03.07.1989

„Die Barbaren - unbedeutend und widerwärtig“

Chinas Demütigungen, seine Revolutionen, Reformen und Kriege gegen sich selbst (III) /Von Siegfried Kogelfranz
Die Lage in China am Ende des Zweiten Weltkriegs schien auf den ersten Blick außerordentlich günstig für den Generalissimus Tschiang Kai-schek und sein Nationalchina. Die Kommunisten hatten zwar die Kriegsjahre fleißig genutzt, um sich in dem von ihnen beherrschten Gebiet zu reorganisieren und dort eine ganz neue Art von China aufzubauen, aber sie waren doch in einen ländlichen Teil im Nordosten Chinas abgedrängt, weit weg von den urbanen und industriellen, dicht bevölkerten Zentren.
Es war beeindruckend, was der Bauernpartisan Mao Tse-tung binnen eines Jahrzehnts mit jenen wenigen tausend halbverhungerten und zerlumpten Soldaten, die den Langen Marsch überlebt hatten, in seiner Sowjetrepublik erreichte: Anfang 1945 herrschte er über rund 100 Millionen Chinesen auf einem Territorium von etwa einer Million Quadratkilometern. Seine Rote Armee und die Bauernmilizen zählten fast drei Millionen Mann.
Das alles hatte er ohne jede Hilfe von außen aufgebaut. Denn die Weltkriegsalliierten unterstützten allein Tschiang Kai-schek - mit vielen hundert Millionen US-Dollar, modernen Waffen und Beratern.
Das von Tschiang kommandierte China wurde während des Zweiten Weltkriegs sogar als vierte Großmacht in die Reihen der Großen Drei - USA, Sowjet-Union, Großbritannien - aufgenommen. Selbst Stalin unterstützte militärisch nur Tschiangs Nationalisten: 250 Millionen US-Dollar war ihm Nationalchina wert, etwa tausend Flugzeuge samt 2000 Piloten; sowjetische Pioniere bauten in China Tausende Kilometer Straßen.
Mao wurde derweil mit Tonnen von Papier aus Moskau bombardiert. Stalin schickte Flugzeug um Flugzeug voller kommunistischer Literatur ins Chinesische übersetzt nach Yanan: Seine eigenen und Lenins Reden, Komintern-Pamphlete - und die "Prawda", deren einziger begeisterter Leser in Yanan freilich Otto Braun blieb, der deutsche Kommunist, der den Langen Marsch mitgemacht hatte.
Bitter vermerkten Chinas Kommunisten damals über Moskaus Politik: "Für die Bourgeoisie Gewehre, für das Proletariat Bücher."
Der eigenwillige Führer der chinesischen Kommunisten hielt immer weniger von den Russen - auch von deren militärischen Leistungen. Als Hitlers Armeen gegen Moskau und Leningrad anrannten, riet der Chinese Stalin, er solle doch das ganze europäische Rußland aufgeben und von Sibirien aus weiterkämpfen.
Unterdessen festigte der Revolutionär, der oft übellaunig war und rüde mit seiner Umgebung umsprang, weil er ständig Verdauungsprobleme hatte, in seiner Volksrepublik den Maoismus, seinen speziellen Bauernkommunismus. Für klassische marxistische Dogmen hatte er dabei nicht viel übrig: "Dogmen sind nicht einmal so nützlich wie Scheiße. Mit Scheiße kann man Felder düngen, was sind dagegen Dogmen wert?"
Der Große Vorsitzende, der sich in Yanan gegen Moralbedenken prüder Genossen eine neue Gefährtin zulegte - eine zweitklassige Schauspielerin aus Schanghai mit dem Künstlernamen Lan Ping, die sich später Tschiang Tsching nannte und noch eine historische Rolle in Chinas KP spielen sollte -, empfing auch gelegentliche Besuche aus den USA: den Journalisten Edgar Snow, der mit seinem Buch "Roter Stern über China" ein weltweit aufsehenerregendes Epos über die chinesischen Kommunisten schrieb.
Später kamen sogar offizielle US-Abgesandte. Einer von ihnen war Patrick J. Hurley, Sonderbotschafter des US-Präsidenten Roosevelt, ein hünenhafter Indianer, der die versammelte KP-Führung auf dem Rollfeld mit dem markerschütternden Kriegsschrei der Choctaw-Indianer verblüffte.
Mao und Tschou En-lai planten damals sogar, zu Roosevelt nach Washington zu fliegen, um dem amerikanischen Präsidenten ihre Ideen für ein Nachkriegschina vorzutragen. Doch ein Kreis von US-Beratern, die auf den Nationalisten Tschiang setzten, hintertrieb den Plan. Auch Stalin verfolgte die Kontakte zwischen den gelben Genossen, die so gar nicht auf sein Kommando hören wollten, und den Amerikanern mit tiefem Mißtrauen. Gegenüber dem US-Botschafter in Moskau, Harriman, qualifizierten er und Außenminister Molotow Mao und dessen Partei als "Margarine"-Kommunisten ab und ließen durchblicken, Moskau sei es völlig gleichgültig, was aus ihnen werde.
Stalin setzte in seiner politischen Strategie noch immer auf Tschiang, der bei Kriegsende über 340 Millionen Chinesen herrschte und mehr als 5 Millionen Soldaten mobilisiert hatte. Moskau riet den Kommunisten wieder einmal, eine Koalition mit Tschiangs Kuomintang einzugehen.
Dem sowjetischen Diktator war aus eigensüchtigen Gründen an einem korrupten, nach innen schwachen Führer in China gelegen: Er wollte Teile der japanischen Hinterlassenschaft in China als Beute an sich bringen.
Auf der Konferenz von Jalta im Februar 1945, die das Schicksal Osteuropas entschied, nannte Stalin seine Bedingungen für den von den USA dringend erwünschten Kriegseintritt der Sowjet-Union gegen die Japaner. Die Atombombe war noch nicht einsatzbereit, und der US-Oberbefehlshaber im Pazifik, General Douglas MacArthur, wollte 60 Sowjetdivisionen für die Niederwerfung der kampfstarken japanischen Armeen in der Mandschurei.
Stalin war gern bereit, den Japanern den Gnadenstoß zu versetzen. Aber er wollte dafür dauernden sowjetischen Einfluß in der Mandschurei, Benützungsrechte für die dortigen Eisenbahnen, die eisfreien Häfen von Dairen und Port Arthur sowie die Äußere Mongolei weiterhin als sowjetischen Satellitenstaat.
Die Westalliierten erfüllten Moskau alle diese Wünsche, ohne die Chinesen auch nur zu fragen. Ein alarmierter Tschiang schickte seinen Schwager nach Moskau. Die Russen, die das bereits geschlagene Japan zwei Tage nach dem Atombombenabwurf von Hiroschima und noch unmittelbar vor der Kapitulation Tokios angriffen, überrannten rasch die Mandschurei. Sie drohten nun der nationalchinesischen Regierung, dieses schwerindustrielle Zentrum den Kommunisten zu übergeben, falls sich Tschiang Moskaus Wünschen nicht beuge.
