06.03.1989

Der sanfte Menschenfänger

SPIEGEL-Redakteur Hans Leyendecker über den Uni-Gründer Konrad Schily, dessen Bruder Otto und die Politik
Den kennt man. Jeder hat ihn schon mal gesehen oder denkt es wenigstens: in den besseren Häusern, wo selbst die Bediensteten wer sind, und in den Szene-Kneipen, wo man leicht unter lauter Trendlinern ist.
Dieses Gesicht, früh zerfurcht mit asketischer Kerbe, die zeitlose Art, sich die Haare zu kämmen, hastiges Rauchen als einziges Ventil. Den kennt man, weil er diesen Bruder hat, mit dem man ihn verwechselt.
Konrad Schily, 51, hantiert genauso wie der andere, fächert beim Erklären seine Hände vorm Gesicht, trägt auch gedeckte Anzüge mit Weste und ist von ziemlich sehniger Gestalt - Apokalyptiker mit Bäuchen sind nicht überzeugend.
Er beschwört Endzeit. Wenn er "Staat" sagt, fühlt man unwillkürlich Staub auf der Zunge. Er hat keinen Zweifel, daß "die Sache ohne ihn, den Staat, viel besser gehen würde".
Das hat zuvor schon Wilhelm von Humboldt gesagt, der 1810 die Berliner Universität gründete. Auch der Philosoph Karl Jaspers, bei dem Schily studiert hat, wollte eine staatsfreie Sphäre im Staate.
Das ist Schilys Ansatz. Der Neurologe, Psychiater und Mitbegründer einer anthroposophischen Modellklinik will dem öffentlichen Bildungssystem ein wirksameres entgegensetzen. Er plant Universitäten, wie sie hierzulande nicht vorgesehen sind.
Ohne Staatsbeamte, die oft "nur Funktionäre" seien, ohne vorgeschriebene Studiendauer, die "von den technokratischen Tyrannen der Kultusministerkonferenz" festgelegt wird, ohne festes Curriculum, mit dem "geistige Barbaren" bestimmen, was und wie zu lernen ist. Unterm Strich ist nicht weniger, sondern mehr Leistung vorgesehen.
Gespräche mit Konrad Schily können ganz schön anstrengend sein. Von neuen Auslegungen der alten Quantentheorie springt er zur Philosophie der Wiedergeburt, um dann eine Weile Ansichten über wirtschaftliche Zustände darzulegen. Er spricht prägnant, mit kurzen Pausen am Ende der Sätze, als wolle er die Option lassen, mitzuschreiben.
Seine Person betreffend, bemüht sich Schily sichtlich um Unergiebigkeit. Der Arzt tut so, als sei er sich selbst der Fernste, als wisse er über sich nicht mehr außer vielleicht so ein wenig, was ihm durch Tratsch zu Ohren gekommen ist: "Was soll an mir interessant sein?"
Schily war nie gezwungen, seine Position gesellschaftlich zu illuminieren. Er zelebriert Selbstbescheidung, fährt einen Mittelklassewagen, lebt auf 60 Quadratmetern, arbeitet zwischen Ikea-Möbeln. Nicht mal ein Buch hat er geschrieben: "Es gibt so viele Bücher."
Wie ein Alchimist sitzt er in seiner Stube in Witten und destilliert sich die Welt. Er hat Freunde und macht sich welche. Leute, von deren Einsicht er abhängig ist, zieht er zu sich herüber.
Wirtschaftsmächtige, die andere Industrielle um Geld bitten, Beamte, die ihn mit vertraulichem Papier versorgen, als hätten sie seine Sache zu ihrer gemacht; auch ein paar Politiker, die den Verkünder einer Kunst des Wissens begleiten wollen. Der Psychiater sucht dauernd sein Bild von den Menschen. "Wie ist der?" fragt er dann. Übersetzt heißt das: "Wie kriegt man den?"
Schily beteuert, er habe "immer nur von anderen gelernt". Es gibt Leute, die sich ein paar Nummern zu groß schildern, um nur nicht übersehen zu werden. Schily macht sich klein, dadurch überzeugt er leichter. Er kann zuhören und ja sagen, und das ist wiederum gut für das Lebensgefühl der Freunde.
