07.08.1989

Fabulöse Potenz

Benoite Groult: „Salz auf unserer Haut“. Aus dem Französischen von Irene Kuhn. Droemer Knaur Verlag, München; 320 Seiten; 34 Mark.
Seit vielen Jahren zählt BenoIte Groult, 69, zu den prominentesten Feministinnen Frankreichs; unter der Regierung Mitterrand leitete sie eine Kommission, die für männliche Berufsbezeichnungen weibliche Namen suchen sollte. Für dieses Amt hatte die gelernte Literaturwissenschaftlerin sich durch einige feministisch illuminierte Romane empfohlen, die sie zunächst gemeinsam mit ihrer Schwester Flora und dann allein verfaßte.
Mit ihrem Roman "Salz auf unserer Haut" hat BenoIte Groult bewiesen, daß man literarisches Fast food auch mit einer pikanten Mischung aus glaubensstarkem Feminismus und gutturalem Verbalsex produzieren kann: Platz 1 der Bestsellerliste.
Die Ich-Erzählerin heißt George, benannt nach George Sand, der Urmutter der schriftstellernden Feministinnen: eine mondäne, elegante und allzeit bereite Intellektuelle aus Paris. Auf gut 300 Seiten schwärmt die Dame mit Unterleib von ihrer lebenslangen Affäre mit dem bretonischen Fischer Gauvain, einem sehnigen, wenn auch tumben Naturburschen von fabulöser Potenz. Obwohl der Erzählerin schon im Vorwort Böses schwant ("Ich weiß, daß mir Lächerlichkeit auflauert"), läßt die "Magie des Hineinsteckspiels" sie nicht los. Freilich, "wie soll man jene Himmelshoffnung, die zwischen den Beinen der Männer und der Frauen aufleuchtet, einfangen?" Vielleicht mit einem Vergleich, der eines seefahrenden Liebhabers würdig ist: "Gleich wird das Schiff die Hafeneinfahrt passieren, und mit einem unendlich langsamen Stoß kommt es ans Ziel."
Den Hafen der Ehe freilich verweigert die schwerintellektuelle Heldin, die um ihre Selbstverwirklichung fürchtet, dem kernigen Lover; für ein konventionelles Familienleben zieht sie den geistigen "Neandertaler" nicht in Betracht. Beide heiraten daraufhin Partner aus der eigenen sozialen Klasse, doch nach einem grollenden Rückzug in den bürgerlichen Alltag vermittelt der brave Bretone, ein Remake von Lady Chatterleys Wildhüter, mit seiner "Vorrichtung", die "äußerst beeindruckend wirkt, auch nach Gebrauch", seiner zielsicheren Gespielin wieder "den Sinn für das Heilige in der Wollust".
Am Ende aber hat er sich so verausgabt, daß nicht nur sein einzigartiges "Überredungswerkzeug", sondern auch das Herz den Dienst versagt. "Wie könnte man da", hatte sich die Autorin schon zu Beginn ahnungsvoll gefragt, "der Komik entrinnen?"

DER SPIEGEL 32/1989
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