In die Enge getrieben, unterschrieben die Nationalchinesen am 14. August - dem Tag, an dem Japans Kaiser Hirohito den Krieg für beendet erklärte - und schlossen mit Moskau gleich auch einen 30jährigen Freundschaftsvertrag. Tschiang tröstete sich damit, daß er zu den Weltkriegssiegern zählte, und, wie er meinte, nun in Ruhe der kommunistischen Konkurrenz im Lande den Garaus machen konnte.
Deshalb setzte er auch amerikanischem Drängen nach einem Kompromiß mit den Kommunisten, einer Koalitionsregierung und der Verschmelzung der beiden Armeen, so hartnäckigen wie hinhaltenden Widerstand entgegen. Er wollte den ganzen Sieg allein, sah nicht ein, weshalb er seinen Triumph mit Mao teilen sollte.
So ließ er Verhandlungen in Chongqing platzen, zu denen Tschou, später sogar Mao, für sechs Wochen in die Höhle des Löwen gekommen waren. Beide mißtrauten dem Kuomintang-Chef zutiefst - Tschou kostete sogar den Bankett-Wein für Mao vor, der ja vergiftet sein konnte -, aber sie gaben sich durchaus kompromißbereit, da sie wußten, daß Tschiang im Augenblick die weit stärkeren Bataillone hatte. Der aber verlangte die Selbstauflösung der Roten Armee.
US-Präsident Truman schickte seinen General George C. Marshall nach China, der Anfang 1946 seine Mission, wie er meinte, auch zum Erfolg brachte:
Die Kuomintang und die Kommunisten sollten ihre jeweiligen Armeen auf ein Verhältnis von fünf zu eins abrüsten, später vereinigen und gemeinsam eine Regierung bilden. Dafür sollte China, dessen nationalistischer Teil unter einer Milliarden-Inflation stöhnte, einen 500-Millionen-Dollar-Kredit erhalten, um seine Wirtschaft wieder flottzumachen.
Während man in Washington den Erfolg der Marshall-Mission feierte, fielen Chinas Kommunisten und Nationalisten sofort nach dem Abflug des Amerikaners übereinander her. Im Sommer 1946 starteten Tschiangs Armeen, mit amerikanischen Waffen ausgerüstet, eine Offensive gegen das kommunistische Kerngebiet im Norden. Sie entrissen den Roten fast 200 000 Quadratkilometer mit 18 Millionen Einwohnern, eroberten 165 Städte, später sogar Maos Kriegshauptstadt Yanan.
Mao meinte damals, es werde wohl noch mindestens fünf Jahre dauern, bis man den Sieg erringen könnte. Sein Feldkommandeur Peng Dehuai hielt sogar ein Unentschieden für denkbar.
Siegestrunken prahlte hingegen Tschiang, nun werde er die Kommunisten binnen acht Monaten ein für allemal erledigen. Er schlug alle amerikanischen Warnungen in den Wind. Ein erbitterter General Marshall empfahl daraufhin seiner Regierung, sich aus dem Konflikt herauszuhalten und die Nationalisten nicht länger mit Waffen zu unterstützen.
Davon hatten die vorerst freilich noch genug, nur die Munition wurde knapp, ein Mangel, der sich bald auf einem anderen Schauplatz des Bürgerkriegs fatal bemerkbar machte.
Von ihren Basen aus hatten die Kommunisten mit einer 100 000-Mann-Armee unter dem Kommando des bewährten Lin Biao damit begonnen, die Mandschurei zu besetzen. Lin erbeutete dort riesige Arsenale japanischer Waffen, obwohl die Japaner von den Alliierten - einschließlich den Sowjets - Order bekommen hatten, sich nur den Truppen Tschiangs zu ergeben.
Doch dessen Armeen standen weit im Süden. Tschiang, der den Besitz der Mandschurei als entscheidend für den Ausgang des Bürgerkriegs ansah, hatte bei den Amerikanern durchgesetzt, daß die eine halbe Million seiner Soldaten per Schiff und Flugzeug nach Norden transportierten.
Doch nun legten sich jäh die Russen quer. Sie hatten längst alle für ihren Rückzug vereinbarten Fristen verstreichen lassen und zeigten keinerlei Interesse an einer starken nationalistischen Armee in ihrem Besatzungsgebiet. Denn dort waren Stalins Soldaten emsig damit beschäftigt Beute zu machen: Sie demontierten die Rüstungsindustrie, die Japan während des Krieges in der Mandschurei ausgebaut hatte.
Tausende Züge mit Maschinen, Gerät und demontierten Werkshallen rollten in Richtung Sibirien. Vor ihrem Abzug im Mai 1946 schraubten die Russen auch noch die Schienen ab. Der Wert des Plünderguts überstieg zwei Milliarden Dollar - damals eine gewaltige Summe.
Während die Sowjets den Nationalisten die Häfen sperrten und die Landung auf Flugplätzen verwehrten, eroberte Lin Biao das mandschurische Hinterland. Als Tschiang schließlich doch die Elite seiner Truppen - fast eine halbe Million Mann - auf Umwegen in die Mandschurei geschafft hatte, entriß er im ersten Ansturm seiner überlegen bewaffneten Armeen den Kommunisten wieder Teile der Provinz.
Doch dann kam die Wende - aus vielerlei Gründen. Tschiang hatte zwar immer noch doppelt so viele Soldaten unter Waffen wie Mao, brauchte aber immer mehr Truppen für die Etappe, um die den Kommunisten abgenommenen Gebiete zu sichern.
Die Wirtschaft versank in einem Strudel von Korruption und Inflation. Wofür vor Jahresfrist eine Kuh zu haben war, das kostete nun ein Ei. Die Soldaten, mit wertlosem Papiergeld-Sold abgefunden, plünderten das Volk aus und trieben es so den Kommunisten in die Arme, deren Rote Armee strikte Disziplin wahrte.
Auch der Terror der Kuomintang, die Linksverdächtige in sogenannte Gedankenkorrekturlager steckte, in denen sie in KZ- oder Gulag-Manier gequält wurden, trug dazu bei, daß die Massen ihre Hoffnung auf die KP setzten, obwohl Tschiang sich selbst großspurig zum "Präsidenten der Republik China" hatte wählen lassen. Er brachte das Volk noch mehr gegen sich auf, als er weite Landstriche am Huang-He fluten ließ, um einen kommunistischen Vormarsch zu stoppen. Eine halbe Million Bauern verlor dadurch seine Existenz.
