06.02.1989

USAKleine Kartoffeln

Der Prozeß gegen Oliver North, vom Angeklagten als heroische Schlacht gedacht, begann als banales Schauspiel.
Stunden nachdem er ihn gefeuert hatte, auf dem Tiefpunkt seiner Präsidentschaft, an dem weder Freund noch Feind wußten, wie der soeben aufgeflogene Iran-Contra-Skandal enden würde, machte Ronald Reagan sich und dem geschaßten Oberstleutnant Oliver North Mut mit der Aussicht auf Gerechtigkeit durch eine höhere Instanz: "Eines Tages", so der Unverbesserliche, "wird ein großer Film daraus."
Wohl nicht mehr. Denn was auf der Leinwand den dramatischen Höhepunkt abgeben müßte, der Held vor den Schranken der irdischen Gerechtigkeit, begann in der Wirklichkeit am Dienstag vergangener Woche als eine deprimierende Posse.
Der Abstieg vom Epos in die Banalität des realen Lebens ist verfahrensbedingt. Im Washingtoner Prozeß gegen Oliver L. North, Aktenzeichen 88-0080-02, müssen zunächst einmal zwölf Geschworene und weitere sechs als Ersatzleute gesucht werden. Deren hervorragendste Eigenschaft sollte - zwecks Unbefangenheit - eine möglichst vollständige Amnesie sein. Ollie North? Nie gesehen, nie gehört.
Das gibt's tatsächlich. Er schaue sich, bekannte ein junger Mechaniker, im Fernsehen grundsätzlich nur "Mord und Sport" an. Gericht und Verteidigung zeigten sich gleichermaßen erleichtert - so einer ist tauglich. Wenn es nur mehr davon gäbe.
Denn andere potentielle Mitglieder der Jury sind auf der Suche nach den täglichen Seifenopern im Sommer 1987 unfreiwillig in die Fernsehübertragungen der North-Anhörung vor dem Kongreß geraten und noch heute leicht verstimmt darüber, statt gewohnter Kost "etwas übers Ausland oder so" vorgefunden zu haben. Brauchbare Geschworene trotzdem, entschied Richter Gerhard Gesell.
Er wisse selbst nicht, wieviel ein Geschworener über North wissen dürfe, um ein möglichst unvoreingenommenes Verfahren zu garantieren. Es komme, so der Richter, "darauf an, die kleinen Kartoffeln von den großen und den mittleren Kartoffeln zu trennen".
Doch auch jenseits dieser peinlichen Suche nach demonstrierbarer Arglosigkeit dürfte der Prozeß kaum noch als juristischer Abschluß einer Affäre taugen, deren Gegenstand - der heimliche Verkauf von Waffen an den Iran und die Nutzung der Verkaufserlöse für die nicaraguanischen Contras - seine politische Brisanz längst eingebüßt hat.
Der Golfkrieg, Auslöser der Waffenlieferung, ist zu Ende, der Contra-Krieg ebenso. Dessen Protagonisten, einst "das moralische Äquivalent der amerikanischen Gründerväter" (Reagan), bleiben bis auf weiteres im Exil von Miami. Nächstes Jahr in Managua? Auf Miamis Friedhöfen gibt es viele Grabmäler ehrgeiziger mittelamerikanischer Politiker, die sich im Traum nicht vorstellen konnten, ihr Leben hier zu beenden.
Die Ideale von einst gelten auch nicht mehr. Reagans Nachfolger hat dem Kongreß längst zugesichert, er wolle den Contra-Krieg nicht wieder beleben. Und die tödliche Gefahr des Kommunismus, Ursprung aller North-Aktionen, hat als Schreckgespenst empfindlich an Wirkung verloren, seit sich junge Banker und Broker im vergangenen Dezember zu beiden Seiten der Wall Street aufstellten und sich heiser brüllten an dem Ruf: "Gorby, Gorby".
Zeitzeichen: Im jüngsten Heft des Magazins "Esquire" ist ein Porträt über die Sinnkrise im Leben des Schauspielers Sylvester Stallone zu lesen. Der Mann malt heute. Mit dem Abzug der Sowjets aus Afghanistan hat Rambo seine Berechtigung verloren.
Gegen einen ähnlichen Abfall in die Bedeutungslosigkeit hat sich North, so gut es ging, gewehrt. Auf Anraten seines Rechtsanwalts Brendan Sullivan hetzte er seit seinem Ausscheiden aus dem Marineinfanterie-Korps im gemieteten Lear-Jet mit sieben Helfern durchs ganze Land - ein Handlungsreisender in eigener Sache.
Für bis zu 25 000 Dollar pro Auftritt, Sullivan arbeitet schließlich nicht umsonst, predigte North hauptsächlich Bekehrten: konservativen Politikern und Firmen, frommen Christen, Polizei- und Veteranenverbänden. Seine Botschaft wandelte sich nicht: "Wir sind zutiefst bedroht durch eine fremde und gottlose Philosophie namens Kommunismus."
Daß die Diskrepanz zur politischen Wirklichkeit immer größer wurde, lag an anderen, nicht an Oliver North. Für ihn ist Jassir Arafat noch immer "einer der brutalsten Terroristen der Welt" - egal, wie sein einstiger Oberbefehlshaber Ronald Reagan darüber heute denken mag.
Den Prozeß gegen sich hält er für eine "kolossale Verschwendung" von Zeit und Steuergeldern. Durch ständige Erhöhung des politischen Drucks auf das Weiße Haus hat sein Rechtsanwalt längst erreicht, daß der am schwersten wiegende Anklagepunkt, "Verschwörung zum Nachteil der Regierung der Vereinigten Staaten", fallengelassen wurde. Was sonst gegen ihn verhandelt wird, Vorteilsnahme etwa oder Belügen des Kongresses, ist ihm eine Bedrohung, auf die sich der Stoiker durch die Lektüre von Kafkas "Prozeß" vorbereitet hat.
Am liebsten, vertraute er "Life" an, würde er "ein Bataillon in eine Schlacht führen, irgendwo an den Grenzen des Imperiums". Dafür allerdings besteht derzeit kein Bedarf.

DER SPIEGEL 6/1989
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