10.07.1989

Schwarzer Peter

Für seine Wissenschaftspolitik bekommt der rot-grüne Senat in Berlin nun eine Quittung - vom Stifterverband der Industrie.
Ihre Karriere ist einzigartig: Von der Universität Basel erhielt die Dame den Ehrendoktor, vom Bundespräsidenten das Bundesverdienstkreuz - und vom Arbeitgeber jetzt die Entlassung.
Silke Bernhard leitet die sogenannten Dahlem-Konferenzen in Berlin, eine wissenschaftliche Institution von hohem Rang. Sie macht das seit 15 Jahren und mit so großem Erfolg, daß prominente Professoren aus Übersee, darunter viele Nobelpreisträger, allein für die "Dahlem Workshops" nach Berlin einfliegen. Diese Einrichtung, urteilte 1985 die "Süddeutsche Zeitung", habe "weltweite Anerkennung gefunden".
Dennoch wurde Silke Bernhard und ihren sechs Mitarbeitern am 26. Mai zum Jahresende gekündigt. Nach der umstrittenen Schließung der Akademie der Wissenschaften durch den rot-grünen Senat droht damit ein neuer Prestigeverlust für die Wissenschaftsstadt Berlin. Ein Ende der Dahlem-Konferenzen, gesteht Wissenschaftsstaatssekretär Hans Kremendahl (SPD), wäre "in besonderer Weise brisant".
Der Träger der Dahlem-Konferenzen, der in Essen residierende Stifterverband für die deutsche Wissenschaft, findet die Kündigung "ganz selbstverständlich", wie der zuständige Geschäftsführer Hans-Henning Pistor erklärt. Der Stifterverband habe bereits 1986 beschlossen, aus den Dahlem-Konferenzen auszusteigen. Pistor: "Dann muß das auch umgesetzt werden."
Der Stifterverband ist es nicht gewohnt, Entscheidungen ausführlich zu begründen, denn sein Wort gilt im bundesdeutschen Wissenschaftsbetrieb als sakrosankt. Kein Professor, kein Institut, keine Universität muckt auf; schließlich vertritt der Verband etwa 5000 Industrielle, die niemand auf der Welt zwingen kann, das zu tun, was sie tun: Sie spenden pro Jahr fast 100 Millionen Mark für die Wissenschaft.
Als der Stifterverband zusammen mit der Deutschen Forschungsgemeinschaft 1974 die Dahlem-Konferenzen gründete, kam ihm das Lob der Fachwelt gerade recht. Der bis dahin konturlose Mäzenatenverein gefiel sich im Glanz eines neuartigen Konferenz-Modells, das auf Anhieb mehr wissenschaftlichen Ertrag abwarf als viele Mammut-Kongresse.
Langatmige Vorträge sind in Dahlem tabu, knapp 50 Experten gehen jeweils für eine Woche in Klausur, es wird gearbeitet, diskutiert und dokumentiert. Eine auf 53 Bände angewachsene Buch-Reihe belegt den Forscher-Fleiß.
Fächerübergreifend behandeln die Konferenz-Teilnehmer Fragen der Medizin, der Biologie, Soziologie und Ökologie. Noch heute ist der Stifterverband stolz auf diesen Zögling. Während normale Projekte nicht länger als drei Jahre gefördert werden, hängen die Dahlem-Konferenzen schon seit 15 Jahren am Tropf der Industrie. "Wir haben das so gemacht", meint Geschäftsführer Pistor, "weil die so gut sind."
Die Institution Dahlem-Konferenzen ist nun keineswegs schlechter geworden, wohl aber das Verhältnis des Stifterverbandes zu Silke Bernhard. Die streitbare Dame widersetzte sich nämlich dem Plan, die Dahlem-Konferenzen der 1987 gegründeten Akademie der Wissenschaften in Berlin einzuverleiben. "In diesen CDU-Verein wollte ich nicht rein", erklärt Frau Bernhard, "weil die Dahlem-Konferenzen dort ihre Autonomie verloren hätten."
Nicht eben zimperlich ging der Stifterverband schon damals zur Sache. Für den Fall weiteren Widerstands gegen die Annexionspläne der Akademie wurde im vergangenen Dezember allen Dahlem-Mitarbeitern mit dem Rausschmiß gedroht. Vom Tisch war das Thema erst im März, als der rot-grüne Senat die Akademie per Koalitionsbeschluß zu Grabe trug.
Seither kämpft der neue Senat gegen das Image vom vermeintlich wissenschaftsfeindlichen Berlin. Wissenschaftssenatorin Barbara Riedmüller-Seel, 43, bemühte sich vergebens, den Stifterverband für eine Fortsetzung der Dahlem-Konferenzen zu gewinnen. Die Herren aus Essen zeigten kein Erbarmen. Vier Wochen nach dem Gespräch mit der SPD-Senatorin hatten die Dahlem-Mitarbeiter ihre Kündigungen auf dem Tisch.
"Der Stifterverband", empört sich Silke Bernhard, "will dem Senat nun auch das Ende der Dahlem-Konferenzen anhängen." Geschäftsführer Pistor bestreitet das natürlich. "Jede politische Interpretation", glaubt der Verbandsmanager, sei "abwegig". Pistor spricht von einer "rein finanziellen Entscheidung".
Die allerdings ist schwer verständlich. Der Hauptsponsor der Dahlem-Konferenzen, die Deutsche Unilever in Hamburg, erfuhr von der Kündigung erst durch den SPIEGEL. "Wir möchten die Dahlem Workshops auch in Zukunft unterstützen", bestätigt Horst Hilpert, wissenschaftlicher Leiter bei Unilever. Hilpert hält die Konferenzen für "besonders förderungswürdig".
Der Mann von Unilever sieht den "Dissens mit dem Stifterverband" und hofft nun auf eine "einvernehmliche Lösung". Ohne Zustimmung der Essener Dachorganisation wird der Konzern kaum weiterzahlen. Doch die Geschäftsführung des Stifterverbandes hat längst auf stur geschaltet. "Den Schwarzen Peter", weiß Staatssekretär Kremendahl, "haben jetzt erst mal wir in Berlin."
"Gerade vor dem Hintergrund der Akademie" fände Kremendahl es "sehr mißlich, wenn die Dahlem-Konferenzen zum Jahresende eingestellt würden". Der Senat hat die Karte aber vorerst nur weitergereicht. Nun soll sich die Freie Universität des Wissenschaftler-Zirkels annehmen. Eine Million Mark Zuschuß pro Jahr zahlt das Land Berlin schon jetzt für die Konferenzen; die Uni, rechnet Kremendahl, müßte dann "nur noch 400 000 Mark auftreiben".
Wie erfolgversprechend diese Aufgabe auch immer sein mag - Uni-Präsident Dieter Heckelmann läßt das Angebot erst einmal gründlich prüfen. Derweil vergeht kostbare Zeit für die Planung der Dahlem-Konferenzen des nächsten Jahres. Auf dem Schreibtisch von Frau Bernhard liegen unter anderem Tagungskonzepte der Medizin- und Physik-Nobelpreisträger Gerald M. Edelman, New York, und Donald A. Glaser, Berkeley.
Die Mitarbeiter suchen schon nach neuen Jobs; Professoren aus aller Welt fragen an, ob es die Dahlem-Konferenzen überhaupt noch gibt. "Selbst wenn ein neuer Träger gefunden wird", klagt Silke Bernhard, "ist die Kontinuität unserer Arbeit zerstört." Und "eben das", fügt sie verbittert hinzu, "muß der Stifterverband wohl gewollt haben". #

DER SPIEGEL 28/1989
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