Nicht nur das Volk, auch die Armee setzte sich zunehmend zum Feind ab, der Mitte Juni 1947 an mehreren Fronten seine Offensive begann. Als die Tschiang-Generäle in der Mandschurei Autos, Züge und Flugzeuge requirierten, um ihr Gold und anderes Raubgut sowie ihre Konkubinen nach Nanking in Sicherheit zu bringen, ahnte der US-General David Barr, daß dies der Anfang vom Ende war: "Mehr brauche ich nicht zu sehen."
In der Tat dezimierte Lin die Kuomintang-Truppen in der Mandschurei binnen drei Monaten um 150 000 Mann. Ganze Divisionen liefen geschlossen über. Nach einem knappen Jahr hatte er die gesamte Nordarmee Tschiangs aufgerieben - 470 000 der besten und bestausgerüsteten Soldaten der nationalchinesischen Regierung.
Obwohl die Nationalisten nun Halbwüchsige und Kinder in die Armeen preßten, war das Schicksal nicht mehr zu wenden. Am 31. Januar 1949 fiel Peking ohne einen Schuß in die Hand der Roten, damit der ganze Nordosten. Binnen fünf Monaten hatte Tschiang anderthalb Millionen Mann durch Tod, Verwundung, Gefangenschaft oder Desertion verloren.
Ein zweimonatiger Feldzug brachte Zentralchina samt Tschiangs Hauptstadt Nanking in kommunistische Hand. Der Rest artete in eine Massenflucht der Tschiang-Armeen aus: Zuerst nach Kanton, dann Chongqing, dann Chengdu, schließlich im Dezember auf die Insel Taiwan. Dort hielt der geschlagene Generalissimus, der in zwei Jahren das volkreichste Land der Welt verspielt hatte, bis zu seinem Tod 1975 noch die Fiktion von einem "Nationalchina" unter seiner Führung aufrecht - längst von der Geschichte überrollt.
Als einziger Botschafter hatte der sowjetische Diplomat Nikolai Roschtschin den von Genossen gehetzten Marschall bis zu seinem Einschiffungshafen nach Taiwan begleitet - Zeichen dafür, daß Stalin bis zuletzt aufs falsche Pferd setzte: Der sowjetische Diktator riet dem siegreichen Mao noch im Frühjahr 1949, sich mit dem Norden zufriedenzugeben und Südchina Tschiang zu überlassen.
Doch Chinas Revolutionsführer schuf unwiderrufliche Fakten: Am 1. Oktober 1949, 28 Jahre nach Gründung der KPCh, 14 Jahre nach dem Langen Marsch, rief Mao Tse-tung, 55, in Peking die Volksrepublik China aus - ein Jahrhundert nach der Demütigung des Reiches der Mitte durch die Imperialisten im Opiumkrieg.
Vom Tor des Himmlischen Friedens herunter erklärte der Bauernrevolutionär vor den Chinesen und der ganzen Welt: "Unser Werk wird in die Annalen der Geschichte der Menschheit eingehen. Die Chinesen, die ein Viertel der Menschheit stellen, haben sich erhoben."
Mao machte sich selbst zum Vorsitzenden der neuen Volksregierung. Eine seiner Stellvertreterinnen wurde die Witwe Sun Jat-sens, eine Schwester von Madame Tschiang Kai-schek. Die Regierungsgeschäfte übernahm Tschou Enlai. Die Welt hatte eine dritte Großmacht - und eine zweite kommunistische dazu.
Was die chinesischen Kommunisten aus diesem Erfolg, dem vielleicht bedeutendsten Ereignis dieses Jahrhunderts, dann gemacht haben, ist eine endlose Geschichte von ungeheueren Anstrengungen und imponierenden Leistungen, aber auch von verratenen Idealen, ideologischem Krampf, menschlicher Niedertracht und maßloser Überheblichkeit. Der Mensch, für den die Revolution erkämpft wurde, galt zeitweise nichts im revolutionären China, sein Geist wurde der Macht geopfert, Millionen verloren sinnlos ihr Leben.
Die neuen Herren unter dem roten Banner, erst einmal in Pekings Verbotener Stadt etabliert, herrschten nicht viel anders als Kaiser, Regenten und Warlords und Eunuchen in den Jahrhunderten zuvor, so überragend die Führerfiguren Mao Tse-tung und Tschou En-lai auch waren. Sie ersannen himmelstürmende Utopien, spannen aber auch Intrigen wie einst die Mandarine in den kaiserlichen Palästen, planten Putsche und bildeten Cliquen. Dazu wollten sie einen neuen Menschen schaffen, der ihnen und ihrer Ideologie möglichst sklavisch zu Diensten war.
Eine Konstante zieht sich durch die wechselvolle und wirre Geschichte von vier Jahrzehnten Volksrepublik in China: Nie ließen sich die chinesischen Kommunisten, auch darin würdige Erben der alten Himmelssöhne, bei ihren Taten und Untaten davon beeinflussen, was das Ausland über sie dachte oder von ihnen erwartete. Mochten die Barbaren draußen schwatzen oder drohen, was immer sie wollten, die Führer des Reichs der Mitte folgten ihren eigenen Maximen.
Daß sie das riesige Land immer wieder an den Rand des Chaos führten, die Entwicklung zur aberwitzigen Springprozession geriet und mehr als eine Milliarde Menschen nach vier Jahrzehnten kommunistischer Herrschaft noch immer unter den Bedingungen eines armen Entwicklungslandes leben, ist wohl - siehe Sowjet-Union - systemimmanent.
Die speziell chinesische Variante dieses Dilemmas, das im Block, der sich einst sozialistisch nannte, von Ost-Berlin bis Wladiwostok aufbricht, ist der fast ausschließlich nach innen gerichtete Blick der KP Chinas.
Ausländern, denen die Mentalität der Chinesen verschlossen bleibt, mag es kaum verständlich sein, aber: Für Chinas Herrscher und sein Volk war es wichtiger, daß Mao im Jangtse-Fluß schwimmen ging als etwa die Massierung von einer Million sowjetischer Soldaten an der Grenze. Das symbolische "gegen den Strom schwimmen" löste das Erdbeben der Kulturrevolution aus. Der Text des Gedichtes einer Wandzeitung konnte in China mehr bewirken als anderswo lautes Kriegsgetöse.
Vor diesem Hintergrund ist auch das derzeitige Geschehen in China zu sehen: Die KP-Führung in Peking wird so lange angebliche Konterrevolutionäre hinrichten, wie es ihr nötig scheint, um das Volk hinreichend einzuschüchtern. Kein Protestgeschrei aus dem Ausland wird sie von diesem Weg abbringen. Ihre Propaganda wird die aberwitzigsten Lügen über die Ereignisse am Tienanmen weiterverbreiten - etwa, daß dort, wo in der Nacht des 4. Juni mindestens 3000 Menschen den Tod fanden, "kein einziger Schuß gefallen" sei (so Truppenkommandeur Li Zhiyun letzte Woche) -, obwohl keiner der zynischen alten Männer an der Spitze erwartet, daß ihnen das jemand abnimmt.