Wenn es aber um die Sache geht, hat er nicht die helle Güte in den Augen - etwas Mystisches spinnt sich dann um Schily. Einen "Schamanen" nennt ihn Ministerpräsident Johannes Rau, dem er unheimlich ist. Gerade das schätzt Kruppianer Berthold Beitz an Schily: "Dieser Hund sitzt da wie zum Sprung geduckt, mit ganz wildem Blick." CDU-Professor Kurt Biedenkopf seziert ihn nüchtern: "Er hat Erfolg, weil er für eine Idee antritt und nicht für eine Person."
Es hat Menschen gegeben, deren Visionen den Neuerer Schily geführt haben. Den Arzt Gerhard Kienle vor allem. Der Medizinstudent Schily demonstrierte Anfang der sechziger Jahre gegen den Einmarsch der Amerikaner im Libanon, "Amis raus". Kienle wandte sich an den jungen Mann: "Sie müssen das Schild größer machen, so können sie es in Amerika nicht sehen."
Von Kienle hat er viel gelernt. Der Neurologie-Professor, der "den überzogenen Glauben an alles Meßbare in der Medizin" und den ärztlichen "Mangel an sozialer Reife" kritisierte, gehörte 1969 mit Schily und weiteren 13 Ärzten zu den Gründern des Gemeinnützigen Gemeinschafts-Krankenhauses Herdecke an der Ruhr. Ein Haus, zunächst ohne öffentliche Mittel, zu einem Bruchteil der normalen Kosten, ausgerichtet auf das respektvolle Menschenbild des Anthroposophen Rudolf Steiner. Eine Klinik für sanfte Medizin mit einem ausgeprägten Kollegialsystem - keine Krankenschwester, die sagt, wo Gott wohnt, und kein Chefarzt, der sich dafür hält. Es gibt ihn nicht - den Chefarzt.
Die Standesvertreter der westdeutschen Ärzteschaft witterten dort den Umsturz, der damals 32jährige Schily war der Sprecher der Rebellen. Er leitete das Labor, baute die Elektrophysiologie auf, entwickelte den ersten Studiengang für Musiktherapie in Nordrhein-Westfalen, arbeitete mit Suizidgefährdeten und Tumorpatienten.
Manchmal ist die Medizin so sanft, als sei sie abgeschafft. Eine Patientin mit hoffnungslos fortgeschrittenen Metastasen wurde von Schily in pfleglicher Begleitung auf eine Insel in der Ägäis geschickt. Es war ihr letzter Wunsch. Monate später kam sie nach Hause, noch immer krebskrank, die Metastasen aber hatten sich zurückentwickelt. Die Schulmedizin hätte anständig kuriert.
Fortdauer gestattet Schily nur der Veränderung - in so rhythmischem Maße, als ticke hinter allem ein Lebensmetronom. Angeregt von einigen Vordenkern, gründete er, fast im Alleingang, 1982 die Privat-Uni Witten/Herdecke, die erste vom Staat nicht bevormundete Hochschule, eine homöopathische Dosis für den maroden Universitätsbetrieb.
Nicht der gute Notendurchschnitt, sondern die soziale Verantwortung gilt für Medizin-Bewerber als Voraussetzung; Wirtschaftswissenschaftler müssen eine abgeschlossene Lehre vorweisen und lernen während des Studiums in Mentoren-Firmen. Ein "studium fundamentale" mit Philosophie, Geschichte und Ökologie ist Pflicht - ein Studium gegen die Fachidiotie.
Erst ging es zu wie auf einem kleinen Dampfer: Schily war Kapitän und Steuermann, Fahrkartenlocher, Heizer auch. Der doctor universalis holte das Kapital für den Uni-Betrieb rein.
"Am Anfang war nur Schily, der kann Leute begeistern", sagt der Medienmann Reinhard Mohn, den Schily auch eingefangen hat. Es hatte kühl angefangen; der Herr über elf Milliarden Mark Umsatz im Jahr ist keiner, der sich für Spinnertes hergibt. Dem Mann ohne Examen war der Doktor mit den hochfliegenden Plänen zunächst durchaus suspekt. Um exakte Pläne für Herdecke gebeten, überreichte Schily eine grundsätzliche Abhandlung.
