10.07.1989

Nato-Streit ums Wetter

Ein Streit ums Wetter hat am Dienstag vergangener Woche zu minutenlangen Verzögerungen bei der Verfolgung der führerlosen sowjetischen MiG-23 über Westeuropa geführt. Der Pilot der Maschine war kurz nach dem Start im polnischen Kolberg wegen eines Triebwerkproblems mit dem Schleudersitz ausgestiegen, das Kampfflugzeug dann aber noch rund 900 Kilometer quer über Europa gerast, bis es nahe der belgischen Stadt Courtrai am Boden zerschellte. Dabei wurde ein 18jähriger Belgier getötet.
Die westliche Luftabwehr hatte die MiG bereits seit dem Start auf dem Radarschirm. Als sie um 9.37 Uhr in bundesdeutschen Luftraum bei Dannenberg eindrang, erhielten zwei amerikanische F-15-Abfangjäger im niederländischen Soesterberg den Befehl, den Eindringling aus dem Osten in Empfang zu nehmen. Es dauerte allerdings lange 13 Minuten, bis die Maschinen einer Alarmstaffel des 32. amerikanischen Jagdgeschwaders endlich in der Luft waren.
Zwar hatten die auf Blitzstarts gedrillten Piloten ihre F-15 nach vier Minuten startklar. Doch der Kontrollturm von Soesterberg verweigerte die Erlaubnis zum Abheben. Das Wetter, so der Tower nach Rücksprache mit den Meteorologen, sei nach den Vorschriften für den Flugbetrieb im Frieden zu schlecht.
Nach längerem Hin und Her über Funk zwischen Kontrollturm, Piloten und Staffelkapitän beschlossen die Amerikaner schließlich, es liege ein "Alpha Scramble" (Alarmstart höchster Priorität) vor. Sie starteten und erreichten die MiG nach kurzer Suche schließlich nahe dem westfälischen Rheine und verfolgten sie bis zum Absturz.
Weniger Probleme hatte die elektronische Aufklärung der Nato. Sie hatte die Funksprüche des sowjetischen Piloten aufgefangen und wußte, daß und warum er mit dem Schleudersitz ausgestiegen war. Die Militärs in Moskau dagegen hatten, so gab zwei Tage später der Vizechef der sowjetischen Luftwaffe, Generalleutnant Jewgenij Schaposchnikow, in Moskau zu, "keine vollen Informationen" über den Irrflug. Da auch die Flugkontrolle in der DDR die unbemannte MiG nicht meldete, habe Moskau "bedauerlicherweise etwas spät" über den Absturz im fernen Belgien erfahren - von der Nato.

DER SPIEGEL 28/1989
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