Das ist ihnen gleichgültig - nur die Botschaft soll beim Volk ankommen: Wahr ist allein, was die Partei dekretiert, wer anders denkt oder redet, ist Konterrevolutionär und wird entsprechend behandelt.
Und das Volk versteht die Botschaft - sie ist ihm nicht neu. Der sie diesmal aussandte, weiß darüber wohl besser Bescheid als jeder andere lebende Chinese: Der greise Deng Xiaoping ist der Machthaber mit der kontroversesten Laufbahn in der ganzen kommunistischen Welt: Dreimal gestürzt und wieder nach oben gekommen, spiegelt der 84jährige kleine große Mann in seiner Biographie das Schicksal der ganzen Volksrepublik wider - mit einem für beide durchaus noch ungewissen Ausgang.
Als vor 40 Jahren das große Abenteuer Volksrepublik begann, wurden die Geburtswehen, wie bei Revolutionen üblich, von einem Blutbad begleitet. Mao Tse-tung bediente als erstes seine treue Gefolgschaft, mit der er die Erhebung begonnen hatte - die Bauern. Der Roten Armee folgten Volksgerichte auf dem Fuß, die summarisch Todesurteile gegen die Landbesitzer verhängten.
Wie viele damals unter den Schüssen der Volksarmisten fielen und wie viele davon wirklich Ausbeuter waren oder nur Opfer von Denunziationen oder privaten Fehden, weiß niemand. Schätzungen liegen zwischen ein und drei Millionen Hingerichteten in den ersten drei Jahren der kommunistischen Herrschaft. Mao tat die Massenerschießungen als unbedeutend ab: "Wen haben wir denn getötet - jene, die von den Massen gehaßt wurden."
Jene, denen das Leben geschenkt wurde, mußten erniedrigende Arbeit verrichten: Latrinen leeren und den Kot auf die Felder karren. Das enteignete Land wurde an Millionen Bauern verteilt, aber nicht für lange. Schon wenige Jahre später verloren sie es wieder. Bis 1956 waren 96 Prozent aller Bauern in China in über 800 000 Kolchosen kollektiviert. An die Stelle der Landlords trat der Staat.
Der tat und war nun überhaupt alles. Im ganzen Land setzte eine gewaltige Gehirnwäsche ein, die Chinas damals bereits über eine halbe Milliarde Menschen in willenlose Geschöpfe der neuen Gesellschaft umwandeln sollte.
Künftige Kader kamen in isolierte Lager, wo sie in genau kalkulierten Etappen zu "neuen Menschen" erzogen wurden. In kleinen Gruppen mit je einem Aktivisten an der Spitze mußten sie bei karger Nahrung Schwerstarbeit leisten, damit ihre Widerstandskraft geschwächt werde.
Dann folgten Kritik und Selbstkritik anhand der in der Gruppe ausdiskutierten Lebensläufe und Fehler mit dem Ziel, die individuellen Regungen zu brechen. Das Studium der Werke aller marxistischen Heilslehrer hämmerte den neuen Glauben in die Gehirne. Daß der Sieg der Partei unaufhaltsam sei, bildete den Abschluß der Indoktrination mit der klaren Botschaft, jeder Widerstand sei deshalb zwecklos.
So verwandelt, wurden die Novizen auf die Massen losgelassen, um deren laut KP-Dogma traditionell niedrige und egoistische Instinkte auszurotten. Sechs Millionen KP-Mitglieder waren die Kader des Regimes, organisierten nun Volk und Leben in China - in Jugendverbänden, Gewerkschaften, Bauernkooperativen und Intellektuellenklubs.
Der neue sozialistische Mensch hatte, so das Dogma, fünf Lieben zu haben: zum Vaterland, zum Volk, zur Arbeit, zur Wissenschaft und zum Gemeineigentum. Für den einzelnen war in der Gesellschaft kein Platz - er war nichts.
Dieses neue China folgte zunächst blind dem Wort des Vorsitzenden. Mit 55 machte sich Mao zu seiner ersten Auslandsreise auf - nach Moskau.
Als der chinesische Rebell, der Stalins Ratschläge stets in den Wind geschlagen hatte, am 16. Dezember 1949 mit dem Zug in der sowjetischen Hauptstadt eintraf, schneite es - fast ein Omen. Denn der sowjetische Diktator behandelte den Revolutionssieger aus Peking wie einen lästigen Vasallen. Die Moskauer Medien schrieben, soweit sie den Besuch überhaupt zur Kenntnis nahmen, den Namen des Gastes falsch: "Matsadun".
Tagelang empfing Stalin den Gast überhaupt nicht, bis dieser drohte abzureisen. Dann ließ er ihm im Bolschoitheater ein Ballett vorführen, in dem ein russischer Matrose chinesische Rikschakulis zur Revolte führt.
Die Verhandlungen schleppten sich viele Wochen lang quälend dahin. Stalin ließ die Pekinger Führer wissen, daß er ihre Revolution nicht für voll nahm. Er argwöhnte, aus China werde bloß ein zweites Jugoslawien, aus Mao ein neuer Tito werden - ein Genosse, der seinen, Stalins, heiligen Führungsanspruch anzweifle. In der Moskauer Zentrale wurden die gelben Genossen verächtlich "Rettich-Kommunisten" geschimpft: außen rot, aber innen weiß.
In einem Freundschaftsvertrag, der schließlich am 14. Februar 1950 unterschrieben wurde, gewährte Moskau den Chinesen fünf Jahre lang eine karge Kredithilfe von 60 Millionen Dollar. In gemeinsamen Gesellschaften zur Entwicklung der Wirtschaft behielten sich die Russen die Mehrheit vor. Ihre Tschiang abgepreßten Rechte in der Mandschurei und Sinkiang ließen sie sich nun von den Genossen bestätigen - für Mao "zwei Kolonialverträge".
Mao hatte schon viele Jahre vorher dem Amerikaner Edgar Snow anvertraut: "Wir kämpfen selbstverständlich nicht für ein befreites China, um es dann Moskau zu übergeben."
Womöglich wäre es gar nicht zur Unterschrift gekommen, wäre nicht noch Premier Tschou En-lai eingeflogen, der, wie so oft in seinem Leben, einen Kompromiß zustande brachte.
Im Westen, besonders in Amerika aber galt der Vertrag fortan als furchterregendes Zeugnis einer Achse der beiden kommunistischen Giganten, eine Schreckensvision vor allem für Asien.
Und dort donnerten denn auch bald die Kanonen: in Korea, wo der neue Block in eine blutige Konfrontation mit dem Westen geriet. Ganz klar für die freie Welt war Südkorea erstes Opfer der eben geschlossenen Roten-Riesen-Koalition geworden, als am 25. Juni 1950 jäh die Divisionen des kommunistischen Nordkorea die Demarkationslinie des geteilten Landes überschritten.
