling auf die Pekinger Universität "Bei da" kam, mußte sie ihren Eltern versprechen, eine brave Studentin zu sein und nicht an Demonstrationen teilzunehmen.
Vor zwei Wochen brach sie ihr Gelöbnis - die 23jährige Psychologie-Studentin wurde zur Mit-Organisatorin des größten Studentenprotests gegen die Oberen in der Geschichte der Volksrepublik. Im Haus 28 der Pekinger Universität, einem tristen Studentenwohnheim mit feuchten Wänden, übelriechenden Klos und zum Trocknen aufgehängter Wäsche in den Fluren, versucht sie mit einigen Kommilitonen, die Studentenaktion zu koordinieren und die Presse zu informieren.
Beim Skandieren von Parolen und beim Versuch, vor der Großen Halle des Volkes über Soldatenketten hinweg Kontakt mit Verantwortlichen aufzunehmen, hat sie ihre Stimme verloren. Die kleine Aktivistin kann sich seither nur noch heiser flüsternd verständlich machen.
Sie ist überzeugt, daß sie sich für eine gute Sache engagiert, Bestrafung fürchtet sie nicht. "Wir müssen für die Studentenbewegung arbeiten." Schließlich, kiekst sie, seien die Hochschüler verantwortlich "für die Zukunft der Nation, für die Zukunft Chinas".
Chai Ling und ihre Kommilitonen haben immerhin erreicht, daß die nach dem Tod des wegen seiner reformerischen Haltung geschaßten Generalsekretärs Hu Yaobang am 18. April spontan entstandene Protestbewegung für mehr Demokratie nicht wieder einschlief - so wie es die Partei nach der Beerdigung gehofft hatte.
Ein großer Teil der Pekinger Hochschüler boykottierte vorige Woche den Unterricht. Aktivisten pinselten Wandzeitungen, klebten Flugblätter an Laternenpfähle, zogen mit Demokratieparolen durch die Straßen der Hauptstadt und entmachteten die offiziellen Studentenvertretungen.
Die Regierung, begründete Chai Lings Kommilitone Guo Haifeng die Aktionen, sei nicht einmal auf die Forderung der Studenten eingegangen, mit ihnen über ein Sieben-Punkte-Programm auch nur zu diskutieren - "ein idiotisches Verhalten", wie ein führender Pekinger Journalist letzte Woche meinte.
In dem Papier forderten die jungen Intellektuellen unter anderem Pressefreiheit, die Rehabilitierung Hu Yaobangs sowie die Offenlegung der Einkommen von Spitzenkadern und deren Kindern.
Die Unruhe, gepaart mit dem Boykott, traf die auf Stabilität bedachte KP-Spitze ins sozialistische Mark. Sie fürchtet, die Unzufriedenheit könnte auch auf andere Bevölkerungsgruppen übergreifen, am Ende könnten gar bürgerkriegsähnliche Zustände wie zu Zeiten der Kulturrevolution entstehen. Das Parteiorgan "Volkszeitung" beklagte einen "schweren politischen Kampf", mit dem die Partei konfrontiert sei.
Verantwortlich für die "öffentliche Unruhe" sei eine "kleine Clique von Personen" mit "niederen Motiven", befand das Blatt und ortete gar eine "geplante Verschwörung", die "im Grunde das Ziel hat, die Parteiführung und das sozialistische System abzuschaffen".
Die von der "Volkszeitung" ausgemachten staatsfeindlichen Organisatoren waren vor allem Studenten der ersten Semester - kaum der Pubertät entwachsene Jugendliche in Jeans oder Trainingsjacken, beim Protest aufgeregt wie vor dem ersten Rendezvous. Mit geröteten Gesichtern versuchten sie, die Menge zu überzeugen: "Wenn wir diesmal verlieren, haben wir vor der chinesischen Geschichte verloren."
Manch wohlbehütete Studentin fand sich plötzlich nächtelang auf dem Tiananmen-Platz wieder, gepackt von revolutionärer Romantik. "Unsere emporgereckten Fäuste", schwärmt die 19jährige Sprachstudentin Ming Lihong, "waren wie ein Wald."
Für sie waren die Prügeleien der Polizei ein Schlüsselerlebnis, sich an den Aktionen zu beteiligen: "Heute werden die geschlagen, morgen wir."
Ihre 20jährige Zimmergenossin Yang Shoufei, früher nur im offiziellen Jugendverband der KP aktiv, wurde eingefangen von der "demokratischen Stimmung". Fortan sammelte sie Geld und besprach Tonbänder mit Parolen.
Großen Anklang fand eine Wandzeitung in Pekings Universität, auf der Kinder, Enkel und Schwiegersöhne der Regierenden und ihre Jobs aufgezählt wurden. Laut der "Großen Schriftzeichenzeitung" haben sich die meisten führende Positionen in Wirtschaft, Armee und Staat organisiert.
So ist der jüngere Bruder des Staatspräsidenten Yang Shangkun Direktor der politischen Abteilung der Armee, sein Schwiegersohn Chef des Generalstabs. Der Sohn des Parteichefs Zhao Ziyang ist Manager eines Industrieunternehmens in der Wirtschaftssonderzone Hainan - die Hochschüler schrieben den Text eifrig in Kladden.
Studentenführerin Chai Ling: "Die Situation hat sich geändert. Viele von uns, die es vorher nicht gewagt hätten, sind nun bereit, aufzustehen."
Die Genossen mußte überdies beunruhigen, daß sich auch Lehrer auf die Seite der Studenten gestellt hatten. Sogar einige Zeitungen veröffentlichten gegen die Anweisung der KP-Propagandaabteilung wohlwollende Artikel.
Die Pekinger reagierten auf die neue Protest-Generation zwar zurückhaltend, aber mit erkennbarer Sympathie - anders als bei den Demonstrationen zur Jahreswende 1986/87, als sich die Studenten Anklagen der Passanten anhören mußten: "Geht erst mal arbeiten."
Bürger hätten ihnen, so berichteten Studenten, auf den kilometerlangen Zügen zum Tiananmen-Platz Lebensmittel, Getränke und Geld gespendet, applaudiert und gerufen: "Die Studenten retten China."
Die Universitätsangestellten verlängerten unbürokratisch die Öffnungszeiten für Waschräume und Speisesäle, ein Busfahrer der öffentlichen Verkehrsbetriebe fuhr erschöpfte Demonstranten ohne Halt zurück in die Universität.
Um sich noch mehr Sympathien zu erwerben und damit den Druck auf die Führungsspitze zu verstärken, bauten Studenten Mitte voriger Woche, wie westliche Parteien im Wahlkampf, Informationsstände in den Straßen auf. Sie baten das Publikum um Geld, damit sie, wie ein Student sagte, Papier für neue Wandzeitungen kaufen konnten.
An der Pinganli-Straße spannten Jugendliche ein rotes Banner mit schwarzen Buchstaben auf: "Wir haben keine Angst vor Gewalt - wir sind für das Volk."
Bei den meisten Demonstranten ist offenbar weniger Umsturz als Reform angesagt, die, wie Sprachstudentin Yang Shoufei hofft, mit ihren Aktionen vorangetrieben werden kann. Die KP wolle sie, um Gottes willen, nicht abschaffen, nur den Genossen aus der Krise helfen: "Wir stehen zur Partei wie Eltern zu einem Kind", sagt sie, "sie schlagen es, aber lieben tun sie es trotzdem."

DER SPIEGEL 18/1989
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