10.07.1989

Leichter in den Westen

Die SED will die Reisen von DDR-Bürgern in den Westen weiter erleichtern: Derzeit arbeiten die zuständigen Behörden an einer zweiten Durchführungsbestimmung zur Reiseverordnung vom 30. November letzten Jahres. Danach soll - in begrenztem Umfang - auch Ostdeutschen ohne Westverwandtschaft der Besuch bei Freunden oder Bekannten in der Bundesrepublik gestattet werden. Mit der Neuregelung hofft die SED-Spitze den innenpolitischen Druck zu mindern, der sich in den letzten Monaten durch die Entwicklung in den sozialistischen Bruderstaaten Polen und Ungarn sowie durch die Spaltung der DDR-Gesellschaft in Bürger mit und ohne Westverwandtschaft und damit mit und ohne Besuchsmöglichkeit aufgebaut hat. Noch steht nicht fest, wann die Neuregelung der Westreisen in Kraft tritt. Sicher dagegen ist schon jetzt: Ausgeschlossen von der Liberalisierung der Reiseverordnung bleiben nach dem Willen der Parteioberen auch künftig Betriebsleiter und Funktionäre aus dem Sicherheitsbereich. Damit hat die SED-Führung weiter mit einer negativen Auswirkung der Reiseerleichterungen zu kämpfen: Weil sie sich nicht selbst aus dem Kreis der Reiseberechtigten in die Bundesrepublik ausschließen wollen, wächst bei jungen qualifizierten Kadern die Abneigung, Führungspositionen zu übernehmen.

DER SPIEGEL 28/1989
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