Deswegen fiel es den USA auch leicht, in der Uno eine Mehrheit gegen diese Aggression zustande zu bringen, so daß bald Soldaten aus 15 Nationen unter der Flagge der Vereinten Nationen drei Jahre lang gegen Nordkoreaner und eine Million chinesische "Freiwillige" auf den braunen Hügeln Koreas kämpften, bis beide Seiten wieder dort standen, wo das Ganze begonnen hatte: an der Demarkationslinie am 38. Breitengrad. Fast drei Millionen Menschen aber waren umgekommen.
Doch ganz so einfach ist die Geschichte des Koreakrieges nach heutigem Wissensstand nicht: Der Konflikt war in Wahrheit ein Komplott Stalins gegen die chinesischen Genossen, entweder um sie in die Zange zu nehmen oder um eine mögliche Annäherung an Amerika zu verhindern - was dann ja auch für fast ein Vierteljahrhundert gelang.
Die Chinesen, die bei Ausbruch des Krieges noch nicht einmal diplomatische Beziehungen zu Nordkorea hatten und erst eingriffen, als sich die Amerikaner ihrem Grenzfluß Yalu näherten, zahlten einen hohen Preis für Stalins Abenteuer: 800 000 Tote, darunter auch Maos Sohn An-ying, Milliarden Dollar an Kriegskosten und Rückschläge in der Entwicklung des noch von der japanischen Aggression und dem Bürgerkrieg verwüsteten Landes. Die Folge waren Hungersnöte, tiefe Enttäuschung der Massen über die KP-Herrschaft - was wiederum deren Radikalisierung nach sich zog.
Denn insgesamt fühlte sich Mao durch den unentschiedenen Ausgang des Koreakriegs gestärkt: Chinas Volksarmee hatte mit ihrer Taktik der Angriffe in endlosen Menschenwellen der technisch überlegenen Militärmaschine der kapitalistischen Supermacht Amerikas getrotzt. Die Verluste spielten für ihn keine Rolle, China hatte ja Menschen genug. Deshalb verachtete er auch zeitlebens die Atombombe als "Papiertiger".
Im Innern zog er die Zügel nach gelegentlicher taktischer Lockerung immer wieder an. Dann löste der 20. Parteitag der KPdSU 1956, auf der Nikita Chruschtschow den roten Gott Stalin vom Sockel stieß, bei den Chinesen tiefe Verwirrung aus.
Der Mao-Vertraute Deng Xiaoping, der Chruschtschows Geheimrede in Moskau mit anhörte, berichtete nach seiner Rückkehr ratlos über die Vorgänge bei den Russen. Mao, der sich zwar als alleiniger Führer fühlte, aber auf pompösen Führerkult wenig Wert legte, ließ den 8. Parteitag der KPCh beschließen, daß Geburtstage der Spitzengenossen nicht mehr gefeiert, keine Straßen mehr nach ihnen benannt werden sollten. Wer dennoch der Chef blieb, verriet das Motto der Veranstaltung: "Parteitag des Kollektivs mit Mao Tse-tung an der Spitze".
Dann entfachte der oberste Chinese, der nach eigenen Worten längst "die Welt mit kaltem Auge überblickte", unter dem Eindruck des sozialistischen Tauwetters im Ostblock eine Kampagne, um den enttäuschten Intellektuellen ein Ventil zu konstruktiver Kritik zu geben.
"Laßt hundert Blumen blühen, hundert Gedankenschulen miteinander wetteifern", verkündete der Vorsitzende zur Verblüffung der Genossen. Die Intelligenz forderte er nach klassischem Vorbild zu einer akademischen Diskussion über Chinas Probleme auf - denn, so Mao zu den Funktionären: "Glaubt nicht, daß ihr immer recht habt. Wenn ihr die Menschen nicht reden laßt, werdet ihr sie verlieren." Und: "Der Himmel wird deshalb nicht einstürzen."
Den Parteiapparatschiks war der Gedanke, von Außenseitern an den Pranger gestellt zu werden, ein Horror. Deng Xiaoping, auf dem Parteitag vom Politchef der Militärkommission zum Leiter des ZK-Sekretariats aufgestiegen, lehnte sich mit anderen Spitzengenossen, wie Maos Vize Liu Schao-tschi, gegen die seiner Meinung nach brandgefährliche Idee auf.
Als Studenten und Akademiker, wie sie wähnten vom Vorsitzenden ermuntert, plötzlich für Meinungsfreiheit, freie Wahlen, gar eine parlamentarische Demokratie demonstrierten, reagierte der Apparatschik Deng genauso wie heute: Er drohte den "Reaktionären" einen "Kampf auf Leben und Tod" an.
Mao, über die Reaktion im Volk und in der Partei erschrocken, tat nun so, als sei das Ganze von Anfang an nur ein Trick gewesen, um die Feinde zu demaskieren: "Erst wenn man die Rindsteufel und Schlangengeister herausläßt, kann man sie ausrotten, erst wenn man die Giftkräuter sprießen läßt, kann man sie jäten."
Deng gab die Parole aus, die Intellektuellen zu "proletarisieren". Fast drei Millionen "rechte Elemente" wurden "gesäubert", zur Fronarbeit, etwa Schweinezucht, in entlegene Provinzen geschickt. Deng rechtfertigte diese erste Säuberung der Bildungselite noch ein Vierteljahrhundert später, als er längst der große Reformer war. Die Kampagne wurde von der Partei auch nie als Fehler korrigiert wie andere Auswüchse. Der Kampf sei bloß "über Gebühr ausgeweitet" worden.
Mao aber rüstete damals schon zu den nächsten gewaltigen Schüben, mit denen er China für alle Zeit umkrempeln wollte. Er fühlte sich nach Stalins Tod als der neue Führer des Weltkommunismus, nun einziger Verfechter der Weltrevolution. Die konnte nur noch von China ihren Ausgang nehmen, nachdem die Bewegung in Moskau degeneriert war - für Chruschtschow hatte der Chinese nur Verachtung übrig. Also mußte China stark werden, und das schnell.
Im Frühjahr 1958 hetzte der Vorsitzende sein Volk in eine neue aberwitzige Kampagne, den "Großen Sprung nach vorn". Wenn Chinas viele hundert Millionen ihre ganze Energie bündelten, werde bald "der Ostwind den Westwind besiegen".
Maos Rezept für seine neue Generallinie des "mehr, schneller, besser, wirtschaftlicher": Die Unterschiede zwischen Arbeitern und Proletariern, Kopf- und Handarbeitern sollten verschwinden, alle alles anpacken. Dazu wurde das Volk in riesigen Kommunen organisiert, in denen Zehntausende Menschen gemeinsam schufteten, aßen, schliefen und täglich indoktriniert wurden.