Zum Besprechungstermin nach Gütersloh kam Schily mit der ihm eigenen Verspätung von 40 Minuten. Das Gespräch verlief einseitig, Schily versuchte sich zu erklären, fragte, was der Herr Mohn denn von dem Konzept halte. "Welches Konzept?" fragte der Mann von Bertelsmann, das Schilysche Schreiben hochhaltend: "Meinen Sie diese Lappen?"
Wie mit Jalousien hatte der Alte die Augen verschleiert, erst nach einer Weile sagte er, was er wollte: Fakten und Verläßliches, wo denn die Führungstechnik sei. Geistesgegenwärtig rettete Schily die Situation: "Bringen Sie uns das bei."
Seitdem hat Mohn seine "Führungserfahrungen" in das Uni-Management eingebracht. "Das steht", mittelfristig zumindest. Schilys Uni hat einen Jahres-Etat von etwa 19 Millionen Mark, rund zwei Drittel müssen durch Spenden aufgebracht werden.
Mohn ist Gesellschafter der Uni-GmbH und war Vorsitzender des Direktoriums, in dem neben Professoren auch Alfred Herrhausen (Deutsche Bank), Berthold Beitz (Krupp) und August Oetker (Oetker) sitzen. Dieser Herrenclub hält wenig von den herrschenden Politikern, die hierzulande das Buffet unter sich aufteilen. Effizienz und Politik, da sind sich alle einig, gehen nicht recht zusammen, wie Knöpfe und Knopflöcher einer falschgeknöpften Weste.
Mohn sagt, was sich Schily wegen mancher Abhängigkeiten nicht zu sagen traut: "Vetternwirtschaft und die Unfähigkeit" zu führen, "mangelnde Kompetenz und die Einbuße von Manövrierfähigkeit" seien Kennzeichen der Politik geworden, nicht nur bei Kanzler Helmut Kohl. Der Staat sei "unfähig zur Evolution"; man müsse zeigen, wie es besser gemacht werden könne.
Andererseits - hat die Wirtschaft denn den Durchblick? Und Schily, der Denk-Angebote ohne jedes Dogma will, inbrünstig nichts glaubt, zeigt mitunter erstaunlich wenig kritische Distanz zu ihren Führern. "Der bewundert", sagt Biedenkopf, "die institutionelle Sicherheit der Manager, die mit einem Federstrich große Summen bewilligen."
Daß anders zu leben lebensnotwendig sein kann, das hatte Konrad Schily schon in seiner Kindheit in Bochum gelernt. Während draußen der Mob herrschte, versuchten die Eltern in aller Privatheit anständig zu bleiben. Die Schilys gehörten zu Rudolf Steiners Anthroposophen. Obwohl Konrad die Weltanschauung der Eltern nicht mehr teilt, ist er doch geprägt von Steiners Ganzheitsdenken.
Die vier Brüder und die Schwester zogen ihre Kraft aus der Familie, von dort, wo anderen der erste Krankheitskeim gelegt wird. Der Vater hatte Philosophie studiert und wurde Hüttendirektor. Mutter Schily war, was in den Kreisen ein Gewicht hatte, die Tochter des Leiters der Königlichen Porzellan-Manufaktur in Berlin.
Vater Schily, ein Deutsch-Nationaler, der die Nazis nicht mochte, sprach, wie Sohn Konrad unterscheidet, "simultan" Holländisch, Französisch, Englisch; Spanisch und Portugiesisch nur "fließend". Zweisprachig spielte er den Kindern Kasperletheater vor.
Konrad hat früh gelernt, "daß draußen eine feindliche Welt ist". Anthroposophen wurden ebenso wie Freidenker von der Gestapo beschnüffelt. Mitgeprägt hat die Kinder, daß 1941 Hitlers Schergen ins Elternhaus eindrangen und Bücher beschlagnahmten.
Schilys sind als Untertanen notorisch untauglich. Einem Nazi, der hinterher noch Lehrer war, aber am Aschermittwoch mit einem Kreuz auf der Stirn vor die Klasse trat, hat der 13jährige Konrad eine runtergehauen und ist von der Schule geflogen. Waldorf war die richtige Lösung.
Bruder Otto, der andere, fünf Jahre älter und bekannter, war ein Überflieger, was auch nicht immer einfach ist. Nachdem er seinem Mathematiklehrer an der Tafel einen Fehler vorgerechnet hatte, vermieste der ihm das Schulleben.