Die berühmten "blauen Ameisen" waren geboren, Abermillionen, die im Einheitsdrillich Dämme schaufelten - Mao und Tschou legten selbst mit Hand an -, Kanäle gruben, Straßen bauten und in kleinen Schmelzöfen "Eisen brieten", wie es treffend hieß. Mit bloßen Händen sollten die Menschenmassen China über Nacht in eine industrielle Großmacht verwandeln, die als "Morgenröte über dem weiten Horizont Asiens erstrahlen" würde, wie die Partei verkündete.
In Peking zogen Zehntausende Freiwillige binnen weniger Monate die Große Halle des Volkes am Tienanmen-Platz hoch. Die Bewegung artete in Massenhysterie aus, nichts schien mehr unmöglich: "Wir werden Sonne und Mond zwingen, ihre Plätze zu tauschen", phantasierten Agitatoren.
Der "Taifun des Enthusiasmus", wie Mao die von ihm entfachte Massenbewegung pries, machte vor nichts halt. In einem Feldzug gegen die "vier Pestplagen" rotteten die Chinesen Ratten, Fliegen, Moskitos und Spatzen aus. Die Spatzen ließen sie schließlich leben, als jemand darauf kam, daß Vögel Insekten fressen.
Chinas Produktion aber wurde durch die verschwendeten Energien der Mao-Illusion um ein halbes Jahrhzehnt zurückgeworfen: Das in Hunderttausenden Hinterhöfen geschmolzene Eisen war meist unbrauchbar, die Ernteerträge sanken drastisch. In China brach zehn Jahre nach dem Machtantritt der Kommunisten eine verheerende Hungersnot aus, der zwischen 1959 und 1962 fast 19 Millionen Menschen zum Opfer fielen.
Zum erstenmal wankte Mao Tse-tung. Er trat als Staatschef zurück.
Der Parteiappparat hatte nach all den Mißerfolgen genug von Experimenten nach Partisanenart und begann eine vorsichtige Liberalisierung. Die Kommunebauern erhielten auf Vorschlag Dengs wieder ein Stück Privatland, dessen Ertrag sie frei verkaufen konnten. Als Mao davon hörte, knurrte er: "Welcher Kaiser hat das entschieden?"
Unter dem Zwang äußerer Ereignisse wurde der sich abzeichnende Machtkampf in der KPCh aber noch einmal hinausgeschoben: Es kam zum Bruch mit Moskau.
Zwar hatten die Russen nach dem Koreakrieg auf ihre Sonderrechte in der Mandschurei verzichtet und über tausend Experten nach China entsandt, doch ideologisch wurden die Differenzen unüberbrückbar. Chruschtschow vertrat die Idee von der friedlichen Koexistenz zwischen Kommunismus und Kapitalismus. Für Mao war der Krieg zwischen den beiden Systemen unvermeidlich, ein Klassenkampf auf globaler Ebene.
Vertraten die Chinesen die Meinung, der Maoismus sei der neue, nunmehr einzig wahre Weg zu Sozialismus und Weltrevolution, konterten die Russen, die Chinesen verdankten ihren Sieg einzig und allein der sowjetischen Oktoberrevolution und der Niederwerfung des japanischen wie des deutschen Imperialismus "durch die Sowjet-Union".
Mao wiederum konfrontierte die Sowjets mit den sogenannten "ungleichen Verträgen" des 19. Jahrhunderts, als die Zaren China mehr als anderthalb Millionen Quadratkilometer seines Territoriums geraubt hätten und übergab entsprechende Landkarten. Die wiederum erbosten Chruschtschow so sehr, daß er sie, die ihn an "Hitlers Lebensraum-Träume" erinnerten, nach eigenen Worten "angewidert wegwerfen ließ".
Mao verlangte russische Hilfe für die Befreiung Taiwans von Tschiang Kaischek und zieh die Sowjets der Feigheit, als sie die wegen der drohenden Konfrontation mit Amerika verweigerten. Die Chinesen, die damals noch keine eigene Atombombe hatten und von Feinheiten wie Strahlung oder Fallout nichts wußten, machten schon eine genaue Rechnung auf, wie es nach dem dritten Weltkrieg auf der Erde aussehen würde: Überleben würden 20 Millionen Amerikaner, 5 Millionen Briten, 50 Millionen Russen und 300 Millionen Chinesen - letztere mithin Erben der Welt.
Chruschtschows Rückzug in der Kubakrise, die sowjetische Neutralität im chinesisch-indischen Grenzkrieg, der Atomteststopp-Vertrag mit Amerika - dies alles galt Mao als Feigheit und Verrat. Die Sprache zwischen den Genossen wurde immer schriller. Mao warf Moskau Revisionismus und Betrug am Marxismus-Leninismus vor. Der Kreml verdammte Mao als Ultralinken und Ultradogmatiker.
Es blieb nicht bei Worten. Die Sowjets zogen 1960 über Nacht ihre 1400 Fachleute aus China ab - und die nahmen alle Pläne der Anlagen mit, an denen sie arbeiteten. Entlang der sich quer durch Asien ziehenden Grenze der beiden Staaten kam es zu Zwischenfällen, die dann 1969 in blutige Kämpfe um Inseln im Ussurifluß mit Hunderten Toten gipfelten.
Als die Chinesen am 16. Oktober 1964 - zwei Tage nachdem in Moskau Chruschtschow gestürzt wurde - im Lop-Nor-Gebiet ihre erste Atombombe zündeten, spielte Moskau mit dem Gedanken, die chinesischen Atomanlagen in Sinkiang präventiv zu zerstören. Chinas Regierung verlagerte daraufhin ihre Atomindustrie an geheime Orte in Tibet. Mao dachte an eine Invasion der moskauhörigen Äußeren Mongolei. Die Russen ließen gegen diese Drohung eine Million Mann an ihren Ostgrenzen aufmarschieren. Dort rissen Chinesen ihre zweitausend Jahre alte Große Mauer teilweise ein, um mit den Steinen Bunker zu bauen. Peking wurde regelrecht untertunnelt, um Schutzräume für Millionen Menschen zu schaffen.
Mao kämpfte, während all dies passierte, in Peking um seine Macht. Er war wegen des mißglückten Großen Sprungs, der China ein Drittel seines Sozialprodukts gekostet hatte, als "Phantast" und "Fanatiker" kritisiert worden, hatte jedoch seinen Hauptgegner, den Marschall Peng Dehuai, als "Agenten Moskaus" kaltstellen können. Von einem Schlaganfall und der Parkinsonschen Krankheit geschwächt, resignierte er zeitweilig, er werde nun wohl bald "Gott oder Marx sehen".