Otto, sagt Konrad, war der Begabtere. Konrad, sagt der Grüne, habe immer "eine Witterung für Fernes, Verstecktes gehabt". Auch für sehr Verstecktes. Als der Apo-Anwalt Otto gegen den Schah demonstrierte, fragte der Psychiater Konrad: "Cui bono?" Und erzählte von einem Herrn Chomeini, der so archaische Lehren verbreite. Damals hat er, Konrad, sich zur Verblüffung der Familie einen Koran gekauft, um der Sache an die Wurzel zu gehen.
Über Jahre haben die Brüder einander Rat gegeben, und jeder hat ihn für sich ein Stück ignoriert. Der Einzelgänger Otto braucht die kühle Distanz, der Menschenfänger Konrad sucht die Gesellschaft, um dann doch allein zu sein.
Otto, geschieden, zwei Kinder, behandelt sein Privatleben wie ein Mandantengeheimnis, und auch Konrad, vier Kinder, empfindet die Erwähnung seiner Scheidung als unerlaubte Intimität.
Fast 20 Jahre lang war er mit einer der sechs Töchter des Unternehmens-Patriarchen Hanns Voith aus Heidenheim verheiratet, der 1971 verstorbene Industrielle war auch ein Anthroposoph. Bis an sein Ende hat der Turbinen-Fabrikant gegrübelt, ob man das Element Wasser durch Turbinen jagen darf.
Strömungen kann Konrad nicht einschätzen. "Geh in den Vorstand", hat er seinem großen Bruder neulich empfohlen, "wirf die Fundis raus, dann kriegt ihr zwölf Prozent." Drei Tage darauf fiel Bruder Otto zum zweitenmal beim Versuch durch, einer von drei Fraktionssprechern der Grünen zu werden.
Der Einfluß des Solisten Otto auf die Politik seiner Partei verdunstet, er sieht sich von "Seilschaften und Cliquen" bedrängt: ein Biedenkopf der Grünen.
Der schneidende Ton, mit dem er die Berliner SPD aufforderte, bei den Verhandlungen mit der Alternativen Liste "ganz hart zu bleiben", hat auch Anhänger verwirrt. Schilys Fähigkeit, Loyalität zu wahren, war immer gering. Aber jetzt treibt er von seiner Partei weg - wie ein Ballonfahrer, der das letzte seiner Schleppseile abgestreift hat. Die "endlose Geschichte mit den Grünen" soll in diesem Jahr geklärt werden - so oder so. Öffentliche Drohungen, aus der Partei auszutreten, das weiß er, haben sich inzwischen verbraucht. Er muß springen. Aber wo ist der Fallschirm?
Wenn er in die Reihen der SPD blickt, ist er "erschrocken", andererseits kann er sich schon vorstellen, Sozialdemokrat zu werden - es muß ja nicht ganz unten sein. Der Weg raus aus der Bonner Politik - und das ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, da rot-grüne Bündnisse wieder möglich scheinen - wäre nur ein Notausgang.
"Er ist der gute, ich bin der böse Schily", sagt Otto schon mal, wenn er Bilanz zieht. "Was kann ich vorweisen? Ich habe eine Generation von Juristen beeinflußt, Konrad hat konkrete Wirklichkeit geschaffen, was mir noch nie beschieden war."
Doch die konkrete Lage von Konrads Wirklichkeit ist gefährdet. Zwar läuft der Uni-Betrieb von Witten/Herdecke besser, als die Gegner dachten. In diesen Wochen werden die ersten Absolventen in Medizin und Wirtschaftswissenschaften die Hochschule verlassen. Neun von zehn der ersten Studenten-Generation haben es in der kürzestmöglichen Zeit geschafft: "Eine Quote, die an staatlichen Hochschulen unvorstellbar wäre."
Und dennoch steckt Konrad Schily tief in einer Krise. Der Taktiker hat sich verrechnet, ist zwischen die politischen Fronten geraten.
Mit den oft kleinmütigen Düsseldorfer Sozialdemokraten und dem harmoniesüchtigen Ministerpräsidenten Rau tut er sich schwer. "Das ganze Leben" basiert für Schily auf Spannungen. Er verlangt "polares Denken, Gehirn und Bauch dürfen nicht zusammengehen". Für Rau ist das zuviel Konflikt. Wenn er nur könnte, würde er die staatlichen mit den privaten Unis verschmelzen, lieber Symbiose als Gegeneinander.
Weil die Regierung Rau es ablehnte, in Witten/Herdecke einen Campus zu bauen, wollte Konrad nach Baden-Württemberg ausweichen. CDU-Ministerpräsident Lothar Späth signalisierte Zuschüsse von mehr als 100 Millionen Mark für eine Uni in Mannheim.
Wie oft hat Schily seinen Gesprächspartnern von der ersten Begegnung mit dem Ministerpräsidenten erzählt. Wie er nach Mitternacht noch mit dem Regierungschef und dessen Wissenschaftsminister beieinander saß, um Späth in dessen Idee einer Jugendkunstschule zu bestärken.
Er sieht ihn noch immer vor sich, den kleinen Späth, wie der seinen Minister am Revers packt und aufrüttelt: "Hörst du, hörst du, das ist es doch. Computer haben die Schüler zu Hause."
Mag sein, daß der Mime Schily auf den Staatsschauspieler Späth hereingefallen ist. Schily sagt heute noch, daß der Unionspolitiker ein "Visionär" sei.
Bankier Herrhausen hatte ihn gewarnt, er solle die Regierung Späth nicht überschätzen. Auch Beitz war gegen die Expedition nach Südwest: "Der Späth verspricht viel." Doch Schily prescht gern vor, um Tatsachen zu schaffen.
Der Vorstoß war ungenügend vorbereitet; es reicht nicht aus, den Chef zu überzeugen, wenn die anderen nicht mitspielen. Die Privatuniversität Mannheim ist schon als GmbH angemeldet, ob sie kommt, ist ungewiß. Der Stuttgarter Wissenschaftsminister macht nicht mit, alle Fraktionen sind dagegen, die Studenten auch, die Bürokraten sowieso. "Ich wußte gar nicht", sagt Späth, "wie viele Feinde man sich mit dem Schily machen kann."
Immerhin versuchen beide nun gemeinsam, das Mannheimer Projekt zu retten. Schily hatte seinen Auftritt, und Späth sorgte fürs Publikum: Repräsentanten von 100 Milliarden Mark Jahresumsatz kamen im Januar in Späths Villa Reitzenstein. Zehn Jahre lang, hat der Ministerpräsident ausgerechnet, soll die Wirtschaft jeweils zehn Millionen Mark aufbringen, um Schilys Gegenentwurf doch noch zu schaffen. Späth ist überzeugt: "Der macht was, was der Staat nicht leisten kann."
Auch Mohn warb eindringlich. Doch seltsam, am kräftigen Selbstbewußtsein der Funktionäre des Kapitals prallte das ab. Auch die Begeisterung der Nichtakademiker Mohn und Späth für das Schily-Projekt erreichte sie nicht. Wie konnten sie für die Alternative sein, wo doch die meisten von ihnen, das ist doch was, an herkömmlichen Universitäten einen ordentlichen Doktortitel erworben haben?
Wirtschaft, hörte Schily allenthalben, solle sich um Wirtschaft kümmern, der Staat um den Staat. Wäre es nicht einfacher, fragte ein Manager, der bestehenden Mannheimer Universität einfach zwei neue Lehrstühle zu finanzieren? Schily zeigte zunehmend die Miene eines Verkünders, der mit seiner frohen Botschaft nicht angekommen ist. Ausgerechnet in Späths prosperierendem Musterländle will der Groschen nicht fallen. Schily bleiben noch zwei Monate, um das Geld zusammenzukratzen.
"Irgendwie ,reasonable'" findet er hingegen, was sich seine Studenten in Witten ausgedacht haben. Nach Abschluß ihres Studiums wollen sie zehn Jahre lang drei Prozent ihres Verdienstes der alten Alma mater überlassen, als Studiengeld für die Neuen, die da kommen werden. "Ein Generationenvertrag", schwärmt Schily, "da wurde für mich die Uni ein zweites Mal geboren."
Draußen ist eben eine feindliche Welt. #
Von Hans Leyendecker

DER SPIEGEL 10/1989
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