Doch sein Werk wollte er auf gar keinen Fall kleinen Geistern überlassen, die keinen Mumm zur Weltrevolution mehr hatten und womöglich China wieder dem Kapitalismus ausliefern würden. Da der Parteiapparat in Peking zu mächtig war und bereits offen gegen ihn zu rebellieren begann - im Parteiorgan erschien eine Parabel über einen Führer, der "zum Idioten wird" -, zog sich Mao 1964 nach Schanghai zurück. Dort bereitete er seinen größten Coup vor.
Er sammelte Getreue aus Partei und vor allem der Armee um sich, unter denen zwei hervorstachen: der alte Kampfgefährte Lin Biao, als Verteidigungsminister Herr über die Volksarmee, und Tschiang Tsching, jene kleine Komödiantin aus Schanghai, die in Yanan Maos dritte Frau geworden war.
Von Schanghai ging Anfang 1966 die Parole aus: "Haltet hoch das Große Rote Banner der Gedanken Mao Tse-tungs und nehmt teil an der Großen Sozialistischen Kulturrevolution."
Mao selbst kündigte der "Schwarzen Gang" in Peking - vor allem Staatspräsident Liu - unerbittlichen Kampf an. Dann demonstrierte er seine körperliche Fitness durch ein 12-Kilometer-Schwimmen den Jangtse-Fluß hinunter. Am 18. Juli 1966 kehrte er im Triumph in die Hauptstadt zurück, deren "Volkszeitung" bereits gewarnt hatte: "Niemand, der es wagt, sich dem Vorsitzenden Mao zu widersetzen, wird der Denunziation der Partei und des ganzen Volkes entgehen, wer immer er auch sein, wie hoch immer er auch stehen mag."
Erneut erbebte ganz China unter einer beispiellosen Massenhysterie. Ein "Kulturrevolutionskomitee" unter Maos ehemaligem Privatsekretär und seiner Ehefrau mobilisierte Millionen Jugendliche in "Roten Garden", die sich, aufgestachelt durch Mao-Sprüche wie "bombardiert das Hauptquartier" berserkerhaft auf alle wahren oder vermeintlichen Feinde des Großen Vorsitzenden stürzten. Ihr stets mitgeführtes Credo war das kleine rote Buch mit Worten Maos, das Lin in Millionen Exemplaren drucken ließ, um die "genialen Gedanken" Maos aller Welt bekanntzumachen - der Personenkult um den "Großen Steuermann" wuchs sich zum Irrsinn aus.
Was folgte, war eine Zeit wilder Exzesse, die bald in Bürgerkrieg ausarteten. Die entfesselten Horden Halbwüchsiger demütigten, quälten und mordeten mißliebige Funktionäre, brachen Pianisten die Finger, quetschten Lektoren die Augen aus. Mao-Rivale Deng wurde unter Rufen "siedet den Hundekopf in heißem Öl" mit abgewinkelten Armen gebeugt abgeführt - so wie jetzt die Studenten in Peking. Sein Sohn blieb nach einem Sturz aus dem Fenster bei der Flucht vor Rotgardisten querschnittgelähmt.
Die Kulturrevolution führte zu Vernichtungsfeldzügen gegen alles Alte und stürzte China ins größte Chaos seiner Geschichte. Die kommunistischen Kinderkreuzzügler tauften Peking neu - in "Der Osten ist rot" -, funktionierten die Verkehrsampeln um - Rot bedeutete für sie freie Fahrt, Grün stop -, zwangen Fahrgäste von Rikschas, selbst zu strampeln, während die Fahrer auf dem Gästesitz Platz nahmen.
Sie trieben Millionen Menschen, Schandkappen aufs Haupt gestülpt, zur Zwangsarbeit und in Umerziehungslager, befreiten Geisteskranke aus Anstalten, zerstörten Klöster, Tempel, Museen und Botschaftsgebäude, verbrannten Bücher, die nicht Maos Ideen wiedergaben. Unersetzliche Kulturschätze, etwa in den Klöstern Tibets, wurden vorsätzlich vernichtet.
Fast zwei Jahre lang lief ein wahrer Hexensabbat ab, bis Mao selbst, der anfangs so stolz war auf "das Feuer, das ich angezündet habe", den Zauberlehrlingen, die ihm längst über den Kopf gewachsen waren, in Peking unter Tränen Einhalt zu gebieten suchte: Ihr habt mich verlassen.
Er beauftragte Lin Biao, mit der Armee die Ordnung wiederherzustellen. Das dauerte zwei Jahre, forderte Hunderttausende Tote und machte Lin zur mächtigen Nummer zwei und Maos designiertem Nachfolger. Der durch die Kulturrevolution gestürzte Rivale Liu starb im Gefängnis an den Folgen der Verletzungen, die ihm Rotgardisten zugefügt hatten. Deng, dem eine kriecherische Selbstkritik das Leben gerettet hatte, wurde in die Provinz verbannt, wo er in einer Traktorenfabrik arbeitete.
Wie die meisten großen Männer konnte sich aber auch Chinas Führer nicht damit abfinden, noch zu Lebzeiten die Macht zu teilen. Lins Anhänger aus der Armee besetzten fast die Hälfte der Sitze des Zentralkomitees, mehr als die Hälfte des Politbüros.
Das alte Mao-Wort, wonach die Partei dem Gewehr, aber nie das Gewehr der Partei befehle, schien umgedreht. Alle speichelleckerischen Lobpreisungen, die Lin ihm zuteil werden ließ ("Die Gedanken Maos sind die Sonne in unserem Herzen, die Wurzel unseres Lebens, der Quell unserer Stärke"), besänftigten Mao nicht, machten ihn eher noch mißtrauischer.
Wieder warf er das Steuer herum und begann nun, in Partei und Armee gegen den getreuen Gefolgsmann zu wühlen, der ihm nach dem Leben trachte.
Als Lin davon erfuhr, tat er genau das, denn so die Devise, die er an Vertraute ausgab: "Es geht um Leben oder Tod, entweder wir zerstören sie, oder sie zerstören uns."
Unter dem Code "Projekt 571" - im Chinesischen lautgleich mit "bewaffnetem Aufstand" - entstand ein Putschplan, in dem Mao die Tarnbezeichnung "B-52" erhielt, Lin selbst war der "Chef", seine Armeegefolgschaft die "Flotte".
Da war von chemischen und bakteriologischen Waffen die Rede, von Bomben, Attentaten und Entführung. Ein Anschlag mißlang, der Putschplan wurde in letzter Minute verraten.
Daraufhin setzten sich Lin, seine Frau und weitere Getreue am 12. September 1971 in einer "Trident"-Maschine ab - sie zerschellte auf dem Flug in die Mongolei aus unbekannten Gründen.
Mao, der damit nach eigener Aussage "den zehnten und bisher gefährlichsten Konflikt in der Partei" überstanden hatte, kämmte von neuem Armee und Partei durch. Da die Kader langsam knapp wurden, kehrten Sünder früherer Säuberungen wieder zurück. Darunter war Deng Xiaoping, obwohl er laut Mao "in seinem Leben zu viele Fehler begangen hat": Er wurde 1973 Vizepremier, später Generalstabschef und kam auch wieder ins Politbüro.
Unverdrossen setzte sich der Genosse, der sich als Student in Paris Anfang der zwanziger Jahre den Spitznamen "Kleine Kanone" verdient hatte, wieder für pragmatische Reformen der Wirtschaft ein, die von den Umstürzen und dem Zickzackkurs des Großen Steuermannes fast ruiniert worden war.
Gemeinsam mit Premier Tschou Enlai arbeitete er ein Programm der "Vier Modernisierungen" aus, mit dem Chinas Landwirtschaft, seine Industrie, Verteidigung und Wissenschaft bis zum Jahr 2000 an die "Weltspitze" katapultiert werden sollten.
In diese Phase fiel auch eine weltpolitische Sensation: Das kommunistische China schloß endlich Frieden mit der westlichen Weltmacht Amerika - zu seinen Bedingungen. Präsident Nixon flog im Februar 1972 nach Peking und zeigte sich von Mao, dessen "außerordentliche Kraft" er körperlich zu verspüren glaubte, stark beeindruckt. Er sah China und die USA bereits zu einem "langen gemeinsamen Marsch" aufbrechen. Aus der bipolaren Welt war jäh eine mit einem dritten Kraftfeld geworden.
Zweifellos war dies einer der spektakulärsten Erfolge des Kommunisten Mao. Doch der Greis sah im eigenen Haus schon wieder Kräfte am Werk, die China von seinem revolutionären Weg abbringen wollten.
Bestärkt wurde sein Argwohn von seiner Ehefrau Tschiang, die den reformwütigen Deng als Rivalen um die Nachfolge des siechen Vorsitzenden betrachtete. Noch einmal wühlte der Dichter-Revolutionär Mao die Wogen auf. In allegorischen Versen verspottete er die Reformpläne: "Hör auf mit diesem Furz! Sieh, die Welt wird umgewälzt!"
Dann überstürzten sich in Peking die Ereignisse. Am 8. Januar 1976 starb Maos ältester und durch all die Jahrzehnte treuester Wegbegleiter Tschou En-lai, durch dessen Wirken, wie Deng rühmte, "viele Verluste verhindert, viele Menschen geschont wurden". Das Volk trauerte um den beliebten Ministerpräsidenten wie noch um keinen Toten zuvor. Die Trauerkundgebungen gerieten aber auch zu Demonstrationen für den pragmatischen Tschou-Kurs, den Deng weiterführen wollte.
Doch nun schlug die Linke zu. Tschiang Tsching, die sich als rechtmäßige Erbin ihres Mannes fühlte, hatte eine fanatische Gefolgschaft um sich versammelt, an deren Spitze zwei Journalisten sowie der von Mao protegierte Arbeiter Wang aus Schanghai standen. Allen Einwänden des Vorsitzenden zum Trotz, der den "hemmungslosen Ehrgeiz" seiner Frau beklagte und sie davor warnte, "eine Viererbande zu bilden", rissen die vier die Herrschaft im Parteiapparat an sich und entfachten eine wilde Kampagne gegen Deng.
Deng, der über Tschiang sagte, sie sei so böse, daß alles Böse, das man über sie rede, nicht böse genug sei, verlor abermals alle seine Ämter und flüchtete in die Obhut ihm ergebener Armee-Einheiten in Südchina.
Dort erreichte ihn die Nachricht vom Tode Maos am 9. September 1976. Die Witwe Tschiang beanspruchte offen die Nachfolge. Die aber machte ihr der Ministerpräsident Hua Guofeng streitig, der behauptete, Mao habe das Schicksal Chinas in seine Hände gelegt. Da versuchte die Viererbande zu putschen, doch Hua und seine Fraktion kamen ihr zuvor: Am 6. Oktober ließen sie Frau Tschiang und ihre Mitverschworenen verhaften.
Nun schlug auch die Stunde des Stehaufmännchens Deng wieder: Im Juli 1977 erhielt er alle seine Ämter zurück. Der kleine Überlebenskünstler ging nun daran, mit den Resten der Viererbande aufzuräumen, die, so seine Worte, "eine ganze Generation junger Menschen zu geistigen Krüppeln gemacht hat".
Bald fiel auch ein Kernstück des Maoismus: Die Volkskommunen wurden abgeschafft, privates Wirtschaften wieder erlaubt, westliches Kapital ins Land geholt.
Obwohl Deng sich dabei mit dem dogmatischen Flügel der Partei anlegte, der jenen, die für Deng und Reformen demonstrierten, "Konterrevolution" vorwarf, ließ die "kleine Kanone", die Schritt um Schritt zum unumschränkten Herrscher Chinas und weltweit gepriesenen Reformer des volkreichsten Landes der Welt wurde, niemals einen Zweifel daran, wo für sie aller Wandel endet: China muß ein kommunistischer Staat bleiben, in dem allein die Diktatur des Proletariats herrscht.
Die Wirtschaftsreform bescherte dem Land einen unerhörten Boom, die Bauern produzierten Überschüsse, die Märkte blühten auf. Aber die Schattenseiten des freien Wirtschaftens - Inflation, Arbeitslosigkeit, Korruption - erzeugten auch einen gewaltigen innenpolitischen Druck: Wirtschaftliche Zugluft bei Konservierung der versteinerten Strukturen der Einparteienherrschaft - dieses Rezept zur Behebung der Not regierender Kommunisten erwies sich als explosiv.
Als Studenten 1986 für Demokratie demonstrierten, reagierte der Reformer bereits bitterböse: "Das kommt davon, daß wir all die Jahre nicht mit der notwendigen Entschlossenheit und Klarheit gegen die Strömung des bürgerlichen Liberalismus gekämpft haben."
Als sie es in diesem Frühjahr wieder taten, ließ Deng schießen - aus seiner Sicht folgerichtig. Denn das letzte, das er will, wäre die Abschaffung des Sozialismus in China, wie er sie in Moskau und anderswo im Block mit Schaudern sieht. Deng wollte China reformieren - aber nur zum stärksten sozialistischen Staat der Welt.
Als die Bewegung der Kontrolle der Partei zu entgleiten drohte und Kräfte freisetzte, die das kommunistische Herrschaftsmonopol offen angriffen und für Freiheit nach westlichem Muster kämpften, da verordnete der vielgepriesene Reformer seinem Land ohne Skrupel einen Großen Sprung nach rückwärts.
Denn nun stellte sich nicht mehr die Frage nach mehr oder weniger Reform, jetzt ging es nur noch um die Macht.
Ende
Von Siegfried Kogelfranz

DER SPIEGEL 27/1989
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